Versuch über politisches Theater – Teil 3

Die Politik oder das Politische

In der Diskussion darüber, was politisches Theater sei, spielt die Unterscheidung von „Politik“ und dem „Politischen“ ein wesentliche Rolle. Was Fischer-Lichte „Neue Politiken des Ästhetischen“1 nennt, beruht auf dieser Unterscheidung. Die Trennung „der Politik“ von „dem Politischen“ ermöglicht es einer einflußreichen Strömung des gegenwärtigen Theaters, sich von einem „politischen Theater“, das politische Themen oder Inhalte aufgreift, zu distanzieren und sich dennoch als politisch zu verstehen. Deshalb wird hier kurz die Entwicklung dieser Unterscheidung dargestellt2.

a) Herodot und Aristoteles

Die Substantivierung des Adjektivs „politisch“ geht auf die Antike zurück, auf die Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, solche Substantivierungen durch Artikel zu ermöglichen, und auf die Neigung der griechischen Philosophie abstrakte Begriffe mit Hilfe des bestimmten Artikels zu formulieren3. Das Substantiv τὸ πολιτικόν taucht zum ersten Mal bei Herodot auf.

„καίτοι εἰ τὸ πολιτικὸν ὑμῖν πᾶν ἐστι τοιοῦτον οἷον σὺ διαιρέεις“ „und wenn euer ganzes Polis-Wesen so ist, wie du es beschreibst“4

Der persische Herrscher Xerxes unterhält sich mit Demaratos, einem ehemaligen spartanischen König, der zu den Persern übergelaufen ist, über die Kampfstärke der Griechen, gegen die er einen Feldzug plant. Hier wird das Politische mit dem Gemeinwesen, dem Stadtstaat Sparta, gleichgesetzt.

Bei Aristoteles findet sich auch die adverbiale Verwendung von „politikoos“ (πολιτικῶς). Ernst Vollrath stützt sich auf eine Stelle in Athenaion Politeia (Der Staat der Athener),

„Πεισίστρατος … διῴkει τὰ κοινὰ πολιτικῶς μᾶλλον ἤ τυραννικῶς“ (14.3) „Peisistratos habe das Gemeinsame – d.i. die Polis – eher in politischer Weise als in tyrannischer Weise betrieben.“5

um zu zeigen, dass das Politische eine Praktik ist.6 Es meine eine „adverbiale Modalität“, keinen bestimmten Inhalt oder Bereich.7 Dieser adverbiale Gebrauch des Begriffs des Politischen wird  für das Theater im 21. Jahrhundert noch bedeutungsvoll werden.

b) Carl Schmitt und Hannah Arendt

Später werden die Begriffe von Politik und Politischem weitgehend gleichgesetzt8, bis Carl Schmitt 1932 mit seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“ den Anstoß gab, die Kategorie des Politischen genauer zu bestimmten. Für ihn war der begriffliche Gegensatz aber der zwischen Staat und dem „Politischen“. Seine fanfarenhafte Eröffnung war der Satz:

„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus.“9.

„Politik“ wird mit dem Staat identifiziert10. Während das „Politische“ als ein allgemeiner Begriff für eine bestimmte Qualität des Zusammenlebens von Menschen verstanden wird:

„{Das Politische} bezeichnet kein eigenes Sachgebiet, sondern nur den Intensitätsgrad einer Assoziation oder Dissoziation von Menschen.“11.

Die theoretische Gegenspielerin des späteren NS-Juristen Carl Schmitt war Hannah Arendt12. Für sie ist Politik die freie Assoziation von Menschen:

„Der Sinn von Politik ist Freiheit“13,

nicht wie bei Carl Schmitt „die Unterscheidung von Freund und Feind“14. Aber auch Hannah Arendt gibt keine eigenständige Definition des Politischen, die man der Politik gegenüberstellen könnte. Sie verwendet den Begriff des Politischen für „die politische Sphäre“ oder den „Raum des Politischen“15.

c) Paul Ricœur und Claude Lefort

Eine definitorische Abgrenzung von Politik und dem Politischen findet sich etwa gleichzeitig bei Paul Ricoeur 1957:

„Le politique est organisation raisonnable, la politique est décision {…}. Le politique ne va pas sans la politique.“ „Das Politische ist vernünftige Organisation, die Politik hingegen Entscheidung. {…} Das Politische freilich existiert nicht ohne Politik.“16

Ricoeur geht es eigentlich um die Abgrenzung von Politik und Ökonomie. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn 1957 war für ihn der Anlass, den Marxismus zu kritisieren, weil er die Eigenständigkeit des politischen Bereichs ignoriere und somit die Despotie Stalins ermöglicht habe.17 Aber dazu benötigte er einen Begriff von Politik, der nicht die jeweiligen Handlungen meint, sondern den Bereich, in dem politische Handlungen stattfinden, eben das „Politische“, „la politique“.18

Ähnlich wie Ricoeur benötigt Claude Lefort einige Jahrzehnte später den Begriff des Politischen, um Demokratie und Totalitarismus gegenüberzustellen. Dazu benötigt er einen Begriff, der den Bereich meint, in dem eine Gesellschaft sich auf jeweils unterschiedliche Weise herstellt.

„Somit enthüllt sich das Politische nicht in dem, was gemeinhin politisches Handeln genannt wird, sondern in der doppelten Bewegung des Erscheinens und Verbergens der Art und Weise, wie sich Gesellschaft instituiert. Ein Erscheinen in dem Sinne, dass der Prozess, durch den sich die Gesellschaft ordnet und durch ihre Teilungen hindurch vereinigt, sichtbar wird, Verbergung aber in dem Sinne, dass das generische Prinzip der Konfiguration der Gesellschaft verschleiert wird, sobald sich ein Ort der Politik als partikular bezeichnet.“19

So ist der moderne Totalitarismus dadurch charakterisiert, dass „sich die Spuren der Macht, des Rechts und des Wissen gleichsam verquicken.“20, während die Demokratie „sich dadurch instituiert und erhält, dass sie die Grundlage aller Gewissheit auflöst.“21

In dieser zweiten Phase der Entwicklung eines modernen Begriffs des Politischen, nach dem Beginn bei Carl Schmitt, ist er eng mit der Kritik des sowjetischen Totalitarismus verbunden, biographisch vor allem mit der Abgrenzung linker Philosophen vom Stalinismus.22

d) Jean-Luc Godard

In der Folge des Pariser Mai 1968 wird diese Unterscheidung von Politik und dem Politischen weiterentwickelt, weil der Anspruch an politische Wirksamkeit erhalten bleibt, aber auch die Erfahrung der Erfolglosigkeit der Rebellion verarbeitet werden muss. „Die Politik“ wird der Bereich der etablierten staatlichen Mächte, „das Politische“ der Bereich der Kunst. Ein Stadium dieser Entwicklung sind die Äußerungen des Filmregisseurs Jean-Luc Godard. Sein Manifest „Que faire?“ von 1970 erfindet die folgenreiche Unterscheidung zwischen „politisch“ als Adjektiv und „politisch“ als Adverb. Es geht nicht mehr um das künstlerische Produkt als politisches, sondern um den als politisch verstandenen Prozess der Herstellung des Kunstwerks.

„1. Was [sic!] müssen politische Filme machen.
2. Wir müssen politisch Filme machen.
3. 3. 1und 2 verhalten sich antagonistisch zueinander und gehören zu zwei entgegengesetzten Konzeptionen der Welt. …
10. 1 ausführen heißt, ein Wesen der bürgerlichen Klasse bleiben.
11. 2 ausführen heißt, einen proletarischen Klassenstandpunkt einzunehmen. {…}
21. 1 ausführen heißt eine komplette Ansicht von Ereignissen zu geben im Namen der Wahrheit an sich.
22. 2 ausführen heißt, nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.“23

Godards Unterscheidung zwischen „politische Filme machen“ und „politisch Filme machen“ wird immer wieder angeführt gegen ein Theater, das aktuelle politische Themen aufgreift. Godards Text stammt von 1970 und trägt alle Züge der damaligen politischen Diskussion.

In These und Antithese werden die beiden Konzepte (politische Filme machen und politisch Filme machen) gegeneinander gestellt. Aber wenn man liest, wie Godard damals versuchte zu erklären, was er mit „politisch Filme machen“ meint, wird doch deutlich, wie wenig das für heute taugt. Politische Filme machen heißt für ihn „die Schlechtigkeit der Welt beschreiben“. Politisch Filmemachen heißt dagegen, „das Volk im Kampf zeigen.“ Es ist also doch ein Unterschied im Inhalt, im Stoff des im Film Dargestellten. Und wenn er dann mit der Aufforderung schließt, die „Berichte des Genossen Kiang Tsing zu lesen“, wird klar: das ist kein autoritativer Text, auf dem man sich heute berufen könnte. (Wahrscheinlich ist Jiang Qing gemeint, Mao Dzedongs damalige Frau, die aber keine Berichte veröffentlicht hat. Nach dem Tod Maos wurde sie als Mitglied der Viererbande, die die Kulturrevolution vorangetrieben hatte, verurteilt.)

Es gibt nur ein Thesenpaar in diesem Manifest, das in die Zukunft weist: 21., politische Filme machen „heißt eine komplette Ansicht von Ereignissen zu geben im Namen der Wahrheit an sich.“ Und 22., politisch Filme machen heißt, „nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.“ Mit der Forderung nach Unvollständigkeit der Bilder und der Betonung der Relativität der Wahrheit, damit wendet er sich gegen den Dogmatismus der damaligen Linken und zeigt den Weg seiner weiteren ästhetischen Entwicklung.

e) Jean-François Lyotard

Ein weiter Schritt in Richtung auf ein Theater, das das „politische Theater“ ablehnt, sich aber dennoch als politisch versteht, ist Jean-Francois Lyotards Aufsatz „Der Zahn, die Hand“ von 197224. Lyotard versucht darin in einer komplexen Argumentation die semiotische Analyse des Theaters als Zeichensystem zu widerlegen. Dazu geht er auf Marx’ Analyse des Kapitalismus zurück, der das Warenverhältnis als die Austauschbarkeit von allem mit allem analysiert hat. Für Lyotard wird dadurch eine sinnstiftende Zeichenbeziehung zwischen repräsentierenden Zeichen und repräsentiertem Bezeichnetem unmöglich macht. Lyotard nennt dies einen Nihilismus. Er wendet sich dann gegen die Übereinstimmung der verschiedenen Elemente des Theaters, wie sie in der Theorie des japanischen No-Theaters gefordert wird. Er will „die Unabhängigkeit, die Gleichzeitigkeit der Töne/Geräusche, der Wörter, der Körper-Figuren, der Bilder.“25 Auch Brechts marxistische Zeichentheorie des Theaters kritisiert er. Er geht zurück auf den surrealistischen Maler Hans Bellmer, der am Beispiel einer vor Zahnschmerz verkrampften Hand die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem in Frage stellt. Die Hand bezeichnet nicht den Schmerz. Für die „Bewegung der Libido“ seien beide Phänomene gleichwertig, ihre Beziehung umkehrbar. Lyotard plädiert für ein „energetisches Theater“, in dem es keine Zeichenbeziehungen mehr gibt.

Lyotards Aufsatz ist einer der ersten Belege dafür, dass die politische Repräsentation (Volksvertreter für das Volk) in der repräsentativen Demokratie mit der Repräsentation des Bezeichneten (z.B. die fiktive Figur) durch das Bezeichnende (z.B. die reale Schauspielerin) im Theater gleichgesetzt wird und gleichermaßen verworfen wird. Für ihn gilt kategorisch „keine Stellvertretung ist berechtigt.“ 26 Dabei setzt Lyotard die politische Repräsentation mit der „Politik“ gleich, sein Gegenbegriff ist aber noch nicht der des „Politischen“ oder des „politisch Theatermachens“, sondern das „energetische Theater“, ganz im Sinne Antonin Artauds.

„9. Wo man die Zeichenbeziehung und deren Kluft abschafft, wird die Machtbeziehung (die Hierarchie) die Herrschaft des Dramaturgen+Regisseurs+Choreographen +Bühnenbildners über die angeblichen Zeichen und die angeblichen Zuschauer unmöglich.
10. Angebliche Zuschauer, weil der Begriff einer solchen Person oder Funktion einhergeht mit der Vorherrschaft der Repräsentation im gesellschaftlichen Leben und besonders mit dem, was das moderne Abendland Politik nennt.“27

Wird fortgesetzt

  1. Fischer-Lichte a.a.O.
  2. Die Darstellung ist angeregt durch die Arbeiten von Marchart und Primavesi, geht aber über diese Quellen hinaus
  3. z.B. τὸ ἀγαθόν, das Gute bei Aristoteles, das Cicero im Lateinischen umständlich mit „id quod bonum est“ übersetzen muss. Vgl. Bruno Snell, „Die naturwissenschaftliche Begriffsbildung im Griechischen“, in: B.S, Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 5. Aufl 1980, S.208:  „Der bestimmte Artikel  leistet in solchen Substantivierungen Dreifaches: Er fixiert das Undingliche, setzt es als Allgemein-Ding, vereinzelt das Allgemeine aber auch zu einem Bestimmten, über das ich Aussagen machen kann.“
  4. Herodot, Historien. Siebtes Buch. Griechisch/Deutsch. übers. von Christine Ley-Hutton. Stuttgart: Reclam, 2o16, S. 105, Herodot, Historien VII, 103 (1)
  5. Ernst Vollrath, Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen. Würzburg: Königshaus & Neumann, 1987, S. 54
  6. Vollrath geht dabei vom Michael Oakeshotts Begriff der Praktik aus.
  7. Weniger einschlägig ist eine Stelle in Aristoteles Politik, wo die Beziehungen innerhalb des Haushalts (Ökonomie) erklärt werden: der Mann müsse über Frau und Kinder herrschen, aber auf unterschiedliche Weise, „γυναικός μὲν πολιτικῶς τέκνων δὲ βασιλικῶς“ (1259b1). Franz F. Schwarz übersetzt „πολιτικῶς (politikoos)“ mit „über die Frau nach Art eines Staatsmannes“ (Aristoteles, Politik. Schriften zur Staatstheorie. Stuttgart: Reclam, 1989 S. 101), Eugen Rolfes „über das Weib nach Art des Hauptes eines Freistaates“ (Aristoteles, Politik. Hamburg: Meiner, 4. Aufl. 1981 S.26)
  8. Ernst Vollrath hat in seinem Lexikon-Eintrag „Politisch, das Politische“ die Begriffsgeschichte detailliert nachgezeichnet. Ernst Vollrath, Lemma „Politisch, das Politische“, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie hg. v. Joachim Ritter & Karlfried Gründer. Bd.7 P-Q, Basel: Schwabe, 1989 S. 1072-1075
  9. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien. Berlin: Duncker und Humblot, 9. Aufl. 2015
  10. Ernst Vollrath hat in einer ausführlichen Studie nachgewiesen, wie sehr der Begriff des Politischen in Deutschland immer mit dem Staat identifiziert wurde. „Die deutsche politische Wahrnehmung ist so gut wie ausschließlich auf den Staat bezogen, so dass das Politische in absorptiver Identifikation mit dem Staat erblickt wird und sich zeigt.“ Ernst Vollrath, Was ist das Politische. Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S.115
  11. Carl Schmitt a.a.O., S.36. Carl Schmitts Definition des Politischen ist der Ausgangspunkt für jegliche Diskussion des Begriffs: kritisch z.B. bei Ernst Vollrath, der aus Schmitts Bestimmung des Politischen allein durch die Dissoziation, d.h. durch das Freund-Feind-Verhältnis, Schmitts spätere Rechtfertigung des Führer-Prinzip als Moment der Assoziation im Politischen ableitet. vgl. Vollrath 1987 S. 37f. Oder zustimmend bei Christian Meier: „Carl Schmitt spricht sehr treffend von einem Beziehungs- und Spannungsfeld. Was vorher in der Substanz des Staates versammelt war, ist auf Grund von dessen Dezentration zunehmend hinausgelagert worden zwischen die Vielfalt der Kräfte und Relationen, und der Begriff des Politischen sucht dieser Lage  … gerecht zu werden.“ Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen. Frankfurt/M: Suhrkamp, 2. Aufl  1989, S. 36
  12. Ernst Vollrath war Teilnehmer von Hannah Arendts Seminaren an der New School for Social Research in New York. G.P. war nur Student von Ernst Vollrath in einem Seminar in Köln.
  13. Hannah Arendt, Was ist Politik?. München: Piper, 1993 S.28, In einem erst aus dem Nachlass veröffentlichten Fragment, entstanden etwa 1958
  14. Carl Schmitt a.a.O. S.19
  15. Arendt a.a.O. S, 53. Politik und das Politische können bei ihr auch synonym verwendet werden z.B. „… der Sinn von Politik, und zwar das Heil wie das Unheil des Politischen“ S. 42
  16. Paul Ricœur, „Das politische Paradox“, in: P.R., Geschichte und Wahrheit. übers. v. Romain Leick. München: List, 1974. Zuerst frz. „Le paradoxe politique“, in: Esprit 25 (1957), S. 721-745
  17. „Nur eine politische Philosophie, die die Spezifität des Politischen – die Spezifität seiner Funktion und die Spezifität seines Übels – erkannt hat, ist in der Lage, das Problem der politischen Kontrolle korrekt zu stellen.“ Ricoeur a.a.O. S.265
  18.  In den späteren  Fassungen der politische Differenz von „le/la politique“ bei Alain Badiou oder Rancière wird aber bestritten, dass „le politique“ die vernünftige Organisation der Gesellschaft meint.
  19. Claude Lefort, „Die Frage der Demokratie“, in: Ulrich Rödel (Hg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie. Übers. v. Katharina Menke. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1990, zuerst frz. in: Claude Lefort, Le retrait du politique, Paris 1983) S. 284
  20. Lefort S.287
  21. Lefort, ibid. S.296
  22. Lefort war in den 1940er Jahren Mitglied der trotzkistischen IV. Internationale
  23. Jean-Luc Godard, „Was tun?“ in: Godard/Kritiker. Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970). Auswahl und Übersetzung von Frieda Grafe. München: Hanser, 1971, p.186-188 {zuerst engl.: afterimage Nr. 1 April 1970 „1. We must make political films. 2. We must make films politically.“}
  24. Jean-Francois Lyotard, „Der Zahn, die Hand“, in: Essays zu einer affirmativen Ästhetik. Berlin: Merve, 1982 S. 11-23 {zuerst frz. „Le Dent, la Paume“, 1972}
  25. Lyotard, a.a.O. S. 21
  26. Lyotard, a.a.O. S.11
  27. Lyotard, a.a.O. S.21

Theater und politische Theologie – Die zwei Körper des Königs

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Rezension der Einleitung von  Peter W. Marx, Macht |Spiele. Politisches Theater seit 1919. Alexander Verlag Berlin 2020, 223 S. 1

Peter W. Marx will mit seinem neuen Buch „Macht|Spiele. Politisches Theater seit 1919“ exemplarisch nachvollziehen, wie die verschiedenen „Denkfiguren“ sich entwickelt haben, mit denen die sich wandelnden staatlichen Machtverhältnisse in Deutschland seit dem Ende des ersten Weltkrieges auf den Theatern „bedacht“, in sinnlich anschaulicher Form betrachtet und untersucht werden. Dabei ist das Verhältnis von Theater(spiel) und Macht ein wechselseitiges: die Macht inszeniert sich in der Politik, stellt sich zur Schau und das Theater inszeniert Macht (und deren Selbstinszenierung) in der Fiktion auf der Bühne. Die „Spannung zwischen den Inszenierungen von Macht und Politik und den theatral-fiktiven Reflexionen“ 2 nennt Marx die „Grundachse“ seiner Darstellung. Die Konzentration der Darstellung der Geschichte des politischen Theaters in Deutschland auf diese Denkfiguren und ihre Konkretisation auf exemplarische Inszenierungen ist der große Vorzug diese Buches gegenüber anderen theatergeschichtlichen Darstellungen. 3. Peter W. Marx‘ Verständnis von Theatergeschichte als Sozialgeschichte wird durch diese konzentrierte Darstellungsweise bestätigt. Und da sie über faktenhuberische Nacherzählung von Vergangenem hinausgeht zur Darstellung intellektueller und politischer Strömungen, regt sie an und reizt zur Auseinandersetzung.

In seiner „Einleitung“ stellt Marx den theoretischen Ausgangspunkt seiner Untersuchungen dar. Dazu einige Anmerkungen:

Body politic – Staatskörper oder Politikerkörper?

Um die „Formen politischer Kommunikation“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verstehen, beruft sich Marx auf Ernst H. Kantorowiczs historische Analyse der Theorie der zwei Körper des Königs 4. Marx findet bei Kantorowicz die Beschreibung einer „Praxis der sinnlichen Verdopplung des Herrscherkörpers“. Kantorowicz zeigt diese Praxis tatsächlich an vielen Beispielen von Herrscherbildern, Münzen, Gemälden, Trauerzügen 5, Grabplatten. Aber die Grundlage dafür bietet eine juristische Argumentation mittelalterlicher Rechtsexperten, die Kantorowicz in vielen Details nachzeichnet. Es geht in dieser Theorie, die vor allem bei den Juristen des elisabethanischen Englands eine Rolle spielte, um die juristische Sicherung der Kontinuität des Staates. Die imaginäre Verdopplung des Herrscherkörpers war ein notwendiges Stadium in der Herausbildung des Bewusstseins, was ein Staat ist, dass ein Staat besteht und nicht nur ein Herrscher herrscht.6

Für das abstrakte Gebilde des Staates, der aus einem Gefüge verschiedener Institutionen, Rechtsvorstellungen und Personen besteht, verwendete man seit den Römern 7 die Metapher des Körpers 8. Kantorowicz weist nach, wie christliche Theologie die Übertragung dieser Vorstellung auf die Monarchen Europas möglich machte. Kantorowicz zeigt aber auch, dass die Fortführung dieser mittelalterlichen Theorie in der Renaissance vor allem auf England beschränkt blieb und betont, dass dieses Theorie in Deutschland keine Rolle spielte. 9 Der englische Historiker Quentin Skinner bedauert, dass Kantorowicz seine Untersuchungen nicht über den Beginn des 17. Jh. hinaus fortgesetzt hat, denn dann hätte er die Ersetzung der Theorie der zwei Körper durch andere Begründungen der Staatlichkeit festgestellt 10 Marx aber überträgt die Theorie der zwei Körper des Herrschers auf Wilhelm II. Ihm sei es um die „Erzeugung eines virtuellen body politic“ gegangen, um die „mediale Verdopplung des Kaiserkörpers“. Marx interessiert also die mediale, bildliche Repräsentanz des Herrschers. Der „body politic“ im Sinne der englischsprachigen Staatstheorie ist aber das gesamte Staatswesen, nicht nur die medial vermittelte Präsentation eines Herrschers. Kantorowicz eindringliches Bild der zwei Körper eignet sich nicht, um die modernen Mechanismen der Darstellung von Macht zu analysieren. Die mittelalterliche Zwei-Körper-Lehre kann nicht gleichgesetzt werden mit der modernen Unterscheidung zwischen dem realen Körper von Regierenden und dessen Abbildung in den Medien. 11.

Deutschland war zur Zeit Wilhelms II. eine sich rasend schnell entwickelnde Nation mit vielfältigen, starken politischen Strömungen, einem hochentwickelten bürokratischen Apparat, dessen Modernität nur durch die glitzernde feudale Oberfläche verdeckt wurde – eine zutiefst heuchlerische staatliche Struktur 12, aber kein mittelalterliches Kaisertum und keine absolutistische Monarchie. Die Theorie, dass der Staat eine juristische Person ist, die „sich in und nicht über das Recht stellt“, also ein Rechtsstaat, in dem das Volk die letzte Quelle des Rechts ist und der Monarch nur ein Organ dieser Gesamtpersönlichkeit, war in der deutschen Rechtswissenschaft von Otto Gierke längst entwickelt worden, kam aber in der politischen Wirklichkeit nicht zum Zuge. 13.

Marx illustriert seine Auffassung mit dem bekannten, 1919 veröffentlichten Titelbild einer Illustrierten, das Reichspräsident Ebert und Innenminister Noske in Badehosen zeigt, und resümiert „Die Nacktheit des body natural disqualifiziert den neuen body politic.“ 14 Es geht also darum, wie das Bild der Körper der Repräsentanten des Staates von ihren Gegnern in der öffentlichen Auseinandersetzung durch die Medien eingesetzt wird. Die Körper-Metapher für den „unsterblichen“ Staat als Ganzes, der mit body politic in der Theorie der zwei Körper des Königs gemeint ist, spielt dabei eigentlich keine Rolle.

Vom Körper zum Staat und zurück

Peter W. Marx beruft sich auf Hans Beltings Rezeption der von Kantorowicz dargestellten Theorie der zwei Körper des Königs.15 Belting zeigt zu Recht, dass jeder menschliche Körper selbst ein Bild ist, noch bevor er in einem Bild nachgebildet wird 16. In Beltings Zusammenfassung von Kantorowicz’ Kapitel über „Effigies“ zeigt sich aber auch die terminologische Verwirrung. Eine „Effigies“ war eine Puppe, die bei der Beerdigung des Königs an Stelle des toten Herrschers die Insignien der Macht trug und zusätzlich zum Sarg beim Leichenzug mitgeführt wurde Diese Praxis war zunächst in England bei Edward II, dann im 16. und 17. Jahrhundert in Frankreich üblich. Belting schreibt, es gebe dabei „zwei Körper, die man in einer Amtsperson trennte, einmal um den natürlichen Körper, der sterblich war, und dann um den Amtskörper, der von einem lebenden Träger auf den nächsten übertragen wurde und dadurch Unsterblichkeit erlangte“ 17. Kantorowicz legte ausführlich dar, welche verschiedenen Begriffe für das, was Belting „Amtskörper“ nennt, im Umlauf waren: „corpus mysticum“, „universitas“, „corona“, „body politic“. Im Zusammenhang mit den effigies wird der Begriff dignitas verwendet. 18 Es ist die „Amtswürde“ (d.h. dignitas), wie Belting zwei Sätze später schreibt, die vom Körper des verstorbenen Königs auf die Puppe, die effigies, übertragen wird. Kantorowicz selbst greift auf die Metapher des „body politic“ zurück, wenn er anschließend schreibt „Die im lebenden Körper vereinten zwei Körper wurden nach seinem[des Königs] Ableben sichtbar getrennt.“ 19 Das immer vielfältiger sich ausbildende Gemeinwesen mit seinen Institutionen war immer noch an die Person des Herrschers gebunden. Das Abstraktum des Staates musste in einem menschlichen Körper sichtbar gemacht werden, so wurde „Körper“ (body) der anthropomorphe Begriff für dieses abstrakte Gemeinschaftsgebilde . Belting zeigt an vielen historischen und aktuellen Beispielen die Krise des Körperbildes und ihre Reflexion in der Kunst. Die Theorie der zwei Körper des Königs aber ist eine lange überwundener Phase der Entwicklungsgeschichte des Begriffs des Staates. Der moderne Staat wird nicht mehr verkörpert in einer Person. Er hat nur Repräsentanten, gewählte Personen, deren Körperbilder in der visuellen Kommunikation den allgemeinen Mechanismen des Bildermarktes unterliegen.

In seinem Kapitel über weibliche Machtfiguren auf dem Theater („Die Provokation des Female Body Politic“)20 wendet Marx den Begriff „body politic“ auf die äußere Erscheinung einer Person der Macht an: es geht um die Frisuren des Bundeskanzlers Schröder und der Bundeskanzlerin Merkel. Dass die Darstellung des Körpers von Politikern in den Medien einer demokratischen Gesellschaft eine Rolle spielt, ist offensichtlich. Dass die Darstellung des Körpers von Politikerinnen (und ihrer Selbstdarstellung) den Mechanismen einer patriarchalischen Tradition ausgesetzt ist, ist auch erkennbar und bedauerlich. Aber Politiker sind keine Könige und Politikerinnen keine Königinnen.

Die Karriere eines mittelalterlichen theologischen Begriffes, der in der Renaissance von den Juristen zur Unterscheidung zwischen dem Herrscher und dem Staatswesen ausgebaut wurde, auf dem Theater ist erstaunlich 21. Die Bemühungen der Juristen, aus undeutlichen Metaphern saubere Rechtsbegriffe zu bilden, werden zurückgeführt auf ihren bildlichen Ursprung. Das ist ein Beispiel für die krummen Wege der Visualisierung gesellschaftlicher Kommunikation.

Wer antwortet auf Carl Schmitt?

Peter Marx stellt Max Weber und Carl Schmitt als die beiden Repräsentanten des politischen Staatsverständnisses der Weimarer Republik gegenüber. 22 Peter Marx findet diesen Gegensatz aber auch noch in der Bonner Republik und führt dafür das bekannte Böckenförde-Diktum an, dass der Staat auf Voraussetzungen beruhe, die er nicht garantieren könne. Böckenförde hat wirklich das Kunststück vollbracht, Carl Schmitts Theorie des Politischen und seine Staatstheorie liberal zu interpretieren und als Verfassungsrichter in eine liberale Entscheidungspraxis umzusetzen.23 Das berühmte Böckenförde-Diktum war von ihm vor allem als Appell an die Christen gedacht, die Erhaltung der Freiheit durch den Staat auch als ihre Aufgabe zu betrachten 24. Böckenförde war schließlich auch ein SPD-Politiker. Er war der seltene Fall eines liberalen katholischen Staatsrechtlers, der auch bereit war, sich gegen die Kirchenhierarchie zu stellen.

Aber Böckenfördes Diktum ist weniger eine „Antwort auf Carl Schmitt“ 25 als dessen Fortsetzung unter den Bedingungen der Bonner Republik. Böckenförde verstand sich als Schüler Schmitts. Er berief sich dabei natürlich nur auf dessen Arbeiten in der frühen Weimarer Republik, nicht auf seine NS-Traktate in den ersten Jahren des Dritten Reiches. Aus Schmitts schroffer Ablehnung jeder Art von Pluralismus wird dabei bei Böckenförde der vorsichtige Hinweis auf eine „relative Homogenität“ als Voraussetzung des Staates 26. Als Antwort auf Carl Schmitt kann man eher die Theorie Chantal Mouffes verstehen, die Schmitt zustimmt in der Anerkennung der Notwendigkeit einer Homogenität in einer Demokratie (die sie dann um der Abgrenzung von Schmitt willen „commonality“ nennt). Aber für sie ist diese Homogenität das Ergebnis eines Prozesses in einem Konfliktfeld widerstreitender Kräfte. 27. Diese Theorie wird auch des Öfteren zur Rechtfertigung die Konflikte zuspitzenden Konzepte des aktuellen politischen Theaters verwendet 28.

 

 

  1. Der Begriff der „politischen Theologie“ wird hier in Anlehnung an Carl Schmitts Aufsatz, Politische Theologie.Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. zuerst 1922 (2021. 11., korr. Aufl. 72 S.) verwendet. Er bezieht sich nicht auf die in der protestantischen Theologie debattierte Zwei-Reiche-Lehre. Vgl. Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit (1523). https://www.projekt-gutenberg.org/luther/weltobri/weltobri.html
  2. Marx, S.8
  3. Siegfried Melchinger, Geschichte des politischen Theaters. Velber: Friedrich Verlag, 1971 oder Manfred Brauneck, Die Deutschen und ihr Theater. Kleine Geschichte der „moralischen Anstalt“ oder ist das Theater überfordert? Bielefeld. transcript Verlag, 2018
  4. Ernst H. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. München: dtv, 1990. zuerst engl. Princeton 1957
  5. vgl. das Kapitel „Le Roy est mort“ bei Kantorowicz S. 405-432, das die Begräbnisriten der französischen Könige beschreibt
  6. So versteht auch Ernst Vollrath Kantorowiczs Formel der zwei Körper des Königs, als eine Zwischenstufe in der Herausbildung des modernen Begriffs des Staates. Vollrath nennt den überindividuellen Körper des Königs, die „Anstaltsperson“, die im Prozess der Herausbildung des Staates den Personencharakter verliert und zur reinen „Anstalt“ wird. Zur Herausbildung des Staates als eines modernen politischen Verbandes gehört die Auflösung der „Doppelpersonalität“.  „Person und Institution beginnen sich zu unterscheiden, zuerst noch personal, aber das wird zur Voraussetzung, dass sie sich auch institutionell voneinander trennen, was allerdings bei Kantorowicz nicht vollzogen wird.“ S. 210. Ernst Vollrath, Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner  Wahrnehmung. Würzburg: Königshauses & Neumann, 2003, S.100f, 210
  7. Livius berichtet von der Fabel des Menenius Agrippa: „tempore quo in homine non ut nunc omnia in unum consentiant, sed singulis membris suum cuique consilium, suus sermo fuerit, indignatas reliquas partes sua cura, suo labore ac ministerio ventri omnia quaeri, ventrem in medio quietum nihil aliud quam datis voluptatibus frui; conspirasse inde ne manus ad os cibum ferrent, nec os acciperet datum, nec dentes quae acciperent conficerent. Hac ira, dum ventrem fame domare vellent, ipsa una membra totumque corpus ad extremam tabem venisse. Inde apparuisse ventris quoque haud segne ministerium esse, nec magis ali quam alere eum, reddentem in omnes corporis partes hunc quo vivimus vigemusque, divisum pariter in venas maturum confecto cibo sanguinem. Comparando hinc quam intestina corporis seditio similis esset irae plebis in patres, flexisse mentes hominum.“ Livius, Ab urbe condita2, 32. https://www.thelatinlibrary.com/livy/liv.2.shtml
  8. A. Koschorke, S. Lüdemann, T. Frank, E. Matala de Mazza, Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Frankfurt/M: Fischer, 2007. zeichnen diese Entwicklung der politischen Metaphorik detailliert nach.
  9. „Doch scheint es, dass der Begriff der ‚zwei Körper’ des Königs nicht von der frühen Entwicklung und der dauernden Triebkraft des Parlaments im englischen Verfassungsdenken und seiner Praxis zu trennen ist.“ und „Ein deutscher Fürst hatte sich in einem abstrakten Staat einzurichten. Jedenfalls fehlte die Theorie der ‚zwei Körper’ des Königs in all ihrer Kompliziertheit und manchmal skurrilen Konsequenz auf dem europäischen Kontinent so gut wie völlig.“ Kantorowicz S.440. Nur in einer einzigen Fußnote verweist Kantorowicz auf das Deutschland des 20. Jahrhunderts. Dabei geht es um die Eidesformel „pro rege et patria“, die feudale (rege) und staatliche (patria) Pflichten verbindet. Kantorowicz schreibt: „Die Formel pro rege et patria (Für König und Vaterland), die sich in der preußischen Armee bis in die jüngste Vergangenheit erhalten hat, brachte 1918 sich widersprechende Pflichten mit sich, als die Offiziere sich erst nach der Flucht Wilhelms II. nach Holland frei fühlten, der res publica zu dienen, nachdem ihre ‚feudalen‘ Treueide obsolet geworden waren. Eine ähnliche Situation entstand 1945, als der persönliche Eid sie der patria verpflichtete.“ S. 267 Anm. 204
  10. „Kantorowicz trieb seine Erforschung der englischen Quellen nicht weiter als bis zu den letzten Jahrzehnten des ausgehenden 16. Jahrhundert. Angesichts seines im Vorwort angekündigten umfassenden Vorhabens, zu einem Verständnis der Ursprünge und der Mythologie des modernen säkularen Staates beizutragen, überrascht es allerdings, dass er gerade an diesem Punkt damit aufhörte. Hätte er seine Forschungen englischer Quellen noch über eine Generation weiter vorangetrieben, würde er in den englischsprachigen Diskussionen über das Verhältnis zwischen dem politischen Körper von Königen und dem corpus Politikum ihrer Untertanen auf einen epochemachenden Augenblick gestoßen sein. Er wäre an den Punkt gelangt, an dem man vielerorts damit begann, den Körper, von dem es hieß, dass Könige über ihn herrschen, erstmals als den Körper des Staates zu beschreiben.“ Quentin Skinner, Die drei Körper des Staates. Frankfurt: Wallstein, 2012, S.14. Dem Essay Skinners liegt seine Kantorowicz Lecture vom Mai 2011 an der Goethe-Universität Frankfurt zugrunde.
  11. Susanne Lüdemann macht deutlich, dass diese Herrschaftstechnik schon bei Machiavelli angelegt ist und im 17. Jahrhundert bedeutsam wurde, und zeigt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser beiden Zwei-Körper-Theorien: „In gewisser Weise ist auch diese Dichotomie zwischen (zu verbergender) Wirklichkeit und (verbergendem) Schein eine politische Zwei-Körper-Lehre: nur dass an die Stelle des unsterblichen und symbolischen Körpers des Königs sein medialer und imaginärer Leib getreten ist.“ A. Koschorke e.a. S. 156
  12. vgl. Fritz Stern „Geld, Moral und die Stützen der Gesellschaft“, in: Das Scheitern illiberaler Politik. Studien zur politischen Kultur Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Berlin: Ullstein-Propyläen, 1974, zuerst engl. 1970
  13. Thomas Frank, „Der Staat als juristische Person“, in: Koschorke e.a. Teil V, S. 374
  14. Marx, S. 14
  15. Marx, S. 12
  16. „Der Körper ist selbst ein Bild, noch bevor er in Bildern nachgebildet wird. Die Abbildung ist nicht das, was sie zusein behauptet, nämlich Reproduktion des Körpers. Sie ist in Wahrheit Produktion eines Körperbildes, das schon in der Selbstdarstellung des Körpers vorgegeben ist.“ Hans Belting, „Das Körperbild als Menschenbild. Eine Repräsentation in der Krise“, in: H.B., Bild-Anthropologie. Paderborn: Fink, 2001, S.89
  17. Belting S.96f
  18. Kantorowicz zitiert den französischen Legisten Pierre Grégoire: „Nam ipse non est dignitas: sed agit personam dignitatis.“ Kantorowicz S. 417
  19. Kantorowicz, S.418
  20. Marx, S.119-203
  21. vgl. z.B. Luise Vogts Inszenierung von Shakespeares „König Lear“ im Schauspiel Bonn 2019, https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=17734:koenig-lear-theater-bonn-luise-voigt-verdoppelt-den-koerper-des-koenigs-und-uebersetzt-shakespeares-pessimistischste-tragoedie-in-eine-abfolge-stilisierter-vorgaenge&catid=38&Itemid=40. Ursächlich für die extensive Rezeption des Buches von Kantorowicz in den Theatern ist wahrscheinlich auch, dass er die Theorie der zwei Körper der Königs zunächst an einem Drama, Shakespeares „Richard II.“, demonstriert.
  22. Max Weber war als Soziologe aber gar nicht Carl Schmitts Gegner, das war eher der Staatsrechtler Hans Kelsen, gegen den Schmitt in seiner Schrift „Politische Theologie“ von 1922 polemisiert. Carl Schmitts Begründung des politischen als „transzendental“ zu bezeichnen, trifft aber seine Theorie nicht genau. Mit Kants Begriff von Transzendentalität, der die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis meint, hat Schmitts Theorie des Politischen jedenfalls nichts zu tun. Eher könnte man sie als eine anthropologische durch den Freund-Feind-Gegensatz begründete Theorie nennen.
  23. vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, „Der Begriff des Politischen als Schlüssel zum staatsrechtlichen Werk Carl Schmitts“ (zuerst 1988), in: E.-W.B., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1991 , S.344-366.
  24. Böckenförde, a.a.O S.114
  25. Marx S.16
  26. Böckenförde, S.346, 366
  27. Chantal Mouffe, „Schmitt and the Paradox of Liberal Democracy“ (zu erst 1997) in: The Democratic Paradox. London: Verso 2005, p.56
  28. vgl. Florian Malzacher, Gesellschaftsspiele. Politisches Theater heute. Berlin: Alexander Verlag, 2020, S.12-14