In Teil 3 des „Versuchs über politisches Theater“ wurde die Entwicklung der Unterscheidung zwischen „der Politik“ und „dem Politischen“ von Herodot bis Lyotard skizziert. Nun wird diese Entwicklung weiter verfolgt bis zum Theater der Gegenwart.
f) Derrida
Lyotards Parallelisierung von Repräsentation in der Politik und Repräsentation im Theater wird aufgegriffen von Jacques Derrida in einem Vortrag von 1997 anlässlich einer Theateraufführung „Karl Marx, Théâtre inédit“ in Nanterre. Der Begriff der Repräsentation sei der Kreuzungspunkt von Politik und Theater. Derrida spricht von einer Krankheit der Repräsentation oder einem Übel („mal de répresentation“), das beide Bereiche befallen habe. Seine Kritik der politischen Repräsentation ist weniger scharf als die Lyotards, er will nicht die repräsentative Demokratie als solche angreifen, sondern nur die politischen Repräsentanten an ihre Funktion erinnern. Dazu verlangt er vom Theater:
„Man muß die Bühne verändern, die Zeit verändern, die Ordnung der Zeit“ 1.
Ohne genauer zwischen der Politik und dem Politischen zu unterscheiden, fordert er, dass „man die Politik oder das Politische in die Struktur des Theaters gelangen lässt.“ 2 Das erreiche man, „indem man mehrere heterogene Zeiten in einer einzigen in sich zerteilten, ausgerenkten Zeit verschränkt, in einer Zeit, die out of joint (aus den Fugen) ist; indem man mehrere Ordnungen der Rede, Sprechweisen, die gleichzeitig real, das heißt realistisch, und fiktional, das heißt lyrisch und poetisch sind, ineinander flicht.“ 3 Ganz wie Rancière fordert auch er, dass das Theater die Funktion habe, den Unrepräsentierten eine Stimme zu geben.
„Die Kunst der Störung, des Kontratempo, ist auch eine Kunst des Politischen, eine Kunst des Theatralischen, die Kunst, jenen zu ungelegener Zeit das Wort zu geben, die bei den gegenwärtigen Zeitläuften kein Recht haben, ihre Stimme zu erheben.“4
g) Was man früher politisches Theater nannte
Jacques Derrida teilt mit Lyotard die Ablehnung dessen,
„was man früher politisches Theater nannte, das eine Botschaft, einen manchmal revolutionären Inhalt vermittelte, ohne die Form, die Zeit und den Raum des theatralischen Ereignisses zu verändern“.5.
Dieser Vorwurf an das alte politische Theater zieht sich seit den 90er Jahren durch die Diskussion über Politik im Theater, ohne dass der Vorwurf an Beispielen konkretisiert würde. Im französischen Kontext könnte man vermuten, dass Sartres Theaterstücke gemeint seien, da sie mit den traditionellen Mitteln der Theaters arbeiten: fiktive Handlung und Figuren, Spannungsbögen, konzentrierte Narration mit kondensierter fiktiver Zeitstruktur, klare Trennung von Bühne und Zuschauerraum (vierte Wand), Einfühlung.6
Auch Brecht wird dabei zum überholten, alten politischen Theater gerechnet. Lyotard verwirft Brecht in seiner radikalen Kritik aller Zeichenhaftigkeit des Theaters und Rancière sieht in Brecht wie in Artaud einen der „Theaterreformatoren“, die von der falschen Vorstellung ausgegangen seien, „das Theater sei von sich aus ein Ort der Gemeinschaft.“7 Brecht und Artaud machten beide sich zur Aufgabe,
„ihre Zuschauer die Mittel und Wege zu lehren, aufzuhören Zuschauer zu sein, und Handelnde einer kollektiven Praxis zu werden.“8
Rancière dagegen meint, „in einem Theater … gibt es immer nur Individuen, die ihren eigenen Weg durch den Wald der Dinge, Handlungen und Zeichen gehen, denen sie gegenüberstehen.“ Nur die Gleichheit der Intelligenzen, nur die gleiche Fähigkeit, zu einem unvorhersehbaren Spiel von Assoziationen und Dissozationen, verbinde die Individuen.
„Zuschauersein ist nicht der passive Zustand, den wir in Aktivität umwandeln müssen.“9.
Jens Roselt hat mit der phänomenologischen Methode genau herausgearbeitet, was für ein Zustand das Zuschauersein im Theater ist. Es ist eine temporäre, auch nur punktuelle Gemeinschaft, die die individuelle Assoziationstätigkeit der einzelnen Zuschauer keineswegs aufhebt. Die Zuschauerin oder der Zuschauer ist tatsächlich nicht passiv, er oder sie handelt „in individueller Differenz gemeinsam“ 10. Zwar bahnt sich jeder Zuschauer oder jede Zuschauerin den Weg durch den Wald der Theaterzeichen selbst, aber dass alle anderen auch in diesem Wald unterwegs sind, prägt die Theatersituation des Publikums ebenfalls. Gemeinsamkeit und Differenz, beides gehört zum Zuschauersein.
Ein Beispiel:
In Karin Beiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Antikendrama „Iokaste“11 wird auf der Bühne verhandelt, wie die okzidentale Kultur des Politischen aus einer rituellen zu einer politischen Kultur geworden ist.12 Dass in einer Inszenierung wie Karin Beiers „Iokaste” auf der Bühne Probleme behandelt werden, die in vielen Köpfen Assoziationen zum aktuellen Konflikt zwischen Israel und Hamas im Gaza-Streifen hervorrufen, ist nur ein Beispiel für die Kombination von individueller Freiheit und temporärer Kollektivität im Theater: dass etwa 1000 Menschen in die gleiche Richtung starren bei gleichzeitiger Freiheit der Konzentration auf welches Detail auch immer, dass so ein vorübergehendes temporäres Kollektivsubjekt entsteht, das in einer jeweils ganz eigenen individuell verschiedenen Mischung von Emotionalität, Überlegung und Urteil auf dasselbe reagiert.
Dessen war sich auch Brecht schon bewusst. Brecht wollte bekanntlich die „Zuschaukunst“ lehren „eine Kunst, die erst gelernt, ausgebildet, dann im Theater ständig geübt werden muss“13. Über die Uneinheitlichkeit der Publikumsreaktionen im politischen Theater war er sich auch im Klaren:
„Bei der Aufführung von Stücken mit politischen Wirkungen, kann man die Zwiespältigkeit unseres Publikums {…} deutlich sehen.“
Er wendet sich ausdrücklich gegen den Versuch „ein einheitlich reagierendes Publikum“ anzustreben, das könne nur die aristotelische, auf Einfühlung ausgehende Dramatik versuchen. Die Möglichkeit, dass Theater zu Aktionen außerhalb des Theaters motiviert, sah er sogar eher beim aristotelischen als bei seinem epischen Theater. 14 Ein „Lehrer ohne Lehre”, wie Rancière ihn sich vorstellt, war er aber nicht.
h) Nach Brecht
Für die nach-brechtsche deutsche Produktion von politischem Theater trifft der Vorwurf, sie wolle die Zuschauer lehren, keine Zuschauer mehr zu sein, kaum zu. Vorherrschend war in den 60-80er Jahren das dokumentarische Theater, das aber immer erst im Nachhinein politische Themen als vergangene aufgriff: Kipphardts „In der Sache J. Oppenheimer“ (1964), und „Bruder Eichmann“ (1982), Peter Weiss „Ermittlung“ (1965), und „Vietnam-Diskurs“ (1968) oder Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ (1971) und „Der Auftrag“ (1979) griffen vergangene politische Ereignisse auf, um gegenwärtige Debatten zu erhellen. Formal naiv, im Sinne einer schillerschen oder ibsenschen Dramaturgie, war keines dieser Stücke (mit Ausnahme von Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ 1963). Die Deutlichkeit der „Botschaft“, die das alte politische Theater nach Derrida übermittelte, war allerdings unterschiedlich: sehr deutlich in Peter Weiss’ „Vietnam-Diskurs“15 und in der Originalfassung von Kipphardts „Bruder Eichmann“, sehr undeutlich in Heiner Müllers „Der Auftrag“. Auch den Autoren und Regisseuren der 60er und 70er Jahre war die Wirkungsweise ihres Mediums klar. Oder wie Rancière formuliert: der unvermeidliche Einschnitt zwischen Intention und Wirkung.16 Peter Stein meinte damals,
„die effektive Wirkung von Kunst auf Politik sei gleich null.“ 17
Diese banalen Erkenntnisse waren auch damals schon bekannt. Nur Peter Steins und Wolfgang Schwiedrziks Münchner Inszenierung des „Vietnam-Diskurses“ 1968 mit einer integrierten Geldsammlung für den Vietcong (FNL) versuchte (erfolglos) gegen diese basale Rezeptionsstruktur aufzubegehren, erwartete aber auch nur eine mobilisierende Wirkung bei den Zuschauern, die schon einverstanden waren.18
i) Hans-Thies Lehman und das postdramatische Theater
Die für das deutsche Theater des 21. Jahrhunderts einflussreichste Bestimmung dessen, was politisches Theater ist, findet sich in Hans-Thies Lehmanns Aufsatz „Wie politisch ist das postdramatische Theater?“ von 200119. Hans-Thies Lehmann hat als Dozent am Institut für angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und als Professor an der Universität Frankfurt/M die Generation der Regisseure und Dramaturgen nach 2000 entscheidend geprägt. Sein Aufsatz ist wie sein opus magnum „Das postdramatische Theater“20 eine tiefgreifende Analyse des gegenwärtigen Theaters und zugleich ein ästhetisches Programm, also nicht nur Theatertheorie, sondern eine Wissenschaft, die angewandt werden soll. Aus heutiger Sicht muss man aber einige Vorbehalte gegen seine Bestimmung des politischen Theaters formulieren.
Lehmann formuliert die Titelfrage seines Aussatzes zunächst um zu „Wie ist Theater, zum Beispiel postdramatisches Theater, politisch?“ Seine Voraussetzung ist also: Theater ist politisch auf eine ihm eigene Weise. Es steht also nicht in Frage, ob das Theater politisch ist oder welche Art von Theater politisch ist. Später schreibt er: das Theater sei strukturell politisch, das Politische sei ihm „eingeschrieben“. Dabei verzichtet er ausdrücklich auf eine genauere Bestimmung des Begriffs „politisch“.21 Der Begriff „des Politischen“, den Lehmann hier immer verwendet, wird jedenfalls nicht von „Politik“ unterschieden.
Lehmann will als Theatertheoretiker keine „Vorschriften (Programme)“ geben. Aber immer wieder schleichen sich Bewertungen der Theaterpraxis in seine Formulierungen ein. So zum Beispiel, wenn er davor warnt, im Theater politische Inhalte aufzugreifen, weil dann die Gefahr bestehe, dass es „allzu folgsam nachplappere“, was der öffentliche Diskurs vorgebe. Ihm geht es um die Verteidigung gegen den Vorwurf, dem postdramatischen Theater (Fabre, Wilson, Pollesch, Lauwers) fehle das Politische.
Das Politische des Theaters
Lehmanns Bestimmung des Politischen im Theater beruht auf drei Formeln, deren erste drei Unterthesen hat.
1. a) Das Politische kann im Theater nur indirekt, in modo obliquo, erscheinen.
b) Das Politische kommt im Theater zum Tragen, wenn und nur wenn es gerade auf keine Weise übersetzbar oder rückübersetzbar ist in die Logik, Syntax und Begrifflichkeit des politischen Diskurses.
c) Das Politische des Theaters ist als Unterbrechung des Politischen zu denken.
2. Politisches Theater ist als eine Praxis der Ausnahme zu verstehen. Nur ein Theater, das die eigene Regel erschüttert, das Theater als Schaustellung unterbricht, nimmt eine genuine Beziehung zum Politischen auf.
3. Politisches Theater hat die Form der Erschütterung der Gewohnheit/Enttäuschung des Wunsches, auf der Bühne dramatisierte Simulakra der politischen Realitäten vorzufinden. Das ist zugleich eine Erschütterung der mit der Personalisierung in der Politik verbundenen Moralisierung und damit die Vermeidung der moralistischen Falle.
Lehmanns These, das Politische des Theaters sei die Unterbrechung des Politischen, greift offensichtlich auf Walter Benjamins Verwendung des Begriffs „Unterbrechung“ in seiner Charakteristik des epischen Theaters Brechts zurück. Benjamin sieht die „Unterbrechung von Abläufen“ bei Brecht als ein wesentliches Mittel der Verfremdung und damit für die Möglichkeit des Zuschauers im Staunen die Verhältnisse, in denen er lebt, erst zu entdecken.22 Lehmann weitet diesen Begriff der Unterbrechung aber aus von der Unterbrechung von Abläufen zur „Unterbrechung des Regelhaften“ ganz allgemein und in der Politik. Die Unterbrechung wird also von einem ästhetischen Mittel zu einer Wirkungsabsicht. Die „geronnene Fassade von Rechtsverhältnissen“, in denen wir leben, soll aufgebrochen werden, damit das Agonale, der Konflikt als Wesen der Politik, wieder deutlich wird.23 Es wird auch deutlich, wie sehr Lehmann 2001 von einer auf oberflächlichem Konsens beruhenden Gesellschaft, in der die Konflikte verdeckt sind, ausgeht. Inzwischen, 2025, befinden sich die westlichen Gesellschaften in Europa und Amerika auf dem Weg zur fortschreitenden Polarisierung. Die Konsensfassade bröckelt, sogar die Rechtsverhältnisse werden flüssig, weil die Gegner des pluralistisch-demokratischen Systems (Trump, Orban, Le Pen, Meloni, Kickl, Ben-Gvir) zunächst die Rechtsinstitutionen angreifen. Diese agonalen Kräfte der Politik haben für Lehmann aber keinen Ort und sind keine Personen. Deshalb bieten sie „einer Repräsentation keinen Inhalt, der politisch wäre, keine Gestalt“. Dies ist die alte Erkenntnis, die Brecht schon formuliert als:
„Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht.“24
Wenn aber das Theater diese gestaltlosen Kräfte des Politischen (oder der Politik?) darstellen will, kann es nicht nur Funktionsgraphen präsentieren, es braucht den Umweg über Menschen, Schauspieler, Darsteller oder Performer. Lehmann scheint diesen Umweg zu scheuen und verweist auf die Möglichkeit des Rückzugs, weg von der Politik, hin zu den eigenen Regeln, zur Unterbrechung der „Hör- und Zuschauanordnung“. Die paradoxe Formulierung, dass das Politische des Theaters darin bestehe, sich von allem Politischen frei zu halten, ist ganz parallel zu der Jacques Rancières:
„Der Kunst, die Politik macht, indem sie sich als Kunst abschafft, steht also eine Kunst gegenüber, die unter der Bedingung politisch ist, dass sie sich von jeder politischen Einwirkung rein hält.“25
Rancières Kritik an der Kunst, die sich um der Politik willen selbst abschafft, trifft aber eher die Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“ und ähnlicher artivistischen Projekte als die gegenwärtigen Versuche, politisches Theater zu machen. Das Politische (und die Politik) erscheinen im Theater auch direkt, in modo recto. Das Politische im Theater ist übersetzbar in die Begrifflichkeit der Politik. Das Politische des Theaters ist keine Unterbrechung des Politischen, sondern (auch, nicht immer) eine Einmischung in die Politik.
Politische Tendenz und künstlerische Tendenz
Eine Folie für die Bestimmung des Verhältnisses von Theater und Politischem scheint Walter Benjamins Bestimmung des Verhältnisses von politischer Tendenz und literarischer Tendenz zu sein:
„Die Tendenz einer Dichtung {kann) politisch nur stimmen, wenn sie auch literarisch stimmt. Das heißt, dass die politisch richtige Tendenz eine literarische Tendenz einschließt, {…} diese literarische Tendenz kann in einem Fortschritt oder in einem Rückschritt der literarischen Technik bestehen.“26
Lehmann scheint Benjamins Formel aber umkehren zu wollen: Für ihn ist ein Fortschritt in der theatralen Technik („Überwindung de Schau- und Höranordnung zugunsten einer Exploration des situativen Aspekts“) die Bedingung für politisches Theater. Für Benjamin war noch eindeutig, welche politische Tendenz er meint. Sein Vortrag über den Autor als Produzenten wurde 1934 in Paris gehalten vor dem „Institut zum Studium des Faschismus“. Für Lehmann dagegen gibt es keine bestimmte politische Tendenz, die das politische Theater verfolgen sollte, sondern nur einen „genuinen Bezug zum Politischen“, der aber genau im Bruch mit politischen Inhalten bestehen soll.
Das Hilfsinstitut Theater
„Theater kann kein Hilfsinstitut politischer Bildung sein.“27
Dagegen ist sicher, dass es in der Gegenwart als solches benutzt wird: Dass Theater in den Bereich der Politik eingreift, also in den Bereich von Macht und Strategie, kommt oft vor. Dabei spielt die zeitliche Dimension eine Rolle. Globale Themen mittelfristiger Aktualität greift das Theater oft auf und bezieht sie auf gegenwärtige Themen.28 oder lokal im Rückblick.29 Das international bekannteste Stück dieser Art, das politische Prozesse im Nachhinein aufarbeitet, ist „Enron“ von Lucy Prebble über die Betrügereien der amerikanischen Energiefirma.30 Oder aktuell: Volker Löschs und Marlene Engelhorns Show „Geld ist Klasse“. Elfriede Jelineks fast tagesaktuelle Textproduktionen für das Theater, z. B. „Am Königsweg“ 2017 zu Donald Trumps erster Wahl, zuletzt „Endsieg“ zu seiner Wiederwahl, und deren Inszenierungen durch Falk Richter sind Beispiele dafür, wie schnell das Theater reagieren kann und dafür dass ein Theater, das aktuelle politische Inhalte aufgreift, keineswegs auf die Strukturen des traditionellen narrativ-aristotelischen Theaters zurückgreifen muss.31
Investigativ-Theater
Das Theater greift nicht nur die Konstitutionsbedingungen des Gemeinwesens, das Politische, auf, sondern in zunehmendem Maße auch die Politik. Die Theaterkritik kann solche Projekte ästhetisch bemängeln, man kann ihre politische Wirksamkeit in Frage stellen, die Theatertheorie aber müsste zur Kenntnis nehmen, dass es so etwas gibt und die Bedingung seiner Möglichkeit erklären: die Analogie von Theater und Politik.32 Jean Peters vom Journalistenkollektiv „Correctiv“ erklärt die Funktion dieses Investigativ-Theaters mit dem Untergang der Zeitungen:
„Theater ist eine von vielen Antworten: Hier kann man in Ruhe eine Geschichte erzählen und am Schluss wissen wir: Es gibt Zeugen für das gemeinsame Erleben…. Das Theater hat die Ruhe der Entwicklung und des Abholens, der Kontextualisierung und der Metaebenen.“ „Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich Gesellschaft bilden kann. Wir wollen die Lust daran wecken, Gesellschaft zu gestalten. … Das ist meine Vision – und das kann Theater sein.33
„Ein Raum, in dem sich Gesellschaft bilden kann“, das ist eine Definition des Politischen, und das ist die Grundlage für ein Theaterprojekt über aktuelle Politik: „Geheimplan gegen Deutschland“ (Berliner Ensemble, Volkstheater Wien 2024).34 Hier soll also das „Politische“, die Konstitutionsbedingungen von Gesellschaft, und die „Politik“, die im Staat konzentrierten, institutionell organisierten Entscheidungen über die Gesellschaft, verbunden werden, das eine nicht ohne das andere im Theater, nicht getrennt wie bei Lehmann. Hier kommt das Politische zum Tragen, gerade weil es übersetzbar ist in den öffentlichen Diskurs, der Politik genannt wird. Höchstens könnten man Derridas Vorbehaltsklausel anwenden: vorausgesetzt, das Theater „verwandelt sich nicht einfach in einen Versammlungsplatz und fährt fort, auch seiner theatralischen Bestimmung zu folgen.“35 Man muss dieses journalistische Enthüllungstheater sicher nicht als die Zukunft des Theaters propagieren, nur seine Möglichkeit zur Kenntnis nehmen.
Die moralistische Falle
Lehman warnt vor der „moralistischen Falle“, in die das Theater durch die Theatralisierung und Personalisierung des Politischen geraten könne, wenn es politische Inhalte aufgreife. Diese Warnung stimmt überein mit der Rancières vor der „ethischen Konfusion“, die Politik und Kunst gleichsetzt.36 Kunst und Politik sind für Rancière zwei Bereiche, die in einem permanenten Spannungsverhältnis stehen, aber nicht ineinander verschmelzen. Die Möglichkeit von politischem Theater bedeutet nicht die Schwächung der Autonomie der Kunst37, obwohl, wie Janis El-Bira formuliert, im Theater „das Postautonome auch schon längst an den Saaltüren rüttelt.“38Die Kunst bleibt ein eigener Bereich mit eigenen Wertungen, Regeln und Verfahrensweisen wie die Politik, ebenso die Moral, auch wenn das eine System nach den Maßstäben des anderen beurteilt werden kann.
Die „moralistische Falle“ schnappt auch deshalb nicht gleich zu, sobald das Theater politische Inhalte aufgreift, weil das Politische, ebenso wie die Kunst, ein autonomer Bereich ist. Seit dem „Machiavell’schen Moment“ hat sich die Politik als eigener Bereich neben der Moral etabliert.39 Aber die autonomen Bereiche von Politik, Kunst und Moral stehen in einem gegenseitigen Spannungsverhältnis.
Für eine reine Vernunftethik wie sie Kant vertrat, gibt es keinen Konflikt zwischen Moral und Politik, weil die Politik sich schon immer an der Moral orientieren muss, für die auch nur verpflichtend ist, was möglich ist.40 Aber für die tatsächliche Moral, für die Moralvorstellungen in den Köpfen der Menschen, für das, was Hegel die „Sittlichkeit“ nennt 41, entstehen diese Konflikte zwischen Moral, Politik und Kunst ständig.
Hans-Thies Lehmanns Bestimmung des Politischen im Theater, insbesondere im postdramatischen Theater, scheint also aus heutiger Sicht ein Rückzug vor der „ekelhaften Korruption des politischen Diskurses“ 42 auf eine „Wahrnehmungspolitik“ 43, deren Wirkung fraglich bleibt und deren Rückbindung an den Bereich des Politischen bewusst negiert wird.
Wird fortgesetzt.
- Jacques Derrida, „Marx, das ist wer“. in: Zäsuren, November 2000, Nr. 1 Ökonomien der Differenz, Hg. v. Hans-Joachim Lenger, Jörg Sasse, Georg Christoph Tholen, S. 58-70. Hier S. 64. Übersetztes Transkript eines Vortrages im Zusammenhang mit der Inszenierung des Theaterstücks „Karl Marx, théâtre inédit“, März 1997 Théâtre des Amandiers, Nanterre, Regie: Jean-Pierre Vincent ↵
- ibid. S.65 ↵
- ibid. S.64 ↵
- S.69 ↵
- Derrida ibid. S.64 ↵
- Im deutschen Kontext werden die Autoren Peter Turrini, Dario Fo, Thomas Bernhard {sic!} und Falk Richter genannt. vgl. Jan Deck, „Politisch Theater machen – Eine Einleitung“, in: Jan Deck, Angelika Sieburg (Hg.), Politisch Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten. Bielefeld: Transkript Verlag, 2011, S.11 ↵
- Rancière, „Der emanzipierte Zuschauer“ S.26f ↵
- Rancière, ibid. S., 18 ↵
- Rancière, ibid. S. 27f ↵
- Roselt S. 330-333 siehe auch Versuch über das Politisches Theater Teil 2 auf dieser Website ↵
- Roland Schimmelpfennig „Iokaste“, Insz.: Karin Beier Deutsches Schauspielhaus Hamburg ↵
- vgl. Ernst Vollrath, Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S. 23-27 ↵
- Bertolt Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd.22.1, Schriften 2, Teil 1. „Politische Theorie der Verfremdung“ (1936/37), S.125 ↵
- Bertolt Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd.22.1, Schriften 2, Teil 2, S.663 ↵
- „Das Ideal für einen Künstler wäre natürlich, die Situation, in der wir leben, so eindringlich zu schildern, dass die Leute, wenn sie darüber lesen oder es auf der Bühne erleben, auf dem Nachhauseweg sagen: ‚Das müssen wir ändern. So kann’s nicht weitergehen. Das machen wir nicht länger mit’ Solange mir das noch nicht gelungen ist, habe ich mich noch nicht als Künstler betätigt.“ Peter Weiss im Gespräch mit A. Alvarez 1965 in: Karlheinz Braun (ed.), Materialien zu Peter Weiss‘ >Marat/Sade<. Frankfurt/M: Suhrkamp,5. Aufl. 1975, S.99 Zwei Jahr später aber auch: „Das Theater selbst kann die Gesellschaft nicht verändern. Das ist unmöglich. Die beste Wirkung, die ich erhoffen kann, ist, daß ein Stück Anlass gibt zum Weiterdenken.“ Interview mit Peter Weiss, in: Der Spiegel 12/1968 ↵
- „Keine Kunstform kann den ästhetischen Einschnitt vermeiden, der die Wirkungen von den Absichten trennt.“ Rancière, „Die Paradoxa der politischen Kunst“, a.a.O., S. 99 ↵
- Hans Bertram Bock, „Ohne Duselei. Gespräch mit Peter Stein, Wolfgang Schwiedrzik und Wolfgang Neuss“. Abendzeitung (München) 24.6.1968, zit. in: Dorothea Kraus, Theater Proteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren. Frankfurt: Campus, 2007 S.145 ↵
- Bei Dorothea Kraus findet auch eine ausführliche Darstellung der Kontroversen um die Aufführungen des „Vietnam-Diskurses“ in Frankfurt, München und Berlin 1968, a.a.O. S.142-153 ↵
- Hans-Thies Lehmann, „Wie politisch ist postdramatisches Theater?“, In: H-Th.L., Das Politische Schreiben. Essays zu Theatertexten. Berlin: Theater der Zeit, 2002 {= Recherchen 12}; zuerst in: Theater der Zeit, Oktober 2001 ↵
- Hans-Thies Lehmann, Das postdramatische Theater.. Frankfurt/M: Verlag der Autoren, 1999 ↵
- „Das Politische {soll} nicht in der dünnen Luft der genaueren Distinktionen vaporisiert werden“ a.a.O. S. 14. ↵
- „Was ist das epische Theater?“ in: Walter Benjamin, Der Autor als Produzent. Aufsätze zur Literatur. Stuttgart: Reclam 2012, S. 222, ebenso ibid. „Der Autor als Produzent“ S. 245 ↵
- Hier bezieht auch Lehmann sich auf Carl Schmitt ↵
- Bertolt Brecht, „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“, in: ders.: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 21, Schriften 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992, S. 469. Auch zitiert bei Walter Benjamin, „Kleine Geschichte der Photographie“ in: W.B., Angelus Novus. Ausgewählte Schriften Bd. 2. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1966, S.243 ↵
- Jacques Rancière, „Die Ästhetik als Politik“ in: J.R., Das Unbehagen in der Ästhetik. Wien: Passagen 3. Aufl 2016, S.47 {zuerst frz. Paris 2004} ↵
- Walter Benjamin, „Der Autor als Produzent“ a.a.O. S.229, 231 ↵
- Lehmann a.a.O., S.13 ↵
- Klimakrise: „Unsere Welt neu denken“ Schauspiel Bonn 2021, Ukrainekrieg: „Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern“ Schauspiel Köln 2022 ↵
- Pleite beim Bau des Kongresszentrums: Schauspiel Bonn 2017 „Bonnopoly“ , Archiveinsturz: Schauspiel Köln 2010 „Das Werk/Im Bus/ Ein Sturz“ ↵
- Nürnberg 2010 ↵
- Ebenso Marcus Lobbes Inszenierung von Mike Daiseys Monolog „The Trump Card“ am Theater Dortmund 2017 ↵
- Noch mehr Beispiele: Calle Fuhr, „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ (Volkstheater Wien 2024) ↵
- Calle Fuhr und Jean Peters, „Zum Verstehen verführen“, Interview mit Nachtkritik Redakteurinnen Elena Philipp und Esther Slevogt 6.8.204. ↵
- Diese Aktion des Journalistenkollektivs „Correctiv“, die mit minimaler ästhetischer Vorbereitung und Unterstützung durch den Regisseur Kai Voges selbst ein politisches Faktum geschaffen hat, dürfte aber ein Grenzfall im Verhältnis von Theater und Politik sein. ↵
- Jacques Derrida, „Marx, das ist wer“. in: Zäsuren, November 2000, Nr. 1 Ökonomien der Differenz, Hg. v. Hans-Joachim Lenger, Jörg Sasse, Georg Christoph Tholen S. 58-70 ↵
- Rancière, Ist Kunst widerständig? Berlin: Merve, 2004, S.34 ↵
- vgl. Volker Ullrich, Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie. Berlin: Wagenbach, 2022. Darin v.a. Teil I „Was hat die Idee autonomer Kunst geschwächt?“ Ullrich geht es vor allem um die bildende Kunst. ↵
- Janis El-Bira, Das „Art-Toy“ als Lebensbegleiter. Rezension von Volker Ulrich, Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie. Nachtkritik.de ↵
- „Erst mit Machiavelli erreicht Politik eine distinktive Identität und Autonomie.“ Das Machiavell`sche Moment ist das ontologische Moment „der Erfahrung von Kontingenz und Grundlosigkeit des Sozialen.“ Politik lässt so also nicht auf Moral gründen. Oliver Marchart, Die politische Differenz. Berlin: Suhrkamp, 2010, S.28 u. 49 vgl. Luhmann ↵
- „ultra posse nemo obligatur“, „Die wahre Politik kann also keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“ Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ in: I.K. Werkausgabe Bd.XI, hg. Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M: Suhrkamp,1968, S. 229 B71, S. 243 B97 ↵
- vgl. G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Werke Bd. 7. Frankfurt/M: Suhrkamp 1970. §142, S.292. In Hegels Zusatz zu §144 findet sich das schöne Gedicht:
„Heilig, was die Geister bindet, \
wär es auch nur leicht
wie die Binse den Kranz
Heiligstes, was innig gedacht –
ewig die Geister einig macht.“
Hegel verweist hier wie auch oft in seiner Ästhetik auf den exemplarischen Konflikt in Sophocles’ „Antigone“ zwischen Staat (Politik) und Moral (Sitte) S. 293f. ↵ - Lehmann a,a,O, S. 18 ↵
- ibid. S. 19. Wenn jede Veränderung unserer Wahrnehmung politisch wäre, wären Sonnenbrillen und Ohrstöpsel politisch. ↵



