Herakles ist in „Alkestis“ von Euripides eine Art Komödienfigur.1 Der um Alkestis trauernden Dienerin verkündet er seine carpe-diem-Philosophie: „Sei fröhlich, trinke, bedenke, nur das Hier und Heute gehört dir, der Rest ist Zufall!“ (788-789 εὖφραινε σαυτόν, πῖνε, τὸν καθ᾽ ἡμέραν \ βίον λογίζου σόν, τὰ ἄλλα τῆς τύχης) 2. Seine Aufmunterungsrede gipfelt in dem Trinkspruch: „Wer sterblich ist, soll auch sterblichε Gedanken hegen.“ (ὄντας δὲ θνητοὺς θνητὰ καὶ φρονεῖν χρεών. 799).
In diesem Zusammenhang überrascht es doch, wenn man in der Übersetzung von Anne Carson liest
„We’ are all mortal you know. Think mortal./ Because my theory is, there’s no such thing as life, / it’s just catastrophe.“ 3
Die Bochumer Fassung, die Susanne Winnacker und Mieke Koenen nach Anne Carsons englischer Übersetzung für die Inszenierung Johan Simons’ (2022 Athens Epidauros Festival und Schauspielhaus Bochum4) erstellt haben, lautet:
„Es ist doch so, dieses Leben gibt es gar nicht, es existiert nicht, alles ist nichts weiter, als eine einzige Katastrophe.“ 5
Der Originaltext dieser Verse lautet (mit Interlinearversion):
Wie den Feierlichen und Augenbrauenzusammenziehenden
„ὡς τοῖς γε σεμνοῖς καὶ συνωφρυωμένοις
allen ist, als denn mich du benutzt Richter.
ἅπασιν ἐστιν, ὥς γ᾽ εμοὶ χρῆσθαι κριτῇ
nicht Leben wirklich das Leben, sondern (zufälliges) Unglück
οὐ βίος ἀλητῶς ὁ βίος, ἀλλὰ συμφορά.“
(Eur. Alc. 800-803)
Herakles wendet sich also gegen irgendwelche Miesmacher oder Trauernden (wie die Dienerin), die das Leben nicht genießen können. σεμνοῖ sind die Ehrwürdigen oder, abwertend, die Vornehmtuenden. συνωφρυωμένοι sind diejenigen, die die Augenbrauen (ὀφρύες) zusammenziehen. Die Augenbrauenrunzler, die vorweg schon ihre Sterblichkeit betrauern, sind es, für die das Leben ein böser Zufall ist.
Die üblichen deutschen Übersetzungen der letzten Zeilen lauten:
„Denn den feierlichen Stirnrunzlern,/ allen, ist, soll ich darüber Richter sein, / das Leben nicht eigentlich Leben, sondern schiere Plage.“ (Kurt Steinmann)6
„Denn wer versucht, das Leben ernst zu nehmen,/ Für den ist es, wenn du mir glauben willst, / Mehr Sorg‘ und Kümmernis, als wahres Leben.“(Hans von Arnim) 7
„Für all die ernsten Stirnrunzler bleibt / Das Leben – wenn du meinem Urteil traust – / Kein wahres Leben, nur ein Missgeschick“ (Ernst Buschor)8
„Nehmt mich zum Richter! Allen, die kopfhängerisch / Mit trüben Minen schleichen, ist das Leben nie / In Wahrheit Leben, sondern nur ein Strafgericht.“ (Ludwig Wolde)9
„As for those who are solemn and knit their brows together, their life, in my judgement, is no life worthy of the name but merely a disaster.“ (David Kovacs)
„To all solemn and frowning men, life I say is not life, but a disaster.“ (Richard Aldington)
Wie kommen Anne Carson und die Bearbeiterinnen der Bochumer Fassung dazu, so von dem Original abzuweichen und Herakles eine Auffassung des Lebens zuzuschreiben, die er vorher ausdrücklich abgelehnt hat? Woher die sinnwidrige Abweichung in der sonst zwar modernen, aber immer sinngemäßen Übersetzung?
Der Ausgangspunkt dürfte Herakles’ Aufforderung „Sterbliches zu denken“ sein. Im Zusammenhang seiner Rede wird deutlich, dass Herakles meint, die eigene Sterblichkeit zu bedenken, heißt, das Leben genießen, solange es währt. Aber „Sterbliches zu denken“ scheint für Carson zu heißen, nicht an das Leben, sondern an den Tod zu denken. Dieser radikale Pessimismus passt aber nicht in die Funktion von Herakles’ Rede. (Er würde nur die Todesbereitschaft Alkestis’ rechtfertigen.) Der Schauspieler des Herakles in der Bochumer Aufführung (Pierre Bokma) kann sich da nur in die Ironie retten: Das Leben eine Katastrophe? – alles nur ein Scherz!
Anne Carsons Übersetzung ergibt sich, wenn man Vers 800 einfach auslässt. Wurde er absichtlich übersprungen? War es ein Versehen? War es das ungewöhnliche Wort συνωφρυωμένοις? Sollte die Figur des Herakles vom burlesken Schwadroneur zum Zyniker umgedeutet werden?
- A. Lesky „Rudimente der Komödienfigur“, F. Stoessl „burleske Gestalt“, zit. bei Kurt Steinmann, Nachwort zu Euripides, Alkestis. Griechisch-Deutsch. Stuttgart: Reclam, 1981, S. 134f ↵
- Steinmann, S.73 ↵
- Euripides, Grief Lessons. Four Plays. Translated by Anne Carson. New York: New York Review of Books, 2006, 682-684 p.288 ↵
- vgl. Andreas Willinks Kritik auf Nachtkritik ↵
- Alkestes {sic!} von Euripides. Fassung von Mieke Koenen und Susanne Winnacker. Übersetzung aus dem Englischen (Ann {sic!} Carson) Susanne Winnnacker. Manuskript Schauspielhaus Bochum ↵
- Euripides, Alkestis. Übers. u. hg.v. Kurt Steinmann . Stuttgart: Reclam, 1981, S. 73 ↵
- Euripides, Tragödien. Übers. Hans von Arnim. Mit einer Einführung und Erläuterungen von Bernhard Zimmermann. München: dtv/Artemis, 1990, S. 48 ↵
- Euripides, Sämtliche Tragödien und Fragmente. Band 1. Alkestis, Media, Hippolytus. übers. v. Ernst Buschor. hg. v. Gustav Adolf Seeck. München: Heimeran, 1972, S,. 61 ↵
- Joachim Schondorff (Hg.), Alkestis. Euripides, Gluck, Wieland, Richter, Hofmannsthal, Lernet-Holenia, Wilder. München: Albert Langen, Georg Müller, o.J. S. 100}
Gängige englische Übersetzungen sind [6. Ted Hughes, dessen persönlichen Schicksal durch den Tod seiner Frau Sylvia Plath ein öffentliches wurde, hat in seiner Bearbeitung der „Alkestis“ diesen humoristischen Teil gestrichen und ihn ersetzt durch einen Dialog über die Taten des Herakles, der in Herakles` Ausruf gipfelt: „I see my wife. I see my dead wife. Who killed her?“ ↵