Hegel und das Theater

Die Herausgeber des Sonderhefts „Drama, Theatre, and Philosophy“ der Zeitschrift Anglia1 nennen Hegels Ästhetik einen passenden Ausgangspunkt für ihr Heft. Dazu zitieren sie Hegels Formel vom Drama als der „höchste[n] Stufe der Poesie und der Kunst überhaupt“ 2. Diese Formel wird gelegentlich umstandslos verfälscht und auf das Theater bezogen 3. Die Herausgeber zitieren natürlich richtig und ergänzen Hegels Hinweis, dass das Drama, „damit das ganze Kunstwerk zu wahrhaftiger Lebendigkeit komme, die vollständige szenische Aufführung desselben“ fordere.4. Sie gehen jedoch nicht darauf ein, dass Hegel die Unterordnung aller Elemente der szenischen Aufführung unter das Wort fordert. So schreibt er über die Schauspielerkunst:

„Ihr Prinzip besteht darin, daß sie zwar Gebärde, Aktion, Deklamation, Musik, Tanz und Szenerie herbeiruft, die Rede aber und deren poetischen Ausdruck als die überwiegende Macht bestehen lässt.“ 5

Von der „von der Poesie unabhängigeren theatralischen Kunst“ 6 hat er keine gute Meinung. Entweder macht sich der Schauspieler unabhängig vom Dichter, dazu geben ihm aber nur die „unbedeutenden, ja ganz schlechten Produkte“ der Dramatiker Gelegenheit oder es geht um die Oper, deren „sinnlicher Pomp (…) ein Zeichen von dem bereits eingetretenen Verfall der echten Kunst ist“ 7 oder es geht um Ballett, aus dem gerade das verschwinde, „was dasselbe in das freie Gebiet der Kunst hinüberzuheben allein imstande sein könnte“ 8.
Wenn man Hegel als Ausgangspunkt für eine Diskussion des Verhältnisses von Philosophie und Theater nehmen wollte, müsste man auch Hegels Bestimmung des Zwecks der Kunst akzeptieren:

„Der Zweck der Kunst ist die durch den Geist hervorgebrachte Identität, in welcher das Ewige, Göttliche, an und für sich Wahre in realer Erscheinung und Gestalt unsere äußere Anschauung für Gemüt und Vorstellung geoffenbart wird.“ 9.

Das Theater als eine Form der Kunst ist eine Offenbarung des an und für sich Wahren für unsere äußere Anschauung – das wäre eine hegelianische Bestimmung des Theaters.

(Rezensionen zu einzeln Aufsätzen dieses Sonderheftes werden auf dieser Website folgen)
  1. David Kornhaber/Martin Middeke, „Drama, Theatre, and Philosophy: An Introduction“. in: Anglia. Journal of English Philology. Zeitschrift für Englische Philologie. Special Issue Drama, Theatre, and Philosophy. Vol.136 (2018), 1, pp.1-10
  2. Hegel, Ästhetik III. =Werke Bd. 15, p. 474
  3. Schauspielschule Athanor (Passau): “Das Theater {sic!} muß, weil es seinem Inhalte wie seiner Form nach sich zur vollendetesten Totalität ausbildet, als die höchste Stufe der Poesie und der Kunst überhaupt angesehen werden.” https://www.athanor.de
  4. ibid. p. 474
  5. p.510
  6. p. 515
  7. p. 517
  8. p. 518
  9. p. 572f

Kunstfreiheit

Alle reden von den Grenzen der Freiheit der Kunst (1). Aber wo liegt die Begründung für ihre Freiheit? Oder: Wozu soll sie frei sein? Hat ihre Freiheit einen Zweck? Darf man so fragen? Muss die Kunst wissen, warum sie frei ist? Gibt es eine Nützlichkeit zweiten Grades für die Kunst um der Kunst willen?
Es gibt drei Richtungen für eine Antwort:

  1. die anthropologische: Die Kunst soll frei sei, weil sie zum Wesen des Menschen gehört, weil er nur so Mensch ist. Der Mensch ist nur in vollem Sinne Mensch, wo er spielt (2). Oder: In der Kunst erkennt der Mensch seine tiefsten Interessen. (3) Das führt aber ins Dickicht der philosophischen Anthropologie, aus dem man nur auf dem Weg über die Evolutionsforschung herauskommt, und dann steht man in der Wüste der Normfreiheit.
  2. die politische: Wie der freie Bürger sich in einer demokratischen Gesellschaft wirtschaftlich frei betätigen, frei seine Meinung äußern kann, so soll sich auch der Künstler frei betätigen können. Dieses Argument beruht aber nur auf Analogie, (so y wie x). Der Künstler wird so zum freien Unternehmer oder Bürger. Es fehlt immer noch die Begründung für die besondere Rolle der Kunst, die juristisch in besonderen Fällen durch den Vorrang der Kunstfreiheit vor dem Persönlichkeitsrecht zum Ausdruck gebracht wird (4).
  3. die ökonomische: Die Kunst soll frei sein, weil eine komplexe Gesellschaft solche freien Räume braucht. Langfristige kulturelle Faktoren bilden den Grund für den Erfolg einer Gesellschaft. Zivilisatorische und ökonomische Fortschritte sind nur erreichbar, wenn sie nicht ausschließlich direkt angesteuert werden. Tieferliegende Bewusstseinsstrukturen (wie moralische Vorstellungen, Weisen des Selbstverhältnisses, Selbststeuerungsgewohnheiten, Achtungskommunikation, Ego/Alter-Synthesen (5), durch Institutionen gesichertes Vertrauen (6), usw.) sind die langfristigen Grundlagen wirtschaftlichen Erfolgs einer Kultur (oder Zivilisation oder Nation). So wird die Kunstfreiheit ein ökonomischer Anreiz.

  1.  z.B. in der causa Erdogan gegen Böhmermann oder bei den Aktionen von Philipp Ruchs „Zentrum für politische Schönheit“
  2. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist und er ist nur das ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“, in: Friedrich Schiller, dtv-Gesamtausgabe Bd. 19 Theoretische Schriften Dritter Teil. München: dtv, 1966 (nach: Fricke & Göpfert (Hg.) Sämtliche Werke Schillers, Hanser 3 1962), S. 48/49
  3. Hegel über die „in ihrem Zwecke wie auch in ihren Mitteln freie Kunst“: ihre „höchste Aufgabe“ ist „das Göttliche, die tiefsten Interessen des Menschen, die umfassendsten Wahrheiten des Geistes zum Bewusstsein zu bringen und auszusprechen.“ Einleitung zu den Vorlesungen über die Ästhetik. in: G.F.W. Hegel, Werke in zwanzig Bänden. Hg. K.M. Michel u. E. Moldenhauer. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, Bd. 13, S. 20f
  4. vgl. die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu Maxim Billers Roman „Esra“.
  5. Niklas Luhmann, „Soziologie der Moral“, in: Niklas Luhmann u. Stephan H. Pförtner (eds.), Theorietechnik und Moral. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1978, S. 79f
  6. „The extent to which people trust each other or are able to cooperate, are important, but they are mostly an outcome of institutions, not an independent cause.“ Daren Acemoglu & James A. Robinson, Why nations fail: The origins of power, prosperity and poverty. London: Profile Books, 2013 p.57

Repräsentation

„Krise der Repräsentation“ (1): Politik und Ästhetik muss man zusammendenken. Sich vertreten lassen, sich abbilden lassen ist heute verdächtig. Man will alles selbst machen. Do-it-yourself-Mentalität in Politik und Kunst.
Kritik der Repräsentation in der Politik: Parteivorsitzende werden durch Urwahlen bestimmt, Volksentscheide stürzen Nationen in die Krise (Niederlande, Brexit). Der Grund dafür liegt einerseits in der Tendenz zur Individualisierung seit der Aufklärung. Andererseits wird diese Tendenz radikalisiert durch die Medien, v.a. das Internet. Es entstehen ganz neue Möglichkeiten der Personalisierung von allem, Waren, Informationen, virtuellen Räumen. Es gibt ganz neue Möglichkeiten der Gruppenbildung, die es auch den spleenigsten Individuen möglich macht, sich zusammenzuschließen. Diese neuen Möglichkeiten der virtuellen Gruppenbildung führen auch strukturell bedingt zur Radikalisierung von Meinungen.
Kritik der Repräsentation auf der Bühne: Authentizität als Kriterium, falsch verstanden (2). Fiktion ist Lüge, wie bei Platon (3) . Auch hier macht das Theater nur nach, was die Medien vormachen: Dokufiction, scripted reality, alle Arten von Scheinwirklichkeit und Pseudoauthentizität sind da schon durchgespielt worden. Was natürlich heißt, dass das Theater nicht einfach in dem alten Repräsentations/Empathie-Stiefel weiterlaufen darf, aber es darf auch nicht behaupten, es habe mit der Repräsentationskritik den Fortschritt erfunden. Die Deprofessionalisierung des Theaters endet angeblich nicht in Stümperei, sondern in Demokratie. Die Bürgerbühne ist der 3-D-Drucker für das Theater (4). Man muss die Argumente für die repräsentative Demokratie stark machen und genauso wie für die Mimesis auf der Bühne (5).

1. Christian Esch, Kultursekretariat NRW, auf der Diskussionsveranstaltung im Schauspiel Düsseldorf am 2.4.2017
2. Wolfgang Englert, in: Lettre 114, Gespräch mit Frank M. Raddatz, „Entfremdung verboten“ S.62-68
3. πολλὰ ψεύδονται ἀοιδοί Solon zugeschriebener Spruch, zit. bei Platon, Politeia  377d und Aristoteles Metaphysik I, 983a3
4. z.B. Jens Roselt, „Das Publikum auf der Bühne: Überlegungen zur Bürgerbühne“
5. z.B: „Mimesis als doppeltes Erkenntnismittel, das ein Erkennenkönnen durch ein Glaubwürdigmachen erzeugt“ S.103, in: Bernd Stegemann, Kritik des Theaters, II.4 „Mimesis“, Berlin: Theater der Zeit 2013, S.94-109