Versuch über politisches Theater – Teil 6

Nachdem in „Versuch über politisches Theater – Teil 5“ in einer vorläufigen Bilanz die Rückkehr eines konkret auf die aktuelle Politik bezogenen Theaters nach einer Phase eines Theaters, das sich politisch nannte, sich aber ausdrücklich von aktuellen politischen Inhalten abwandte, konstatiert wurde, bleibt es weiterhin nötig, danach zu fragen, was der Begriff „politisch“ im Ausdruck „politisches Theater“ eigentlich bedeutet.

Vollraths Theorie des Politischen

Dazu könnte man versuchen, mit Ernst Vollraths Theorie des Politischen eine Antwort finden. Vollrath hat seit den 1970er Jahren im Anschluss an Hannah Arendts1 Theorie eine eigene philosophische Theorie des Politischen entwickelt2. Vollrath geht von der von Carl Schmitt angestoßenen3 und dann unabhängig von ihm von Ricoeur und Lefort entwickelten politischen Differenz4 zwischen der Politik und dem Politischen aus.

Das Politische ist für Vollrath eine Praktik („practise“), also eine Modalität der Erfahrung (nach Michael Oakeshott). Es ist kein inhaltlich bestimmter Bereich, sondern eine adverbiale Modalität, also eine bestimmte Art und Weise etwas zu tun oder zu erfahren. Zu dieser Modalität gehört, dass das Politische Entscheidungen verlangt. Vollrath bestimmt diese Art von Entscheidungen als Urteile nach der Maxime der reflektierenden Urteilskraft bei Kant. Kant entwickelt seine Theorie der Urteilskraft eigentlich am ästhetischen Urteil5. Die reflektierende Urteilskraft findet zu einem gegebenen Besonderen das Allgemeine (und bestimmt nicht umgekehrt das Besondere vom Allgemeinen her wie die theoretische oder bestimmende Urteilskraft). Dieses Urteilsverfahren liegt für Kant dem ästhetischen Urteil zugrunde. Das ästhetische Urteil, das für Kant darin besteht, etwas für schön zu erklären, ist kein rein subjektives Urteil, aber auch kein objektives Urteil, das allgemeingültig wäre. Das ästhetische Urteil „sinnt“ aber allen „an“, ihm „beizustimmen“. Dieses vermittelnde Verhältnis nennt Kant „subjektive Allgemeinheit“. Vollrath erweitert diese Bestimmung nun auf das Politische6. Aus der subjektiven Allgemeinheit wird so die interpersonale Allgemeinheit, weil im politischen Urteil alle anderen als Personen berücksichtigt werden. Das politische Urteil folgt der Maxime der reflektierenden Urteilskraft: „An der Stelle jedes andern denken“7.

„Die reflektierende Urteilskraft kann in ihrer politischen Qualität zur Bestimmung eines Begriffs des Politischen in Anspruch genommen werden. Ein von dem in ihrer Maxime – sich in Gemeinschaft und Mitteilung von Menschen an die Stelle jedes anderen zu denken – ausgesprochenen Prinzip und der dieser Maxime als Regel folgenden Operation der Reflexion her gefälltes Urteil ist so angelegt, dass der Geltungsgrund seiner interpersonalen Universalität die Beistimmung potentiell aller anderen ist. Die so Urteilenden bilden einen Verband, eine Assoziation, indem sie ihr Sein-bei-und-mit-Anderen zur interpersonal universalen Praktik ihrer Verbandsbildung machen.“8

Dieser Begriff des Politischen ist für Vollrath ein Maßstab, der sich an alle möglichen Phänomene anlegen lässt, um ihre politische Qualität zu messen. Weil das Politische eine adverbiale Modalität ist und kein abgegrenzter gesellschaftlicher Bereich, kann alles politische Qualität annehmen, sofern es diesem Maßstab genügt.

„Ob und in welcher Weise der Krieg oder die Revolution oder andere Phänomene politisch qualifiziert sind und in politischer Modalität vorliegen, lässt sich sehr wohl von einem Begriff des Politischen her beurteilen, der nicht sie als Phänomene inhaltlich umfasst, wohl aber ihre Qualifikation und Modalität politisch beurteilt, also abmisst, inwiefern und in welchem Ausmaße diese Phänomene überhaupt politisch bestimmt sind oder nicht.“9

Trotz dieser Funktion des Begriffs des Politischen als Maßstab für alle möglichen gesellschaftlichen Phänomene ist für Vollrath die Norm des Politischen ein bestimmter Verfassungstyp: die Politie[10. Für Vollrath ist das Politische nicht etwas, das in allen menschlichen Verbänden vorkommt, sondern ein bestimmter Typus von Vergesellschaftung, den die Griechen in der Antike erfunden haben11.

„Die Verfassung einer Menge von Menschen von ihrer gemäß dem Prinzip der Urteilskraft und deren reflektierender Operation bestimmten Mitte her soll, um ihren authentisch politischen Charakter zu kennzeichnen, Politie genannt werden. Lässt ein Verband das Zentrum seiner Bildung und seines Bestehens von der Praktik bestimmt sein, die gemäß der Maxime der reflektierenden Urteilskraft qualifiziert ist, dann handelt es sich bei ihm um eine Politie.“12

Wie diese Politie konkret aussieht, davon hat Vollrath eine genaue Vorstellung, die sich weitgehend mit dem in den westlichen Gesellschaften akzeptierten Modell einer repräsentativen, pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratie deckt:

„Konkret meint Politie diejenige Verfassungsform einer Menge von Menschen, die durch die fünf Momente von Beauftragung, Verantwortung, Befristung, Beschränkung und Begrenzung bestimmt ist. … Konkret verwirklicht werden kann die Politie in einem auf Repräsentation und Gewaltenteilung beruhenden verfassungsmäßigen und rechtlichen Gemeinwesen.“13

Letztlich ist für Vollrath dieser Verfassungstyp das Kriterium dafür, ob irgendein gesellschaftliches Phänomen im vollen Sinne politisch genannt werden kann. Die Politie ist die Institution, die aus der Operation der reflektierenden Urteilskraft entsteht, und alle gesellschaftlichen Phänomene, die politisch genant werden, werden an dem Maßstab ihrer Orientierung an dieser Art von Vergesellschaftung, eben der Politie, gemessen.

„Der Begriff der Politie als der des Politischen ist ein Normbegriff, sofern er die politische Qualität und Modalität von Phänomenen bemißt.“14

Wenn der Begriff des Politischen der Maßstab für den politischen Charakter verschiedener gesellschaftlicher Phänomene sein soll, wie sieht dann das Verfahren aus, mit dem man diesen politischen Charakter, die Polizität, von gesellschaftlichen Phänomene bestimmt? Da bleibt Vollrath ziemlich vage und ohne Beispiele:

„Die Begriffe des Politischen sind folglich Urteilsbegriffe, Begriffe, die das Phänomen des Politischen und die politischen Phänomene von ihrem kulturellen Kontext her und auf ihn hin, also zusammen mit ihm, der zugleich geschichtlich geprägt ist, bestimmen und begreifen. Erneut: wie soll sich die Einsicht in diese Zusammenhänge und Kontexte konkret vollziehen? Durch unterscheidendes Vergleichen, indem das eine Phänomen mit anderen Phänomenen unter einem kulturellen Hintergrund verglichen wird, so dass sie einen Kontext bilden.“15

Wie lässt sich nun Vollraths Begriff der Politischen auf das Theater anwenden?

Das Politische im Theater

Durch Vergleichen und Kontextualisieren. Sollte man annehmen.
Auf welche Ebene soll sich aber der Vergleich beziehen? Dass Theater von politischen Institutionen finanziert werden, ist im Begriff des politischen Theaters nicht gemeint. Dass das öffentlich finanzierten Theater eine enge Bindung an die staatlichen politische Institutionen hat (Stadt, Land, Bund), ist offensichtlich.16. Daraus folgt aber noch nicht, wenn man die Freiheit der Kunst festhält, der politische Charakter des Produkts ihrer Tätigkeit.

Die Formulierung „politisch Theater machen“ bezieht sich, wenn man „politisch“ als Adverb versteht, auf den Herstellungsprozess einer Theaterproduktion. Z.B. zitiert Barbara Behrendt die Regisseurin Joana Tischkau bei einer Podiumsdiskussion in der Freien Volksbühne Berlin: „Die Debatte ist doch, dass es gar nicht so sehr um das Politische auf der Bühne geht, sondern um das Politische im Strukturellen, in den Arbeitsverhältnissen, wie man miteinander umgeht.“ 17 Hier könnte man den Maßstab der Maxime des reflektierenden Urteils anlegen. Wenn das Politische im Theater ist „wie man miteinander umgeht“, dann ist die Maßstab, nach der man das beurteilt: „an der Stelle jedes andern denken.“

Aber auch dass ist nicht gemeint, wenn man „politisches Theater machen“ durch „politisch Theater machen“ ersetzt. Wie bei Godard, der diese Formel geprägt hat18, schon deutlich wurde, bezieht sich dieses „politisch“ doch auf den Inhalt oder die Form des Dargestellten, nicht auf den Herstellungsprozess. Bleibt also die inhaltliche Ebene. Aber wie soll man deren politische Qualität beurteilen? Nach den Intentionen der Theatermacher? Dann wäre politisches Theater politisch intendiertes Theater. Dann wäre kein Urteil von außen möglich, ob eine Theaterproduktion „politisch“ genannt werden kann oder nicht. Eine Beurteilung der politischen Qualität von Theater müsste ja das gesamte Geschehen einer Theateraufführung, d.h. Bühne und Publikum und ihre Relation, betreffen. Gibt es also eine Möglichkeit, die Struktur einer bestimmten Theaterproduktion am Maßstab des Begriffs des Politischen, wie in Vollrath bestimmt, als „politisch“ zu beurteilen? Wie ließe sich die Maxime „an der Stelle jedes anderen denken“ als Theaterstruktur anwenden?

Noch eine hypothetische Zusammenfassung

Oliver Marchart bestimmt das Politische als die Dimension der kontingenten Gründung von Gesellschaften, für Ernst Vollrath ist es eine adverbiale Modalität, die einer Tätigkeit dann zukommt, wenn sie der Maxime des „an der Stelle jedes anderen Denken“ entspricht. In der Bestimmung der Grundlage der Vergemeinschaftung als kontingent sind sich beide Theorien einig. Humes Diktum „all government rests on opinion“19 wird von Vollrath oft zitiert20. Vollrath hält die Verfassungsform, die er „Politie“ nennt, für diejenige, die dieser Kontingenz Rechnung trägt und in diesem Sinn wirklich „politisch“ ist.

“Politisch heißt republikanisch-repräsentativ; in diesem Begriff des Politischen hat man den Begriff der repräsentativen Republik gedacht. Die hauptsächlichen Momente dieses Begriffs, die zusammen eine differenzierte Einheit bilden, sind: weltliche Gemeinsamkeit, auch bei Differenz und Dissens, Verfahren der Entscheidung gemäß dem republikanischen Mehrheitsprinzip und zugehörig des Umgangs mit der dissentierenden Minderheit ohne deren Vernichtung, Kontrolle der Einhaltung dieser Momente, was zugleich die Möglichkeit der Ablösung bei sich führt, Gewaltenteilung und Repräsentation.“21

Oliver Marchart nennt diese Verfassungsform Demokratie, ebenfalls weil sie der „Abgründigkeit des Grundes“ der Vergesellschaftung Rechnung trägt.

„Demokratie macht das Scheitern der Gründung zur eigenen Grundlage. … Die grundlegende Antinomie der Demokratie besteht also darin, dass Demokratie – bzw. eine Politik der Demokratisierung – einerseits ein politisches Projekt mit Durchsetzungsansprüchen ist, andererseits dieses Projekt – aufgrund demokratischer Kontingeznakzeptanz – sich gewissermaßen selbst aus den Angeln zu heben droht.“22

Theater, das sich zu Recht politisch nennt, kann sich also mit dieser Gründungsdimension des sozialen Verbandes beschäftigen oder mit politischen Themen, die es an dem Maßstab des „an der Stelle jedes anderen denken“ misst. Nicht nur an der Stelle eines anderen, das tut ein Theater, das Figuren verkörpert, immer und ist eine öffentliche Schulung in Empathie, – auch eine Voraussetzung für „an der Stelle jedes anderen denken“ – aber nicht im eigentlichen Sinne politisch, sondern an der Stelle jedes anderen.  Als Beispiele können Nuran Calis‘ Kölner Arbeiten dienen mit ihrer Struktur des Empathiewechsels, z.B „Die Lücke“ oder „Mölln 92/22“, der jeweils für beide Seiten gilt, für Migranten und Autochthone. Das Kriterium ist also kein objektivierbares, sondern eines, das erst in der Rezeption angewandt werden kann und also von unterschiedlichen Rezipienten (=Publikum) unterschiedlich angewandt wird.

„Es kommt darauf an, eine Kultur des Politischen zu entfalten“ 23

*

Finis 24

  1. Noch einmal zum persönlichen Verhältnis: Vollrath war seit 1970 in Kontakt mit Hannah Arendt und war von 1973 bis zu Hannah Arendts Tod 1976 ihr Assistent an der New School for Social Research in New York. Vollrath hat 2001 zusammen mit Daniel Cohn-Bendit den Bremer Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken erhalten. G.P., der Verfasser dieser Zeilen, hat 1985 eine Seminar von Ernst Vollrath zu Hannah Arendts Essay „Das Urteilen“  besucht.
  2. Hannah Arendts Theorie des Politischen und ihr Rückgriff auf Kants Analyse des ästhetischen Urteils wird in den letzten Jahren häufig diskutiert, kritisiert oder weiterentwickelt. Ernst Vollraths Fortführung dieser Theorie seit den 1970er Jahren scheint vergessen zu sein. Z.B. Steffen Herrmanns ausführliche Diskussion von Arendts Konzept der politischen Urteilskraft kommt völlig ohne Verweis auf Vollraths Ausarbeitung dieses Begriffs aus: Steffen Herrmann, „Demokratische Urteilskraft nach Arendt“, in: Zeitschrift für Praktische Philosophie Bd. 6, Heft 1, 2019, S. 257–288. Michael Horschitz immerhin stellt Ernst Vollrath in die Reihe der Phänomenologen, die eine Theorie des Politischen entwickelt haben: Michael Horschitz, Politische Philosophie in der Phänomenologie. Ideengeschichtlicher Kurzüberblick und Theorievergleich Husserl-Vollrath-Held-Egner. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2022
  3. Vollrath erkennt Carl Schmitts theoretische Pionierleistung in der Herausarbeitung eines eigenständigen Begriffs des Politischen an, kritisiert aber seine einseitige  Bestimmung des Politischen von der Dissoziation (Feind) her und stellt dem Hannah Arendts Bestimmung des Politischen als Assoziation entgegen.
  4. Die späteren linksheideggerianischen Ausdifferenzierungen bei Nancy, Badiou, Rancière, Laclau usw. (vgl. meinen Beitrag in Versuch über politisches Theater Teil 3) berücksichtigt Vollrath nicht.
  5. KdU § 40 „Vom Geschmack als einer Art sensus communis“, in: Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. Schriften zur Ästhetik und Naturphilosophie. Hg. Manfred Frank u. Véronique Zanetti. Frankfurt/M: Deutscher Klassiker Verlag, 2009, S. 638-642
  6. Wie schon Hannah Arendt: vgl. Ernst Vollrath, „Hannah Arendts ‚Kritik der politischen Urteilskraft'“, in: Peter Kemper (Hg.), Die Zukunft des Politischen. Ausblicke auf Hannah Arendt. Frankfurt/M: Fischer 1993, S.34-54
  7. Kant, Kritik der Urteilskraft § 40 .  „ … dass man sein Urteil an anderer, nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche Urteile hält, und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den Beschränkungen, die unserer eigenen Beurteilung zufälligerweise anhängen, abstrahiert“  S.639. Ähnliche Formulierungen finden sich in Kants „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“: „Sich (in der Mitteilung mit Menschen) in die Stelle jedes anderen zu denken.“ Kant, Werkausgabe Bd. XII. Hg. Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977 S. 549, BA 167
  8. Ernst Vollrath, Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1983, S.300
  9. Vollrath, Grundlegung, S.313
  10. „πολιτεία“ Der Begriff bezeichnet bei Aristoteles den mittleren Verfassungszustand zwischen Demokratie und Oligarchie: „ὄταν δὲ τὸ πλῆθος πρὸς τὸ κοινὸν πολιτεύηται συμφέρον, καλεῖται τὸ κοινὸν ὄνομα πασῶν τῶν πολιτειῶν, πολιτεῖα.“ (Arist. Pol. III 7, 1279a 37f ) „Wenn aber die Volksmasse mit Rücksicht auf das gemeinsam Nützliche den Staat verwaltet, dann heißt das mit dem gemeinsamen Namen aller Staatsverfassungen ‚Politie‘“ und IV, 8:  „ἔστι γὰρ ἡ πολιτεία ὡς ἁπλῶς εἰπεῖν μίζις ὀλιγαρχίας καὶ δημοκρατίας.“ 1293b 33f „Es ist nämlich die Politie, um es einfach auszudrücken, eine Mischung von Oligarchie und Demokratie.“ Aristoteles, Politik. Schiften zur Staatstheorie. übers. von Franz F. Schwarz. Stuttgart: Reclam 1989, S..169 u. 219
  11. Vollrath verweist immer wieder auf Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1983
  12. Vollrath, Grundlegung, S.303
  13. Vollrath, Grundlegung, S. 304
  14. Vollrath, Grundlegung, S. 310
  15. Vollrath, Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S.11
  16. vgl. Ulrich Khuon im Interview über seine Interimsintendanz in Zürich 2024-25: „Freiheit der Kunst! Die ist auch wichtig. Aber ich glaube, wir müssen die Auseinandersetzung mit der Politik suchen und die Partnerschaft. Das Theater ist ähnlich wie Kindergarten, Schule, Universitäten ein Lebensbildungselement. Da muss man die Politik – ohne sich reinreden zu lassen, verbindlich dazubitten.“
  17. in: Barbara Behrendt, „Diskussion im Berliner Festspielhaus. Muss Kunst wehtun?“ Sendung in rbb24 6.5.2023
  18. vgl. meinen Beitrag in Versuch über politisches Theater Teil 3
  19. It is therefore, on opinion only that government is founded“ , David Hume, *Essays Moral, Political, and Literary*. Ed. Eugene F. Miller. Indianapolis: Liberty Classics, 1987 p.32
  20. Vgl: Ernst Vollrath, „That All Governments Rest on Opinion“ in: Social Research, Vol. 43, No. 1, (1976), pp. 46-61
  21.  Vollrath, Was ist das Politische? S.220
  22.  Machart, Die politische Differenz, S.331f
  23. Vollrath, Grundlegung S.319
  24. Literaturliste Teile 1-6

    Arendt, Hannah, *Was ist Politik*. München: Piper, 1993
    Aristoteles, *Politik. Schiften zur Staatstheorie*. übers. von Franz F. Schwarz. Stuttgart: Reclam, 1989
    Badiou, Alain, *Rhapsodie für das Theater. Kurze philosophische Abhandlung*. Wien: Passagen Verlag, 2015.
    Bedorf, Thomas, „Das Politische und die Politik. Konturen einer Differenz“. in: Thomas Bedorf u. Kurt Röttgers (Hg.): *Das Politische und die Politik*. Berlin: Suhrkamp, 2010
    Benjamin, Walter, „Was ist das epische Theater?“ in: W.B., *Der Autor als Produzent. Aufsätze zur Literatur*. Stuttgart: Reclam 2012
    Benjamin, Walter, „Kleine Geschichte der Photographie“ in: W.B., *Angelus Novus. Ausgewählte Schriften*, Bd. 2. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1966
    Billetter, Erika, *The Living Theatre. Paradise Now. Ein Bericht in Wort und Bild*. Bern: Rütten + Loening, 1968
    Bosteels, Bruno, „Introduction“ zu Alain Badiou, *Rhapsody for the theatre*. Edited and introduced by Bruno Bosteels. London: Verso, 2013
    Brecht, Bertolt, „Politische Theorie der Verfremdung“ (1936/37). In: der. *Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe*, Bd.22.1, Schriften 2, Teil 1. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992
    Brecht, Bertolt,  „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“, in: ders.: *Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe*, Bd. 21, Schriften 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992

    Colleran, Jeanne & Jenny S. Spencer, „Introduction“, to: Jeanne Colleran & Jenny S. Spencer (eds.), *Staging Resistance. Essays on Political Theater*, Ann Arbor: The University of Michigan Press 1998
    Deck, Jan, „Politisch Theater machen – Eine Einleitung“, In: Jan Deck & Angelika Seeburg (Hg.), *Politischer Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten*. Bielefeld: Transkript, 2011
    Derrida, Jacques, „Marx, das ist wer“. in: *Zäsuren*, November 2000, Nr. 1 Ökonomien der Differenz, Hg. v. Hans-Joachim Lenger, Jörg Sasse, Georg Christoph Tholen. https://www.whagen.de/PDFS/11235_HagenUeberrollvorgaengeZ_2000.pdf , S. 58-70 [übersetztes Transkript eines Vortrages im Zusammenhang mit der Inszenierung  des Theaterstücks „Karl Marx, theatre inédit“, März 1997 Théâtre des Amandiers, Nanterre, Regie Jean-Pierre Vincent

    Fischer-Lichte, Erika, {Lemma} „Politisches Theater“, in: Erika Fischer-Lichte e.a. (Hg.), *Metzler Lexikon Theatertheorie*. Stuttgart/Weimar: Metzler 2. Aufl 2014 S. 260-262
    Fuhr, Calle und Peters, Jean, „Zum Verstehen verführen“, Interview mit Nachtkritik Redakteurinnen Elena Philipp und Esther Slevogt 6.8.204. https://www.nachtkritik.de/portraet-reportage/investigativtheater-calle-fuhr-und-jean-peters-im-interview
    Godard, Jean-Luc, „Was tun?“ in: *Godard/Kritiker. Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970)*. Auswahl und Übersetzung von Frieda Grafe. München: Hanser, 1971 p.186-188 {zuerst frz.: *afterimage* Nr. 1 April 1970} Hegel, G.W.F., *Werke in zwanzig Bänden. Bd. 3 Phänomenologie des Geistes*. Frankfurt: Suhrkamp, 1970 (= Theorie Werkausgabe)

    Hegel, G.W.F., *Werke in zwanzig Bänden. Bd.7 Grundlinien der Philosophie des Rechts*, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1970 (= Theorie Werkausgabe)
    Hegel, G.W.F., *Werke in zwanzig Bänden. Bd. 13 Vorlesungen über die Ästhetik I*. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (=Theorie Werkausgabe)
    Herrmann, Steffen, „Demokratische Urteilskraft nach Arendt“, in: *Zeitschrift für Praktische Philosophie* Bd. 6, Heft 1, 2019, S. 257–288
    Hoffmann, Ludwig und Daniel Hoffmann-Ostwald (Hg.), *Deutsches Arbeitertheater 1918-1933*. 2 Bde. München: Rogner & Bernhard, 1973
    Horschitz, Michael, *Politische Philosophie in der Phänomenologie. Ideengeschichtlicher Überblick und Theorievergleich Husserl-Vollrath-Held-Egner*. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2022
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    Kant, Immanuel, „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ in: I.K. *Werkausgabe* Bd.XI, hg. Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M: Suhrkamp,1968
    Kant, Immanuel, *Kritik der Urteilskraft. Schriften zur Ästhetik und Naturphilosophie*. Hg. Manfred Frank u. Véronique Zanetti. Frankfurt/M: Deutscher Klassiker Verlag, 2009
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    Kraus, Dorothea, *Theater Proteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren*. Frankfurt/M.: Campus, 2007

    Lehmann, Hans-Thies, *Das postdramatische Theater*. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1999
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    Marchart, Oliver, „Auf der Bühne des Politischen. Die Straße, das Theater und die politische Ästhetik des Erhabenen“ (2004)  https://transversal.at/transversal/0605/marchart/de
    Marchart, Oliver, *Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben*. Berlin: Suhrkamp, 2010
    Marchart, Oliver, Buchvorstellung *Conflictual Aesthetics*. Universität für angewandte Kunst Wien. https://www.youtube.com/watch?v=x_Yya7oSrwA
    Melchinger, Siegfried, *Geschichte des politischen Theaters*. Velber: Friedrich Verlag, 1971

    Öziri, Necati, „Welche Welt bedeuten diese Bretter?- Das Theater als zeitgenössisches Medium gesellschaftlicher Repräsentation“ (Vortrag bei den Römerberggesprächen „Was soll das Theater? Die Zukunft der Städtischen Bühnen“ 2017) https://www.nachtkritik.de/recherche-debatte/debatte-um-die-zukunft-des-stadttheaters-xxxiv-necati-oeziri-bei-den-roemerberggespraechen-in-frankfurt-main
    Öziri, Necati, *Dankesrede für den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis*, 2025 https://www.bad-homburg.de/leben/kultur-und-bildung/Hölderlin%20Preis/Rede%20Necati%20Öziri.pdf
    Piscator, Erwin, *Theater der Auseinandersetzung. Ausgewählte Reden und Schriften*. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977 {teilweise identisch mit: Erwin Piscator, *Schriften* Bd.1 Das politische Theater, Bd. 2 Aufsätze Reden Gespräche. Berlin DDR: Henschel Verlag, 1968}
    Primavesi, Patrick, „Theater/Politik. Kontexte und Beziehungen“. in: Jan Deck & Angelika Seeburg  (Hg.), *Politisch Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten*. Bielefeld: Transkript, 2011

    Rakow, Christian, „Auf zweiter Stufe: Theater und politische Bildung – geht das überhaupt zusammen?“, Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), *Moralische Anstalt 2.0. Über Theater und politische Bildung*. (= Schriften zu Bildung und Kultur Bd. 13) https://www.boell.de/de/2019/01/30/moralische-anstalt-20-ueber-theater-und-politische-bildung
    Rancière, Jacques , *Der emanzipierte Zuschauer*. Wien: Passagen, 2 . Aufl 2015 (zuerst frz. Paris 2008)
    Rancière, Jacques, „Les paradoxes de l’art politique“, in: *Le spectateur émancipè*. Paris: editions La fabrique, 2008
    Rancière, Jacques, *Zehn Thesen zur Politik*. Zürich-Berlin;: Diaphanes, 2008
    Rancière, Jacques, Onze thèses sur la politique. https://de.scribd.com/document/649298211/287251126
    Rau, Milo, *Rede auf der Tagung des Internationalen Theaterinstituts, Antwerpen 2024*. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/milo-rau-kunst-muss-zur-waffe-werden-die-unsere-freiheit-verteidigt.
    Reinelt, Janelle, „Notes for a Radical Democratic Theater: Productive Crises and the Challenge of Indeterminacy“, in: Jeanne Colleran & Jenny S. Spencer (Hg.), *Staging Resistance. Essays on Political Theater*, Ann Arbor: The University of Michigan Press 1998
    Ricœur, Paul, „Das politische Paradox“, in: P.R., *Geschichte und Wahrheit*. übers. v. Romain Leick. München: List, 1974
    Roselt, Jens, *Phänomenologie des Theaters*. München: Wilhelm Fink, 2008
    Schimmelpfennig, Roland, *Anthropolis. Ungeheuer. Stadt. Theben*. Mit einem Nachwort von Sibylle Meier. Frankfurt(M: Fischer, 2023
    Schmitt, Carl, *Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien*. Berlin: Duncker und Humblot, 9.2015

    Ullrich, Volker, *Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie*. Berlin: Wagenbach, 2022
    Vollrath, Ernst, *Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen*. Würzburg: Königshauses & Neumann, 1987
    Vollrath, Ernst, *Was ist das Politische. Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung*. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003
    Vollrath, Ernst, Lemma „Politisch, das Politische“, In: *Historisches Wörterbuch der Philosophie* hg. v. Joachim Ritter & Karlfried Gründer. Bd.7 P-Q, Basel: Schwabe, 1989
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    Weiss, Peter, „Peter Weiss im Gespräch mit A. Alvarez 1965“ in: Karlheinz Braun (ed.), *Materialien zu Peter Weiss‘ >Marat/Sade<*. Frankfurt/M: Suhrkamp,5. Aufl. 1975
    Wolf, Michael, “Theater für den Heimbedarf: Wie Theater politisch wirksam werden kann“, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), *Moralische Anstalt 2.0. Über Theater und politische Bildung*. (= Schriften zu Bildung und Kultur Bd. 13) https://www.boell.de/de/2019/01/30/moralische-anstalt-20-ueber-theater-und-politische-bildung

Versuch über politisches Theater – Teil 3

Die Politik oder das Politische

In der Diskussion darüber, was politisches Theater sei, spielt die Unterscheidung von „Politik“ und dem „Politischen“ ein wesentliche Rolle. Was Fischer-Lichte „Neue Politiken des Ästhetischen“1 nennt, beruht auf dieser Unterscheidung. Die Trennung „der Politik“ von „dem Politischen“ ermöglicht es einer einflußreichen Strömung des gegenwärtigen Theaters, sich von einem „politischen Theater“, das politische Themen oder Inhalte aufgreift, zu distanzieren und sich dennoch als politisch zu verstehen. Deshalb wird hier kurz die Entwicklung dieser Unterscheidung dargestellt2.

a) Herodot und Aristoteles

Die Substantivierung des Adjektivs „politisch“ geht auf die Antike zurück, auf die Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, solche Substantivierungen durch Artikel zu ermöglichen, und auf die Neigung der griechischen Philosophie abstrakte Begriffe mit Hilfe des bestimmten Artikels zu formulieren3. Das Substantiv τὸ πολιτικόν taucht zum ersten Mal bei Herodot auf.

„καίτοι εἰ τὸ πολιτικὸν ὑμῖν πᾶν ἐστι τοιοῦτον οἷον σὺ διαιρέεις“ „und wenn euer ganzes Polis-Wesen so ist, wie du es beschreibst“4

Der persische Herrscher Xerxes unterhält sich mit Demaratos, einem ehemaligen spartanischen König, der zu den Persern übergelaufen ist, über die Kampfstärke der Griechen, gegen die er einen Feldzug plant. Hier wird das Politische mit dem Gemeinwesen, dem Stadtstaat Sparta, gleichgesetzt.

Bei Aristoteles findet sich auch die adverbiale Verwendung von „politikoos“ (πολιτικῶς). Ernst Vollrath stützt sich auf eine Stelle in Athenaion Politeia (Der Staat der Athener),

„Πεισίστρατος … διῴkει τὰ κοινὰ πολιτικῶς μᾶλλον ἤ τυραννικῶς“ (14.3) „Peisistratos habe das Gemeinsame – d.i. die Polis – eher in politischer Weise als in tyrannischer Weise betrieben.“5

um zu zeigen, dass das Politische eine Praktik ist.6 Es meine eine „adverbiale Modalität“, keinen bestimmten Inhalt oder Bereich.7 Dieser adverbiale Gebrauch des Begriffs des Politischen wird  für das Theater im 21. Jahrhundert noch bedeutungsvoll werden.

b) Carl Schmitt und Hannah Arendt

Später werden die Begriffe von Politik und Politischem weitgehend gleichgesetzt8, bis Carl Schmitt 1932 mit seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“ den Anstoß gab, die Kategorie des Politischen genauer zu bestimmten. Für ihn war der begriffliche Gegensatz aber der zwischen Staat und dem „Politischen“. Seine fanfarenhafte Eröffnung war der Satz:

„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus.“9.

„Politik“ wird mit dem Staat identifiziert10. Während das „Politische“ als ein allgemeiner Begriff für eine bestimmte Qualität des Zusammenlebens von Menschen verstanden wird:

„{Das Politische} bezeichnet kein eigenes Sachgebiet, sondern nur den Intensitätsgrad einer Assoziation oder Dissoziation von Menschen.“11.

Die theoretische Gegenspielerin des späteren NS-Juristen Carl Schmitt war Hannah Arendt12. Für sie ist Politik die freie Assoziation von Menschen:

„Der Sinn von Politik ist Freiheit“13,

nicht wie bei Carl Schmitt „die Unterscheidung von Freund und Feind“14. Aber auch Hannah Arendt gibt keine eigenständige Definition des Politischen, die man der Politik gegenüberstellen könnte. Sie verwendet den Begriff des Politischen für „die politische Sphäre“ oder den „Raum des Politischen“15.

c) Paul Ricœur und Claude Lefort

Eine definitorische Abgrenzung von Politik und dem Politischen findet sich etwa gleichzeitig bei Paul Ricoeur 1957:

„Le politique est organisation raisonnable, la politique est décision {…}. Le politique ne va pas sans la politique.“ „Das Politische ist vernünftige Organisation, die Politik hingegen Entscheidung. {…} Das Politische freilich existiert nicht ohne Politik.“16

Ricoeur geht es eigentlich um die Abgrenzung von Politik und Ökonomie. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn 1957 war für ihn der Anlass, den Marxismus zu kritisieren, weil er die Eigenständigkeit des politischen Bereichs ignoriere und somit die Despotie Stalins ermöglicht habe.17 Aber dazu benötigte er einen Begriff von Politik, der nicht die jeweiligen Handlungen meint, sondern den Bereich, in dem politische Handlungen stattfinden, eben das „Politische“, „la politique“.18

Ähnlich wie Ricoeur benötigt Claude Lefort einige Jahrzehnte später den Begriff des Politischen, um Demokratie und Totalitarismus gegenüberzustellen. Dazu benötigt er einen Begriff, der den Bereich meint, in dem eine Gesellschaft sich auf jeweils unterschiedliche Weise herstellt.

„Somit enthüllt sich das Politische nicht in dem, was gemeinhin politisches Handeln genannt wird, sondern in der doppelten Bewegung des Erscheinens und Verbergens der Art und Weise, wie sich Gesellschaft instituiert. Ein Erscheinen in dem Sinne, dass der Prozess, durch den sich die Gesellschaft ordnet und durch ihre Teilungen hindurch vereinigt, sichtbar wird, Verbergung aber in dem Sinne, dass das generische Prinzip der Konfiguration der Gesellschaft verschleiert wird, sobald sich ein Ort der Politik als partikular bezeichnet.“19

So ist der moderne Totalitarismus dadurch charakterisiert, dass „sich die Spuren der Macht, des Rechts und des Wissen gleichsam verquicken.“20, während die Demokratie „sich dadurch instituiert und erhält, dass sie die Grundlage aller Gewissheit auflöst.“21

In dieser zweiten Phase der Entwicklung eines modernen Begriffs des Politischen, nach dem Beginn bei Carl Schmitt, ist er eng mit der Kritik des sowjetischen Totalitarismus verbunden, biographisch vor allem mit der Abgrenzung linker Philosophen vom Stalinismus.22

d) Jean-Luc Godard

In der Folge des Pariser Mai 1968 wird diese Unterscheidung von Politik und dem Politischen weiterentwickelt, weil der Anspruch an politische Wirksamkeit erhalten bleibt, aber auch die Erfahrung der Erfolglosigkeit der Rebellion verarbeitet werden muss. „Die Politik“ wird der Bereich der etablierten staatlichen Mächte, „das Politische“ der Bereich der Kunst. Ein Stadium dieser Entwicklung sind die Äußerungen des Filmregisseurs Jean-Luc Godard. Sein Manifest „Que faire?“ von 1970 erfindet die folgenreiche Unterscheidung zwischen „politisch“ als Adjektiv und „politisch“ als Adverb. Es geht nicht mehr um das künstlerische Produkt als politisches, sondern um den als politisch verstandenen Prozess der Herstellung des Kunstwerks.

„1. Was [sic!] müssen politische Filme machen.
2. Wir müssen politisch Filme machen.
3. 3. 1und 2 verhalten sich antagonistisch zueinander und gehören zu zwei entgegengesetzten Konzeptionen der Welt. …
10. 1 ausführen heißt, ein Wesen der bürgerlichen Klasse bleiben.
11. 2 ausführen heißt, einen proletarischen Klassenstandpunkt einzunehmen. {…}
21. 1 ausführen heißt eine komplette Ansicht von Ereignissen zu geben im Namen der Wahrheit an sich.
22. 2 ausführen heißt, nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.“23

Godards Unterscheidung zwischen „politische Filme machen“ und „politisch Filme machen“ wird immer wieder angeführt gegen ein Theater, das aktuelle politische Themen aufgreift. Godards Text stammt von 1970 und trägt alle Züge der damaligen politischen Diskussion.

In These und Antithese werden die beiden Konzepte (politische Filme machen und politisch Filme machen) gegeneinander gestellt. Aber wenn man liest, wie Godard damals versuchte zu erklären, was er mit „politisch Filme machen“ meint, wird doch deutlich, wie wenig das für heute taugt. Politische Filme machen heißt für ihn „die Schlechtigkeit der Welt beschreiben“. Politisch Filmemachen heißt dagegen, „das Volk im Kampf zeigen.“ Es ist also doch ein Unterschied im Inhalt, im Stoff des im Film Dargestellten. Und wenn er dann mit der Aufforderung schließt, die „Berichte des Genossen Kiang Tsing zu lesen“, wird klar: das ist kein autoritativer Text, auf dem man sich heute berufen könnte. (Wahrscheinlich ist Jiang Qing gemeint, Mao Dzedongs damalige Frau, die aber keine Berichte veröffentlicht hat. Nach dem Tod Maos wurde sie als Mitglied der Viererbande, die die Kulturrevolution vorangetrieben hatte, verurteilt.)

Es gibt nur ein Thesenpaar in diesem Manifest, das in die Zukunft weist: 21., politische Filme machen „heißt eine komplette Ansicht von Ereignissen zu geben im Namen der Wahrheit an sich.“ Und 22., politisch Filme machen heißt, „nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.“ Mit der Forderung nach Unvollständigkeit der Bilder und der Betonung der Relativität der Wahrheit, damit wendet er sich gegen den Dogmatismus der damaligen Linken und zeigt den Weg seiner weiteren ästhetischen Entwicklung.

e) Jean-François Lyotard

Ein weiter Schritt in Richtung auf ein Theater, das das „politische Theater“ ablehnt, sich aber dennoch als politisch versteht, ist Jean-Francois Lyotards Aufsatz „Der Zahn, die Hand“ von 197224. Lyotard versucht darin in einer komplexen Argumentation die semiotische Analyse des Theaters als Zeichensystem zu widerlegen. Dazu geht er auf Marx’ Analyse des Kapitalismus zurück, der das Warenverhältnis als die Austauschbarkeit von allem mit allem analysiert hat. Für Lyotard wird dadurch eine sinnstiftende Zeichenbeziehung zwischen repräsentierenden Zeichen und repräsentiertem Bezeichnetem unmöglich macht. Lyotard nennt dies einen Nihilismus. Er wendet sich dann gegen die Übereinstimmung der verschiedenen Elemente des Theaters, wie sie in der Theorie des japanischen No-Theaters gefordert wird. Er will „die Unabhängigkeit, die Gleichzeitigkeit der Töne/Geräusche, der Wörter, der Körper-Figuren, der Bilder.“25 Auch Brechts marxistische Zeichentheorie des Theaters kritisiert er. Er geht zurück auf den surrealistischen Maler Hans Bellmer, der am Beispiel einer vor Zahnschmerz verkrampften Hand die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem in Frage stellt. Die Hand bezeichnet nicht den Schmerz. Für die „Bewegung der Libido“ seien beide Phänomene gleichwertig, ihre Beziehung umkehrbar. Lyotard plädiert für ein „energetisches Theater“, in dem es keine Zeichenbeziehungen mehr gibt.

Lyotards Aufsatz ist einer der ersten Belege dafür, dass die politische Repräsentation (Volksvertreter für das Volk) in der repräsentativen Demokratie mit der Repräsentation des Bezeichneten (z.B. die fiktive Figur) durch das Bezeichnende (z.B. die reale Schauspielerin) im Theater gleichgesetzt wird und gleichermaßen verworfen wird. Für ihn gilt kategorisch „keine Stellvertretung ist berechtigt.“ 26 Dabei setzt Lyotard die politische Repräsentation mit der „Politik“ gleich, sein Gegenbegriff ist aber noch nicht der des „Politischen“ oder des „politisch Theatermachens“, sondern das „energetische Theater“, ganz im Sinne Antonin Artauds.

„9. Wo man die Zeichenbeziehung und deren Kluft abschafft, wird die Machtbeziehung (die Hierarchie) die Herrschaft des Dramaturgen+Regisseurs+Choreographen +Bühnenbildners über die angeblichen Zeichen und die angeblichen Zuschauer unmöglich.
10. Angebliche Zuschauer, weil der Begriff einer solchen Person oder Funktion einhergeht mit der Vorherrschaft der Repräsentation im gesellschaftlichen Leben und besonders mit dem, was das moderne Abendland Politik nennt.“27

Wird fortgesetzt

  1. Fischer-Lichte a.a.O.
  2. Die Darstellung ist angeregt durch die Arbeiten von Marchart und Primavesi, geht aber über diese Quellen hinaus
  3. z.B. τὸ ἀγαθόν, das Gute bei Aristoteles, das Cicero im Lateinischen umständlich mit „id quod bonum est“ übersetzen muss. Vgl. Bruno Snell, „Die naturwissenschaftliche Begriffsbildung im Griechischen“, in: B.S, Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 5. Aufl 1980, S.208:  „Der bestimmte Artikel  leistet in solchen Substantivierungen Dreifaches: Er fixiert das Undingliche, setzt es als Allgemein-Ding, vereinzelt das Allgemeine aber auch zu einem Bestimmten, über das ich Aussagen machen kann.“
  4. Herodot, Historien. Siebtes Buch. Griechisch/Deutsch. übers. von Christine Ley-Hutton. Stuttgart: Reclam, 2o16, S. 105, Herodot, Historien VII, 103 (1)
  5. Ernst Vollrath, Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen. Würzburg: Königshaus & Neumann, 1987, S. 54
  6. Vollrath geht dabei vom Michael Oakeshotts Begriff der Praktik aus.
  7. Weniger einschlägig ist eine Stelle in Aristoteles Politik, wo die Beziehungen innerhalb des Haushalts (Ökonomie) erklärt werden: der Mann müsse über Frau und Kinder herrschen, aber auf unterschiedliche Weise, „γυναικός μὲν πολιτικῶς τέκνων δὲ βασιλικῶς“ (1259b1). Franz F. Schwarz übersetzt „πολιτικῶς (politikoos)“ mit „über die Frau nach Art eines Staatsmannes“ (Aristoteles, Politik. Schriften zur Staatstheorie. Stuttgart: Reclam, 1989 S. 101), Eugen Rolfes „über das Weib nach Art des Hauptes eines Freistaates“ (Aristoteles, Politik. Hamburg: Meiner, 4. Aufl. 1981 S.26)
  8. Ernst Vollrath hat in seinem Lexikon-Eintrag „Politisch, das Politische“ die Begriffsgeschichte detailliert nachgezeichnet. Ernst Vollrath, Lemma „Politisch, das Politische“, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie hg. v. Joachim Ritter & Karlfried Gründer. Bd.7 P-Q, Basel: Schwabe, 1989 S. 1072-1075
  9. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien. Berlin: Duncker und Humblot, 9. Aufl. 2015
  10. Ernst Vollrath hat in einer ausführlichen Studie nachgewiesen, wie sehr der Begriff des Politischen in Deutschland immer mit dem Staat identifiziert wurde. „Die deutsche politische Wahrnehmung ist so gut wie ausschließlich auf den Staat bezogen, so dass das Politische in absorptiver Identifikation mit dem Staat erblickt wird und sich zeigt.“ Ernst Vollrath, Was ist das Politische. Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S.115
  11. Carl Schmitt a.a.O., S.36. Carl Schmitts Definition des Politischen ist der Ausgangspunkt für jegliche Diskussion des Begriffs: kritisch z.B. bei Ernst Vollrath, der aus Schmitts Bestimmung des Politischen allein durch die Dissoziation, d.h. durch das Freund-Feind-Verhältnis, Schmitts spätere Rechtfertigung des Führer-Prinzip als Moment der Assoziation im Politischen ableitet. vgl. Vollrath 1987 S. 37f. Oder zustimmend bei Christian Meier: „Carl Schmitt spricht sehr treffend von einem Beziehungs- und Spannungsfeld. Was vorher in der Substanz des Staates versammelt war, ist auf Grund von dessen Dezentration zunehmend hinausgelagert worden zwischen die Vielfalt der Kräfte und Relationen, und der Begriff des Politischen sucht dieser Lage  … gerecht zu werden.“ Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen. Frankfurt/M: Suhrkamp, 2. Aufl  1989, S. 36
  12. Ernst Vollrath war Teilnehmer von Hannah Arendts Seminaren an der New School for Social Research in New York. G.P. war nur Student von Ernst Vollrath in einem Seminar in Köln.
  13. Hannah Arendt, Was ist Politik?. München: Piper, 1993 S.28, In einem erst aus dem Nachlass veröffentlichten Fragment, entstanden etwa 1958
  14. Carl Schmitt a.a.O. S.19
  15. Arendt a.a.O. S, 53. Politik und das Politische können bei ihr auch synonym verwendet werden z.B. „… der Sinn von Politik, und zwar das Heil wie das Unheil des Politischen“ S. 42
  16. Paul Ricœur, „Das politische Paradox“, in: P.R., Geschichte und Wahrheit. übers. v. Romain Leick. München: List, 1974. Zuerst frz. „Le paradoxe politique“, in: Esprit 25 (1957), S. 721-745
  17. „Nur eine politische Philosophie, die die Spezifität des Politischen – die Spezifität seiner Funktion und die Spezifität seines Übels – erkannt hat, ist in der Lage, das Problem der politischen Kontrolle korrekt zu stellen.“ Ricoeur a.a.O. S.265
  18.  In den späteren  Fassungen der politische Differenz von „le/la politique“ bei Alain Badiou oder Rancière wird aber bestritten, dass „le politique“ die vernünftige Organisation der Gesellschaft meint.
  19. Claude Lefort, „Die Frage der Demokratie“, in: Ulrich Rödel (Hg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie. Übers. v. Katharina Menke. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1990, zuerst frz. in: Claude Lefort, Le retrait du politique, Paris 1983) S. 284
  20. Lefort S.287
  21. Lefort, ibid. S.296
  22. Lefort war in den 1940er Jahren Mitglied der trotzkistischen IV. Internationale
  23. Jean-Luc Godard, „Was tun?“ in: Godard/Kritiker. Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970). Auswahl und Übersetzung von Frieda Grafe. München: Hanser, 1971, p.186-188 {zuerst engl.: afterimage Nr. 1 April 1970 „1. We must make political films. 2. We must make films politically.“}
  24. Jean-Francois Lyotard, „Der Zahn, die Hand“, in: Essays zu einer affirmativen Ästhetik. Berlin: Merve, 1982 S. 11-23 {zuerst frz. „Le Dent, la Paume“, 1972}
  25. Lyotard, a.a.O. S. 21
  26. Lyotard, a.a.O. S.11
  27. Lyotard, a.a.O. S.21