Vortrag Die Wahrheit im Theater

Hier folgt der Text meines Vortrags zur „Wahrheit im Theater“. Er ist eine Kurzfassung meiner Beiträge „Wahrheit auf dem Theater – Teile 1-5“ auf dieser Website:

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5.

München 11.11.2025 Bayerische Akademie der Schönen Künste

Hohe Herren von der Akademie1

nein, das ist die falsche Anrede. Ich bin nicht Rotpeter und nicht Kafka, habe kein äffisches Vorleben, ich bin nur ein gewöhnliches Exemplar der Gattung criticus theatralis, ein schlichter Theaterkritiker, der sich an einer großen Frage vergreift.

Also: Sehr verehrte Damen und Herren,

Was ist Wahrheit?

Schon Pilatus wusste keine Antwort. Auch ich hatte Anlass, mich mit der Frage zu befassen, weil ich nichts wusste. Es war 2002 bei einer Publikumsdiskussion des Berliner Theatertreffens, bei der ich die Jury vertrat und die Begründung der Auswahl von Luc Percevals Inszenierung von Jon Fosses Drama „Traum im Herbst“ zu geben hatte. Da stand der große, hochverehrte Theatermann Ivan Nagel auf und sprach den vernichtenden Satz: „Dieser Juror hat ja keine Ahnung, was Wahrheit ist“. Weil mich dieses Verdikt noch immer wurmt, (und auch damals nicht ganz ahnungslos war), stehe ich heute hier.

Nach dieser autobiografischen Einleitung, will ich Ihnen kurz einen Überblick darüber geben, was Sie erwartet:

Um etwas über die Wahrheit auf dem Theater sagen zu können, muss man zunächst den Begriff der Wahrheit klären, dann seine Anwendung auf die Kunst und schließlich muss man die besonderen Bedingungen der Kunstform Theater berücksichtigen. Das Theater ist eine zusammengesetzte, eine hybride Kunstform, deshalb will ich die Frage der Wahrheit auf den verschiedenen Ebenen der Theaterkunst untersuchen.

Zunächst also:

  1. Der Begriff der Wahrheit allgemein
  2. Die Wahrheit in der Kunst (Dabei werde ich eine etwas andere Auffassung vertreten als Herr Professor Vossenkuhl in dem ersten Vortrag dieser Reihe.)
  3. Die Wahrheit des Theatertextes
  4. Die Wahrheit des Schauspielers und der Schauspielerin
  5. Die Wahrheit des Publikums

Zum Schluss:

  1. Zwei aktuelle Beispiele aus dem Theater

1. Der Begriff der Wahrheit

Die Wahrheit auf dem Theater ist eine andere als die gewöhnliche. Der Begriff der Wahrheit hat, wenn er von Theaterleuten gebraucht wird, eine ganz andere Bedeutung als in der Wissenschaft. Mit den Wahrheitstheorien der gegenwärtigen Philosophie – semantischer oder repräsentativer Wahrheitsbegriff, Evidenz-, Konsens- oder Kohärenztheorie der Wahrheit – damit hat er nichts zu tun.2 Die moderne Wissenschaftstheorie kommt ohnehin weitgehend ohne den Begriff der Wahrheit aus.

Der Wahrheitsbegriff auf dem Theater ist ein Zwischending zwischen philosophischer Theorie und ungeschultem Alltagsdenken. Die Wahrheitsvorstellungen der Theater- und Schauspieltheoretiker bewegen sich in diesem Übergangsbereich, in dem Begriffe höchster Abstraktionsstufe herabsinken aus der philosophischen Tradition in einen besonderen Teilbereich menschlicher Tätigkeiten – und dabei auf Begriffe treffen, die aufsteigen aus der konkreten Praxis des künstlerischen, präsenten Darstellens zu höherer Abstraktionsstufe.3

Der gängigste Begriff von Wahrheit ist der, den zuerst Aristoteles formulierte:

„Von etwas, was ist, zu sagen, dass es nicht ist oder von etwas, was nicht ist, dass es ist, ist falsch; hingegen ist wahr, von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist und von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist.“4

Im Mittelalter wurde daraus die Formel: „Wahrheit ist die Angleichung eines Dinges und des Verstandes“.5  Dieser korrespondenztheoretische Wahrheitsbegriff, auch Adäquationstheorie der Wahrheit genannt, beschränkt die Anwendung des Begriffs der Wahrheit auf Aussagesätze. Von Aristoteles über Thomas von Aquin und Ockham bis Kant ist man sich einig: Wahrheit ist Aussagenwahrheit, Korrespondenz von Gedanke und Sache. Damit hat die Kunst nichts zu schaffen.

Platon dagegen hatte den Begriff der Wahrheit auf eine höhere Wirklichkeit bezogen: die Ideen (Formen) sind für ihn wahr, weil sie eine höhere Form von Wirklichkeit haben als die empirische Wirklichkeit. An diesen ontologisch-gnoseologischen Wahrheitsbegriff knüpft Hegel an (im Anschluss an Fichte), wenn er den korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff abwertet zur bloßen „Richtigkeit“ – und Wahrheit dagegen definiert als „Übereinstimmung eines Inhalts mit sich selbst“.6

Für Hegel ist die Wahrheit erst der zu sich selbst gekommene Geist, die Übereinstimmung des Geistes mit sich selbst.

Also ist für Hegel erst das Ganze die Wahrheit, nicht ein Aussagesatz, sondern das ganze, sich selbst entwickelnde Begreifen der Wirklichkeit.7

Es gibt also zwei unterschiedliche Richtungen der Entwicklung des Wahrheitsbegriffs in der Philosophie. Der Wahrheitsbegriff des Theaters (und der Theatertheorie) kommt eher aus dieser Traditionslinie Platon-Hegel als aus der Linie Aristoteles-Thomas von Aquin-Kant.

2. Die Wahrheit in der Kunst

In diesem Prozess des Zusichselbstkommens des Geistes spielt die Kunst für Hegel eine entscheidende Rolle. Durch die Übereinstimmung des Begriffs eines Kunstwerkes mit seinem konkreten Dasein, durch seine Verbindung von vollständiger Freiheit der Teile und Notwendigkeit ihrer Übereinstimmung hat ein Kunstwerk („das Schöne“) Wahrheit. Kunst ist für Hegel eine

„Entfaltung der Wahrheit, die sich {…] in der Weltgeschichte offenbart“.8

Hier erhält also die Kunst eine Funktion in einem Prozess, dessen Ziel die Wahrheit. Die Kunst ist aber nur eine Befreiungsstufe, „nicht die höchste Befreiung selbst“9. Die Kunst hat seit der Antike ihre Rolle als „Frontman“, als höchste Ausdrucksform des Geistes, ausgespielt und gibt sie an die geoffenbarte Religion und schließlich an die reine Reflexion, d.h. die Philosophie, ab.

Dieser emphatische Wahrheitsbegriff, dass Wahrheit das Ganze ist und nicht einem einzelnen Satz zukommen kann, wird im 20. Jahrhundert – trotz aller Polemik Nietzsches gegen den Wahrheitsbegriff – entscheidend für die philosophische Ästhetik und Kunsttheorie. Sowohl Heidegger als auch Adorno sehen die Aufgabe der Kunst in diesem Prozess der Entfaltung einer Wahrheit. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden sind trotz aller politischen und stilistischen Gegensätze, trotz aller unterschiedlichen Grundannahmen frappierend – wenn man sie auf den Aspekt der Relation der Kunst zur Wahrheit reduziert und ignoriert, was die beiden Großdenker jeweils unter Wahrheit verstehen.

Für beide gilt: Das Kunstwerk setzt die einzelnen Individuen, die Kunstrezipienten, in Beziehung zu etwas Überindividuellem. Die Rezeption eines Kunstwerkes ist nicht nur ein individuelles Erlebnis, nicht nur ein Erregungsvorgang im Bewusstsein der Rezipienten, sondern die Vermittlung einer Verbindung zu etwas Überindividuellem, das sowohl Heidegger als auch Adorno „Wahrheit“ nennen.10

Für Heidegger wie für Adorno ist die Wahrheit nichts Statisches, nichts Vorhandenes. Die Wahrheit ist für beide ein Werden, ein Geschehen, und die Wahrheit der Kunst dann ein Gewordenes, etwas das sich ereignet hat.

Weil die Wahrheit in der Kunst nicht einfach vorhanden ist, kommt es auf den rechten Umgang mit den Kunstwerken an, um die Wahrheit zu entfalten. Heidegger nennt diese Entfaltung der Wahrheit des Kunstwerkes “Bewahrung“11, bei Adorno ist es „philosophische Reflexion“ und „Kritik“.12

Hier liegt vom Standpunkt der Theaterkritik aus, – auf der Suche nach einer Gebrauchsanleitung für den Umgang mit den Kunstwerken des Theaters, – der entscheidende Unterschied: Nach Heidegger soll das Kunstwerk in seiner Rezeption „bewahrt“ werden, nach Adorno soll es kritisch reflektiert werden.

Adorno schreibt dazu in der frühen Einleitung zu seiner „Ästhetischen Theorie“:

„Verstanden werden Kunstwerke erst, wo ihre Erfahrung die Alternative von wahr und unwahr erreicht oder, als deren Vorstufe, die von richtig und falsch. Kritik tritt nicht äußerlich zur ästhetischen Erfahrung hinzu, sondern ist ihr immanent.“13

Für Adorno ist also die Wertung Teil des Verstehens von Kunst. Und diese Wertung ist für ihn nicht “mehr oder minder gut gemacht“, sondern „wahr oder unwahr“.

Der französische Philosoph Alain Badiou hat versucht, die Theorien über das Verhältnis von Kunst und Wahrheit in drei Schemata zu ordnen:

  1. das didaktische Schema (z.B. Platon): Die Kunst kann keine Wahrheit hervorbringen. Sie ist nur der täuschende Schein von Wahrheit. Wahrheit gibt es nur außerhalb der Kunst. Deshalb muss die Kunst reglementiert werden.
  2. das romantische Schema (z.B. Hegel): Wahrheit gibt es nur in der Kunst (und in der Philosophie, aber die Kunstwahrheit ist die Vollendung der philosophischen Wahrheit durch Verkörperung).
  3. das klassische Schema (z.B. Aristoteles): In der Kunst gibt es keine Wahrheit, aber das ist nicht schlimm. Sie hat andere Aufgaben.14

Für Badiou gehört Heideggers Kunsttheorie eindeutig ins romantische Schema. Das dürfte auch für Adornos Theorie gelten, wenn man Badious etwas grobschlächtigem Schema folgen will. Für Adorno ist Kunst zwar nicht Wahrheit, aber sie verweist auf sie. Schließlich ist die philosophische Reflexion für Adorno nur Hilfsmittel zur Entbindung des Wahrheitsgehaltes des Kunstwerks.

Wenn man dieses romantische Schema des Verhältnisses von Kunst und Wahrheit zu nebulös findet und doch die Kunst nicht nur für täuschenden Schein hält, bleibt nur das klassische Schema:

Die Aufgabe der Kunst ist nicht die Verkündung der Wahrheit. Aber worin bestehen dann ihre anderen Aufgaben? 

3. Die Wahrheit im Theatertext

Um die Wahrheitsfähigkeit der Kunstgattung Theater genauer zu untersuchen, will ich zunächst überprüfen, ob vielleicht dem Theatertext, dem Drama, Wahrheit zugesprochen werden könnte.

Wenn man nun sich vorläufig darauf einlässt, die Wahrheit auf dem Theater nur als die Wahrheit des Dramas, d.h. des Theatertextes, zu verstehen, – nehmen wir das Beispiel des Dramas „Traum im Herbst“ von Jon Fosse, das damals das Thema meiner Auseinandersetzung mit Ivan Nagel war.

Was lässt sich über die Wahrheit dieses Textes sagen?

a) Die Sätze des Dramas

Zum Beispiel der erste Satz von Jon Fosses Text:

„MANN: Nein bist du das“15

An diesen Satz kann man kein Wahrheitskriterium anlegen: Er ist der Beginn eines Dialogs (zwischen Mann und Frau), er ist gesprochen in einer bestimmten Situation (Wiedersehen auf dem Friedhof), er ist fiktional (Teil eines Textes, der eine eigene Wirklichkeit konstruiert), er ist ein Fragesatz. Oder wie Gottlob Frege sagt: die Sätze der Schauspieler auf der Bühne sind nur Bilder, zwar mit Sinn, aber ohne Bedeutung und daher ohne Wahrheitswert.16

Versuchen wir es mit einem anderen Satz:

„MUTTER: Nichts bleibt / alles zieht / wie Wolken / Ein Leben ist ein Wolkenhimmel /bevor es dunkel wird“17

Das sieht wie ein Aussagesatz aus, aber wie sollen wir beurteilen können, dass er wahr ist? Er enthält eine Metapher und beurteilt etwas so Allgemeines wie „ein Leben“. Metaphern können nicht wahr sein. Auch auf dieser Ebene ist die Wahrheit eines Theatertextes nicht zu suchen.

b) Das Drama als Ganzes

Es gibt nur wenige solche lebensweisen Sätze bei Fosse. Jon Fosse selbst sieht die Wahrheit seiner Texte auch nicht in den einzelnen Sätzen, sondern, ganz hegelianisch, im Ganzen:

Fosse: „Sagte nicht jemand hier: Die Wahrheit ist immer konkret? … Es geht mir um das Ganze eines Textes, und die Welt im Text spricht vom Ganzen und ist daher in jedem Teil, in jedem Detail des Textes präsent.“18

Die Wahrheit eines Dramas, oder seine Partizipation an der Wahrheit, kann also nicht in einzelnen Sätzen liegen, sondern nur im Drama als Ganzem. Das Drama als Ganzes spricht eine nicht-diskursive Sprache (obwohl es auch aus vielen diskursiven Sätzen besteht). Was diese Wahrheit ist, die das Drama ausspricht oder vermittelt, lässt sich also nicht diskursiv formulieren. Aber dennoch soll es sie geben, dieses transsubjektive Etwas, die Wahrheit des Kunstwerks. Für Adorno müsste also die Kritik diese Wahrheit herausarbeiten.

c) Interpretationen

Versuchen wir also, die Wahrheit herauszuarbeiten. Was wäre an „Traum im Herbst“ wahr? Z. B. die Zeiterfahrung, wie sich Vergangenheit und Gegenwart im Bewusstsein mischen. In Fosses Stück vermischen sich die Zeitebenen unmerkbar, vorwärts und rückwärts. Natürlich können wir im wirklichen Leben Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden, aber in unserem Bewusstsein vermischen sich ja aktuelle Wahrnehmungen, Erinnerungen und Zukunftspläne. Erst diese erweiterten zeitlichen Dimensionen geben unseren Wahrnehmungen im Hier und Jetzt Bedeutung und Sinn.

Ist das die Wahrheit dieses Theaterstücks? Wenn ja, – sie wurde herausgearbeitet, sie ist Resultat von Überlegungen eines einzelnen Rezipienten. Transsubjektiv ist sie höchstens als Zumutung an andere, dieser Einschätzung zuzustimmen.

Entscheidend ist aber, dass das, was in heideggersch-adornitischer Diktion „Wahrheit“ genannt wird, aus einem kommunikativen Akt zwischen Kunstwerk und Rezipient entsteht. Nüchtern betrachtet ist diese „Wahrheit“ in jedem Kopf anders – und verliert damit die Berechtigung einer überindividuellen Gültigkeit. Wenn jeder seine eigene Wahrheit hat, hat es keinen Sinn, diesen verschiedenen Gedanken verschiedener Individuen Wahrheit zuzusprechen. Dass diese vielen Gedanken von einem einzigen Objekt, dem Kunstwerk, angeregt werden, oder im Theater von einem gemeinsamen Erlebnis, ist das Wesen der Kunst. Kunst ist Kommunikation, nicht Wahrheit, das ist die Einsicht der Hermeneutik. Übrig bleibt nur das „Spiel der Wahrheit“19 zwischen Interpret und Kunstwerk. Die Wahrheit als Spiel, das hat weder mit dem korrespondenztheoretischen noch mit dem ontologischen Begriff der Wahrheit etwas zu tun.

d) Sätze in  Inszenierungskritiken

Wenn es eine oder mehrere „Wahrheiten“ in „Traum im Herbst“ gäbe, müsste sie doch von irgendwem bemerkt worden sein. In den Kritiken der Uraufführung an der Schaubühne Berlin und in denen der damals zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierung der Münchner Kammerspiele findet sich das Wort „Wahrheit“ nicht, auch nicht das Adjektiv „wahr“.

Wenn man nach wahrheitsfähigen Sätzen in diesen Kritiken sucht, die über die Beschreibung des Bühnengeschehens und die Wiedergabe der Empfindungen des Zuschauers hinausgehen, findet man höchstens Sätze wie den von Dirk Pilz (dem früh verstorbenen Mitbegründer von Nachtkritik):

„Leben heißt Vorbereitung auf den Tod, Lieben Einübung in den Abschied.“20

Oder den von Christopher Schmidt (dem ebenfalls früh verstorbenen Münchner Kritiker der Süddeutschen Zeitung):

„Zwei Dinge, Tod und Liebe, holen einen von den Beinen.“21

Gewichtige, pointiert formulierte Sätze, denen man Wahrheit zusprechen könnte. Diese Sätze bleiben aber, wie viele gute Sätze in Theaterkritiken, bewusst in der Schwebe zwischen der Wiedergabe von Auffassungen, die dem Theatertext oder der Inszenierung zugeschrieben werden und allgemeinen Aussagen des Kritikers bzw. der Kritikerin. Sie sind Teil des Spiels. Solche Aussagen beanspruchen keine Allgemeingültigkeit, sie sind subjektive Versuche zwischen dem Theatertext bzw. der erlebten Vorstellung und dem Zuschauer zu vermitteln, sind versuchsweise Verallgemeinerungen, die sich ihrer unabänderlichen Subjektivität bewusst sind.

Wahrheit als Aussagenwahrheit ist auf Texte der Theaterliteratur nicht anwendbar. Die Anwendung des Begriffs „Wahrheit“ auf einen Theatertext ist also nur möglich, wenn die Wahrheit etwas Absolutes, die Idee, das Ganze, das Sein o.ä. ist.

In den 50er Jahren findet sich dieser emphatische Wahrheitsbegriff auch häufig in den Theorien der Künste, z.B. bei Hans Sedlmayr in der Theorie der bildenden Kunst 22 oder Romano Guardini in der Literaturtheorie.23

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Irgendwann in den 70er Jahren scheint der Begriff „Wahrheit“ als wertender Begriff der Kunsttheorie aber ausgestorben zu sein.

4. Die Wahrheit des Schauspieler und der Schauspielerin

Im Theatertext ist also keine Wahrheit zu finden. Adorno urteilte, man könne keine Aussage aus „Hamlet“ herauspressen. Und Bertrand Russell schloss messerscharf, alle Aussagen in „Hamlet“ seien falsch, weil die Person Hamlet nie existiert hat.24 Aber der Schauspieler (oder die Schauspielerin), der (oder die) Hamlet spielt, existiert.  Und er (oder sie) soll wahr sein.

Die Wahrheit auf dem Theater ist so verstanden keine Erkenntnis, die man erfahren oder formulieren könnte, sie ist eine Forderung an die Schauspielerinnen und Schauspieler. Dieser Gebrauch des Begriffs „Wahrheit“ hat in der Schauspieltheorie eine lange Tradition.

Eine der ältesten Formulierungen dieses Wahrheitspostulates findet sich 1749 bei dem französischen Theatertheoretiker Pierre Rémond de Sainte-Albine: Er meinte, Wahrheit sei der „Zusammenfluss aller Wahrscheinlichkeiten, welche dienen können, die Zuschauer zu täuschen.“25

Ebenso Johann Jakob Engel, 1786 Leiter des Berliner Nationaltheaters,: durch den „höchsten möglichen Grad der Wahrheit“ entstehe „die höchste mögliche Täuschung.“26

Hier hat die Wahrheit also die Funktion zu täuschen. Dass mit dieser Paradoxie der Begriff der Wahrheit irgendwie überstrapaziert wird, musste bald auffallen.

Das erkannte Denis Diderot, für ihn war das Wahre die Übereinstimmung der realen Aktionen des Schauspielers oder der Schauspielerin auf der Bühne mit einer idealen Vorstellung des Textdichters oder die Steigerung dieser Idealvorstellung. Auch ein sehr eingeengter Gebrauch des Begriffs der Wahrheit.27

Im 19. Jahrhundert wird dann in der Nachfolge von Hegel zusätzlich zur Wahrheit die Schönheit im Theater gefordert:

Für Heinrich Theodor Rötscher, einem Schüler Hegels, steht die Schönheit für die Idealität, die Wahrheit für die sinnlich wahrnehmbare Realität. Ohne die Idealität, gemeint ist der vom Dichter geschaffene Dramentext, sinke der Schauspieler herab zur bloßen „Naturwahrheit“. Wahrheit alleine genügt hier also nicht. In Rötschers idealistischer Theaterästhetik ist die Wahrheit nicht mehr der Begriff, mit dem das oberste Ziel der Schauspielkunst bezeichnet wird.28

Erst Konstantin Stanislawski gibt dem Begriff der Wahrheit auf dem Theater einen genaueren Sinn. Für ihn ist die Wahrheit eine Eigenschaft des inneren Gefühls des Schauspielers.

 „Im Theater ist nicht wichtig, dass der Dolch des Othello aus Karton oder Metall ist, sondern, dass das innere Gefühl des Schauspielers selbst, das den Mord des Othello rechtfertigt, wahr, aufrichtig und echt ist. … Über diese Wahrheit des Gefühls sprechen wir im Theater. … Es gibt keine echte Kunst ohne solche Wahrheit und Glaube!“29

War also im 18. Jahrhundert das leitende Begriffspaar Wahrheit und Täuschung, im 19. Jahrhundert dann Wahrheit und Schönheit, so wird bei Stanislawski daraus die Verbindung von Wahrheit und Glaube.

Was die Wahrheit des Schauspielers bewirkt, ist nicht mehr „Täuschung“, sondern „Glaube“: „Die Wahrheit erzeugt den Glauben.“30 Diese „Wahrheit“ ist etwas, das der Schauspieler oder die Schauspielerin herstellt, nicht etwas, das er oder sie vorfindet oder benennt. Dieser bei Stanislawski vom Schauspieler oder der Schauspielerin geforderte Zustand ist ein doppelter: er ist sowohl ein erlebter psycho-physischer Zustand als auch die Reflexion dieses Zustands: man „glaubt aufrichtig“ an diesen Zustand. Mit Stanislawskis Psychotechnik stellt die Schauspielerin oder der Schauspieler die „Wahrheit“ der inneren Vorgänge her, um eine Wirkung, den Glauben des Zuschauers, zu erreichen.

Dass der Begriff der „Wahrheit“ (Правда) auch hier wieder überspannt wird, wurde den deutschen Übersetzern Stanislawskis erst spät klar. In der DDR blieb man zunächst ganz bei Stanislawskis Sprachregelung, bis zur inflationären Verwendung des Begriffs der Wahrheit: Maxim Vallentin, lange Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, forderte sogar drei Wahrheiten: „Die Wahrheit der Empfindung, die Wahrheit der Bühne und die gesellschaftliche Wahrheit“.31 Hier wurde der Begriff der Wahrheit vom Schauspieler („Empfindung“) über den Inhalt der Theaterproduktionen („Bühne“) auf die Politik („Gesellschaft“) übertragen.

In der BRD war man etwas vorsichtiger beim Umgang mit der Wahrheit. Hans-Günther von Klöden, seit 1950 Leiter der Schauspielschule Hannover (und einst kurzeitig mein Schauspiellehrer), beschlich ein leichtes Unbehagen bei diesem Stanislawskischen Wahrheitsbegriff:

„Was also sollen wir unter ‚Wahrheit‘ verstehen? […] Vielleicht ist uns eine sprachliche Schlamperei unterlaufen, und es ist ‚Wahrhaftigkeit‘ gemeint?“32

„Wahrhaftigkeit“ ist auch der Begriff, mit dem die Übersetzer der späteren DDR-Ausgabe von Stanislawskis Schriften den Begriff Правда (Prawda) übersetzen.33 Von Klöden befriedigt auch dieser Ausweg nicht:

„ … denn wir werden doch wieder auf den Begriff der Wahrheit zurückgeworfen, da ja Wahrhaftigkeit nichts anderes ist als die Tugend, stets die Wahrheit zu sagen.“34

Folglich kehrt er zum Begriff „Wahrheit“ zurück: Für ihn erhält der Begriff Wahrheit nun die Bedeutung von ‚Echtheit‘. „Echtheit des Handelns erwächst aus dem ‚Schwerpunkt‘ des Menschen.“ Schauspielkunst sei vor allem „die Fähigkeit, die Wahrheit deutlich zu sagen.“ Auch hier ist die Wahrheit des Schauspielers etwas Komplexes: ein echtes Handeln aus dem Schwerpunkt des Menschen und dessen Verdeutlichung.

In den englischsprachigen Lehrbüchern dagegen scheint sich der Stanislawskische Begriff der Wahrheit weiterhin zu halten: „Truth“, das Wort prangt in großen Lettern auf dem Cover von Susan Batsons Schauspiel-Lehrbuch.35

Der deutsche Verlag hat vorsichtig den triumphalen Titel durch einen Untertitel ergänzt: „Wahrhaftigkeit im Schauspiel“

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Jens Roselt, Professor für Theaterwissenschaft an der Universität Hildesheim, hat den Zickzack-Weg der Schauspieltheorie zwischen Wahrheit und Täuschung, heißem und kaltem Schauspieler, zwischen dem Weg von außen nach innen oder von innen nach außen, in allen Details nachgezeichnet und kommt dabei zu dem Schluss:

„Der Streit um die ‚Echtheit‘ von Gefühlen kann in der Theorie nicht beigelegt werden.“36

Wahrheit oder Echtheit als Begriff zur Kennzeichnung des Ziels von schauspielerischer Verkörperung einer Rolle hat zwar eine weit zurückreichende Tradition. Bei genauerer Analyse dieser Verwendung des Begriffs löst er sich aber auf und erweist sich als untauglich.

5. Die Wahrheit des Publikums

Aus der theatertheoretischen Diskussion der letzten 30 Jahre ist der Begriff der Wahrheit daher fast verschwunden. Im „Lexikon der Theatertheorie“ fehlt das Lemma „Wahrheit“.37 Der Begriff scheint dem vorherrschenden Relativismus grundsätzlich suspekt.

Warum also ist der Begriff in diesem Bereich verschwunden? Weil sich die hegelianische Konstruktion des Wahren als des Ganzen der entfalteten Welt verflüchtigt hat und selbst für die marxistischen Erben Hegels die Wahrheit ein zu nebulöser Begriff für das Ziel der Kunst war.

Es gab keine Krise der Wahrheit, sie verschwand geräuschlos.

Aber es gab eine lautstarke Krise der Repräsentation (In München wird man sich an die Intendanz von Matthias Lilienthal in den Kammerspielen erinnern.). Eigentlich gehören die Begriffe von Wahrheit und Repräsentation zu unterschiedlichen Bereichen: Wahrheit zur Aussagenlogik, Repräsentation zur Zeichentheorie. Die Aussagen der Kunst sind nicht wahr, aber sie repräsentieren etwas, sie sollen eine Bedeutung haben. Und diese Bedeutung soll nicht etwas Beliebiges sein, wie in der Alltagssprache oder in den Zeichenwäldern der Konsumwelt, die uns umgibt. Die Kunst sollte in irgendeiner Weise etwas Wesentliches bedeuten. Das wurde um 1900 fraglich. Je mehr man den Zusammenhang von Zeichen und Bedeutung verstehen lernte, desto bröseliger wurde die Brücke zwischen signifiantund signifié, zuerst in der Literatur (Mallarmés Lyrik, Hofmannsthals Chandos Brief, Lukacs’ Theorie des Romans.38 Wobei die Begriffe Repräsentation, Abbild, Illusion, Fiktion und Mimesis oft unterschiedslos gebraucht werden.)

Das Theater hat, zunächst als literarisches Theater, teil an dieser Krise der Repräsentation. Spätestens seit Alfred Jarry und Antonin Artaud befreit sich das Theater aber von der Literatur. Doch die Krise der Repräsentation bleibt. An Artaud anknüpfend fordert in den 1980 Jahren Jacques Derrida eine Repräsentation, in der die Bühne nicht für eine andere Wirklichkeit, die dargestellt wird, steht, sondern in der das Sichtbare und Sinnliche sich selbst präsentiert.39

Diese durch Derrida vermittelte Kritik der Repräsentation war sehr einflussreich für die Entwicklung des postdramatischen, re-theatralisierten Theaters. Aus der raum-zeitlichen Identität von ästhetischem Akt und Akt der Rezeption wurde geschlossen, dass deshalb das Theater eine „eigene, echte Situation in der Kopräsenz des Publikums erzeugen“ solle.40 „Echt“ soll hier heißen: ohne Repräsentation einer anderen Wirklichkeit. Das sei der Weg aus der „Repräsentationsfalle“.

Wenn aber das, was auf der Bühne stattfindet, keine Repräsentation ist, weder die eines literarischen Textes noch irgendeine sonstige Repräsentation von etwas Materiellem oder Ideellem außerhalb der Bühne, dann lügt die Bühne, nach diesem Verständnis, wenn sie behauptet, ein anderer Ort zu sein als der leere Raum eines Theaterhauses oder wenn der Schauspieler beansprucht, wahrgenommen zu werden als jemand, der er nicht ist.

Wenn wir aber die Bühne nicht auf zwei verschiedene Weisen wahrnehmen können, als Wirklichkeit und auch als Schein, wenn wir nicht die Zuschauerhaltung einnehmen, die Samuel Coleridge klassisch als „willing suspension of disbelief“41 gekennzeichnet hat (d.h. die absichtliche Unterdrückung des Nicht-daran-Glaubens, dass A doch nicht gleich A‘ sein kann, dass Sandra Hüller gar nicht Hamlet ist), wenn wir nicht diese Haltung einnehmen, dann bleibt nur eine triviale Identitätsaussage: A gleich A, sie ist sinnvoll, hat aber keinen informativen Gehalt. Dass Sandra Hüller Sandra Hüller ist, ist richtig, ist aber nichts Neues.

Entweder man akzeptiert Repräsentation, dann kann A gleich A‘ sein (und Sandra Hüller kann Hamlet sein), oder man akzeptiert Repräsentation im Theater nicht, dann ist A gleich A‘ eine Täuschung oder gar ein Betrug. Und Täuschung ist böse, dann wollen wir das Gute und das nennen wir Wahrheit. Die komplizierte Gefühlsmechanik von echten und gezeigten Gefühlen der Schauspieler interessiert nicht mehr, wenn nicht repräsentiert wird. Wir wollen dann die Wahrheit und die ist die Identität des Schauspielers oder der Schauspielerin mit sich selbst, die Identität des gemeinsamen Raums von Zuschauerraum und Bühne, die Identität des gemeinsam erlebten Augenblicks. Wenn man vom Theater Wahrheit fordert und jegliche Form von Repräsentation ablehnt, bleibt nur das Performancetheater. Und das ist, so gesehen, das Erbe der alten Forderung nach Wahrheit im Theater.

So entsteht aus der vielfach begründeten Befreiung des Theaters von der Forderung nach Wahrheit im Kurzschluss die Ablehnung von Repräsentation und die Forderung nach Identität, statt den theaterspezifischen Modus der Repräsentation zu analysieren und zu entwickeln. Nur wenn man die Aufführung als Geschehen zwischen Spieler und Rezipient versteht, unabhängig von Repräsentation oder Nicht-Repräsentation, entkommt man dem Blick, der nach Wahrheit, Identität oder Echtheit sucht.

Von der Warte der phänomenologischen Philosophie her versucht der schon erwähnte Jens Roselt die performative Wende der Theaterwissenschaft weniger als eine Weissagung über die Zukunft des Theaters, vielmehr als einen notwendigen Schritt von der semiotischen Inszenierungsanalyse zur Aufführungsanalyse zu begründen. Und sein Ergebnis: Theater ist ein Zwischengeschehen, ein Ereignis zwischen Bühne und Zuschauer, gleichgültig, ob man meint, etwas zu repräsentieren oder nicht. Erfahrung ist aus phänomenologischer Sicht ein „dialogisches Zwischengeschehen“. Und die Situation einer Aufführung ist eine der Erfahrung:

Jens Roselt: „Bühne und Publikum treten damit in einen Dialog miteinander, der sich nicht sprachlich vollziehen muss. Zuschauer werden von der Aufführung in Anspruch genommen, so wie sie diese selbst in Frage stellen.“42

Mit dem Phänomenologen Bernhard Waldenfels geht Roselt von einer „responsiven Differenz“ aus, die das Verhältnis von Bühne und Zuschauer kennzeichnet. Bühne und Zuschauer verhalten sich wie Frage und Antwort. Aber es ist

„eine Antwort denkbar, die etwas aufschließt, was die Frage nicht erahnt hat. Eine solche Antwort gehorcht nicht mehr der Trennung in richtig oder falsch.“43

Und schon gar nicht der Trennung in Wahrheit und Lüge.

Die Zuschauer sind „konstitutiver Teil der Aufführung“. Den Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen der Zuschauer kommt damit eine produktive Dimension zu, auch bei der Repräsentation einer Figur auf der Bühne durch eine Schauspielerin oder einen Schauspieler:

„Erst im Auftritt [wird] eine Erscheinung konstituiert, die weder auf die individuelle Person des Schauspielers noch eine Rollenvorgabe reduziert werden kann, da auch die Intentionen der Zuschauer hier sinngebend sind.“44

Die Schauspielerin Julia Riedler beschrieb in ihrer Hamburger Poetikvorlesung 2023 diese aktive Rolle des Publikums aus der Sicht einer Schauspielerin:

„Durch den Energieraum, den das Publikum durch seine Präsenz schafft, wird eine Kommunikation geschaffen, die aus meinem Denken eine dreidimensionale Gewalt macht und aus dem Theaterraum eine immersive Welt. Und so wird etwas, was einst geschrieben wurde, egal, ob es Jahrtausende oder einzelne Monate alt ist, zu einer gegenwärtigen Plastik. Nicht dadurch, dass ich es besonders laut sage, sondern dadurch, dass ihm besonders zugehört wird.“45

Wenn man die produktive Leistung der Zuschauer bei einer Aufführung anerkennt, schwinden alle Gespenster von Wahrheit und Identität.

6. Zwei aktuelle Beispiele

Wenn das Theater nun nicht der Verkünder der Wahrheit sein kann, was kann es dann leisten in Zeiten der allgegenwärtigen Täuschung?

Eine Möglichkeit ist journalistisches Theater, wie es der Schauspieler Calle Fuhr mit dem Regisseur Kay Voges und dem Journalistenkollektiv „Correctiv“ betreibt. Das bekannteste Beispiel ihrer Zusammenarbeit war das Projekt „Geheimplan gegen Deutschland“ über das Potsdamer Treffen 2024. Oder auch Calle Fuhrs Solo-Abend „Aufstieg und Fall des René Benko“ im Wiener Volkstheater und nun auch im Schauspiel Köln.

Auch hier ist das Theater nicht das Sprachrohr der Wahrheit, es beteiligt sich aber an einem gesellschaftlichen Prozess, der um den Begriff der Wahrheit kreist. Wenn wir nicht versuchen, den Begriff der Wahrheit philosophisch zu definieren, sondern betrachten, welche Rolle der Begriff der Wahrheit in unserer Gesellschaft spielt, sehen wir:  Was wir für Wahrheit halten, kommt zustande, indem wir bestimmten Wahrheitsszenen und bestimmten Wahrheitsfiguren vertrauen. Donald Trump nennt sein soziales Netzwerk, mit dem er seine Resentiments, Aufwallungen und Wirklichkeitsverzerrungen verbreitet, entsprechend auch „Truth social“. Soziologisch gesehen, ist Wahrheit ein sozialer Operator.

Das Forschungsprojekt „Praxeologie der Wahrheit“ der Universität Erfurt unter der Leitung von Prof. Bernhard Kleeberg46 hat ein Bild von Lucas Cranach als Logo auf ihrer Website der Universität Erfurt. Es hat den Titel „Bocca della Verità“.47 Dieser Mund der Wahrheit ist eigentlich ein römischer Kanaldeckel in Form eines Löwenkopfes, von dem die Sage geht, dass, wer seine Hand in das Löwenmaul steckt und dabei lügt, seine Hand verliert. Lucas Cranach zeigt eine solche Wahrheitsszene: In einem Gerichtsgebäude steht eine steinerne Löwenstatue. Eine des Ehebruchs angeklagte junge Frau legt ihre Hand in den Löwenrachen und wird dabei von einem Richter und ihrem Ehemann beobachtet. Hinter ihr steht eine weitere Figur in einem Narrenkostüm, die die Frau an der Hüfte umfasst. Die mittelalterliche Geschichte, die das Bild erzählt, ist die, dass der Liebhaber sich als Narr verkleidet hat und die Frau nun wahrheitsgemäß sagen kann, niemand hat mich umarmt außer meinem Ehemann und diesem komischen Narren. So sagt sie die Wahrheit, die doch eine Lüge ist. Es wird hier Theater gespielt für den Anschein der Wahrheit. So sehen Wahrheitspraktiken aus.)

Das Theater hat gegenüber anderen konkurrierenden Wahrheitsassemblagen (so nennt der soziologische Jargon heterogene Gefüge aus sozialen und technischen Praktiken) den Nachteil der verlangsamten Reaktionsgeschwindigkeit. Es ist langsamer als die elektronischen Medien, aber immerhin schneller als die Justiz, hat aber die Vorteile der Konzentration der Rezipienten über einen längeren Zeitraum und des gemeinschaftlichen Erlebnisses.

 Solche Theaterprojekte wie die von Calle Fuhr und Kay Voges kann man als Schrumpfform des Theaters verstehen. Sie verzichten auf viele andere Möglichkeiten, die das Theater hat. So gewinnt aber das Theater auch eine neue Möglichkeit: Theater als Teil der sozialen Wahrheitspraktik.

Ein zweites Beispiel und eine andere Möglichkeit: Milo Raus Projekt „Die Seherin“ mit der Schauspielerin Ursina Lardi (bei den Wiener Festwochen und in der Berliner Schaubühne).

Auf vier verschiedenen Ebenen wird hier das Verhältnis von Wahrheit und Täuschung ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Ursina Lardi spielt eine Fotografin, die auf Kriegsbilder und Gewalt spezialisiert ist.

Aber was sie über ihre Herkunft aus einem südschweizer Dorf erzählt, das passt so gut zu der realen Biografie der Schauspielerin. Wo liegt die Grenze zwischen der Person der Schauspielerin und einer fiktiven Figur? Sie wird verwischt.

Während sie von ihrer Faszination für Gewaltdarstellungen erzählt, ritzt sich Ursina Lardi mit einem Skalpell eine Wunde in die linke Wade, das Blut läuft sichtbar. Dieses Detail wird riesig vergrößert auf einen Bildschirm über der Bühne projiziert. Macht sie das wirklich oder ist es bloß ein Kunstwerk der Maskenbildnerin? Das Theater hämmert den Zuschauern diesen Zweifel ein. Die Grenze zwischen Wahrheit und Schein wird verwischt.

Dann erscheint auf dem Videoscreen Azad Hassan, ein Iraker, dem vom IS in Mossul wegen eines angeblichen Diebstahls die rechte Hand abgehackt wurde. Die Schauspielerin spricht mit ihm. Ist es ein Dialog in Echtzeit oder ein vorproduziertes Video? Die Grenze wird verwischt.

Dann wird ein Video gezeigt von der öffentlichen Verstümmelung des Irakers damals in Mossul während der Herrschaft des IS. Der Iraker berichtet, schlimmer als die Schmerzen sei die Begeisterung der Zuschauer gewesen. Zuschauer, das sind auch wir, die Theaterbesucher. Die Wahrheit der sichtbaren Gewalt ist ein Faszinosum, das die nicht-handelnden Zuschauer an die handelnden Gewalttäter bindet. Die Wahrheit eines dokumentarischen Bildes kann auch als visueller Reiz fungieren. Schuldiger Akteur oder unschuldiger Beobachter? Die Grenze wird verwischt.

Die Wirkung dokumentarischer Bilder ist weniger Information über die Realität als eine Antwort auf unser „Begehren nach Intensität“ (wie Akademiemitglied Hito Steyerl es formuliert.48) Der Zweifel, ob die Videobilder, die wir sehen, echt sind oder nachgestellt, – ob Azad Hassan wirklich in Mossul steht, wenn er spricht, ob Ursina Lardi sich wirklich selbst verletzt, – und das Theater demonstriert uns hier diesen Zweifel, – dieser Zweifel entwertet die Bilder nicht, sondern macht sie mächtiger. Ob die Bilder wahr sind, uns die Wirklichkeit zeigen, ist zweitrangig, gerade der Zweifel an ihrer Wahrheit zeigt die Macht der Bilder.49

Beteiligung am Wahrheitsdiskurs unserer Gesellschaft ist die eine der Möglichkeiten des Theaters, Analyse dieses Diskurses, dadurch dass Geschichten erzählt werden, die die Wahrheitsverfahren unserer Gesellschaft erfahrbar und durchschaubar machen, eine andere Möglichkeit. Das Theater zeigt hier, wie das, was wir für Wahrheit halten, zustande kommt. Das Theater kann dies als ein hybrides Medium, in dem sich sowohl gegenwärtige gemeinsame Präsenz als auch Fiktion und mediale Reproduktion wie digitale Produktion mischen können. Gerade weil das Theater nicht das Sprachrohr einer höheren Wahrheit der Kunst sein kann, kann es die Konstruktion von Wahrheit zeigen und zur „Schule der Komplexität“50 werden.

Die Beziehung zwischen Theater und Wahrheit ist also heute eine ganz andere als Ivan Nagel damals annahm und ich als Juror damals dachte.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

  1. Franz Kafka, Bericht für eine Akademie
  2. Vgl. Thomas Grundmann, Philosophische Wahrheitstheorien. Stuttgart: Reclam, 2018. Oder: Bruno Puntel, Wahrheitstheorien in der neueren Philosophie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983
  3. Vgl. Arne Naess, „Truth“ as conceived by this who are not professional philosophers. Skrivter utgitt av det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse. 1938. No. 4.
  4. τὸ μὲν γὰρ λέγειν τὸ ὄν μὴ εἶναι ἢ τὸ μὴ ὂν εἶναι ψεῦδος, τὸ δὲ τὸ ὂν εἶναι καὶ τὸ μὴ ὂν μὴ εἶναι ἀληθές.“ Metaphysik IV,7 1011b
  5. Zur Herkunft der Formel „veritas est adaequatio rei et intellectus“:  Thomas von Aquin verweist auf Isaac Judaeus {Thomas von Aquin, Von der Wahrheit – De veritate. Quaestio I. Hamburg: Meiner, 1986, S.8}, dort findet sich die Formel aber nicht. Guillaume d’Auvergne verwendet die Formel, die wahrscheinlich aber auf Avicenna zurückgeht.
  6. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd.8), S. 323, §172 Zusatz
  7. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Einleitung. (WA Bd. 3) Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, S. 24
  8. G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik III. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd. 15), S.573
  9. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. 1830. Hg, Friedhelm Nicolin u. Ottfried Pöggeler. Hamburg: Meiner, 1969. S. 445 § 562
  10. Martin Heidegger, „Der Ursprung des Kunstwerkes“ in: Holzwege. Frankfurt/M: Klostermann, *6*1980, S.54 , Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie. (=Gesammelte Schriften Bd. 7). Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, S. 421
  11. Heidegger a.a.O., S. 53
  12. Adorno a.a.O., S. 193f
  13. Adorno a.a.O, S. 515f
  14. Alain Badiou, Kleines Handbuch der Inästhetik, Berlin: Turia + Kant, 2+2012 (zuerst frz. 1998), S.9-13
  15. Jon Fosse, Traum im Herbst und andere Stücke. Reinbek: Rowohlt, 2001 S. 91
  16. Gottlob Frege, „Über Sinn und Bedeutung“ (1892) in: G.F., Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, hg.v. Günther Patzig, 3. Aufl. 1969, S.48f
  17. Jon Fosse, a.a.O. S.135
  18. Programmheft zu „Traum im Herbst“ Münchner Kammerspiele. Premiere 29. November 2001
  19. Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1960, S.465
  20. Dirk Pilz „Verfall, Verlust und Niedergang. Elegisch: Wulf Twiehaus versetzt an der Schaubühne mit Jan Fosses Trauerspiel ‚Traum im Herbst‘ sein Publikum in einen anhaltenden Zitterzustand“, die tageszeitung 1.2.2001
  21. Christopher Schmidt, „Ist ein Cutter, der heißt Tod. Lachender Moribund: Lukas Perceval inszeniert Jon Fosses ‚Traum im Herbst‘ an den Münchner Kammerspielen“, Süddeutsche Zeitung, 1.12.2001
  22. Hans Sedlmayr, Kunst und Wahrheit. Zur Theorie und Methode der Kunstgeschichte. Mittenwald: Mäander, 1978 (zuerst in „Rowohlts deutscher Enzyklopädie“ 1958) S.171
  23. Romano Guardini, Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien. Ostfildern/Paderborn: Matthias Grünewald, Schöningh 5. Aufl. 2016 (zuerst 1953) S.19
  24. „The propositions in the play are false because there was no such man.“ Bertrand Russell, An Enquiry into Meaning and Truth, London: Allen and Unwin, 1962, S. 277
  25.  Rémond de Sainte-Albine, Der Schauspieler. übers. Friedrich Justin Bertuch. Altenburg 1772, S. 49
  26. zit. in: Jens Roselt (Hg.), Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock – bis zum  postdramatischen Theater. Berlin: Alexander Verlag, 2005, S.154
  27. Denis Diderot, Paradox über den Schauspieler. übers. u. eingeführt von Felix Rellstab. Wädenswil: Verlag Stutz & Co, 1981, S.22
  28. Heinrich Theodor Rötscher, Die Kunst der dramatischen Darstellung in ihrem organischen Zusammenhang wissenschaftlich entwickelt. (Erster Band) Leipzig: Otto Wiegand, 2. Auflage 1864, S.19, 21
  29. Konstantin Sergejewitsch Stanislawskij, Das Geheimnis des schauspielerischen Erfolges.  übers. v. Alexandra Meyenburg. Zürich: Scientia AG, o.J (1940?). {zuerst Moskau 1938}. S.185
  30. ibid. S.225
  31. Maxim Vallentin, „Geleitwort“, in: Ottofritz Gaillard, Das deutsche Stanislawski-Buch. Lehrbuch der Schauspielkunst nach dem Stanislawski-System. Berlin: Aufbau-Verlag, 1947, S.11
  32. Hans Günther von Klöden, Grundlagen der Schauspielkunst II: Improvisation und Rollenstudium. Velber bei Hannover: Friedrich Verlag, 1967 (Reihe Theater heute 24) S.19
  33. Stanisławski, Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst. Tagebuch eines Schülers. Teil 1 Die Arbeit an sich selbst im schöpferischen Prozess des Erlebens. übers. v. Ingrid Tintzmann. Westberlin: das europäische Buch, 1981, z.B. S. 148ff, 181
  34. v. Klöden a.a.O., S. 20f.
  35. Susan Batson, Truth: Personas, Needs, and Flaws in the Art of Building Actors and Creating Characters. Webster/Stone, 2006 (deutsch: Truth. Wahrhaftigkeit im Schauspiel. Ein Lehrbuch. Berlin: Alexander Verlag, 2014)
  36.  Jens Roselt (Hg.), Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock – bis zum postdramatischen Theater. Berlin: Alexander Verlag, 2005, Einführung S.47
  37. Erika Fischer-Lichte e.a. (Hg.), Metzler Lexikon Theatertheorie. Stuttgart: Metzler, 2. Aufl. 2011
  38. Georg Lukacs, Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. Berlin: Cassirer, 1920, S.12
  39. Jacques Derrida, „Das Theater der Grausamkeit und die Geschlossenheit der Repräsentation“ in: J.D., Die Schrift und die Differenz. übers. v. Rudolphe Gosché. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1976 (zuerst als Vortrag in Parma 1966)
  40. Florian Malzacher, Gesellschaftsspiele. Politisches Theater heute. Berlin: Alexander Verlag, 2020, S.36
  41. Samuel Taylor Coleridge, Biographia Literaria (1817). Ch. XIV, ebook Project Gutenberg, 2004, p. 347
  42. Jens Roselt, Phänomenologie des Theaters. Paderborn: Wilhelm Fink, 2008, S. 194f
  43. Roselt, S.179
  44. Roselt, S. 300
  45.  Julia Fiedler, „Über das Umarmen der eigenen Mittelmäßigkeit“ Poetik des Spiels. Hamburger Poetikvorlesung 2023
  46. Vgl auch  Bernhard Kleeberg, Robert Suter, „»Doing truth« Bausteine einer Praxeologie der Wahrheit“, In: Zeitschrift für Kulturphilosophie. 8 (2014) H. 2, S. 211-226
  47. Eine genaue Analyse des älteren Bildes findet sich bei Sotheby’s  anlässlich eines Verkaufs.
  48. Hito Steyerl, Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld. Berlin-Wien: Turia+Kant, 2008, S. 36f
  49. Steyerl a.a.O. S. 11, 13
  50. Kay Voges im Gespräch mit Ulla Egringhoff, KunstSalon Köln 12.10.2025

Renovierung oder Restauration

Zur Ästhetik und Politik von Ausweichspielstätten

Aus aktuellem Anlass (der nun für 2026 geplanten Wiederöffnung der renovierten Spielstätten der Oper und des Schauspiels Köln) stelle ich hier noch einmal ein alten Text ein, der zuerst 2017 auf nachtkritik.de veröffentlicht wurde und dort auch immer noch zu finden ist unter dem Titel „Freiräume. Im Interim“. Eine englische Fassung gibt es hier: Renovation  oder Restauration?

Das Theater muss weichen. Oder zumindest vorläufig ausweichen. Drei große Schauspieltheater in Nordrhein-Westfalen müssen jahrelang in Ausweichspielstätten hausen: Köln, Düsseldorf, Dortmund. Und auch diese drei sind im deutschsprachigen Theater keine Ausnahme: den Theatern in Frankfurt, Oldenburg, der Stuttgarter Oper stehen die Ausweichexistenz noch bevor.

Was macht diese Vertreibung aus dem Paradies der großen alten Häuser mit dem Theater? Was, außer dem Organisationsstress hinter den Kulissen, bewirkt dieser weit verbreitete Ausnahmezustand auf der Bühne? Wie verändert er die ästhetischen Konzepte?

Es gibt vier Modelle:

  1. Köln Depot 1: Rückentwicklung vom raumspezifischen zum raumneutralen Konzept mit Zuschauertribüne und Vorhang. Die konservativste Lösung.
  2. Köln Depot 2 und Düsseldorf Central: Das was man „Ausweichästhetik“ nennen könnte. Die häufigste und kostengünstigste Lösung für Interimsspielstätten.
  3. Dortmund: völlige Flexibilität. Jede Inszenierung erhält ihre eigene Raumstruktur, das räumliche Verhältnis von Zuschauern und Schauspielern ergibt sich aus dem von der Inszenierung gewählten Format. Die riskanteste und für den Theaterapparat strapaziöseste Lösung.
  4. Bonn: Abschaffung der Spielstätte mit variabler Raumgestaltung. Die schlechteste Lösung.

I. Köln ist der härteste Fall. Seit fünf Jahren muss das Schauspiel in einer Interimsspielstätte spielen. Mindestens fünf weitere Jahre werden dazukommen. Intendant Stefan Bachmann entschied sich 2013 für eine Fabrikhalle im Stadtteil Mülheim, nachdem seine Vorgängerin Karin Beyer schon ein Jahr in der innenstadtnahen Ausstellungshalle „Expo“ untergekommen war. Zentrum oder Peripherie, war schon damals die Frage. Mittlerweile ist das Schauspiel in diesem Randbereich der Stadt fest verankert. Auf dem Gelände der ehemaligen Kabelfabrik Felten und Guillaume gibt es weitere Veranstaltungssäle und Medienunternehmen. Nebenan sind die Restaurants der Keupstraße. Mit auf die Lokalität bezogenen Projekten (u.a „Die Lücke“, „Carlswerk I“, „Die Abschaffung der Nacht“, „Glaubenskämpfer“) und einem trotzig auf den Beton gesetzten Garten hat das Theater dort so tiefe Wurzeln geschlagen, dass Stefan Bachmann dafür sorgen konnte, dass die Spielstätte auch nach dem Rückzug ins renovierte Schauspielhausparadies erhalten bleibt.

An den Inszenierungen in der großen Halle des Depot 1 lässt sich eine Entwicklung von „theatre on location“ zum Breitwandguckkasten erkennen. Nachdem Raphael Sanchez’ Eröffnungsinszenierung von Frayns „Der nackte Wahnsinn“ im Depot 1 grandios mit dem Versuch gescheitert war, eine Kammerspielkomödie auf Superbreitwandformat umzukopieren, nutzte Stefan Bachmanns Inszenierung von Ayn Rands „Der Streik“ die Weite und Leere des Fabriklagers: echte, mit einer Draisine befahrbare Eisenbahnschienen wurden während der Vorstellung verlegt, ein veritabler DDR-LKW knatterte stinkend durch den Raum. Aber auch die Probleme wurden deutlich: schwierige Akustik, zu große Entfernung für differenziertes Spiel. Zunächst versuchte man die Akustik und Sichtbarkeit zu verbessern, indem man alle Inszenierungen in die Höhe hob: alles fand auf mittlerer Raumhöhe statt. Zur Spielzeit 2016/17 wurde dann die Bühnenbreite verringert, ein Portal eingebaut: nun sieht fast alles wieder so aus wie in einem ordentlichen Schauspielhaus. Die Bühne ist nun wieder ein metaphorischer Raum, der einen anderen, fiktiven Raum bedeutet und als realer im Bewusstsein der Zuschauer verschwindet. Was ein selbstironisches Verhältnis zu dieser Raumkonzeption nicht ausschließt. In Stefan Bachmanns „Hamlet“-Inszenierung gab es gleich zwei rote Samtvorhänge: einer vor und einer hinter der Bühne.

II. Die Ausweichästhetik ist ein Mittleres. Es gibt noch die Trennung von Zuschauerraum und Bühne, es gibt noch die kollektive Konzentration auf das fiktive Spiel, aber der Raum ist offen, ohne Portal. Die Grenze wird verwischt. Der Schauspieler geht sichtbar seinen Gang als Schauspieler auf die Bühne, auf der er sich verwandelt. Die Bühne ist ein metonymischer Raum (in H. Th. Lehmanns Terminologie1, der ein Teil des realen Raums, der Halle, bleibt, immer als solcher wahrgenommen wird, und dennoch für einen anderen Raum steht. Die Fabrikhalle mit ihrer Atmosphäre der Produktion, der Arbeit, der ungemütlichen Effizienz temperiert untergründig die Wahrnehmung des Publikums. So ist die Mehrheit der Inszenierungen im Kölner Depot 2 angelegt.

Auch in der „Außenspielstätte am Offenbachplatz“ dominiert diese Raumkonzeption. Es war wieder eine strategische Entscheidung Bachmanns, diese Spielstätte sich zu erobern: das halbfertige neue „Kleine Haus“ auf der ewigen Baustelle des Opernquartiers. So ist das Theater wieder mit einem Fuß, oder zumindest einem kleinen Zeh, in der Mitte der Stadt, wo es nach Bachmanns Meinung hingehört. Von ihm kann man seltsam unzeitgemäße Forderung hören, Rathaus, Kirche und Theater gehörten ins Zentrum der Stadt.

Das vielseitigste Konzept für delokalisiertes Theater hat das Düsseldorfer Schauspielhaus. Wilfried Schulz dachte bei Vertragsunterzeichnung, er käme in ein renoviertes Haus, nun zeigt sich, er bleibt bis Herbst 2020 Vertriebener. Seine Antwort ist offensiv: die Zerstreuung nutzen. Im kleinen Raum des Central, einer früheren Lagerhalle der Post neben dem Hauptbahnhof, gibt es Ausweichästhetik, man schaut von der Tribüne herab in die Ebene der Spielfläche. Im großen Raum ist kaum mehr möglich: Daniela Löffner lässt in ihrer Version der „Farm der Tiere“ in der Raummitte in einem Karree von Zuschauertribünen spielen. Selbst Rimini-Protokoll musste ihr Stationenlernen zum Thema „Gesellschaftsmodell Großbaustelle“ im unveränderten Raum mit Zuschauertribüne platzieren, obwohl diese interaktive Installation mit kunstvoll umeinander geführten Zuschauergruppen einen ganz anderen Raum benötigt hätte. Daneben versucht Schulz mit einem Zirkuszelt neue Plätze für das Theater zu erschließen. Bei der Eröffnungsinszenierung „Gilgamesh“ erinnerten aber nur die ihre Körper durch die Luft schleudernden Akrobaten in Nebenrollen daran, dass man im Zirkus war. Keine Arena, sondern das altbekannte Verhältnis von Zuschauertribüne und Bühne. Mit „Faust to go“, einer schülergerechten Klassikerinszenierung, wird das Theater noch mobiler und tourt durch die Schulen und Bürgerhäuser. Anderseits hat Schulz wie Bachmann in Köln auch eine Offensive zur Rückkehr gestartet: Robert Wilsons „Sandmann“-Muscial wurde im nur durch den Hintereingang zugänglichen, eigentlich geschlossenen, der Renovierung harrenden Schauspielhaus gezeigt und alle Freunde des Schauspielhauses waren überglücklich, wenigstens vorübergehend in ihren repräsentativen Raum zurückzukehren.

III. So widersprüchlich erfolgreich die Situation in Köln und Düsseldorf ist, so eindeutig erfolgreich ist sie in Dortmund. Die Vertreibung aus dem kleinen Paradies des Schauspielhauses in die Lagerhalle des Megastores im Stadtteil Hörde war für das Team um Intendant Kay Voges eine Befreiung. Nun konnte man endlich genüsslich vom Baum der Erkenntnis essen. Die erste Inszenierung, Jelineks „Das schweigende Mädchen“ inszeniert von Michel Simon, führte das Publikum zunächst in einen Raum, in dem an verschiedenen Orten Schauspieler in unterschiedlichen Bühnenbildfragmenten sprachen: freie Aufmerksamkeitslenkung bei allgemeiner Dekonzentration, ein Massenpublikum als Individuen behandelt. Erst danach kam man auf eine Zuschauertribüne, aber auch im zweiten Teil wurde die Weite des Raumes durch einen Bürgerchor genutzt. Marcus Lobbes nutzte Mike Daiseys „Trump“-Monolog für ein eigenes Raumformat: Wahlparty mit Stehtischen. Auch Kay Voges’ vielgepriesene „Borderline“-Inszenierung mit ihrem riesigen Filmset zwischen zwei Zuschauertribünen wäre im Schauspielhaus völlig unmöglich gewesen. Weil sich in der Halle des „Megastore“ neben der Ruine des Hoesch-Stahlwerks „Phoenix“ im Stadtteil Hörde drei Räume herstellen ließen, war weiterhin bei verringerter Zuschauerzahl ein reduzierter Repertoirespielplan möglich. Lokale Verankerung war nicht Voges’ Ziel, angesichts der kürzeren Umbauphase verständlich. So grüßen die rostigen Hochofentürme nur als bezugslose Reminiszenzen herüber zur ehemaligen BVB-Fan-Artikel-Halle. Ab Dezember kehrt man zurück ins Paradies. In die Erleichterung über das Ende der miserablen Arbeitsbedingungen für die Theatermacher mischt sich das Bedauern über den Verlust der Variabilität des Raumes.

IV. Die fragwürdigste Lösung hat man in Bonn gefunden. Um der Reduzierung des Theateretats zu entsprechen, wurde die alternative Spielstätte, die Halle Beuel, der Ort, an dem so viele bahnbrechende Raumkonzepte ausprobiert worden waren (z.B. bei der Uraufführung von Jelineks „Wolken.Heim“ oder Peter Palitzschs „Antigone“), aufgegeben und das Schauspiel auf die Kammerspiele in Bad Godesberg, ein ehemaliges Kino, und das kleine Nudelbrett der Werkstattbühne im Untergeschoss der Oper reduziert. Die für ein jüngeres Publikum attraktive Halle einer alten Jutespinnerei im rechtsrheinischen, universitätsnahen Vorort Beuel wurde an ein privates Kleinkunsttheater vermietet. Das ist die am wenigsten zukunftsorientierte Lösung für das Schauspiel.

*

Die Notwenigkeit der Renovierung dieser großen Häuser ist durch die Verschleppung von Instandhaltung und Instandsetzungsmaßnahmen entstanden. Sowohl in Düsseldorf als auch in Köln wurden dadurch große öffentliche Debatten ausgelöst, die mit dazu geführt haben, dass diese Projekte – wie langsam auch immer – angegangen werden. Zeitweise stand das Theater in Köln und Düsseldorf im Zentrum der lokalpolitischen Debatte. Diese Debatten waren aber zweischneidig. Ihr Impuls war immer Erhaltung und Bewahrung. Nur so, scheint es, kann man in der deutschen Abstiegsgesellschaft politische Partizipation mobilisieren. Den Theatermachern gelang es nur geringfügige Zugeständnisse für die Umgestaltung der Bühnen und Zuschauerräume zu erreichen. Wie bei fast allen Renovierungen wird entsprechend der gesunkenen gesellschaftlichen Bedeutung der Theater der Zuschauerraum verkleinert (was die Auslastungsstatistik verbessert). In Köln soll es eine bewegliche Vorbühne geben, in Düsseldorf soll der Eingangsbereich zur Stadt hin geöffnet werden. Ähnlich hat in Bochum der künftige Schauspiel-Intendant Johan Simons durchgesetzt, dass im Bochumer Großen Haus die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne entschärft werden kann, indem Zuschauer auf der Bühne platziert werden können. Das sind nur marginale Änderungen an dem durch die Bauten der 50er oder 60er-Jahre vorgegebenen Raumkonzept.

Dabei gab es schon einmal auch für solche Bauten ganz andere Konzepte. Das Kleine Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses wurde 1970 gebaut als „Raumbühne“, die ohne feste Zuschauertribüne mit vertikal beweglichen Zuschauer- und Bühnenflächen bespielt werden konnte. Ebenso wurde das Essener Grillo-Theater 1990 zum „variablen Raumtheater“ umgebaut. In beiden Fällen gingen die Architekten auf die Ideen von Kiesler, Piscator, Gropius u.a. aus den 20er Jahren zurück2. Doch diese innovativen Raumstrukturen wurden nur kurze Zeit genutzt. Zu teuer, zu kompliziert waren die Umbauarbeiten für einen Repertoirespielplan. Im Laufe der Jahre wurde das technische Personal weiter reduziert. Für Variabilität war weder Zeit noch Geld da. Die Raumästhetik des deutschen Stadttheaters ist auch eine Finanzfrage. Wenn also z.B. Milo Rau, designierter Intendant des Nationaltheaters Gent, klagt über „Stadttheateräume, die zwar über die ganze Infrastruktur verfügen, aber überhaupt nicht adaptabel sind für die Realität des Theaters“3, so trifft das nicht die Interimspielstätten, wohl aber die alten Prachtbauten. Aber die Klage ist auch alt und die Konzentration der öffentlichen Debatte auf die Substanzerhaltung hat die Wiederbelebung der alten Pläne für eine neue Zukunft des Stadttheaters vergessen lassen. Eine Bürgerinitiative für den Umbau des Kölner Schauspielhauses zur variablen Raumbühne bleibt undenkbar. Denn, wie Dirk Baecker so schön formulierte, eine Ungleichzeitigkeit hat sich der Menschen bemächtigt, „demgemäß ihre Praxis […] in der jeweils gegenwärtigen Medienepoche stattfindet, ihr Verstand sich auf dem Niveau der vorherigen bewegt und ihr Gemüt noch in der vorletzten steckt“4

Die Schauburgen in den Stadtzentren aufzugeben, abzureißen (worüber der Düsseldorfer Oberbürgermeister laut nachdachte), am Stadtrand neu zu bauen (wie man in Köln überlegte und wie es jetzt in Frankfurt in der Diskussion ist) würde der Tendenz zur Dezentralisierung und Enthierarchisierung aller gesellschaftlichen Bereiche entgegenkommen. Aber auch eine Gesellschaft aus sich selbstregulierenden, autopoietischen Subsystemen braucht ein zentralisiertes, hierarchiebildendes, politisches System (Niklas Luhmann). Das Theater als per Struktur politisches Medium kann in einer Stadt eine solche zentralisierende Funktion übernehmen. Deshalb gehört es in ihre Mitte. Andererseits ändern sich unter dem Einfluss des Internets und der sozialen Netzwerke die Strukturen von Kommunikation und Sozialität. Darauf reagiert das Theater. Dazu bedarf es anderer Raumstrukturen. Diese kann es in den Hallen der Interimsspielstätten am Rand finden. Was brauchen wir also? Eine pluralistische Lösung: Umwidmung der provisorischen Spielstätten zu dauerhaften, dezentralen Außenspielstätten und Flexibilisierung der Raumstruktur bei der Renovierung der zentralen Häuser: Interim zu Evergreen, Guckkasten zu bunter Box und Geld für variable Stadttheater.

  1. Hans-Thies Lehmann, Postdramatisches Theater. Frankfurt/M: Verlag der Autoren, 1999, S.287)
  2. vgl. Stephen J. Phillips, Elastic Architecture: Frederick Kiesler and Design Research in the First Age of Robotic Culture. Cambridge, Mass.: MIT Press, 2017 p.73)
  3. Milo Rau in „Nachdenken über ein Theater der Zukunft“, eine Diskussion, organisiert von den Berliner Festspielen, 2017
  4. Dirk Baecker, Wozu Theater. Berlin: Theater der Zeit 2013. S. 152

Versuch über politisches Theater – Teil 6

Nachdem in „Versuch über politisches Theater – Teil 5“ in einer vorläufigen Bilanz die Rückkehr eines konkret auf die aktuelle Politik bezogenen Theaters nach einer Phase eines Theaters, das sich politisch nannte, sich aber ausdrücklich von aktuellen politischen Inhalten abwandte, konstatiert wurde, bleibt es weiterhin nötig, danach zu fragen, was der Begriff „politisch“ im Ausdruck „politisches Theater“ eigentlich bedeutet.

Vollraths Theorie des Politischen

Dazu könnte man versuchen, mit Ernst Vollraths Theorie des Politischen eine Antwort finden. Vollrath hat seit den 1970er Jahren im Anschluss an Hannah Arendts1 Theorie eine eigene philosophische Theorie des Politischen entwickelt2. Vollrath geht von der von Carl Schmitt angestoßenen3 und dann unabhängig von ihm von Ricoeur und Lefort entwickelten politischen Differenz4 zwischen der Politik und dem Politischen aus.

Das Politische ist für Vollrath eine Praktik („practise“), also eine Modalität der Erfahrung (nach Michael Oakeshott). Es ist kein inhaltlich bestimmter Bereich, sondern eine adverbiale Modalität, also eine bestimmte Art und Weise etwas zu tun oder zu erfahren. Zu dieser Modalität gehört, dass das Politische Entscheidungen verlangt. Vollrath bestimmt diese Art von Entscheidungen als Urteile nach der Maxime der reflektierenden Urteilskraft bei Kant. Kant entwickelt seine Theorie der Urteilskraft eigentlich am ästhetischen Urteil5. Die reflektierende Urteilskraft findet zu einem gegebenen Besonderen das Allgemeine (und bestimmt nicht umgekehrt das Besondere vom Allgemeinen her wie die theoretische oder bestimmende Urteilskraft). Dieses Urteilsverfahren liegt für Kant dem ästhetischen Urteil zugrunde. Das ästhetische Urteil, das für Kant darin besteht, etwas für schön zu erklären, ist kein rein subjektives Urteil, aber auch kein objektives Urteil, das allgemeingültig wäre. Das ästhetische Urteil „sinnt“ aber allen „an“, ihm „beizustimmen“. Dieses vermittelnde Verhältnis nennt Kant „subjektive Allgemeinheit“. Vollrath erweitert diese Bestimmung nun auf das Politische6. Aus der subjektiven Allgemeinheit wird so die interpersonale Allgemeinheit, weil im politischen Urteil alle anderen als Personen berücksichtigt werden. Das politische Urteil folgt der Maxime der reflektierenden Urteilskraft: „An der Stelle jedes andern denken“7.

„Die reflektierende Urteilskraft kann in ihrer politischen Qualität zur Bestimmung eines Begriffs des Politischen in Anspruch genommen werden. Ein von dem in ihrer Maxime – sich in Gemeinschaft und Mitteilung von Menschen an die Stelle jedes anderen zu denken – ausgesprochenen Prinzip und der dieser Maxime als Regel folgenden Operation der Reflexion her gefälltes Urteil ist so angelegt, dass der Geltungsgrund seiner interpersonalen Universalität die Beistimmung potentiell aller anderen ist. Die so Urteilenden bilden einen Verband, eine Assoziation, indem sie ihr Sein-bei-und-mit-Anderen zur interpersonal universalen Praktik ihrer Verbandsbildung machen.“8

Dieser Begriff des Politischen ist für Vollrath ein Maßstab, der sich an alle möglichen Phänomene anlegen lässt, um ihre politische Qualität zu messen. Weil das Politische eine adverbiale Modalität ist und kein abgegrenzter gesellschaftlicher Bereich, kann alles politische Qualität annehmen, sofern es diesem Maßstab genügt.

„Ob und in welcher Weise der Krieg oder die Revolution oder andere Phänomene politisch qualifiziert sind und in politischer Modalität vorliegen, lässt sich sehr wohl von einem Begriff des Politischen her beurteilen, der nicht sie als Phänomene inhaltlich umfasst, wohl aber ihre Qualifikation und Modalität politisch beurteilt, also abmisst, inwiefern und in welchem Ausmaße diese Phänomene überhaupt politisch bestimmt sind oder nicht.“9

Trotz dieser Funktion des Begriffs des Politischen als Maßstab für alle möglichen gesellschaftlichen Phänomene ist für Vollrath die Norm des Politischen ein bestimmter Verfassungstyp: die Politie[10. Für Vollrath ist das Politische nicht etwas, das in allen menschlichen Verbänden vorkommt, sondern ein bestimmter Typus von Vergesellschaftung, den die Griechen in der Antike erfunden haben11.

„Die Verfassung einer Menge von Menschen von ihrer gemäß dem Prinzip der Urteilskraft und deren reflektierender Operation bestimmten Mitte her soll, um ihren authentisch politischen Charakter zu kennzeichnen, Politie genannt werden. Lässt ein Verband das Zentrum seiner Bildung und seines Bestehens von der Praktik bestimmt sein, die gemäß der Maxime der reflektierenden Urteilskraft qualifiziert ist, dann handelt es sich bei ihm um eine Politie.“12

Wie diese Politie konkret aussieht, davon hat Vollrath eine genaue Vorstellung, die sich weitgehend mit dem in den westlichen Gesellschaften akzeptierten Modell einer repräsentativen, pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratie deckt:

„Konkret meint Politie diejenige Verfassungsform einer Menge von Menschen, die durch die fünf Momente von Beauftragung, Verantwortung, Befristung, Beschränkung und Begrenzung bestimmt ist. … Konkret verwirklicht werden kann die Politie in einem auf Repräsentation und Gewaltenteilung beruhenden verfassungsmäßigen und rechtlichen Gemeinwesen.“13

Letztlich ist für Vollrath dieser Verfassungstyp das Kriterium dafür, ob irgendein gesellschaftliches Phänomen im vollen Sinne politisch genannt werden kann. Die Politie ist die Institution, die aus der Operation der reflektierenden Urteilskraft entsteht, und alle gesellschaftlichen Phänomene, die politisch genant werden, werden an dem Maßstab ihrer Orientierung an dieser Art von Vergesellschaftung, eben der Politie, gemessen.

„Der Begriff der Politie als der des Politischen ist ein Normbegriff, sofern er die politische Qualität und Modalität von Phänomenen bemißt.“14

Wenn der Begriff des Politischen der Maßstab für den politischen Charakter verschiedener gesellschaftlicher Phänomene sein soll, wie sieht dann das Verfahren aus, mit dem man diesen politischen Charakter, die Polizität, von gesellschaftlichen Phänomene bestimmt? Da bleibt Vollrath ziemlich vage und ohne Beispiele:

„Die Begriffe des Politischen sind folglich Urteilsbegriffe, Begriffe, die das Phänomen des Politischen und die politischen Phänomene von ihrem kulturellen Kontext her und auf ihn hin, also zusammen mit ihm, der zugleich geschichtlich geprägt ist, bestimmen und begreifen. Erneut: wie soll sich die Einsicht in diese Zusammenhänge und Kontexte konkret vollziehen? Durch unterscheidendes Vergleichen, indem das eine Phänomen mit anderen Phänomenen unter einem kulturellen Hintergrund verglichen wird, so dass sie einen Kontext bilden.“15

Wie lässt sich nun Vollraths Begriff der Politischen auf das Theater anwenden?

Das Politische im Theater

Durch Vergleichen und Kontextualisieren. Sollte man annehmen.
Auf welche Ebene soll sich aber der Vergleich beziehen? Dass Theater von politischen Institutionen finanziert werden, ist im Begriff des politischen Theaters nicht gemeint. Dass das öffentlich finanzierten Theater eine enge Bindung an die staatlichen politische Institutionen hat (Stadt, Land, Bund), ist offensichtlich.16. Daraus folgt aber noch nicht, wenn man die Freiheit der Kunst festhält, der politische Charakter des Produkts ihrer Tätigkeit.

Die Formulierung „politisch Theater machen“ bezieht sich, wenn man „politisch“ als Adverb versteht, auf den Herstellungsprozess einer Theaterproduktion. Z.B. zitiert Barbara Behrendt die Regisseurin Joana Tischkau bei einer Podiumsdiskussion in der Freien Volksbühne Berlin: „Die Debatte ist doch, dass es gar nicht so sehr um das Politische auf der Bühne geht, sondern um das Politische im Strukturellen, in den Arbeitsverhältnissen, wie man miteinander umgeht.“ 17 Hier könnte man den Maßstab der Maxime des reflektierenden Urteils anlegen. Wenn das Politische im Theater ist „wie man miteinander umgeht“, dann ist die Maßstab, nach der man das beurteilt: „an der Stelle jedes andern denken.“

Aber auch dass ist nicht gemeint, wenn man „politisches Theater machen“ durch „politisch Theater machen“ ersetzt. Wie bei Godard, der diese Formel geprägt hat18, schon deutlich wurde, bezieht sich dieses „politisch“ doch auf den Inhalt oder die Form des Dargestellten, nicht auf den Herstellungsprozess. Bleibt also die inhaltliche Ebene. Aber wie soll man deren politische Qualität beurteilen? Nach den Intentionen der Theatermacher? Dann wäre politisches Theater politisch intendiertes Theater. Dann wäre kein Urteil von außen möglich, ob eine Theaterproduktion „politisch“ genannt werden kann oder nicht. Eine Beurteilung der politischen Qualität von Theater müsste ja das gesamte Geschehen einer Theateraufführung, d.h. Bühne und Publikum und ihre Relation, betreffen. Gibt es also eine Möglichkeit, die Struktur einer bestimmten Theaterproduktion am Maßstab des Begriffs des Politischen, wie in Vollrath bestimmt, als „politisch“ zu beurteilen? Wie ließe sich die Maxime „an der Stelle jedes anderen denken“ als Theaterstruktur anwenden?

Noch eine hypothetische Zusammenfassung

Oliver Marchart bestimmt das Politische als die Dimension der kontingenten Gründung von Gesellschaften, für Ernst Vollrath ist es eine adverbiale Modalität, die einer Tätigkeit dann zukommt, wenn sie der Maxime des „an der Stelle jedes anderen Denken“ entspricht. In der Bestimmung der Grundlage der Vergemeinschaftung als kontingent sind sich beide Theorien einig. Humes Diktum „all government rests on opinion“19 wird von Vollrath oft zitiert20. Vollrath hält die Verfassungsform, die er „Politie“ nennt, für diejenige, die dieser Kontingenz Rechnung trägt und in diesem Sinn wirklich „politisch“ ist. 21 Marchart nennt diese Verfassungsform Demokratie, ebenfalls weil sie der „Abgründigkeit des Grundes“ der Vergesellschaftung Rechnung trägt22

Theater, das sich zu Recht politisch nennt, kann sich also mit dieser Gründungsdimension des sozialen Verbandes beschäftigen oder mit politischen Themen, die es an dem Maßstab des „an der Stelle jedes anderen denken“ misst. Nicht nur an der Stelle eines anderen, das tut ein Theater, das Figuren verkörpert, immer und ist eine öffentliche Schulung in Empathie, – auch eine Voraussetzung für „an der Stelle jedes anderen denken“ – aber nicht im eigentlichen Sinne politisch. Als Beispiele können Nuran Calis‘ Kölner Arbeiten dienen mit ihrer Struktur des Empathiewechsels, z.B „Die Lücke“ oder „Mölln 92/22“, der jeweils für beide Seiten gilt, für Migranten und Autochthone. Das Kriterium ist also kein objektivierbares, sondern eines, das erst in der Rezeption angewandt werden kann und also von unterschiedlichen Rezipienten (=Publikum) unterschiedlich angewandt wird.

„Es kommt darauf an, eine Kultur des Politischen zu entfalten“ 23

*

Finis 24

  1. Noch einmal zum persönlichen Verhältnis: Vollrath war seit 1970 in Kontakt mit Hannah Arendt und war von 1973 bis zu Hannah Arendts Tod 1976 ihr Assistent an der New School for Social Research in New York. Vollrath hat 2001 zusammen mit Daniel Cohn-Bendit den Bremer Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken erhalten. G.P., der Verfasser dieser Zeilen, hat 1985 eine Seminar von Ernst Vollrath zu Hannah Arendts Essay „Das Urteilen“  besucht.
  2. Hannah Arendts Theorie des Politischen und ihr Rückgriff auf Kants Analyse des ästhetischen Urteils wird in den letzten Jahren häufig diskutiert, kritisiert oder weiterentwickelt. Ernst Vollraths Fortführung dieser Theorie seit den 1970er Jahren scheint vergessen zu sein. Z.B. Steffen Herrmanns ausführliche Diskussion von Arendts Konzept der politischen Urteilskraft kommt völlig ohne Verweis auf Vollraths Ausarbeitung dieses Begriffs aus: Steffen Herrmann, „Demokratische Urteilskraft nach Arendt“, in: Zeitschrift für Praktische Philosophie Bd. 6, Heft 1, 2019, S. 257–288. Michael Horschitz immerhin stellt Ernst Vollrath in die Reihe der Phänomenologen, die eine Theorie des Politischen entwickelt haben: Michael Horschitz, Politische Philosophie in der Phänomenologie. Ideengeschichtlicher Kurzüberblick und Theorievergleich Husserl-Vollrath-Held-Egner. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2022
  3. Vollrath erkennt Carl Schmitts theoretische Pionierleistung in der Herausarbeitung eines eigenständigen Begriffs des Politischen an, kritisiert aber seine einseitige  Bestimmung des Politischen von der Dissoziation (Feind) her und stellt dem Hannah Arendts Bestimmung des Politischen als Assoziation entgegen.
  4. Die späteren linksheideggerianischen Ausdifferenzierungen bei Nancy, Badiou, Rancière, Laclau usw. (vgl. meinen Beitrag in Versuch über politisches Theater Teil 3) berücksichtigt Vollrath nicht.
  5. KdU § 40 „Vom Geschmack als einer Art sensus communis“, in: Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. Schriften zur Ästhetik und Naturphilosophie. Hg. Manfred Frank u. Véronique Zanetti. Frankfurt/M: Deutscher Klassiker Verlag, 2009, S. 638-642
  6. Wie schon Hannah Arendt: vgl. Ernst Vollrath, „Hannah Arendts ‚Kritik der politischen Urteilskraft'“, in: Peter Kemper (Hg.), Die Zukunft des Politischen. Ausblicke auf Hannah Arendt. Frankfurt/M: Fischer 1993, S.34-54
  7. Kant, Kritik der Urteilskraft § 40 .  „ … dass man sein Urteil an anderer, nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche Urteile hält, und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den Beschränkungen, die unserer eigenen Beurteilung zufälligerweise anhängen, abstrahiert“  S.639. Ähnliche Formulierungen finden sich in Kants „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“: „Sich (in der Mitteilung mit Menschen) in die Stelle jedes anderen zu denken.“ Kant, Werkausgabe Bd. XII. Hg. Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977 S. 549, BA 167
  8. Ernst Vollrath, Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1983, S.300
  9. Vollrath, Grundlegung, S.313
  10. „πολιτεία“ Der Begriff bezeichnet bei Aristoteles den mittleren Verfassungszustand zwischen Demokratie und Oligarchie: „ὄταν δὲ τὸ πλῆθος πρὸς τὸ κοινὸν πολιτεύηται συμφέρον, καλεῖται τὸ κοινὸν ὄνομα πασῶν τῶν πολιτειῶν, πολιτεῖα.“ (Arist. Pol. III 7, 1279a 37f ) „Wenn aber die Volksmasse mit Rücksicht auf das gemeinsam Nützliche den Staat verwaltet, dann heißt das mit dem gemeinsamen Namen aller Staatsverfassungen ‚Politie‘“ und IV, 8:  „ἔστι γὰρ ἡ πολιτεία ὡς ἁπλῶς εἰπεῖν μίζις ὀλιγαρχίας καὶ δημοκρατίας.“ 1293b 33f „Es ist nämlich die Politie, um es einfach auszudrücken, eine Mischung von Oligarchie und Demokratie.“ Aristoteles, Politik. Schiften zur Staatstheorie. übers. von Franz F. Schwarz. Stuttgart: Reclam 1989, S..169 u. 219
  11. Vollrath verweist immer wieder auf Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1983
  12. Vollrath, Grundlegung, S.303
  13. Vollrath, Grundlegung, S. 304
  14. Vollrath, Grundlegung, S. 310
  15. Vollrath, Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S.11
  16. vgl. Ulrich Khuon im Interview über seine Interimsintendanz in Zürich 2024-25: „Freiheit der Kunst! Die ist auch wichtig. Aber ich glaube, wir müssen die Auseinandersetzung mit der Politik suchen und die Partnerschaft. Das Theater ist ähnlich wie Kindergarten, Schule, Universitäten ein Lebensbildungselement. Da muss man die Politik – ohne sich reinreden zu lassen, verbindlich dazubitten.“
  17. in: Barbara Behrendt, „Diskussion im Berliner Festspielhaus. Muss Kunst wehtun?“ Sendung in rbb24 6.5.2023
  18. vgl. meinen Beitrag in Versuch über politisches Theater Teil 3
  19. It is therefore, on opinion only that government is founded“ , David Hume, *Essays Moral, Political, and Literary*. Ed. Eugene F. Miller. Indianapolis: Liberty Classics, 1987 p.32
  20. Vgl: Ernst Vollrath, „That All Governments Rest on Opinion“ in: Social Research, Vol. 43, No. 1, (1976), pp. 46-61
  21. “Politisch heißt republikanisch-repräsentativ; in diesem Begriff des Politischen hat man den Begriff der repräsentativen Republik gedacht. Die hauptsächlichen Momente dieses Begriffs, die zusammen eine differenzierte Einheit bilden, sind: weltliche Gemeinsamkeit, auch bei Differenz und Dissens, Verfahren der Entscheidung gemäß dem republikanischen Mehrheitsprinzip und zugehörig des Umgangs mit der dissentierenden Minderheit ohne deren Vernichtung, Kontrolle der Einhaltung dieser Momente, was zugleich die Möglichkeit der Ablösung bei sich führt, Gewaltenteilung und Repräsentation.“ Vollrath, Was ist das Politische? S.220
  22. „Demokratie macht das Scheitern der Gründung zur eigenen Grundlage. … Die grundlegende Antinomie der Demokratie besteht also darin, dass Demokratie – bzw. eine Politik der Demokratisierung – einerseits ein politisches Projekt mit Durchsetzungsansprüchen ist, andererseits dieses Projekt – aufgrund demokratischer Kontingeznakzeptanz – sich gewissermaßen selbst aus den Angeln zu heben droht.“ Machart, Die politische Differenz, S.331f
  23. Vollrath, Grundlegung S.319
  24. Literaturliste Teile 1-6

    Arendt, Hannah, *Was ist Politik*. München: Piper, 1993
    Aristoteles, *Politik. Schiften zur Staatstheorie*. übers. von Franz F. Schwarz. Stuttgart: Reclam, 1989
    Badiou, Alain, *Rhapsodie für das Theater. Kurze philosophische Abhandlung*. Wien: Passagen Verlag, 2015.
    Bedorf, Thomas, „Das Politische und die Politik. Konturen einer Differenz“. in: Thomas Bedorf u. Kurt Röttgers (Hg.): *Das Politische und die Politik*. Berlin: Suhrkamp, 2010
    Benjamin, Walter, „Was ist das epische Theater?“ in: W.B., *Der Autor als Produzent. Aufsätze zur Literatur*. Stuttgart: Reclam 2012
    Benjamin, Walter, „Kleine Geschichte der Photographie“ in: W.B., *Angelus Novus. Ausgewählte Schriften*, Bd. 2. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1966
    Billetter, Erika, *The Living Theatre. Paradise Now. Ein Bericht in Wort und Bild*. Bern: Rütten + Loening, 1968
    Bosteels, Bruno, „Introduction“ zu Alain Badiou, *Rhapsody for the theatre*. Edited and introduced by Bruno Bosteels. London: Verso, 2013
    Brecht, Bertolt, „Politische Theorie der Verfremdung“ (1936/37). In: der. *Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe*, Bd.22.1, Schriften 2, Teil 1. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992
    Brecht, Bertolt,  „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“, in: ders.: *Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe*, Bd. 21, Schriften 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992

    Colleran, Jeanne & Jenny S. Spencer, „Introduction“, to: Jeanne Colleran & Jenny S. Spencer (eds.), *Staging Resistance. Essays on Political Theater*, Ann Arbor: The University of Michigan Press 1998
    Deck, Jan, „Politisch Theater machen – Eine Einleitung“, In: Jan Deck & Angelika Seeburg (Hg.), *Politischer Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten*. Bielefeld: Transkript, 2011
    Derrida, Jacques, „Marx, das ist wer“. in: *Zäsuren*, November 2000, Nr. 1 Ökonomien der Differenz, Hg. v. Hans-Joachim Lenger, Jörg Sasse, Georg Christoph Tholen. https://www.whagen.de/PDFS/11235_HagenUeberrollvorgaengeZ_2000.pdf , S. 58-70 [übersetztes Transkript eines Vortrages im Zusammenhang mit der Inszenierung  des Theaterstücks „Karl Marx, theatre inédit“, März 1997 Théâtre des Amandiers, Nanterre, Regie Jean-Pierre Vincent

    Fischer-Lichte, Erika, {Lemma} „Politisches Theater“, in: Erika Fischer-Lichte e.a. (Hg.), *Metzler Lexikon Theatertheorie*. Stuttgart/Weimar: Metzler 2. Aufl 2014 S. 260-262
    Fuhr, Calle und Peters, Jean, „Zum Verstehen verführen“, Interview mit Nachtkritik Redakteurinnen Elena Philipp und Esther Slevogt 6.8.204. https://www.nachtkritik.de/portraet-reportage/investigativtheater-calle-fuhr-und-jean-peters-im-interview
    Godard, Jean-Luc, „Was tun?“ in: *Godard/Kritiker. Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970)*. Auswahl und Übersetzung von Frieda Grafe. München: Hanser, 1971 p.186-188 {zuerst frz.: *afterimage* Nr. 1 April 1970} Hegel, G.W.F., *Werke in zwanzig Bänden. Bd. 3 Phänomenologie des Geistes*. Frankfurt: Suhrkamp, 1970 (= Theorie Werkausgabe)

    Hegel, G.W.F., *Werke in zwanzig Bänden. Bd.7 Grundlinien der Philosophie des Rechts*, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1970 (= Theorie Werkausgabe)
    Hegel, G.W.F., *Werke in zwanzig Bänden. Bd. 13 Vorlesungen über die Ästhetik I*. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (=Theorie Werkausgabe)
    Herrmann, Steffen, „Demokratische Urteilskraft nach Arendt“, in: *Zeitschrift für Praktische Philosophie* Bd. 6, Heft 1, 2019, S. 257–288
    Hoffmann, Ludwig und Daniel Hoffmann-Ostwald (Hg.), *Deutsches Arbeitertheater 1918-1933*. 2 Bde. München: Rogner & Bernhard, 1973
    Horschitz, Michael, *Politische Philosophie in der Phänomenologie. Ideengeschichtlicher Überblick und Theorievergleich Husserl-Vollrath-Held-Egner*. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2022
    Hume, David, *Essays Moral, Political, and Literary*. Ed. Eugene F. Miller. Indianapolis: Liberty Classics, 1987
    Jäger, Anton, *Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen*. Berlin: Suhrkamp, 2023

    Kant, Immanuel, „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ in: I.K. *Werkausgabe* Bd.XI, hg. Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M: Suhrkamp,1968
    Kant, Immanuel, *Kritik der Urteilskraft. Schriften zur Ästhetik und Naturphilosophie*. Hg. Manfred Frank u. Véronique Zanetti. Frankfurt/M: Deutscher Klassiker Verlag, 2009
    Kerlin, Alexander, „Beim Blick in den Abgrund“, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), *Moralische Anstalt 2.0. Über Theater und politische Bildung*. (= Schriften zu Bildung und Kultur Bd. 13) https://www.boell.de/de/2019/01/30/moralische-anstalt-20-ueber-theater-und-politische-bildung
    Koselleck, Reinhardt, »Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe«, in: ders., *Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten*, Frankfurt/M. 2. Aufl. 1992, S.211-259
    Kraus, Dorothea, *Theater Proteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren*. Frankfurt/M.: Campus, 2007

    Lehmann, Hans-Thies, *Das postdramatische Theater*. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1999
    Lehmann, Hans-Thies, „Wie politisch ist postdramatisches Theater?“, In: H-Th.L., *Das Politische Schreiben. Essays zu Theatertexten*. Berlin: Theater der Zeit, 2002 [= Recherchen 12; zuerst in: Theater der Zeit, Oktober 2001 Lyotard, Jean-Francois, „Der Zahn, die Hand“, in: *Essays zu einer affirmativen Ästhetik*. Berlin: Merve, 1982 S. 11-23 {zuerst frz. „Le Dent, la Paume“, 1972}
    Marchart, Oliver, „Auf der Bühne des Politischen. Die Straße, das Theater und die politische Ästhetik des Erhabenen“ (2004)  https://transversal.at/transversal/0605/marchart/de
    Marchart, Oliver, *Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben*. Berlin: Suhrkamp, 2010
    Marchart, Oliver, Buchvorstellung *Conflictual Aesthetics*. Universität für angewandte Kunst Wien. https://www.youtube.com/watch?v=x_Yya7oSrwA
    Melchinger, Siegfried, *Geschichte des politischen Theaters*. Velber: Friedrich Verlag, 1971

    Öziri, Necati, „Welche Welt bedeuten diese Bretter?- Das Theater als zeitgenössisches Medium gesellschaftlicher Repräsentation“ (Vortrag bei den Römerberggesprächen „Was soll das Theater? Die Zukunft der Städtischen Bühnen“ 2017) https://www.nachtkritik.de/recherche-debatte/debatte-um-die-zukunft-des-stadttheaters-xxxiv-necati-oeziri-bei-den-roemerberggespraechen-in-frankfurt-main
    Öziri, Necati, *Dankesrede für den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis*, 2025 https://www.bad-homburg.de/leben/kultur-und-bildung/Hölderlin%20Preis/Rede%20Necati%20Öziri.pdf
    Piscator, Erwin, *Theater der Auseinandersetzung. Ausgewählte Reden und Schriften*. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977 {teilweise identisch mit: Erwin Piscator, *Schriften* Bd.1 Das politische Theater, Bd. 2 Aufsätze Reden Gespräche. Berlin DDR: Henschel Verlag, 1968}
    Primavesi, Patrick, „Theater/Politik. Kontexte und Beziehungen“. in: Jan Deck & Angelika Seeburg  (Hg.), *Politisch Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten*. Bielefeld: Transkript, 2011

    Rakow, Christian, „Auf zweiter Stufe: Theater und politische Bildung – geht das überhaupt zusammen?“, Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), *Moralische Anstalt 2.0. Über Theater und politische Bildung*. (= Schriften zu Bildung und Kultur Bd. 13) https://www.boell.de/de/2019/01/30/moralische-anstalt-20-ueber-theater-und-politische-bildung
    Rancière, Jacques , *Der emanzipierte Zuschauer*. Wien: Passagen, 2 . Aufl 2015 (zuerst frz. Paris 2008)
    Rancière, Jacques, „Les paradoxes de l’art politique“, in: *Le spectateur émancipè*. Paris: editions La fabrique, 2008
    Rancière, Jacques, *Zehn Thesen zur Politik*. Zürich-Berlin;: Diaphanes, 2008
    Rancière, Jacques, Onze thèses sur la politique. https://de.scribd.com/document/649298211/287251126
    Rau, Milo, *Rede auf der Tagung des Internationalen Theaterinstituts, Antwerpen 2024*. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/milo-rau-kunst-muss-zur-waffe-werden-die-unsere-freiheit-verteidigt.
    Reinelt, Janelle, „Notes for a Radical Democratic Theater: Productive Crises and the Challenge of Indeterminacy“, in: Jeanne Colleran & Jenny S. Spencer (Hg.), *Staging Resistance. Essays on Political Theater*, Ann Arbor: The University of Michigan Press 1998
    Ricœur, Paul, „Das politische Paradox“, in: P.R., *Geschichte und Wahrheit*. übers. v. Romain Leick. München: List, 1974
    Roselt, Jens, *Phänomenologie des Theaters*. München: Wilhelm Fink, 2008
    Schimmelpfennig, Roland, *Anthropolis. Ungeheuer. Stadt. Theben*. Mit einem Nachwort von Sibylle Meier. Frankfurt(M: Fischer, 2023
    Schmitt, Carl, *Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien*. Berlin: Duncker und Humblot, 9.2015

    Ullrich, Volker, *Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie*. Berlin: Wagenbach, 2022
    Vollrath, Ernst, *Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen*. Würzburg: Königshauses & Neumann, 1987
    Vollrath, Ernst, *Was ist das Politische. Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung*. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003
    Vollrath, Ernst, Lemma „Politisch, das Politische“, In: *Historisches Wörterbuch der Philosophie* hg. v. Joachim Ritter & Karlfried Gründer. Bd.7 P-Q, Basel: Schwabe, 1989
    Vollrath, Ernst,  „Hannah Arendts ‚Kritik der politischen Urteilskraft'“, in: Peter Kemper (Hg.), *Die Zukunft des Politischen. Ausblicke auf Hannah Arendt*. Frankfurt/M: Fischer 1993, S.34-54
    Weiss, Peter, „Peter Weiss im Gespräch mit A. Alvarez 1965“ in: Karlheinz Braun (ed.), *Materialien zu Peter Weiss‘ >Marat/Sade<*. Frankfurt/M: Suhrkamp,5. Aufl. 1975
    Wolf, Michael, “Theater für den Heimbedarf: Wie Theater politisch wirksam werden kann“, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), *Moralische Anstalt 2.0. Über Theater und politische Bildung*. (= Schriften zu Bildung und Kultur Bd. 13) https://www.boell.de/de/2019/01/30/moralische-anstalt-20-ueber-theater-und-politische-bildung

Versuch über politisches Theater – Teil 5

In „Versuch über politisches Theater – Teil 4“ wurde Hans-Thies Lehmanns Aufsatz „Wie politisch ist postdramatisches Theater?“ analysiert.

Nachwirkungen von Lehmanns Theorie

Der Einfluss von Lehmanns Ansatz auf die Theatertheorie ist nicht zu unterschätzen. Seine Formel, dass Theater gerade dann politisch sei, wenn es nicht rückübersetzbar sei in den Diskurs der Politik, führte dazu, dass alle möglichen Theaterproduktionen als „politisches Theater“ qualifiziert werden konnten. Eigentlich alle Produktionen, die die von Lehmann analysierten Eigenschaften des postdramatischen Theaters aufwiesen, wurden politisch genannt, von Rimini-Protokoll 1 über Pollesch bis Holzinger.2

Ein Beispiel:

„Wenn Polleschs Theater politisch genannt werden kann, … dann wegen seiner spielerischen Infragestellung der für normal gehaltenen Wirklichkeit.“ 3.

Mit der gleichen Berechtigung könnte man Polleschs Arbeiten „philosophisch“ nennen.

Oder:

„Politisch Theater machen kann auch heißen, dem Zuschauer zu überlassen, was er verstehen möchte.“4
In jeder Form von Theater bleibt den Zuschauer:innen überlassen, was sie verstehen möchten. Einen Zwang auf die Zuschauer:innen auszuüben, etwas Bestimmtes zu denken, bleibt ein Wunschtraum übermotivierter Theatermacher. Die Gedanken sind frei, auch im Theater, und nicht erst im politischen Theater.
Hier wie dort, es fehlt ein abgrenzbarer Begriff von „politisch“.

Die Politik und das Politische als asymmetrische Gegenbegriffe

Häufig wird dabei aber verwiesen auf die Differenz von Politik und Politischem. Die vielfältigen Versuche, diese Differenz begrifflich trennscharf zu etablieren und das Verhältnis der beiden Teile zu klären bei Lacoue-Labarthe, Lefort, Badiou, Rancière und Nancy, schrumpfen in der Theatertheorie häufig zusammen auf eine Abgrenzung von „der Politik“. „Das Politische“ ist dann alles, was im Zusammenleben der Menschen nicht Politik ist. Thomas Bedorf stellt diese Verwendung der Dichotomie Politik/Politisches in die Reihe der asymmetrischen Gegenbegriffe wie Christen/Heiden.5 Der Begriff des „Politischen“ wird so zur Qualifizierung als politisch von Theaterarbeiten, die keinen erkennbaren Bezug zu „der Politik“ haben, genutzt.  Aber warum braucht es diese Qualifizierung? Ist „politisch“ hier einfach ein wertendes Adjektiv wie „interessant“?

Drei Mikroanalysen theoretischer Sätze

Typisch für die heutige Theaterwissenschaft sind versteckte Wertungen. Dazu drei sprachliche Mikroanalysen:
„Die Formen eines explizit politischen Theaters, die sich im Laufe des 20.Jahrhunderts entwickelt haben, scheinen an einem Endpunkt angekommen zu sein.“6

Eine vorsichtige („scheinen“), beschreibende Aussage. Aber im Kontext der heutigen Theaterwissenschaft ist die Feststellung, dass eine Theaterform an einem „Endpunkt“ angekommen ist, eine Abwertung dieser Form. Denn diese Wissenschaft will das Neue theoretisieren und so der Praxis den Weg weisen in die Zukunft. Solche Formen des explizit politischen Theaters seien „häufig reduziert auf eine Legitimation des Spielbetriebs durch naheliegende Konflikt-Themen“, schreibt Primavesi. Auch hier eine vorsichtige („häufig“) Beschreibung. Aber das folgende Partizip „reduziert“ kann sich ja nicht auf die Häufigkeit der Vorstellungen beziehen, sondern auf ihren Inhalt und transportiert eine Abwertung dieser Inhalte. In diesem Kontext erhält auch das Adjektiv „naheliegend“ eine ästhetisch abwertende Konnotation. Auch die „Legitimation des Spielbetriebs“ ist in diesem Zusammenhang ein abgewertetes Motiv. Aus welchem Grund kann man einem Theater vorwerfen, dass es seinen Spielbetrieb legitimieren will? Es muss seinen Spielbetrieb legitimieren in der Öffentlichkeit und das kann es mit Inszenierungen, die „nahliegende Konflikt-Themen“ aufgreifen, oder mit Inszenierungen, die „die Wahrnehmungsgewohnheiten der Zuschauer enttäuschen oder unterlaufen“, wie sie Primavesi in seinem Aufsatz beschreibt und bevorzugt. Die „Legitimation des Spielbetriebs“ von Theatern ist auf sehr verschiedene Art und Weise möglich. Aber sie ist jedenfalls nötig.

Ein weiteres Beispiel:

„Wie sich mit diesem Durchgang durch verschiedene Positionen zur Frage des politischen Theaters aber schon gezeigt hat, kann es keine normative Festschreibung geben, die ein für alle Mal festlegt, was politische Theater sei oder gar zu sein hätte. So gibt es auch nicht ‚das Politische‘, das als absolutes Qualitätskriterium fungieren und die Relevanz künstlerischer Praxis erweisen könnte. Wer hätte darüber zu entscheiden, was politisch sei und was nicht?“7
In diesen Sätzen von Primavesi geht einiges durcheinander.
1. Eine Bestimmung, was politisches Theater ist, ist nicht normativ, es sei denn, „politisch“ wäre ein normativer Begriff, ein Qualitätskriterium. Normativ wäre nur eine Festschreibung, was politisches Theater zu sein hat, d.h. eine Festschreibung von Anweisungen, wie politisches Theater aussehen soll.
2. Eine Bestimmung, was unter den Begriff „politisches Theater“ fallen soll, ist notwendig, wenn man Begriffe klären will. Und das ist eine Aufgabe der Philosophie. Die Klärung eines Begriffs ist aber keine Vorschrift für praktisches Verhalten.
3. Natürlich gibt es nicht „das Politische“, das als absolutes (und auch nicht relatives) Qualitätskriterium fungieren kann. Aber was ‚das Politische‘ ist, was unter diesem Begriff sinnvoll zu verstehen ist, versucht jede Theorie der Politikwissenschaft oder der Philosophie der Politik zu bestimmen.

4. Noch in der Verneinung des „Politischen“ als Qualitätskriterium für Theater wird deutlich, dass es für Primavesi auch als solches gedacht werden kann. Denn der Grund, warum das Politische kein Qualitätskriterium sein kann, ist nach Primavesi nur, dass es nicht entscheidbar sei, was diesem Kriterium entspricht. Gäbe es eine allgemein akzeptierte Bestimmung dessen, was das Politische ist, hätte man ein Qualitätskriterium für gutes Theater und darüberhinaus wäre die Relevanz künstlerischer Praxis erwiesen. Relevantes Theater wäre dann politisches Theater.

Oder:

„Politisch Theater zu machen heißt also nicht, dass man keine politische Haltung einnehmen will, sondern sich dieser moralischen Positionierung  bewusst zu verweigern, um die Funktionsweise von Politik zu thematisieren. Moralische politische Kritik greift dagegen immer zu kurz, sie operiert an der Oberfläche und bleibt in der Systematik eines landläufigen Politikbegriffs gefangen.“ 8

Eine „politische Haltung einnehmen“ wird hier gleichgesetzt („diese“) mit einer „moralischen Positionierung“. Die Autonomie von Politik und Moral wird also ignoriert, dennoch wird unterschieden zwischen „keine politische Haltung einnehmen“ und „diese … bewusst zu verweigern“. Der Unterschied kann also nur in der Bewusstheit liegen. Politische Kritik, und damit politisches Theater, das sich auf „die Politik“ bezieht und nicht nur „politisch Theater macht“, wird mit moralischer Kritik gleichgesetzt und abgewertet („zu kurz … Oberfläche … gefangen“).

Eine offene Definition von politischem Theater

Sehr viel offener, weniger normativ als deskriptiv, nimmt sich dagegen eine ältere Definition von politischem Theater aus der englischsprachigen Theaterwissenschaft aus: Die Abgrenzung von Picators Begriff des politischen Theaters ermögliche es,
„eine Reihe von Theateraktivitäten unter dem Begriff ‚politisches Theater‘ zusammenzufassen, vom Theater als politischer Intervention im Namen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe mit einer konkreten politischen Agenda über Theater, das sich durch Stücke mit offen politischem Inhalt als öffentliches Forum anbietet, bis hin zu Theater, dessen politische Haltung verdeckt oder unbewusst zum Ausdruck kommt und das sein Publikum zu einer aktiven kritischen Haltung auffordert.“9
Zugleich machen die Herausgeberinnen  im Überblick über die Beiträge ihres Sammelbandes deutlich, warum es so schwer ist, einen offenen, deskriptiven Begriff von politischem Theater zu entwickeln:
„critical activity is itself a situated act of political investment.“10
Die theaterwissenschaftliche Analyse von politischem Theater ist deshalb selten rein deskriptiv, weil die Bedingung der Parteilichkeit, die zu jeder Aktivität im Bereich der Politik gehört, von dem Gegenstand auf die Analyse übergreift. Die Bestimmung dessen, was politisches Theater ist, wird selbst als politischer Akt verstanden.

Was also ist das Politische?

Eine in der Theatertheorie gängige Abgrenzung von Politik und Politischem findet sich bei Jan Deck:

„Politik meint hier das Denken in Regierungslogiken und Problemlösungsstrategien, aber auch die Praxis der Kritik an staatlichen Maßnahmen …, Und das bedeutet, bestimmte Sichtweisen auf gesellschaftliche Entwicklungen per se aus dem politischen Diskurs auszuschließen. Das Politische ist das, was sich dieser Festlegung und Reduktion auf pragmatische Selbstbeschränkung entzieht. Es ist das Widerständige, das von der Politik nicht als relevant anerkannt wird…. Zeitgenössische Ansätze der Darstellenden Kunst scheinen bei diesem Verständnis von Politik auf ganz andere Weise ein Ort des Politischen zu sein.““ 11

Dieses Verständnis des Politischen als Opposition zur Politik, als eine politische Opposition, die aber nicht Teil der Politik ist, die sich also mit „Regierungslogiken“, „Problemlösungsstrategien“ und „staatlichen Maßnahmen“ nicht befassen muss, und des Theaters als Ort des Politischen, nicht der Politik, prägt die Vorstellung von politischem Theater in Deutschland seit etwa 2000 bis heute.

Oliver Marchart12 dagegen entwickelt in der Auseinandersetzung mit den linksheideggerianischen Theoretikern des Politischen13 einen anderen Begriff. Das Politische ist für Marchart die Dimension der Gründung der Gesellschaft, der „Instituierung des Gemeinwesens“, die nach seinem postfundamentalistischem Ansatz aber zugleich die Anerkennung der Unmöglichkeit einer letzten Begründung ist.

„{Der Begriff des Politischen} musste eingeführt werden {…} um jene Dimension konzeptionell einzufangen, die sich unübersehbar auftat, nachdem die Gültigkeit aller Fundamente und Prinzipien ungewiss geworden war: die Dimension der immer aufs Neue anstehenden Institution von Gesellschaft.“ 14

Für Marchart ist die Gründung von Politik zwar nötig, aber immer notwendig kontingent. Jedes politische System muss sich durch Begründungen zu rechtfertigen versuchen. Zugleich ist aber klar, dass diese Begründungen willkürlich sind, kontingent sind, andere Begründungen sind immer möglich. Demokratie ist die Form von Politik, die dieses Wissen um die Unmöglichkeit einer letzten Begründung von Politik institutionalisiert. Der Zusammenhang von Politik und Politischem ist also der der Gründung (in Form einerseits der notwendigen Grundlosigkeit und andererseits der Notwendigkeit von Gründung), nicht der des Gegensatzes.

„Keinem ist je ‚das Politische‘ in aller Reinheit an anderer Stelle begegnet als in den Brüchen und Spalten des Sozialen, die gefüllt, ausgedehnt oder geschlossen werden von: Politik.“15

Ein Theater des Politischen müsste also darstellen oder untersuchen, wie Politik die „Brüche und Spalten des Sozialen“ füllt und dabei die Gründungsmöglichkeiten der Gesellschaft entdecken.

Ein Beispiel:

Die Gründungsdokumente eines Theaters des Politischen sind natürlich Aischylos’ „Orestie“ und Sophokles’ „Antigone“16
Was man heute daraus daraus machen kann, um die heutigen Dilemata des Politischen zu erkennen, indem man sie im alten Modell vor Augen geführt bekommt, zeigt Karin Beyers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs fünfteiligem Theben-Zyklus „Anthropolis“ (Deutsches Schauspielhaus Hamburg 2023 17).
Der Chor formuliert in „Iokaste“ (= Anthropolis IV) die postfundamentalistische Einsicht in die Abgründigkeit aller Grundlegung des Gemeinwesens:

Chor: „Gerechtigkeit und Recht sind nichts als ein Konstrukt, ein Haus, dessen Mauern so lange stehe, bis sie jemand niederreißt, und dann bleiben von Recht und Gerechtigkeit nur noch Trümmer.“ 18

Iokaste liefert dann eine Grundlegung des Politischen in der arendtsche Traditionslinie:

Iokaste: „Gleichheit ist ein Gesetz unter den Menschen, und dieses Gesetz gilt für alle, für die ganze Menschheit. Ihr habt beide das gleiche Recht. Gleichheit und Frieden ordnen die Welt.“ 19

Und in „Antigone“ (= Anthropolis V) formuliert Kreon sein Konzept der Grundlegung eng an den Wortlaut von Carl Schmitts Definition des Politischen angelehnt:

Kreon: „Wem der Freund wichtiger ist als das eigene Land, die ist nichts als ein Nichts…. und eine Feind kann niemals zu meinem Freund oder Verbündeten werden, denn ich weiß: Wir sind alle nichts ohne die Stadt, ohne sie gehen wir verloren, eine Zukunft, Pläne, Bündnisse und Freunde ohne sie kann es nicht geben, alles andere ist Verrat.“ 20

In „Anthropolis“ werden so die verschiedenen Möglichkeiten der Grundlegung des Politischen durchgespielt, die Notwendigkeit der Grundierung damit vorgeführt und zugleich die Kontingenz dieser verschiedenen Versuche gezeigt. Für den Anschluss an die Politik der Gegenwart sorgen die vielfältigen Anachronismen, die Schimmelpfennig in den uralten Mythenstoff eingebaut hat21.22

Was ist nun Politik?

Marchart gibt eine Minimaldefinition von Politik. Er nennt sechs Kriterien, die eine Aktion erfüllen muss, wenn sie als Politik verstanden werden soll:

  • Majorität-Werden,
  • Strategie,
  • Organisation
  • Kollektivität
  • Konfliktualität
  • Parteilichkeit

Eine politische Aktion muss das Ziel verfolgen, mehrheitsfähig zu werden, sie muss eine gewisse Strategie verfolgen d.h. anschlussfähig sein an ein langfristiges Konzept, das politisch dominant werden kann (Hegemonie), über einen minimalen Organisationsgrad verfügen, in irgendeiner Form kollektiv sein oder werden, in einen Konflikt eingreifen wollen und daher einen bestimmten Standpunkt vertreten und deshalb parteilich, nicht neutral sein.

„Politik ist immer von einschränkenden Bedingungen geprägt – darunter solche des Majorität-Werdens, der Strategie, der Organisation, der Kollektivität, der Konfliktualität und der Parteilichkeit.“ 23

Vollständig kann diese Kriterien keine Theaterproduktion erfüllen, jedenfalls keine eines öffentlich finanzierten Theaters, allenfalls die Agitpropgruppe einer Partei, wie das Rote Sprachrohr der KPD in der Weimarer Republik24. Ein Stadttheater ist eine mit staatlichen Mitteln finanzierte Institution mit einer hochdifferenzierten arbeitsteiligen Organisation zum Zwecke der Produktion von Theaterkunst, aber es ist keine politische Organisation.

Dennoch gibt es unterschiedliche Grade der Annäherung an diese Kriterien im gegenwärtigen Theater. Die Versuche, politische Gruppierungen wie das „Zentrum für politische Schönheit“ (. „2099“, Theater Dortmund 2015) oder „Die letzte Generation“ („Recht auf Jugend“ Schauspiel Bonn 2022, Text: Lothar Kittstein, Regie: Volker Lösch) in Person auf die Bühne zu bringen, gehen dabei am weitesten. Hier stellt das Theater sich in den Dienst einer politischen Organisation, wenn auch nur temporär. Noch weniger entsprechen Projekte wie „Die Welt neu denken“ (Theater Bonn 2021, nach dem gleichnamigen Buch von Maja Göpel, Regie: Simon Solberg) und „Geld ist Klasse“ (FFT Düsseldorf 2024 mit Volker Lösch und Marlene Engelhorn) diesen Kriterien, obwohl sie handfeste Handlungsanweisungen für das Publikum verkünden, weil sie nicht direkt (aber möglicherweise indirekt25) mit einer politischen Organisation verbunden sind. Noch weiter entfernt von diesen Kriterien sind Produktionen wie „Mölln 92/22“ (Schauspiel Köln 2022, Konzept und Regie: David Nuran Calis) oder „Aufstieg und Fall des René Benko“ (Volkstheater Wien 2024, Konzept und Regie: Calle Fuhr), die keine Handlungsanweisungen verkünden, aber dennoch parteilich sind.

Massenpolitik – Postpolitik – Antipolitik

Dass sich seit 2020 so viele Beispiele für Theaterproduktionen finden lassen, die sich der Politik annähern und explizit politische Themen aufgreifen, liegt auch an einer Veränderung des Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Politik. Die Theater reagieren ja nicht nur auf theaterwissenschaftliche Theorie, sondern auf Publikumspräferenzen. Das alte politische Theater war nicht schon immer falsch, es hatte einfach ein anderes Publikum. Das „alte“ politische Theater der 50-70er Jahre (Sartre, Peter Weiss, Kipphardt etc.) fiel noch in die Phase der Massenpolitik, als Politik noch in institutionalisierten Zusammenhängen (Parteien, Organisationen) stattfand. Hans-Thies Lehmanns Bestimmung des postdramatischen Theater als politisch in der Abkehr von Politik fiel in die Phase der Postpolitik zwischen 1990 und 2010 26. Die Bedeutung organisierter politischer Institutionen nahm ab, politische Entscheidungen wurden als alternativlos dargestellt. Politisches Engagement war weniger gefragt.

„Die Postpolitik {…} war gekennzeichnet von einer weitgehenden Entpolitisierung: Die Bürger zogen sich ins Private zurück, wollten mit Politik nicht viel zu tun haben – und mit regelmäßiger politischer Beteiligung schon gar nicht.“ 27

Diese Abwendung von der tatsächlich stattfinden Politik der Zeit findet im Theater ihren Niederschlag als Verschiebung des Anspruchs an Politik:

„Wenn (Regierung-)Politik zur bloßen Verwaltung des Bestehenden wird, verliert sie ihre Funktion als Ort von Utopie.“ 28

Diese utopische Funktion sollte nun das Theater des Politischen übernehmen.

In den Jahren 2010 bis 2020 ändert sich dieses Verhältnis, es entstehen neue soziale Bewegungen mit politischem Anspruch (Black Lives Matter, Gelbwesten, Letzte Generation usw.). Es entsteht die Phase der Antipolitik, gegen die unpolitische Phase der Postpolitik.

„Antipolitik war eine Politik gegen eine Politik, die keine war.“ 29

Die genannten Beispiele für Theaterprojekte, die sich so weit wie möglich der Politik annähern, stammen fast alle aus dieser Phase. In der theoretischen Reflexion des Verhältnisses von Politik und Theater findet diese Wendung auch ihren Niederschlag. Alexander Kerlin, damals Dramaturg am Schauspiel Dortmund in  der Intendanz von Kay Voges, konstatiert 2019:

„Viele Stimmen [fordern] heute angesichts der Bedrohungslage durch antiliberale, antidemokratische Politik die Besinnung auf eine ganz andere Tradition in der Bühnenkunst: direkt und unvermittelt politisch und aktivistisch zu agieren.“ 30

Und Michael Wolf (Redakteur von Nachtkritik) findet eine Lösung dafür, wie politisches Theater wirksam sein kann: durch Stellungnahme in lokalen Konflikten und Verankerung in den politischen Debatten auf lokaler Ebene 31.

„Das Maximalziel des politischen Theaters liegt nicht darin, dass ein paar Zuschauer anders über ein Thema denken. Politisches Theater, das ernst machen will, muss die Seitenlinie verlassen und selbst im Zentrum einer Debatte Position beziehen.{…} Wie kann ein politisch aktives Theater dennoch eine Wirkung entfalten? Die Antwort liegt nahe: indem es sich inhaltlich auf seine Region bezieht. Es gilt, den Radius der eigenen Themen zu begrenzen. Das Stadttheater müsste sich daran erinnern, eine lokale Kulturinstitution zu sein.“ 32

Hier wird also ein Weg vorgeschlagen, wie das Theater dem Kriterium der Politik von Konfliktualität und Parteilichkeit entsprechen kann.

Hypothetische Zusammenfassung

In der Phase der Postpolitik nach 1989 wurde die aus der französischen Totalitarismuskritik stammende 33 Differenz von Politik und Politischem in der Theatertheorie dazu benutzt, Theaterproduktionen den Qualitätsbegriff „politisch“ zu verleihen, die sich bewusst von explizit politischen Inhalten abwandten. In Deutschland gibt es eine lange Tradition, Politik mit dem Staat gleichzusetzen34. Diese Tradition war auch in dieser postpolitischen Phase noch wirksam. Abgrenzung von der Politik war Abwendung von staatlichem Handeln. Der Begriff des „Politischen“ als Gegenbegriff zu „der Politik“ bot aber die Möglichkeit, weiterhin das Epitheton „politisch“ zuzusprechen und damit die Rechtfertigung des Theaters  aus den Jahren der Weimarer Republik und den „trent glorieuses“ 1945-75 weiterzuführen. Der Begriff des „Politischen“ erfüllte damit eine Funktion ähnlich wie in der deutschen Tradition der der „Kultur“ als Gegenbegriff zur als Staatshandeln verstandenen Politik35 . Als aber nach 2010 international und auch in Deutschland (wieder) verschiedene politische Bewegungen entstanden, die politisch, aber nicht staatlich waren, wurde es wieder möglich, den Begriff der „Politik“ auf einen Bereich zu beziehen, der nicht staatlich war. Die Theater öffneten sich diesen politischen Bewegungen und politische Inhalte, allerdings in veränderter Form, waren nicht mehr tabu.

Wird fortgesetzt

 

  1. „Als paradigmenbildend {für neue Formen des politischen Theaters} erwies sich die Inszenierung, die Rimini Protokoll 2006 Karl Marx‘ Theorieklassiker «Das Kapital, Band 1» abgewannen.“ Christian Rakow, „Auf zweiter Stufe: Theater und politische Bildung – geht das überhaupt zusammen?“, in: Heinrich-Böll Stiftung (Hg.), Moralische Anstalt 2.0. Über Theater und politische Bildung.
  2. „Was also macht das Holzinger-Theater so besonders? {…} es ist eine Dichte der theatralen Mittel, die fast bruchlos funktionieren und auf dem Fluss dessen, was zu sehen ist, je eigene Momente der Reflexion ermöglichen, zwanglos, klar, auf eigene Weise politisch.“ Georg Diez, „Klarheit, Tiefe, Krassheit“ {Rezension von Florentina Holzingers „Sancta“}. Die Zeit, 1. Juni 2024 https://www.zeit.de/kultur/2024-05/florentina-holzinger-sancta-theater-schwerin-feminismus/komplettansicht
  3. Patrick Primavesi, „Theater/Politik. Kontexte und Beziehungen“. in: Jan Deck & Angelika Seeburg  (Hg.), Politisch Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten. Bielefeld: Transkript, 2011, S.65
  4. Jan Deck, „Politisch Theater machen – Eine Einleitung“, In: Jan Deck & Angelika Seeburg  (Hg.), Politisch Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten. Bielefeld: Transkript, 2011,, S.17
  5. „Es ist allein jeweils klar, was das Politische nicht ist: nämlich »bloße« Politik. Wenn diese Differenz der Logik asymmetrischer Gegenbegriffe ähnelt, wie Reinhart Koselleck sie an der Opposition von Griechen und Barbaren, Christen und Heiden, Menschen und Untermenschen begriffsgeschichtlich untersucht hat, so droht die Unterscheidung des Politischen von der Politik zu einer Hypostasierung des Politischen zu werden.“ Thomas Bedorf, „Das Politische und die Politik. Konturen einer Differenz“. in: Thomas Bedorf u. Kurt Röttgers (Hg.): Das Politische und die Politik. Berlin: Suhrkamp. 2010, S. 33, Vgl. Reinhart Koselleck, »Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe«, in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 2. Aufl., 1992, S.211-259.
  6. Primavesi a.a.O., S.44
  7. Primavesi a.a.O., S. 57
  8. Jan Deck a.a.O., S.28
  9. „Thinking of political theatre as a cultural practice that self-consciously operates at the level of interrogation, critique and intervention, unable to stand outside the very institutions and attitudes it seeks to change. Such a difference allows us to place under the rubric of political theatre a range of theatrical activity, from theatre as an act of political intervention taken on behalf a designated population and having a specific political agenda; to theatre that offers itself a s public forum through plays with overtly political content; to theatre whose politics are covertly, or unwittingly, on display, inviting an actively critical stance from its audience.“ Jeanne Colleran & Jenny S. Spencer (eds.), „Introduction“ to Staging Resistance Essays on Political Theatre. Ann Arbor: The University of Michigan Press, 1998 p.1
  10. a.a.O. p.3. Die Übersetzung ins Deutsche ist wegen der unterschiedlichen Begriffe von Kritik und Wissenschaft problematisch. „critical activity“ meint in diesem Zusammenhang die ausführliche, theoretisch untermauerte Analyse einer Theateraufführung, denn das ist der Charakter der meisten Beiträge dieses Sammelbandes.  „Theaterkritische Aktivität“ im deutschen Sinne, d.h. das tagesaktuelle Schreiben über Theaterproduktionen in aktuellen Medien, ist hier nicht gemeint. In deutschen Begriffen wären die Beiträge des Bandes der „Theaterwissenschaft“ oder der „Aufführungsanalyse“ zuzurechnen. Eine Übersetzung könnte also sein: „Theaterwissenschaftliche Aufführungsanalysen zu schreiben, ist selbst eine in eine bestimmte politische Situation eingebettete Tätigkeit zur Beeinflussung von Politik.“
  11. Deck S. 25f
  12. Marchart, Oliver, Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin: Suhrkamp, 2010
  13. Nancy, Lefort, Rancière, Badiou, Laclau, Mouffe
  14. Marchart, S.17
  15. Marchart, S.328
  16. Sophokles` Antigone dient Hegel immer wieder als Beispiel für die gegensätzlichen Prinzipien von Staat und Moral. Zu den verschiedenen Deutungen dieses Gegensatzes (vgl. Georg Steiner, Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos. München: Hanser, 1988, Erstes Kapitel.1-3, S.13-59) kann man hinzufügen: Hegels Antigone-Interpretation kann als Beispiel für eine fundamentalistische Gründung des Politischen gelten: Der „tyrannische Frevel“ (Kreon) und der „Frevel des Wissens“ (Antigone) sind aufgehoben im „absoluten reinen Willen aller, der die Form des unmittelbaren Seins hat“. Durch die Auseinandersetzung und Aufhebung dieser beiden Prinzipien entsteht für Hegel das Fundament der Gesellschaft. Hegel, Phänomenologie des Geistes. Theorie Werkausgabe Bd. 3, Frankfurt: Suhrkamp, 1970 S. 320f
  17. Simon Strauß in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.7.2024 oder Till Briegleb in: Süddeutsche Zeitung 12.11.2023
  18. Roland Schimmelpfennig, Anthropolis. Ungeheuer. Stadt. Theben. Mit einem Nachwort von Sibylle Meier. Frankfurt(M: Fischer, 2023, S.359
  19. ibid. S.390
  20. ibid. S.418
  21. z.B. in „Iokaste“ (=Anthropolis IV): der Chor beschreibt die Ankunft von Eteokles in Theben: „Ein einzelner Mann auf dem Weg in die Stadt, er ist bewaffnet. Springerstiefel, ein automatisches Gewehr Kampfanzug, Helm -“ Ibid. S. 385f
  22. Exkurs zu „Als-ob„-Theater: Marchart geht von Lacans Kritik des klassischen Subjekt-Begriffs aus. „Wir handeln im Modus des als ob. Ein minimaler Grad an solcher Selbst-Verkennung ist notwendig, damit es überhaupt zum Handeln kommen kann. …Das Subjekt des als ob kann nur agieren auf der Basis der transzendentalen Illusion, es besäße Gründungskraft, können also seinen Willen wollen.“ {Machart, S. 317} Wenn man von Lacans Kritik des Subjektbegriffs ausgeht, das Subjekt eigentlich ein Mangel („manque à’être), ein Begehren, ist, kein fester Punkt, der Handelnde aber von diesem festen Punkt ausgehen muss, sich also so verstehen muss, als ob er der Ursprung einer Handlungen („ein autonomes Subjekt des eigenen Willens“ Marchart, S. 316) sei. Was bedeutet es dann für die Zuschauer:innen, dass sie einen Schauspieler sehen, der so handelt, als ob er eine bestimmte Figur wäre? Die Zuschauer:innen erkennen sich vielleicht so in ihrer „Leere“, ihrem „Mangel“. Die Zuschauer:innen (als normale Menschen) sehen jemanden, der genauso (nur expliziter) ein Begehren hat, sich als quasi-Subjekt zu konstituieren, um handeln zu können, obwohl er eigentlich nur dieser „Mangel“ ist (das „Durchwehgeschöpf“ wie der Münchener Kammerspielintendant Dieter Dorn Schauspieler nannte). So verstanden wäre das „Als-ob“-Theater, in dem ein Schauspieler eine Figur repräsentiert, eine Übung zur Stärkung der Handlungsfähigkeit der Zuschauer:innen.
  23. Marchart, S. 342
  24.  „Das Rote Sprachrohr“ wurde 1926 unter der Leitung von Maxim Vallentin als „Erste Agitpropgruppe des KJVD“, der Jugendorganisation der KPD , gegründet. Vgl. Ludwig Hoffmann und Daniel Hoffmann-Ostwald (Hg.), Deutsches Arbeitertheater 1918-1933. 2 Bde. München: Rogner & Bernhard, 1973, Einleitung S. 37f
  25. „Geld ist Klasse“ wurde u.a. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Parteistiftung der „Linken“, finanziert.
  26. vgl. auch Colin Crouchs Begriff der „Postdemokratie“, in: Colin Crouch, Postdemokratie. Berlin: Suhrkamp 2008
  27. Anton Jäger, Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen. Berlin: Suhrkamp, 2023, S.15
  28. Deck, a.a.O.  S.13
  29. Anton Jäger, a.a.O. , S.82
  30. Alexander Kerlin, „Beim Blick in den Abgrund“, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), a.a. O. S. 28
  31. Die o.g. Projekte von Volker Lösch und Nuran David Calis können als Beleg dieser These angesehen werden.
  32. Michael Wolf, “Theater für den Heimbedarf: Wie Theater politisch wirksam werden kann“, in: Heinrich Böll-Stiftung (Hg.) a.a.O, S.44-45
  33. Nach frühen Vorarbeiten von Carl Schmitt und Hannah Arendt. Ernst Vollrath, Schüler Hannah Arendts, stellt fest, dass Arendt „die Unterscheidung {zwischen Politik und dem Politischen} als begrifflich fixierte nicht kennt“ und dass bei Carl Schmitt „die ausdrückliche Fixierung der Differenzierung {…}  ausgeblieben“ ist. Ernst Vollrath, Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1987, S. 37f
  34. „Im allgemeinen wird „politisch“ in irgendeiner Weise mit „staatlich“ gleichgesetzt oder wenigstens auf den Staat bezogen. Der Staat erscheint dann als etwas Politisches, das Politische aber als etwas Staatliches- offenbar ein unbefriedigender  Zirkel.“ Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien.  Berlin: Duncker und Humblot, 9. Aufl. 2015, S. 20. Vgl. auch: Ernst Vollrath, „Der Typus des politischen Denkens im deutschen Kulturkreis“, Kap. 4, in: Ders, Grundlegung, S.100-137
  35. „Führende Repräsentanten des deutschen kulturellen Selbstbewusstseins {haben} die Kultur und das Politische voneinander abgetrennt, ja sogar antagonistisch gegeneinander gesetzt.“ Ernst Vollrath, „Zur Topologie der politischen Wahrnehmung in Deutschland I und II“ in: Ders., Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S.157

Versuch über politisches Theater – Teil 4

In Teil 3 des „Versuchs über politisches Theater“ wurde die Entwicklung der Unterscheidung zwischen „der Politik“ und „dem Politischen“ von Herodot bis Lyotard skizziert. Nun wird diese Entwicklung weiter verfolgt bis zum Theater der Gegenwart.

f) Derrida

Lyotards Parallelisierung von Repräsentation in der Politik und Repräsentation im Theater wird aufgegriffen von Jacques Derrida in einem Vortrag von 1997 anlässlich einer Theateraufführung „Karl Marx, Théâtre inédit“ in Nanterre. Der Begriff der Repräsentation sei der Kreuzungspunkt von Politik und Theater. Derrida spricht von einer Krankheit der Repräsentation oder einem Übel („mal de répresentation“), das beide Bereiche befallen habe. Seine Kritik der politischen Repräsentation ist weniger scharf als die Lyotards, er will nicht die repräsentative Demokratie als solche angreifen, sondern nur die politischen Repräsentanten an ihre Funktion erinnern. Dazu verlangt er vom Theater:

„Man muß die Bühne verändern, die Zeit verändern, die Ordnung der Zeit“ 1.

Ohne genauer zwischen der Politik und dem Politischen zu unterscheiden, fordert er, dass „man die Politik oder das Politische in die Struktur des Theaters gelangen lässt.“ 2 Das erreiche man, „indem man mehrere heterogene Zeiten in einer einzigen in sich zerteilten, ausgerenkten Zeit verschränkt, in einer Zeit, die out of joint (aus den Fugen) ist; indem man mehrere Ordnungen der Rede, Sprechweisen, die gleichzeitig real, das heißt realistisch, und fiktional, das heißt lyrisch und poetisch sind, ineinander flicht.“ 3 Ganz wie Rancière fordert auch er, dass das Theater die Funktion habe, den Unrepräsentierten eine Stimme zu geben.

„Die Kunst der Störung, des Kontratempo, ist auch eine Kunst des Politischen, eine Kunst des Theatralischen, die Kunst, jenen zu ungelegener Zeit das Wort zu geben, die bei den gegenwärtigen Zeitläuften kein Recht haben, ihre Stimme zu erheben.“4

g) Was man früher politisches Theater nannte

Jacques Derrida teilt mit Lyotard die Ablehnung dessen,

„was man früher politisches Theater nannte, das eine Botschaft, einen manchmal revolutionären Inhalt vermittelte, ohne die Form, die Zeit und den Raum des theatralischen Ereignisses zu verändern“.5.

Dieser Vorwurf an das alte politische Theater zieht sich seit den 90er Jahren durch die Diskussion über Politik im Theater, ohne dass der Vorwurf an Beispielen konkretisiert würde. Im französischen Kontext könnte man vermuten, dass Sartres Theaterstücke gemeint seien, da sie mit den traditionellen Mitteln der Theaters arbeiten: fiktive Handlung und Figuren, Spannungsbögen, konzentrierte Narration mit kondensierter fiktiver Zeitstruktur, klare Trennung von Bühne und Zuschauerraum (vierte Wand), Einfühlung.6

Auch Brecht wird dabei zum überholten, alten politischen Theater gerechnet. Lyotard verwirft Brecht in seiner radikalen Kritik aller Zeichenhaftigkeit des Theaters und Rancière sieht in Brecht wie in Artaud einen der „Theaterreformatoren“, die von der falschen Vorstellung ausgegangen seien, „das Theater sei von sich aus ein Ort der Gemeinschaft.“7 Brecht und Artaud machten beide sich zur Aufgabe,

„ihre Zuschauer die Mittel und Wege zu lehren, aufzuhören Zuschauer zu sein, und Handelnde einer kollektiven Praxis zu werden.“8

Rancière dagegen meint, „in einem Theater … gibt es immer nur Individuen, die ihren eigenen Weg durch den Wald der Dinge, Handlungen und Zeichen gehen, denen sie gegenüberstehen.“ Nur die Gleichheit der Intelligenzen, nur die gleiche Fähigkeit, zu einem unvorhersehbaren Spiel von Assoziationen und Dissozationen, verbinde die Individuen.

„Zuschauersein ist nicht der passive Zustand, den wir in Aktivität umwandeln müssen.“9.

Jens Roselt hat mit der phänomenologischen Methode genau herausgearbeitet, was für ein Zustand das Zuschauersein im Theater ist. Es ist eine temporäre, auch nur punktuelle Gemeinschaft, die die individuelle Assoziationstätigkeit der einzelnen Zuschauer keineswegs aufhebt. Die Zuschauerin oder der Zuschauer ist tatsächlich nicht passiv, er oder sie handelt „in individueller Differenz gemeinsam“ 10. Zwar bahnt sich jeder Zuschauer oder jede Zuschauerin den Weg durch den Wald der Theaterzeichen selbst, aber dass alle anderen auch in diesem Wald unterwegs sind, prägt die Theatersituation des Publikums ebenfalls. Gemeinsamkeit und Differenz, beides gehört zum Zuschauersein.

Ein Beispiel:

In Karin Beiers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Antikendrama „Iokaste“11 wird auf der Bühne verhandelt, wie die okzidentale Kultur des Politischen aus einer rituellen zu einer politischen Kultur geworden ist.12 Dass in einer Inszenierung wie Karin Beiers „Iokaste” auf der Bühne Probleme behandelt werden, die in vielen Köpfen Assoziationen zum aktuellen Konflikt zwischen Israel und Hamas im Gaza-Streifen hervorrufen, ist nur ein Beispiel für die Kombination von individueller Freiheit und temporärer Kollektivität im Theater: dass etwa 1000 Menschen in die gleiche Richtung starren bei gleichzeitiger Freiheit der Konzentration auf welches Detail auch immer, dass so ein vorübergehendes temporäres Kollektivsubjekt entsteht, das in einer jeweils ganz eigenen individuell verschiedenen Mischung von Emotionalität, Überlegung und Urteil auf dasselbe reagiert.

Dessen war sich auch Brecht schon bewusst. Brecht wollte bekanntlich die „Zuschaukunst“ lehren „eine Kunst, die erst gelernt, ausgebildet, dann im Theater ständig geübt werden muss“13. Über die Uneinheitlichkeit der Publikumsreaktionen im politischen Theater war er sich auch im Klaren:

„Bei der Aufführung von Stücken mit politischen Wirkungen, kann man die Zwiespältigkeit unseres Publikums {…} deutlich sehen.“

Er wendet sich ausdrücklich gegen den Versuch „ein einheitlich reagierendes Publikum“ anzustreben, das könne nur die aristotelische, auf Einfühlung ausgehende Dramatik versuchen. Die Möglichkeit, dass Theater zu Aktionen außerhalb des Theaters motiviert, sah er sogar eher beim aristotelischen als bei seinem epischen Theater. 14 Ein „Lehrer ohne Lehre”, wie Rancière ihn sich vorstellt, war er aber nicht.

h) Nach Brecht

Für die nach-brechtsche deutsche Produktion von politischem Theater trifft der Vorwurf, sie wolle die Zuschauer lehren, keine Zuschauer mehr zu sein, kaum zu. Vorherrschend war in den 60-80er Jahren das dokumentarische Theater, das aber immer erst im Nachhinein politische Themen als vergangene aufgriff: Kipphardts „In der Sache J. Oppenheimer“ (1964), und „Bruder Eichmann“ (1982), Peter Weiss „Ermittlung“ (1965), und „Vietnam-Diskurs“ (1968) oder Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ (1971) und „Der Auftrag“ (1979) griffen vergangene politische Ereignisse auf, um gegenwärtige Debatten zu erhellen. Formal naiv, im Sinne einer schillerschen oder ibsenschen Dramaturgie, war keines dieser Stücke (mit Ausnahme von Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ 1963). Die Deutlichkeit der „Botschaft“, die das alte politische Theater nach Derrida übermittelte, war allerdings unterschiedlich: sehr deutlich in Peter Weiss’ „Vietnam-Diskurs“15 und in der Originalfassung von Kipphardts „Bruder Eichmann“, sehr undeutlich in Heiner Müllers „Der Auftrag“. Auch den Autoren und Regisseuren der 60er und 70er Jahre war die Wirkungsweise ihres Mediums klar. Oder wie Rancière formuliert: der unvermeidliche Einschnitt zwischen Intention und Wirkung.16 Peter Stein meinte damals,

„die effektive Wirkung von Kunst auf Politik sei gleich null.“ 17

Diese banalen Erkenntnisse waren auch damals schon bekannt. Nur Peter Steins und Wolfgang Schwiedrziks Münchner Inszenierung des „Vietnam-Diskurses“ 1968 mit einer integrierten Geldsammlung für den Vietcong (FNL) versuchte (erfolglos) gegen diese basale Rezeptionsstruktur aufzubegehren, erwartete aber auch nur eine mobilisierende Wirkung bei den Zuschauern, die schon einverstanden waren.18

i) Hans-Thies Lehman und das postdramatische Theater

Die für das deutsche Theater des 21. Jahrhunderts einflussreichste Bestimmung dessen, was politisches Theater ist, findet sich in Hans-Thies Lehmanns Aufsatz „Wie politisch ist das postdramatische Theater?“ von 200119. Hans-Thies Lehmann hat als Dozent am Institut für angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und als Professor an der Universität Frankfurt/M die Generation der Regisseure und Dramaturgen nach 2000 entscheidend geprägt. Sein Aufsatz ist wie sein opus magnum „Das postdramatische Theater“20 eine tiefgreifende Analyse des gegenwärtigen Theaters und zugleich ein ästhetisches Programm, also nicht nur Theatertheorie, sondern eine Wissenschaft, die angewandt werden soll. Aus heutiger Sicht muss man aber einige Vorbehalte gegen seine Bestimmung des politischen Theaters formulieren.

Lehmann formuliert die Titelfrage seines Aussatzes zunächst um zu „Wie ist Theater, zum Beispiel postdramatisches Theater, politisch?“ Seine Voraussetzung ist also: Theater ist politisch auf eine ihm eigene Weise. Es steht also nicht in Frage, ob das Theater politisch ist oder welche Art von Theater politisch ist. Später schreibt er: das Theater sei strukturell politisch, das Politische sei ihm „eingeschrieben“. Dabei verzichtet er ausdrücklich auf eine genauere Bestimmung des Begriffs „politisch“.21 Der Begriff „des Politischen“, den Lehmann hier immer verwendet, wird jedenfalls nicht von „Politik“ unterschieden.

Lehmann will als Theatertheoretiker keine „Vorschriften (Programme)“ geben. Aber immer wieder schleichen sich Bewertungen der Theaterpraxis in seine Formulierungen ein. So zum Beispiel, wenn er davor warnt, im Theater politische Inhalte aufzugreifen, weil dann die Gefahr bestehe, dass es „allzu folgsam nachplappere“, was der öffentliche Diskurs vorgebe. Ihm geht es um die Verteidigung gegen den Vorwurf, dem postdramatischen Theater (Fabre, Wilson, Pollesch, Lauwers) fehle das Politische.

Das Politische des Theaters

Lehmanns Bestimmung des Politischen im Theater beruht auf drei Formeln, deren erste drei Unterthesen hat.

1.  a) Das Politische kann im Theater nur indirekt, in modo obliquo,  erscheinen.

b) Das Politische kommt im Theater zum Tragen, wenn und nur wenn es gerade auf keine Weise übersetzbar oder rückübersetzbar ist in die Logik, Syntax und Begrifflichkeit des politischen Diskurses.

c) Das Politische des Theaters ist als Unterbrechung des Politischen zu denken.

2. Politisches Theater ist als eine Praxis der Ausnahme zu verstehen. Nur ein Theater, das die eigene Regel erschüttert, das Theater als Schaustellung unterbricht, nimmt eine genuine Beziehung zum Politischen auf.

3. Politisches Theater hat die Form der Erschütterung der Gewohnheit/Enttäuschung des Wunsches, auf der Bühne dramatisierte Simulakra der politischen Realitäten vorzufinden. Das ist zugleich eine Erschütterung der mit der Personalisierung in der Politik verbundenen Moralisierung und damit die Vermeidung der moralistischen Falle.

Lehmanns These, das Politische des Theaters sei die Unterbrechung des Politischen, greift offensichtlich auf Walter Benjamins Verwendung des Begriffs „Unterbrechung“ in seiner Charakteristik des epischen Theaters Brechts zurück. Benjamin sieht die „Unterbrechung von Abläufen“ bei Brecht als ein wesentliches Mittel der Verfremdung und damit für die Möglichkeit des Zuschauers im Staunen die Verhältnisse, in denen er lebt, erst zu entdecken.22 Lehmann weitet diesen Begriff der Unterbrechung aber aus von der Unterbrechung von Abläufen zur „Unterbrechung des Regelhaften“ ganz allgemein und in der Politik. Die Unterbrechung wird also von einem ästhetischen Mittel zu einer Wirkungsabsicht. Die „geronnene Fassade von Rechtsverhältnissen“, in denen wir leben, soll aufgebrochen werden, damit das Agonale, der Konflikt als Wesen der Politik, wieder deutlich wird.23 Es wird auch deutlich, wie sehr Lehmann 2001 von einer auf oberflächlichem Konsens beruhenden Gesellschaft, in der die Konflikte verdeckt sind, ausgeht. Inzwischen, 2025, befinden sich die westlichen Gesellschaften in Europa und Amerika auf dem Weg zur fortschreitenden Polarisierung. Die Konsensfassade bröckelt, sogar die Rechtsverhältnisse werden flüssig, weil die Gegner des pluralistisch-demokratischen Systems (Trump, Orban, Le Pen, Meloni, Kickl, Ben-Gvir) zunächst die Rechtsinstitutionen angreifen. Diese agonalen Kräfte der Politik haben für Lehmann aber keinen Ort und sind keine Personen. Deshalb bieten sie „einer Repräsentation keinen Inhalt, der politisch wäre, keine Gestalt“. Dies ist die alte Erkenntnis, die Brecht schon formuliert als:

„Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht.“24

Wenn aber das Theater diese gestaltlosen Kräfte des Politischen (oder der Politik?) darstellen will, kann es  nicht nur Funktionsgraphen präsentieren, es braucht den Umweg über Menschen, Schauspieler, Darsteller oder Performer. Lehmann scheint diesen Umweg zu scheuen und verweist auf die Möglichkeit des Rückzugs, weg von der Politik, hin zu den eigenen Regeln, zur Unterbrechung der „Hör- und Zuschauanordnung“. Die paradoxe Formulierung, dass das Politische des Theaters darin bestehe, sich von allem Politischen frei zu halten, ist ganz parallel zu der Jacques Rancières:

„Der Kunst, die Politik macht, indem sie sich als Kunst abschafft, steht also eine Kunst gegenüber, die unter der Bedingung politisch ist, dass sie sich von jeder politischen Einwirkung rein hält.“25

Rancières Kritik an der Kunst, die sich um der Politik willen selbst abschafft, trifft aber eher die Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“ und ähnlicher artivistischen Projekte als die gegenwärtigen Versuche, politisches Theater zu machen.  Das Politische (und die Politik) erscheinen im Theater auch direkt, in modo recto. Das Politische im Theater ist übersetzbar in die Begrifflichkeit der Politik. Das Politische des Theaters ist keine Unterbrechung des Politischen, sondern (auch, nicht immer) eine Einmischung in die Politik.

Politische Tendenz und künstlerische Tendenz

Eine Folie für die Bestimmung des Verhältnisses von Theater und Politischem scheint Walter Benjamins Bestimmung des Verhältnisses von politischer Tendenz und literarischer Tendenz zu sein:

„Die Tendenz einer Dichtung {kann) politisch nur stimmen, wenn sie auch literarisch stimmt. Das heißt, dass die politisch richtige Tendenz eine literarische Tendenz einschließt, {…} diese literarische Tendenz kann in einem Fortschritt oder in einem Rückschritt der literarischen Technik bestehen.“26

Lehmann scheint Benjamins Formel  aber umkehren zu wollen: Für ihn ist ein Fortschritt in der theatralen Technik („Überwindung de Schau- und Höranordnung zugunsten einer Exploration des situativen Aspekts“) die Bedingung für politisches Theater. Für Benjamin war noch eindeutig, welche politische Tendenz er meint. Sein Vortrag über den Autor als Produzenten wurde 1934 in Paris gehalten vor dem „Institut zum Studium des Faschismus“. Für Lehmann dagegen gibt es keine bestimmte politische Tendenz, die das politische Theater verfolgen sollte, sondern nur einen „genuinen Bezug zum Politischen“, der aber genau im Bruch mit politischen Inhalten bestehen soll.

Das Hilfsinstitut Theater

„Theater kann kein Hilfsinstitut politischer Bildung sein.“27

Dagegen ist sicher, dass es in der Gegenwart als solches benutzt wird: Dass Theater in den Bereich der Politik eingreift, also in den Bereich von Macht und Strategie, kommt oft vor. Dabei spielt die zeitliche Dimension eine Rolle. Globale Themen mittelfristiger Aktualität greift das Theater oft auf  und bezieht sie auf gegenwärtige Themen.28 oder lokal im Rückblick.29 Das international bekannteste Stück dieser Art, das politische Prozesse im Nachhinein aufarbeitet, ist „Enron“ von Lucy Prebble über die Betrügereien der amerikanischen Energiefirma.30 Oder aktuell: Volker Löschs und Marlene Engelhorns Show „Geld ist Klasse“. Elfriede Jelineks fast tagesaktuelle Textproduktionen für das Theater, z. B. „Am Königsweg“ 2017 zu Donald Trumps erster Wahl, zuletzt „Endsieg“ zu seiner Wiederwahl, und deren Inszenierungen durch Falk Richter sind Beispiele dafür, wie schnell das Theater reagieren kann und dafür dass ein Theater, das aktuelle politische Inhalte aufgreift, keineswegs auf die Strukturen des traditionellen narrativ-aristotelischen Theaters zurückgreifen muss.31

Investigativ-Theater

Das Theater greift nicht nur die Konstitutionsbedingungen des Gemeinwesens, das Politische, auf, sondern in zunehmendem Maße auch die Politik.  Die Theaterkritik kann solche Projekte ästhetisch bemängeln, man kann ihre politische Wirksamkeit in Frage stellen, die Theatertheorie aber müsste zur Kenntnis nehmen, dass es so etwas gibt und die Bedingung seiner Möglichkeit erklären: die Analogie von Theater und Politik.32 Jean Peters vom Journalistenkollektiv „Correctiv“ erklärt die Funktion dieses Investigativ-Theaters mit dem Untergang der Zeitungen:

„Theater ist eine von vielen Antworten: Hier kann man in Ruhe eine Geschichte erzählen und am Schluss wissen wir: Es gibt Zeugen für das gemeinsame Erleben…. Das Theater hat die Ruhe der Entwicklung und des Abholens, der Kontextualisierung und der Metaebenen.“ „Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich Gesellschaft bilden kann. Wir wollen die Lust daran wecken, Gesellschaft zu gestalten. … Das ist meine Vision – und das kann Theater sein.33

„Ein Raum, in dem sich Gesellschaft bilden kann“, das ist eine Definition des Politischen, und das ist die Grundlage für ein Theaterprojekt über aktuelle Politik: „Geheimplan gegen Deutschland“ (Berliner Ensemble, Volkstheater Wien 2024).34  Hier soll also das „Politische“, die Konstitutionsbedingungen von Gesellschaft, und die „Politik“, die im Staat konzentrierten, institutionell organisierten Entscheidungen über die Gesellschaft, verbunden werden, das eine nicht ohne das andere im Theater, nicht getrennt wie bei Lehmann. Hier kommt das Politische zum Tragen, gerade weil es übersetzbar ist in den öffentlichen Diskurs, der Politik genannt wird. Höchstens könnten man Derridas Vorbehaltsklausel anwenden: vorausgesetzt, das Theater „verwandelt sich nicht einfach in einen Versammlungsplatz und fährt fort, auch seiner theatralischen Bestimmung zu folgen.“35 Man muss dieses journalistische Enthüllungstheater sicher nicht als die Zukunft des Theaters propagieren, nur seine Möglichkeit zur Kenntnis nehmen.

Die moralistische Falle

Lehman warnt vor der „moralistischen Falle“, in die das Theater durch die Theatralisierung und Personalisierung des Politischen geraten könne, wenn es politische Inhalte aufgreife. Diese Warnung stimmt überein mit der Rancières vor der „ethischen Konfusion“, die Politik und Kunst gleichsetzt.36 Kunst und Politik sind für Rancière zwei Bereiche, die in einem permanenten Spannungsverhältnis stehen, aber nicht ineinander verschmelzen. Die Möglichkeit von politischem Theater bedeutet nicht die Schwächung der Autonomie der Kunst37, obwohl, wie Janis El-Bira formuliert, im Theater „das Postautonome auch schon längst an den Saaltüren rüttelt.“38Die Kunst bleibt ein eigener Bereich mit eigenen Wertungen, Regeln und Verfahrensweisen wie die Politik, ebenso die Moral, auch wenn das eine System nach den Maßstäben des anderen beurteilt werden kann.

Die „moralistische Falle“ schnappt auch deshalb nicht gleich zu, sobald das Theater politische Inhalte aufgreift, weil das Politische, ebenso wie die Kunst, ein autonomer Bereich ist. Seit dem „Machiavell’schen Moment“ hat sich die Politik als eigener Bereich neben der Moral etabliert.39 Aber die autonomen Bereiche von Politik, Kunst und Moral stehen in einem gegenseitigen Spannungsverhältnis.
Für eine reine Vernunftethik wie sie Kant vertrat, gibt es keinen Konflikt zwischen Moral und Politik, weil die Politik sich schon immer an der Moral orientieren muss, für die auch nur verpflichtend ist, was möglich ist.40 Aber für die tatsächliche Moral, für die Moralvorstellungen in den Köpfen der Menschen, für das, was Hegel die „Sittlichkeit“ nennt 41, entstehen diese Konflikte zwischen Moral, Politik und Kunst ständig.

Hans-Thies Lehmanns Bestimmung des Politischen im Theater, insbesondere im postdramatischen Theater, scheint also aus heutiger Sicht ein Rückzug vor der „ekelhaften Korruption des politischen Diskurses“ 42 auf eine „Wahrnehmungspolitik“ 43, deren Wirkung fraglich bleibt und deren Rückbindung an den Bereich des Politischen bewusst negiert wird.

 

Wird fortgesetzt.

  1. Jacques Derrida, „Marx, das ist wer“. in: Zäsuren, November 2000, Nr. 1 Ökonomien der Differenz, Hg. v. Hans-Joachim Lenger, Jörg Sasse, Georg Christoph Tholen, S. 58-70. Hier S. 64. Übersetztes Transkript eines Vortrages im Zusammenhang mit der Inszenierung des Theaterstücks „Karl Marx, théâtre inédit“, März 1997 Théâtre des Amandiers, Nanterre, Regie: Jean-Pierre Vincent
  2. ibid. S.65
  3. ibid. S.64
  4. S.69
  5. Derrida ibid. S.64
  6. Im deutschen Kontext werden die Autoren Peter Turrini, Dario Fo, Thomas Bernhard {sic!} und Falk Richter genannt. vgl. Jan Deck, „Politisch Theater machen – Eine Einleitung“, in: Jan Deck, Angelika Sieburg (Hg.), Politisch Theater machen. Neue Artikulationsformen des Politischen in den darstellenden Künsten. Bielefeld: Transkript Verlag, 2011, S.11
  7. Rancière, „Der emanzipierte Zuschauer“ S.26f
  8. Rancière, ibid. S., 18
  9. Rancière, ibid. S. 27f
  10. Roselt S. 330-333 siehe auch Versuch über das Politisches Theater Teil 2 auf dieser Website
  11. Roland Schimmelpfennig „Iokaste“, Insz.: Karin Beier  Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  12. vgl. Ernst Vollrath, Was ist das Politische? Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S. 23-27
  13. Bertolt Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd.22.1, Schriften 2, Teil 1. „Politische Theorie der Verfremdung“ (1936/37), S.125
  14. Bertolt Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd.22.1, Schriften 2, Teil 2, S.663
  15. „Das Ideal für einen Künstler wäre natürlich, die Situation, in der wir leben, so eindringlich zu schildern, dass die Leute, wenn sie darüber lesen oder es auf der Bühne erleben, auf dem Nachhauseweg sagen: ‚Das müssen wir ändern. So kann’s nicht weitergehen. Das machen wir nicht länger mit’ Solange mir das noch nicht gelungen ist, habe ich mich noch nicht als Künstler betätigt.“ Peter Weiss im Gespräch mit A. Alvarez 1965 in: Karlheinz Braun (ed.), Materialien zu Peter Weiss‘ >Marat/Sade<. Frankfurt/M: Suhrkamp,5. Aufl. 1975, S.99 Zwei Jahr später aber auch: „Das Theater selbst kann die Gesellschaft nicht verändern. Das ist unmöglich. Die beste Wirkung, die ich erhoffen kann, ist, daß ein Stück Anlass gibt zum Weiterdenken.“ Interview mit Peter Weiss, in: Der Spiegel 12/1968
  16. „Keine Kunstform kann den ästhetischen Einschnitt vermeiden, der die Wirkungen von den Absichten trennt.“ Rancière, „Die Paradoxa der politischen Kunst“, a.a.O., S. 99
  17. Hans Bertram Bock, „Ohne Duselei. Gespräch mit Peter Stein, Wolfgang Schwiedrzik und Wolfgang Neuss“. Abendzeitung (München) 24.6.1968, zit. in: Dorothea Kraus, Theater Proteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren. Frankfurt: Campus, 2007 S.145
  18. Bei Dorothea Kraus findet auch eine ausführliche Darstellung der Kontroversen um die Aufführungen des „Vietnam-Diskurses“ in Frankfurt, München und Berlin 1968, a.a.O. S.142-153
  19. Hans-Thies Lehmann, „Wie politisch ist postdramatisches Theater?“, In: H-Th.L., Das Politische Schreiben. Essays zu Theatertexten. Berlin: Theater der Zeit, 2002 {= Recherchen 12}; zuerst in: Theater der Zeit, Oktober 2001
  20. Hans-Thies Lehmann, Das postdramatische Theater.. Frankfurt/M: Verlag der Autoren, 1999
  21. „Das Politische {soll} nicht in der dünnen Luft der genaueren Distinktionen vaporisiert werden“ a.a.O. S. 14.
  22. „Was ist das epische Theater?“ in: Walter Benjamin, Der Autor als Produzent. Aufsätze zur Literatur. Stuttgart: Reclam 2012, S. 222, ebenso ibid. „Der Autor als Produzent“ S. 245
  23. Hier bezieht auch Lehmann sich auf Carl Schmitt
  24. Bertolt Brecht, „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“, in: ders.: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 21, Schriften 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992, S. 469. Auch zitiert bei Walter Benjamin, „Kleine Geschichte der Photographie“ in: W.B., Angelus Novus. Ausgewählte Schriften Bd. 2. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1966, S.243
  25. Jacques Rancière, „Die Ästhetik als Politik“ in: J.R., Das Unbehagen in der Ästhetik. Wien: Passagen 3. Aufl 2016,  S.47 {zuerst frz. Paris 2004}
  26. Walter Benjamin, „Der Autor als Produzent“ a.a.O. S.229, 231
  27. Lehmann a.a.O., S.13
  28. Klimakrise: „Unsere Welt neu denken“ Schauspiel Bonn 2021, Ukrainekrieg: „Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern“ Schauspiel Köln 2022
  29. Pleite beim Bau des Kongresszentrums: Schauspiel Bonn 2017 „Bonnopoly“ , Archiveinsturz: Schauspiel Köln 2010 „Das Werk/Im Bus/ Ein Sturz
  30. Nürnberg 2010
  31. Ebenso Marcus Lobbes Inszenierung von Mike Daiseys Monolog „The Trump Card“ am Theater Dortmund 2017
  32. Noch mehr Beispiele: Calle Fuhr, „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ (Volkstheater Wien 2024)
  33. Calle Fuhr und Jean Peters, „Zum Verstehen verführen“, Interview mit Nachtkritik Redakteurinnen Elena Philipp und Esther Slevogt 6.8.204.
  34. Diese Aktion des Journalistenkollektivs „Correctiv“, die mit minimaler ästhetischer Vorbereitung und Unterstützung durch den Regisseur Kai Voges selbst ein politisches Faktum geschaffen hat, dürfte aber ein Grenzfall im Verhältnis von Theater und Politik sein.
  35. Jacques Derrida, „Marx, das ist wer“. in: Zäsuren, November 2000, Nr. 1 Ökonomien der Differenz, Hg. v. Hans-Joachim Lenger, Jörg Sasse, Georg Christoph Tholen  S. 58-70
  36. Rancière, Ist Kunst widerständig? Berlin: Merve, 2004, S.34
  37. vgl. Volker Ullrich, Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie. Berlin: Wagenbach, 2022. Darin v.a. Teil I „Was hat die Idee autonomer Kunst geschwächt?“ Ullrich geht es vor allem um die bildende Kunst.
  38. Janis El-Bira, Das „Art-Toy“ als Lebensbegleiter. Rezension von Volker Ulrich, Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie. Nachtkritik.de
  39. „Erst mit Machiavelli erreicht Politik eine distinktive Identität und Autonomie.“ Das Machiavell`sche Moment ist das ontologische Moment „der Erfahrung von Kontingenz und Grundlosigkeit des Sozialen.“ Politik lässt so also nicht auf Moral gründen. Oliver Marchart, Die politische Differenz. Berlin: Suhrkamp, 2010, S.28 u. 49 vgl. Luhmann
  40. „ultra posse nemo obligatur“,  „Die wahre Politik kann also keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“ Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ in: I.K. Werkausgabe Bd.XI, hg. Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M: Suhrkamp,1968, S. 229 B71, S. 243 B97
  41. vgl. G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Werke Bd. 7. Frankfurt/M: Suhrkamp 1970. §142, S.292. In Hegels Zusatz zu §144 findet sich das schöne Gedicht:
    „Heilig, was die Geister bindet, \
    wär es auch nur leicht
    wie die Binse den Kranz
    Heiligstes, was innig gedacht –
    ewig die Geister einig macht.“
    Hegel verweist hier wie auch oft in seiner Ästhetik auf den exemplarischen Konflikt in Sophocles’ „Antigone“ zwischen Staat (Politik) und Moral (Sitte) S. 293f.
  42. Lehmann a,a,O, S. 18
  43. ibid. S. 19. Wenn jede Veränderung unserer Wahrnehmung politisch wäre, wären Sonnenbrillen und Ohrstöpsel politisch.

Versuch über politisches Theater – Teil 3

Die Politik oder das Politische

In der Diskussion darüber, was politisches Theater sei, spielt die Unterscheidung von „Politik“ und dem „Politischen“ ein wesentliche Rolle. Was Fischer-Lichte „Neue Politiken des Ästhetischen“1 nennt, beruht auf dieser Unterscheidung. Die Trennung „der Politik“ von „dem Politischen“ ermöglicht es einer einflußreichen Strömung des gegenwärtigen Theaters, sich von einem „politischen Theater“, das politische Themen oder Inhalte aufgreift, zu distanzieren und sich dennoch als politisch zu verstehen. Deshalb wird hier kurz die Entwicklung dieser Unterscheidung dargestellt2.

a) Herodot und Aristoteles

Die Substantivierung des Adjektivs „politisch“ geht auf die Antike zurück, auf die Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, solche Substantivierungen durch Artikel zu ermöglichen, und auf die Neigung der griechischen Philosophie abstrakte Begriffe mit Hilfe des bestimmten Artikels zu formulieren3. Das Substantiv τὸ πολιτικόν taucht zum ersten Mal bei Herodot auf.

„καίτοι εἰ τὸ πολιτικὸν ὑμῖν πᾶν ἐστι τοιοῦτον οἷον σὺ διαιρέεις“ „und wenn euer ganzes Polis-Wesen so ist, wie du es beschreibst“4

Der persische Herrscher Xerxes unterhält sich mit Demaratos, einem ehemaligen spartanischen König, der zu den Persern übergelaufen ist, über die Kampfstärke der Griechen, gegen die er einen Feldzug plant. Hier wird das Politische mit dem Gemeinwesen, dem Stadtstaat Sparta, gleichgesetzt.

Bei Aristoteles findet sich auch die adverbiale Verwendung von „politikos“ (πολιτικῶς). Ernst Vollrath stützt sich auf eine Stelle in Athenaion Politeia (Der Staat der Athener),

„Πεισίστρατος … διῴkει τὰ κοινὰ πολιτικῶς μᾶλλον ἤ τυραννικῶς“ (14.3) „Peisistratos habe das Gemeinsame – d.i. die Polis – eher in politischer Weise als in tyrannischer Weise betrieben.“5

um zu zeigen, dass das Politische eine Praktik ist.6 Es meine eine „adverbiale Modalität“, keinen bestimmten Inhalt oder Bereich.7 Dieser adverbiale Gebrauch des Begriffs des Politischen wird  für das Theater im 21. Jahrhundert noch bedeutungsvoll werden.

b) Carl Schmitt und Hannah Arendt

Später werden die Begriffe von Politik und Politischem weitgehend gleichgesetzt8, bis Carl Schmitt 1932 mit seiner Schift „Der Begriff des Politischen“ den Anstoß gab, die Kategorie des Politischen genauer zu bestimmten. Für ihn war der begriffliche Gegensatz aber der zwischen Staat und dem „Politischen“. Seine fanfarenhafte Eröffnung war der Satz:

„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus.“9.

„Politik“ wird mit dem Staat identifiziert10. Während das „Politische“ als ein allgemeiner Begriff für eine bestimmte Qualität des Zusammenlebens von Menschen verstanden wird:

„{Das Politische} bezeichnet kein eigenes Sachgebiet, sondern nur den Intensitätsgrad einer Assoziation oder Dissoziation von Menschen.“11.

Die theoretische Gegenspielerin des späteren NS-Juristen Carl Schmitt war Hannah Arendt12. Für sie ist Politik die freie Assoziation von Menschen:

„Der Sinn von Politik ist Freiheit“13,

nicht wie bei Carl Schmitt „die Unterscheidung von Freund und Feind“14. Aber auch Hannah Arendt gibt keine eigenständige Definition des Politischen, die man der Politik gegenüberstellen könnte. Sie verwendet den Begriff des Politischen für „die politische Sphäre“ oder den „Raum des Politischen“15.

c) Paul Ricœur und Claude Lefort

Eine definitorische Abgrenzung von Politik und dem Politischen findet sich etwa gleichzeitig bei Paul Ricoeur 1957:

„Le politique est organisation raisonnable, la politique est décision {…}. Le politique ne va pas sans la politique.“ „Das Politische ist vernünftige Organisation, die Politik hingegen Entscheidung. {…} Das Politische freilich existiert nicht ohne Politik.“16

Ricoeur geht es eigentlich um die Abgrenzung von Politik und Ökonomie. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn 1957 war für ihn der Anlass, den Marxismus zu kritisieren, weil er die Eigenständigkeit des politischen Bereichs ignoriere und somit die Despotie Stalins ermöglicht habe.17 Aber dazu benötigte er einen Begriff von Politik, der nicht die jeweiligen Handlungen meint, sondern den Bereich, in dem politische Handlungen stattfinden, eben das „Politische“, „la politique“.18

Ähnlich wie Ricoeur benötigt Claude Lefort einige Jahrzehnte später den Begriff des Politischen, um Demokratie und Totalitarismus gegenüberzustellen. Dazu benötigt er einen Begriff, der den Bereich meint, in dem eine Gesellschaft sich auf jeweils unterschiedliche Weise herstellt.

„Somit enthüllt sich das Politische nicht in dem, was gemeinhin politisches Handeln genannt wird, sondern in der doppelten Bewegung des Erscheinens und Verbergens der Art und Weise, wie sich Gesellschaft instituiert. Ein Erscheinen in dem Sinne, dass der Prozess, durch den sich die Gesellschaft ordnet und durch ihre Teilungen hindurch vereinigt, sichtbar wird, Verbergung aber in dem Sinne, dass das generische Prinzip der Konfiguration der Gesellschaft verschleiert wird, sobald sich ein Ort der Politik als partikular bezeichnet.“19

So ist der moderne Totalitarismus dadurch charakterisiert, dass „sich die Spuren der Macht, des Rechts und des Wissen gleichsam verquicken.“20, während die Demokratie „sich dadurch instituiert und erhält, dass sie die Grundlage aller Gewissheit auflöst.“21

In dieser zweiten Phase der Entwicklung eines modernen Begriffs des Politischen, nach dem Beginn bei Carl Schmitt, ist er eng mit der Kritik des sowjetischen Totalitarismus verbunden, biographisch vor allem mit der Abgrenzung linker Philosophen vom Stalinismus.22

d) Jean-Luc Godard

In der Folge des Pariser Mai 1968 wird diese Unterscheidung von Politik und dem Politischen weiterentwickelt, weil der Anspruch an politische Wirksamkeit erhalten bleibt, aber auch die Erfahrung der Erfolglosigkeit der Rebellion verarbeitet werden muss. „Die Politik“ wird der Bereich der etablierten staatlichen Mächte, „das Politische“ der Bereich der Kunst. Ein Stadium dieser Entwicklung sind die Äußerungen des Filmregisseurs Jean-Luc Godard. Sein Manifest „Que faire?“ von 1970 erfindet die folgenreiche Unterscheidung zwischen „politisch“ als Adjektiv und „politisch“ als Adverb. Es geht nicht mehr um das künstlerische Produkt als politisches, sondern um den als politisch verstandenen Prozess der Herstellung des Kunstwerks.

„1. Was [sic!] müssen politische Filme machen.
2. Wir müssen politisch Filme machen.
3. 3. 1und 2 verhalten sich antagonistisch zueinander und gehören zu zwei entgegengesetzten Konzeptionen der Welt. …
10. 1 ausführen heißt, ein Wesen der bürgerlichen Klasse bleiben.
11. 2 ausführen heißt, einen proletarischen Klassenstandpunkt einzunehmen. {…}
21. 1 ausführen heißt eine komplette Ansicht von Ereignissen zu geben im Namen der Wahrheit an sich.
22. 2 ausführen heißt, nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.“23

Godards Unterscheidung zwischen „politische Filme machen“ und „politisch Filme machen“ wird immer wieder angeführt gegen ein Theater, das aktuelle politische Themen aufgreift. Godards Text stammt von 1970 und trägt alle Züge der damaligen politischen Diskussion.

In These und Antithese werden die beiden Konzepte (politische Filme machen und politisch Filme machen) gegeneinander gestellt. Aber wenn man liest, wie Godard damals versuchte zu erklären, was er mit „politisch Filme machen“ meint, wird doch deutlich, wie wenig das für heute taugt. Politische Filme machen heißt für ihn „die Schlechtigkeit der Welt beschreiben“. Politisch Filmemachen heißt dagegen, „das Volk im Kampf zeigen.“ Es ist also doch ein Unterschied im Inhalt, im Stoff des im Film Dargestellten. Und wenn er dann mit der Aufforderung schließt, die „Berichte des Genossen Kiang Tsing zu lesen“, wird klar: das ist kein autoritativer Text, auf dem man sich heute berufen könnte. (Wahrscheinlich ist Jiang Qing gemeint, Mao Dzedongs damalige Frau, die aber keine Berichte veröffentlicht hat. Nach dem Tod Maos wurde sie als Mitglied der Viererbande, die die Kulturrevolution vorangetrieben hatte, verurteilt.)

Es gibt nur ein Thesenpaar in diesem Manifest, das in die Zukunft weist: 21., politische Filme machen „heißt eine komplette Ansicht von Ereignissen zu geben im Namen der Wahrheit an sich.“ Und 22., politisch Filme machen heißt, „nicht über-komplette Bilder der Welt im Namen relativer Wahrheit herzustellen.“ Mit der Forderung nach Unvollständigkeit der Bilder und der Betonung der Relativität der Wahrheit, damit wendet er sich gegen den Dogmatismus der damaligen Linken und zeigt den Weg seiner weiteren ästhetischen Entwicklung.

e) Jean-François Lyotard

Ein weiter Schritt in Richtung auf ein Theater, das das „politische Theater“ ablehnt, sich aber dennoch als politisch versteht, ist Jean-Francois Lyotards Aufsatz „Der Zahn, die Hand“ von 197224. Lyotard versucht darin in einer komplexen Argumentation die semiotische Analyse des Theaters als Zeichensystem zu widerlegen. Dazu geht er auf Marx’ Analyse des Kapitalismus zurück, der das Warenverhältnis als die Austauschbarkeit von allem mit allem analysiert hat. Für Lyotard wird dadurch eine sinnstiftende Zeichenbeziehung zwischen repräsentierenden Zeichen und repräsentiertem Bezeichnetem unmöglich macht. Lyotard nennt dies einen Nihilismus. Er wendet sich dann gegen die Übereinstimmung der verschiedenen Elemente des Theaters, wie sie in der Theorie des japanischen No-Theaters gefordert wird. Er will „die Unabhängigkeit, die Gleichzeitigkeit der Töne/Geräusche, der Wörter, der Körper-Figuren, der Bilder.“25 Auch Brechts marxistische Zeichentheorie des Theaters kritisiert er. Er geht zurück auf den surrealistischen Maler Hans Bellmer, der am Beispiel einer vor Zahnschmerz verkrampften Hand die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem in Frage stellt. Die Hand bezeichnet nicht den Schmerz. Für die „Bewegung der Libido“ seien beide Phänomene gleichwertig, ihre Beziehung umkehrbar. Lyotard plädiert für ein „energetisches Theater“, in dem es keine Zeichenbeziehungen mehr gibt.

Lyotards Aufsatz ist einer der ersten Belege dafür, dass die politische Repräsentation (Volksvertreter für das Volk) in der repräsentativen Demokratie mit der Repräsentation des Bezeichneten (z.B. die fiktive Figur) durch das Bezeichnende (z.B. die reale Schauspielerin) im Theater gleichgesetzt wird und gleichermaßen verworfen wird. Für ihn gilt kategorisch „keine Stellvertretung ist berechtigt.“ 26 Dabei setzt Lyotard die politische Repräsentation mit der „Politik“ gleich, sein Gegenbegriff ist aber noch nicht der des „Politischen“ oder des „politisch Theatermachens“, sondern das „energetische Theater“, ganz im Sinne Antonin Artauds.

„9. Wo man die Zeichenbeziehung und deren Kluft abschafft, wird die Machtbeziehung (die Hierarchie) die Herrschaft des Dramaturgen+Regisseurs+Choreographen +Bühnenbildners über die angeblichen Zeichen und die angeblichen Zuschauer unmöglich.
10. Angebliche Zuschauer, weil der Begriff einer solchen Person oder Funktion einhergeht mit der Vorherrschaft der Repräsentation im gesellschaftlichen Leben und besonders mit dem, was das moderne Abendland Politik nennt.“27

Wird fortgesetzt

  1. Fischer-Lichte a.a.O.
  2. Die Darstellung ist angeregt durch die Arbeiten von Marchart und Primavesi, geht aber über diese Quellen hinaus
  3. z.B. τὸ ἀγαθόν, das Gute bei Aristoteles, das Cicero im Lateinischen umständlich mit „id quod bonum est“ übersetzen muss. Vgl. Bruno Snell, „Die naturwissenschaftliche Begriffsbildung im Griechischen“, in: B.S, Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 5. Aufl 1980, S.208:  „Der bestimmte Artikel  leistet in solchen Substantivierungen Dreifaches: Er fixiert das Undingliche, setzt es als Allgemein-Ding, vereinzelt das Allgemeine aber auch zu einem Bestimmten, über das ich Aussagen machen kann.“
  4. Herodot, Historien. Siebtes Buch. Griechisch/Deutsch. übers. von Christine Ley-Hutton. Stuttgart: Reclam, 2o16, S. 105, Herodot, Historien VII, 103 (1)
  5. Ernst Vollrath, Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen. Würzburg: Königshaus & Neumann, 1987, S. 54
  6. Vollrath geht dabei vom Michael Oakeshotts Begriff der Praktik aus.
  7. Weniger einschlägig ist eine Stelle in Aristoteles Politik, wo die Beziehungen innerhalb des Haushalts (Ökonomie) erklärt werden: der Mann müsse über Frau und Kinder herrschen, aber auf unterschiedliche Weise, „γυναικός μὲν πολιτικῶς τέκνων δὲ βασιλικῶς“ (1259b1). Franz F. Schwarz übersetzt „πολιτικῶς (politikoos)“ mit „über die Frau nach Art eines Staatsmannes“ (Aristoteles, Politik. Schriften zur Staatstheorie. Stuttgart: Reclam, 1989 S. 101), Eugen Rolfes „über das Weib nach Art des Hauptes eines Freistaates“ (Aristoteles, Politik. Hamburg: Meiner, 4. Aufl. 1981 S.26)
  8. Ernst Vollrath hat in seinem Lexikon-Eintrag „Politisch, das Politische“ die Begriffsgeschichte detailliert nachgezeichnet. Ernst Vollrath, Lemma „Politisch, das Politische“, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie hg. v. Joachim Ritter & Karlfried Gründer. Bd.7 P-Q, Basel: Schwabe, 1989 S. 1072-1075
  9. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien. Berlin: Duncker und Humblot, 9. Aufl. 2015
  10. Ernst Vollrath hat in einer ausführlichen Studie nachgewiesen, wie sehr der Begriff des Politischen in Deutschland immer mit dem Staat identifiziert wurde. „Die deutsche politische Wahrnehmung ist so gut wie ausschließlich auf den Staat bezogen, so dass das Politische in absorptiver Identifikation mit dem Staat erblickt wird und sich zeigt.“ Ernst Vollrath, Was ist das Politische. Eine Theorie des Politischen und seiner Wahrnehmung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003, S.115
  11. Carl Schmitt a.a.O., S.36. Carl Schmitts Definition des Politischen ist der Ausgangspunkt für jegliche Diskussion des Begriffs: kritisch z.B. bei Ernst Vollrath, der aus Schmitts Bestimmung des Politischen allein durch die Dissoziation, d.h. durch das Freund-Feind-Verhältnis, Schmitts spätere Rechtfertigung des Führer-Prinzip als Moment der Assoziation im Politischen ableitet. vgl. Vollrath 1987 S. 37f. Oder zustimmend bei Christian Meier: „Carl Schmitt spricht sehr treffend von einem Beziehungs- und Spannungsfeld. Was vorher in der Substanz des Staates versammelt war, ist auf Grund von dessen Dezentration zunehmend hinausgelagert worden zwischen die Vielfalt der Kräfte und Relationen, und der Begriff des Politischen sucht dieser Lage  … gerecht zu werden.“ Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen. Frankfurt/M: Suhrkamp, 2. Aufl  1989, S. 36
  12. Ernst Vollrath war Teilnehmer von Hannah Arendts Seminaren an der New School for Social Research in New York. G.P. war nur Student von Ernst Vollrath in einem Seminar in Köln.
  13. Hannah Arendt, Was ist Politik?. München: Piper, 1993 S.28, In einem erst aus dem Nachlass veröffentlichten Fragment, entstanden etwa 1958
  14. Carl Schmitt a.a.O. S.19
  15. Arendt a.a.O. S, 53. Politik und das Politische können bei ihr auch synonym verwendet werden z.B. „… der Sinn von Politik, und zwar das Heil wie das Unheil des Politischen“ S. 42
  16. Paul Ricœur, „Das politische Paradox“, in: P.R., Geschichte und Wahrheit. übers. v. Romain Leick. München: List, 1974. Zuerst frz. „Le paradoxe politique“, in: Esprit 25 (1957), S. 721-745
  17. „Nur eine politische Philosophie, die die Spezifität des Politischen – die Spezifität seiner Funktion und die Spezifität seines Übels – erkannt hat, ist in der Lage, das Problem der politischen Kontrolle korrekt zu stellen.“ Ricoeur a.a.O. S.265
  18.  In den späteren  Fassungen der politische Differenz von „le/la politique“ bei Alain Badiou oder Rancière wird aber bestritten, dass „le politique“ die vernünftige Organisation der Gesellschaft meint.
  19. Claude Lefort, „Die Frage der Demokratie“, in: Ulrich Rödel (Hg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie. Übers. v. Katharina Menke. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1990, zuerst frz. in: Claude Lefort, Le retrait du politique, Paris 1983) S. 284
  20. Lefort S.287
  21. Lefort, ibid. S.296
  22. Lefort war in den 1940er Jahren Mitglied der trotzkistischen IV. Internationale
  23. Jean-Luc Godard, „Was tun?“ in: Godard/Kritiker. Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970). Auswahl und Übersetzung von Frieda Grafe. München: Hanser, 1971, p.186-188 {zuerst engl.: afterimage Nr. 1 April 1970 „1. We must make political films. 2. We must make films politically.“}
  24. Jean-Francois Lyotard, „Der Zahn, die Hand“, in: Essays zu einer affirmativen Ästhetik. Berlin: Merve, 1982 S. 11-23 {zuerst frz. „Le Dent, la Paume“, 1972}
  25. Lyotard, a.a.O. S. 21
  26. Lyotard, a.a.O. S.11
  27. Lyotard, a.a.O. S.21

Versuch über politisches Theater – Teil 2

Es gibt zwei Möglichkeiten, über politisches Theater nachzudenken, zwei Möglichkeiten, einen Satz zu beginnen: I. „Theater ist politisch, weil …“ oder II. „Theater ist politisch, wenn …“. Im ersten Teil dieses Aufsatzes wurde der erste Anfang vervollständigt und untersucht und der zweite Anfang wurde untersucht, soweit seine Fortsetzung als beschreibende Aussage betrachtet wird. Aber er ist auch oft der Anfang einer normativen Aussage. In diesem zweiten Teil des Essays geht es um das normative Verständnis solcher Bedingungen („wenn“) für die Bezeichnung von Theater als politisch.

Oft scheint dieses „wenn …“ auf ein Werturteil hinauszulaufen. Die Bedingung ist eigentlich ein Wunsch oder eine Forderung. Theater sollte politisch sein. Es ist charakteristisch für die Diskussion in der Theaterkritik und Theaterwissenschaft, dass dieses „sollte“ nicht explizit formuliert, sondern nur angedeutet wird.
Wie wird dieses „Sollen“ gerechtfertigt?

II. „Theater ist politisch, wenn …“

b) normativ

aa) hegelianisch

„Indem nun aber die Kunst die Aufgabe hat, die Idee für die unmittelbare Anschauung in sinnlicher Gestalt und nicht in Form des Denkens und der reinen Geistigkeit überhaupt darzustellen und dieses Darstellen seinen Wert und Würdigkeit in dem Entsprechen und der Einheit beider Seiten der Idee und ihrer Gestalt hat, so wird die Höhe und Vortrefflichkeit der Kunst in der ihrem Begriff gemäßen Realität von dem Grade der Innigkeit und Einigkeit abhängen, zu welcher Idee und Gestalt ineinandergearbeitet erscheinen.“1

Für Hegel hat die Kunst zwei Seiten, die abstrakte, d.h. das Denken oder die Idee, und die konkrete, die Gestalt. Das Kriterium für die Bewertung von Kunst ist dann die „Einheit“ dieser beiden Seiten in einem Kunstwerk. Hegel benutzt für diese Entsprechung von Idee und Gestalt auch den Begriff der „Innigkeit“, um zu betonen, dass diese Einheit kein äußerliches Nebeneinander sein soll, sondern eine innere „Einigkeit“, die Ergebnis von künstlerischer Arbeit ist. Die Produktion von Kunst soll ein Ineinanderarbeiten von Idee und Gestalt sein.

Wenn die Idee des Theaters (oder sein Begriff oder seine Struktur) etwas Politisches ist, dann ist die „Höhe und Vortrefflichkeit der Kunst“ des Theaters davon abhängig, wie weit diese Idee in die konkrete Gestalt eingearbeitet ist. So etwa sähe ein hegelianische Konzeption des politischen Theaters aus, die zugleich einen Maßstab böte für die Bewertung von konkreten, einzelnen Theaterprodukten. Natürlich ist Hegels Begriff von Theater nicht der eines politischen Theaters und natürlich argumentieren die heutigen Vertreter eines Primats der Politik im Theater nicht mit Hegel. Aber die Vorstellung, dass die künstlerische Praxis zur Geltung bringen muss, was im Begriff oder der Struktur des Theaters angelegt ist, prägt das Denken vieler Theatermacher. Dies oft mit dem sozusagen super-hegelianischen Twist, dass diese Rückführung des Theaters auf seine Grundstruktur selbstreflexiv ausgestellt wird.

Die Vorstellung, dass das Theater an sich schon etwas Politisches ist, wird kaum explizit in der Theatertheorie vertreten, bildet aber den Hintergrund für viele Äußerungen von Theatermachern, wenn sie über politisches Theater sprechen.2 Necati Öziri zum Beispiel beginnt seine Rede über politisches Theater bei den Römerberggesprächen in Frankfurt/M. 2017:

„Ich hätte argumentiert, dass es gar kein unpolitisches Theater geben kann, sondern immer nur mehr oder weniger explizit politisches. Ich hätte ausgeführt, dass Theater qua Form unter den Künsten zu den politischsten zählt.“3.

Öziri zitiert diese Auffassung, dass Theater immer irgendwie politisch sei, nur um sich von ihr abzugrenzen. Er bestimmt dann das politische Theater doch inhaltlich oder jedenfalls nach bestimmten politischen Zielen: politisches Theater solle postmigrantisch sein, frage immer nach der Kehrseite einer Erzählung, habe die Aufgabe, Pluralismus zu schützen, Identitäten zu demonstrieren. Öziri sagt über die Argumente für den politischen Grundcharakter des Theaters, „da sei etwas dran“. Da er aber nach Rechtfertigung für seine Tätigkeit im Theater sucht, begründet er politisches Theater (ähnlich wie Piscator) mit der aktuellen politischen Situation.

Ähnlich geht Milo Rau vor in seiner Rede bei der Tagung des Internationalen Theaterinstituts in Antwerpen 2024:

„Theater ‚muss‘ nicht politisch sein, politisch ist es sowieso. Theater muss surreal, verrückt, halluzinatorisch, unerträglich widersprüchlich sein. … Weshalb das politische Theater, das ich meine, gerade dadurch klare Kante zeigt, indem es sich zwischen alle Fronten begibt und grundlegende Fragen zu unserem Zusammenleben, unseren Glaubenssätzen, zur Darstellung der Welt stellt.“4.

Der grundlegend politische Charakter des Theaters wird vorausgesetzt, um dann die Forderungen an eine bestimmte Art des politischen Theaters zu formulieren. Die These, dass Theater per se politisch sei, dient hier als argumentatives Sprungbrett für dem Übergang vom Sein zum Sollen. Weil das Theater politisch ist, soll es in einer bestimmten Weise politisch sein. Im Mund von Theatermachern, die politisches Theater betreiben, sind solche Argumentationen Begründungsversuche für die eigene künstlerische Praxis. Und unter der Voraussetzung, dass Theater immer politisch sei, können sie dann bestimmte politische Ziele für das Theater formulieren, die sich aus der jeweiligen politischen Situation ergeben.

bb) moralisch (Jacques Rancière)

Jacques Rancière ist wahrscheinlich der einflussreichste Philosoph für die Theorie und Praxis Theaters (vor allem in Deutschland) und auf den ersten Blick scheint er nicht zu den Theoretikern zu gehören, die moralische Forderungen an das politische Theater stellen. Er trennt ganz dezidiert den Bereich der Kunst von dem der Politik und nennt die Vereinigung von Kunst und Politik, also die Behauptung, Kunst sei immer politisch, die “ethische Konfusion“. 5 Aber er unterscheidet zwischen „Politik“ (la politique) und „Polizei“ (la police).6 Dabei ist Polizei die staatliche Organisation von Macht, während Politik die Inklusion der Nicht-Vertretenen bedeutet. Also ist Politik für Rancière ein normativer Begriff, der ein emanzipatorisches Konzept der Teilhabe beinhaltet.7

Für Rancière ist Politik nicht ein Subsystem der Gesellschaft oder eine Einstellung, mit der man das Gesellschaftsganze betrachten kann, sondern ein Prozess, der stattfinden soll. Deshalb wirft Oliver Marchart ihm auch eine Ethisierung der Politik vor und nennt seine Konzeption von Politik „emanzipatorischen Apriorismus“.8 Die Spannung zwischen Kunst und Politik, deren Aufrechterhaltung Rancière fordert, ist die Spannung zwischen der Kunst und einem ethischen, normativen Konzept von Politik. Politische Kunst, also Kunst im unaufgelösten Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, ist für Rancière eine Kunst im Spannungsfeld zu einem ethischen Konzept von Politik.

Trotz seiner Unterscheidung der Bereiche von Politik und Kunst sieht Rancière eine enge Verbindung zwischen Politik und Kunst. Diese entsteht aber nicht dadurch, dass Künstler sich politische Ziele setzen, sondern weil die Kunst wie die Politik (in Rancières emanzipatorischem Verständnis) eine Erfahrung des Dissenses, des Bruchs („rupture“) ist.

„Wenn die ästhetische Erfahrung die Politik betrifft, dann deswegen, weil sie auch als Erfahrung des Dissenses definiert ist, im Gegensatz zur mimetischen oder ethischen Anpassung der Kunsterzeugnisse an gesellschaftlichen Zwecke.“9

Deshalb ist Kunst für Rancière nicht politisch, wenn sie politische Inhalte hat oder weil sie politische Ziele verfolgt, sondern wenn sie neue Strukturierungsformen  der sinnlichen Erfahrung schafft10.

„Die Wirkung des Museums, des Buches oder des Theaters liegt viel mehr in den Aufteilungen des Raumes und der Zeit und in den Arten der sinnlichen Präsentation, die sie einrichten, als im Inhalt dieses oder jenes Werkes.“11

Rancière wendet sich gegen die „kritische Kunst“ (z.B. Brecht) auch deshalb, weil in der Gegenwart die gesellschaftlichen Bedingungen für ihre Wirksamkeit fehlen.12
Er beschreibt die Gegenwart (des beginnenden 21. Jahrhunderts) als Zeitalter des „Konsenses“. Die „Offensichtlichkeit des Kampfes gegen die weltweite kapitalistische Herrschaft“ ist verschwunden13. Seine Ablehnung einer Kunst, die sich durch politische Inhalte als politisch versteht, ergibt sich auch aus der Erfahrung der Wirkungslosigkeit solcher Kunstformen:

„Man geht nicht vom Betrachten eines Schauspiels zum Verständnis der Welt und vom intellektuellen Verständnis zu einer Entscheidung zur Tat über.“14

Seine Ablehnung der bisherigen „kritischen Kunst“ ist also sowohl die Folge seiner Analyse der Wirkungsweise von Kunst als auch Ausdruck der Resignation angesichts der politischen Verhältnisse seiner Gegenwart. Rancière rettet den politischen Charakter der Kunst, trotz seiner Ablehnung einer Kunst, die sich durch politische Inhalte definiert, indem er ihrer Struktur eine politische Funktion zuweist.

„Das Kino, die Fotografie, das Video, die Installation und alle Performances des Körpers, der Stimme und der Töne tragen dazu bei, den Rahmen unserer Wahrnehmungen und die Dynamik unserer Affekte neu zu formen. Dadurch eröffnen sie mögliche Übergänge zu neuen Formen politischer Subjektivierung.….Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß, dass ihre politische Wirkung sich durch die ästhetische Distanz vollzieht.“15

Diese Rettung ist aber nur möglich durch seinen normativen Begriff von Politik. Eine Kunst, die neue Formen der polizeilichen Subjektivierung ermöglicht, wäre der Hohn auf sein Konzept. Letztlich ist also für Rancière politisches Theater nur möglich, wenn es sich dieser emanzipatorisch konzipierten Politik unterordnet. Und dies ist ein moralisches oder ethisches Konzept von Politik. Politik ist das Gute und Polizei das Böse und Kunst ist gut, wenn sie politisch ist.

Ein Beispiel für die Wirkung der Theorie Rancières ist das deutsche Künstlerinnenkollektiv: „Werkgruppe 2“ (Julia Roesler, Insa Rudolph, Silke Merzhäuser), das Theaterproduktionen und Filme herstellt. Sie beschreiben ihre Tätigkeit:

„In künstlerischen Projekten – vor allem in Theater- und Filmarbeiten – versucht Werkgruppe2, soziale Wirklichkeit aus der Perspektive von Menschen zu beschreiben, die zu gesellschaftlichen Minderheiten, Unsichtbaren, Ausgeklammerten zählen.“16

Das entspricht genau Rancières Forderung an Politik:

„Um einer Kategorie, zum Beispiel den Arbeitern oder den Frauen, die Eigenschaft politischer Subjekte abzusprechen, hat es herkömmlicherweise genügt festzustellen, dass sie einem ‚häuslichen‘ Raum angehören, einem vom öffentlichen Leben getrennten Raum, aus dem nur Wimmern oder Schreie als Äußerung von Leid, Hunger oder Zorn nach außen dringen können, nicht aber eine Rede, die eine gemeinsame aisthesis kundgibt. Die Politik dieser Kategorien hat immer darin bestanden, diese Räume neu zu bestimmen, darin den Ort einer Gemeinschaft, und sei es die des einfachen Streits, zu Gesicht zu bringen, sich als sprechende Wesen, die zu einer gemeinsamen aisthesis beitragen, zu Gesicht und zu Gehör zu bringen.“17

Politik ist für Rancière eben dieser Prozess, mit dem sich die Unrepräsentierten Gehör und Sichtbarkeit verschaffen. Als Motto für ihre Arbeit zitiert Werkgruppe2 auf ihrer Website Jacques Rancières Statement:

„Das Reale muss Fiktion werden, damit es gedacht werden kann.“18

Dem entspricht ihr Vorgehen, zunächst Interviews mit Angehörigen von Gruppen, die in der Öffentlichkeit wenig präsent sind, zu machen und diese Interview-Transkripte dann zu bearbeiten, zu verdichten und dramaturgisch anzuordnen und dann mit diesen Texten und professionellen Schauspielern eine Theaterinszenierung zu gestalten, sodass das Reale (die Aussagen der Interviewten) Fiktion (Theateraufführung) wird.

Dieses Verfahren stammt aus Großbritannien und wird dort „Verbatim Theatre“ genannt.19 Diese der politischen Ästhetik Rancières verpflichtete Arbeitsweise von Werkgruppe 2 fand ihren ironischen Höhepunkt in ihrer jüngsten Produktion: „Hier spricht die Polizei“. In dieser Produktion kommen Polizisten als in der Öffentlichkeit vernachlässigte Minderheitengruppe zu Wort. Sie wurde unter Mithilfe der Gewerkschaft der Polizei produziert und in Koproduktion der Ruhrfestspiele, zu deren Trägern der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gehört, mit dem Staatstheater Hannover, 2024 in Recklinghausen gezeigt. Hier wurde also das Exekutivorgan des Staates, die Polizei, als eine Gruppe der „Anteilslosen“20 im Theater repräsentiert.21 Der Rancièresche Gegensatz von Politik und Polizei wurde hier ironisch aufgehoben.22

Auch bei Rancière findet sich also kein deskriptiver Begriff von politischer Kunst und damit auch von politischem Theater.

  1. G.W.F. Hegel, Werke in zwanzig Bänden. Bd. 13 Vorlesungen über die Ästhetik I. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (=Theorie Werkausgabe), S. 103
  2. Oliver Marchart nennt die Auffassung, Kunst sei per se politisch, „die spontane Ideologie des Kunstfelds“. Oliver Marchart: Conflictual aesthetics. Buchvorstellung Wien.
  3. Necati Öziri , Römerberggespräche 2017
  4. Milo Rau, Rede auf der Tagung des Internationalen Theaterinstituts, Antwerpen 2024
  5. „Das Politik-Werden der Kunst wird also die ethische Konfusion, in der die Kunst und die Politik sich gegenseitig verschwinden lassen, im Namen ihrer Vereinigung.“ Jacques Rancière, Ist Kunst widerständig?. Berlin: Merve, 2008 S.34 (frz. „Si l’art résiste à quelque chose?“ Vortrag 2004)
  6. „La politique s’oppose spécifiquement à la police.“ Jacques Rancière, Onze thèses sur la politique. Thèse 8. , deutsch: „Politik stellt sich spezifischerweise der Polizei gegenüber.“ These 7, Zehn Thesen zur Politik. Berlin: diaphanes, 2008 S. 31. Rancière befindet sich damit in erstaunlicher Übereinstimmung mit Carl Schmitt, der 1963 im Vorwort zur Neuausgabe seiner Schrift „Der Begriff des Politischen“ schreibt, im klassischen europäischen Staat, der innere Frieden geschaffen habe und Feindschaft als Rechtsbegriff ausgeschlossen habe,  „gab es tatsächlich nur Polizei und nicht mehr Politik.“  Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, Berlin: Duncker und Humboldt, 9. Aufl. 2009, S.10
  7. „Das Wesentliche der Politik ist es, diese Anordnung {der Polizei} zu stören, indem es sie durch einen Anteil der Anteillosen supplementiert, der mit dem Ganzen selbst der Gemeinschaft identifiziert wird. Der politische Streit ist derjenige, der die Politik existieren lässt, indem er sie von der Polizei trennt, die sie beständig verschwinden lässt. … Politik ist zuerst eine Intervention in das Sichtbare und das Sagbare“ Rancière, Zehn Thesen, S. 32 „L’essence de la politique est de perturber cet arrangement en le supplémentant d’une part des sans-part identifiée au tout même de la communauté. Le litige politique est celui qui fait exister la politique en la séparant de la police qui constamment la fait disparaître…. La politique est d’abord une intervention sur le visible et l’énonçable.“ Rancière, Onze thèses
  8. Marchart über Rancière: „Politik ist Politik der Gleichheit, ergo emanzipatorisch – oder sie ist keine Politik.“ Oliver Marchart, Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin: Suhrkamp, 2010, S. 183. Marchart wählt das Beispiel einer „Bande anteilloser Nazis“, denen, wenn Exklusion per se ungerecht wäre, nach Rancière ein Anteil an der politischen Repräsentation zugestanden werden müsste, was aber Ranciéres Intention  widerspräche.{Marchart, S.250}. Das Beispiel erhält in Deutschland durch die Diskussion über ein Verbot der AfD enorme Aktualität. Vgl. auch Necati Öziris Rede zur Verleihung der Friedrich-Hölderlin-Förderpreises über „Die wehrhafte Demokratie…“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.7.2025 und Janis El-Biras Kommentar dazu.
  9. Rancière, Der emanzipierte Zuschauer. „Die Paradoxa der politischen Kunst“, S. 74 „Kunst und Politik hängen miteinander als Formen des Dissenses zusammen, als Operationen der Neugestaltung der gemeinsamen Erfahrung des Sinnlichen. Es gibt eine Ästhetik der Politik in dem Sinn, als Akte politischer Subjektivierungen das neu bestimmen, was sichtbar ist, was man sagen kann, und welche Subjekte dazu fähig sind. Es gibt eine Politik der Ästhetik, in dem Sinn, dass neue Formen der Zirkulation von Wörtern, der Ausstellung des Sichtbaren und der Erzeugung von Affekten neue Fähigkeiten bestimmen, die mit der alten Konfiguration des Möglichen brechen.“ S. 78
  10. „die Wirkung von Strukturierungsformen der sinnlichen Erfahrung … im Feld der Politik“ S. 78 frz.: „l’effet, dans le champ politique, des formes de structuration de l’expérience sensible“
  11. S. 78
  12. Es ist sicher ungerecht und höchstens in einer Fußnote zulässig, darauf hinzuweisen, dass sowohl Alain Badiou als auch Jacques Rancière in ihren Theorien versuchen, das Erbe ihrer politischen Vergangenheit in den Jahren um den Pariser Mai 1968 auch angesichts der Erfolglosigkeit ihrer politischen Aktionen zu bewahren. Badiou war einer der führenden Köpfe der dogmatisch-maoistischen UCF-ML, Ranciére im Umkreis der spontaneistisch-maoistischen „Gauche Prolétarienne“. Beide lehrten seit den 70er Jahren an der Universität Vincennes (Paris VIII). Rancière hat nicht wie Badiou die Treue zum Maoismus von 1968 zum Kriterium der Wahrheit erhoben, aber sein Verständnis von „Politik“ als emanzipatorischem Prozess im Gegensatz zur „Polizei“ als der Machtstruktur des Staates, ist ebenfalls die begrifflich differenzierte Ausarbeitung seiner Überzeugungen von 1968. „Wir leben nicht mehr in der Zeit, in der die Theatermacher ihrem Publikum die Wahrheit der Gesellschaftsbeziehungen und die Kampfmittel gegen die kapitalistische Herrschaft erklären wollten. Aber man verliert nicht unbedingt seine Vorannahmen mit seinen Illusionen und auch nicht den Apparat der Mittel mit dem Horizont der Zwecke.“  Rancière, „Der emanzipierte Zuschauer“ a.a.O. S. 22
  13.  S. 83
  14.  S. 82
  15. S. 99
  16. https://www.werkgruppe2.de/ueber-uns/
  17. Rancière, Zehn Thesen zur Politik. Berlin: diaphanes, 2008 S. 35
  18. „The real must be fictionalised before it can be thought.“ p.38. Jacques Rancière, The politics of aesthetics. The distribution of the sensible. (G. Rockhill transl.) Continuum, 2000/2006b
  19. Eine Einführung in Verfahrensweisen und in die Geschichte von Verbatim Theater gibt des Video des National Theatres London Introduction to verbatim theatre.
  20. Ranciere, Zehn Thesen, S.32
  21. Ähnlich, aber sehr viel spöttischer bearbeitet Nele Stuhlers „Soko Tatort“ am Schauspiel Köln die Repräsentation der in den Fernsehkrimis nur unzureichend repräsentierten Gruppe der Polizisten. Die Authentizität beschränkt sich dabei auch auf die Mitwirkung eines ehemaligen Polizeikommissars.
  22. Ebenfalls zur Tendenz des deutschen Theaters „Politik“ zu betreiben und nicht „Polizei“ zu spielen, indem es der Forderung Rancières nach Repräsentation der Unrepräsentierten nachkommt, gehört die Welle der Bühnenfassungen autofiktionaler Romane postmigrantischer türkisch-deutscher Autorinnen und Autoren:
    Fatma Aydemir, Ellbogen (Schauspielhaus Düsseldorf 2017); Yade Yasemin Önder, Wir wissen, wir könnten und fallen Synchron (Theater Bonn 2023); Fatma Aydemir, Dschinns (Maxim-Gorki-Theater 2023); Cihan Acar, Hawaii, (Theater Bremen 2024); Necati Öziri, Vatermal (Maxim-Gorki-Theater 2024), Sevgi Özdamar, Ein von Schatten begrenzter Raum (Schauspiel Köln 2024)

Versuch über politisches Theater – Teil 1

Es gibt zwei Arten, über politisches Theater nachzudenken, zwei Satzanfänge: I. „Theater ist politisch, weil …“ oder II. „Theater ist politisch, wenn …“.

I. „Theater ist politisch, weil …“

Dann müssten allgemeine Bedingungen skizziert werden, die das Theater in allen möglichen Varianten insgesamt erfüllt und die Qualifizierung als politisch rechtfertigen.

II. „Theater ist politisch, wenn …“

a) deskriptiv

Diese Satzstruktur scheint nur eine Beschreibung einer Gattung des Theaters einzuleiten, eine rein analytische Aussage, die Bedingungen nennt, unter denen man eine Art von Theater als politisches bezeichnen kann. Dann gäbe es also Theater, das nicht politisch ist und man müsste die Differenz zwischen poltischem und nicht-politischem Theater benennen.

b) normativ

Häufig aber scheint dieses „wenn …“ aber auf ein Werturteil zuzusteuern. Die Bedingung ist eigentlich ein Wunsch oder eine Forderung. Theater soll politisch sein. Charakteristisch für die Diskussion in der Theaterkritik und Theaterwissenschaft ist, dass dieses Sollen nicht explizit formuliert, sondern nur insinuiert wird.
Wie begründet sich dieses Sollen?

aa) Hegelianisch gedacht: Aus dem Begriff oder der Grundstruktur des Theaters folgt, dass es politisch ist, und nur wenn es diesen Begriff erfüllt, ist es Theater im vollen Sinn. Wenn nicht, ist es irgendwie minderwertig? Man müsste also wie bei I. den Begriff oder die Grundstruktur des Theaters genauer bestimmen. Und erklären, wie aus diesem „Sein“ des Theaters ein „Sollen“ hervorgeht.

bb) Oder ist die Forderung nach einem politischen Theater einfach eine moralische Forderung wie jede andere? Theater soll politisch sein, weil es dann die Interessen einer möglichst großen Zahl von Menschen fördert? Es wäre mehr als nur die Forderung, dass das Theater den Anforderungen der Politik entspricht („politisch korrekt“), sondern, dass es einen moralisch wertvollen Beitrag zur Politik leistet. Das Theater wäre so also nicht autonom, sondern wäre der Politik untergeordnet und diese wiederum der Moral.

I.+II. Die Politik oder das Politische

Für beide Untersuchungen stellt sich die Frage, ob die Qualität „politisch“ sich auf die Politik oder auf das Politische bezieht. Denn in der Philosophie der Politik und auch in der theatertheoretischen Diskussion hat sich die Unterscheidung zwischen „der Politik“ (la politique) und „dem Politischen“ (le politique) durchgesetzt. Bezieht sich also politisches Theater auf den Bereich der Politik oder des Politischen oder auf beides? Wie ist also die Beziehung zwischen dem Nomen „Politik“, dem attributiven Adjektiv „politisch“ und dem substantivierten Nomen „das Politische“ im Falle des Theaters?

Erika Fischer-Lichte hat in ihrem Lexikonartikel „Politisches Theater“1 vier Begriffsverständnisse unterschieden:

1. Strukturelle Polizität von Theater, 2. Anthropologische Wirkungsansprüche von Theater als politische, 3. Thematische Polizität von Theater, 4. Neue Politiken des Ästhetischen.

Die Begriffsverständisse 1 und 2 sind von von der Art „Theater ist politisch, weil ..“ (I.) und zielen auf das Theater insgesamt, auf seine Struktur (1) oder seine Wirkung (2). 3. ist eine Bestimmung eines bestimmten Typus’ von Theater, also II a), häufig aber auch II b) bb). Am interessantes aber ist Fischer-Lichtes Begriff Nr. 4, weil er in den letzten Jahren die theaterwissenschaftliche Diskussion beschäftigt hat.

Im Folgenden sollen also die Fragen, die sich aus I, II a) und b) ergeben sowie Fischer-Lichtes Nr. 4 untersucht werden, jeweils mit Bezug auf die philosophische oder theaterwissenschaftliche Literatur und gelegentlichen Bezügen zur aktuellen Theaterpraxis.

I. „Theater ist politisch, weil …“

1. Alain Badiou  – Oliver Marchart

Bei Alain Badiou, dem französischen Philosophen, der sich bis heute immer politisch engagiert hat und zugleich auch als Autor im Theater präsent war, müsste man eine Antwort finden. 2

Für Badiou besteht zwischen Theater und Politik („la politique“) eine „formale Analogie“ 3 Er nennt dieses Ähnlichkeitsverhältnis auch „Isomorphie Theater/Politik“. Sie beruht nicht auf thematischen Bezügen, sondern auf der Struktur. Er sieht aber auch eine Distanz zwischen Politik und Theater, die er „figurativ“ nennt 4. Um die Analogiebeziehung von Theater und Politik zu zeigen, zählt er die Elemente der beiden Bereiche auf:

„Also: Ort, Text, Regisseur, Schauspieler, Bühnenbild, Kostüme, Publikum sind die Elemente des Theaters, die man a priori ableiten kann. Und Organisationen, textliche Referenten, Denker, Eigennamen, Staat, unterschiedliche Standpunkte und ereignishafte Massen sind die zwingenden Zutaten einer politische Situation.“ 5

Für Badiou ist Politik nichts Permanentes, „Politik findet statt.“ und ebenso das Theater: „Die Vorstellung findet statt.“ 6. Die vollkommene Prekarität in der Zeit hat das Theater mit der Politik („la politique“) für Badiou gemeinsam. Für Badiou ist das „gehaltvolle“ Theater im Unterschied zum Kino und zum Boulevard-‚Theater‘ eine Angelegenheit des Staates und beansprucht deshalb Subventionen.7

„Von allen Künsten ist das Theater diejenige, die am beharrlichsten an die Politik angelehnt ist (oder sie voraussetzt).“ 8

Für Badiou bringen Ereignisse Wahrheiten hervor, sowohl in der Kunst (und damit im Theater) als auch der Politik. Wahrheit ist für Badiou der Prozess der Treue zu einem Ereignis.9

Diese Konzeption von Politik 10 kann man kritisieren, weil sie das antagonistische Element von Politik nicht beachtet11. Aber auch unabhängig von seiner politischen Theorie kann man festhalten, dass selbst Badiou keine Identität von Politik und Theater behauptet. Für Badiou wäre also der Satz „Theater ist politisch, weil …“ so nicht fortsetzbar. Er müsste heißen: „Theater ist ähnlich wie Politik, weil …“.

Badiou trifft mit seiner Bestimmung des Verhältnisses von Theater und Politik als ein Verhältnis von Nähe ohne Identität einen Punkt, den auch andere Theorien des politischen Theaters beachten.

Oliver Marchart zum Beispiel konstatiert ebenfalls

„eine gewisse Ähnlichkeit theatralen und politischen Handelns“, “ eine prinzipielle Vergleichbarkeit der Bretter, die die Welt bedeuten, mit dem öffentlichen Raum der Politik“.12

Marchart untersucht zwei der Paradebeispiele für politisches Theater, die Besetzung des Theatre Odéon in Paris 1968 und das Re-enactment der russischen Oktoberrevolution 1920 in St. Petersburg durch den Regisseur Nikolai Evrejnoff. Marchart zeigt an diesen Beispielen aber die prinzipielle Undarstellbarkeit  des Antagonismus, der das Wesen von Politik ist. Für ihn gibt es deshalb nur eine ungefähre Annäherung, eine „passage à l’acte“ an den Antagonismus. Das dem Antagonismus der Politik am ehesten entsprechende Genre des Theaters  ist für ihn das Melodram (wobei er die französischen  und britischen Bühnenmelodramen  des 18. und frühen 19. Jahrhunderts meint, nicht das musikalische Genre). Weil er aber dem Theater der Gegenwart schwerlich das Melodrama als zukunftweisendes Muster für politisches Theater anempfehlen kann, überlässt er die Schlussfolgerung für das künftige Theater der englischen Theaterwissenschaftlerin Janelle Reinert:

„ein radikal-demokratisches Theater … würde  einen Theaterraum, eine Theateröffentlichkeit aus „Bürger-Zuschauern“ („citizen-spectators“) implizieren, die „zu Inszenierungen des sozialen Imaginären zusammenkommen, um die Affirmation, Anfechtung und Durcharbeitung unterschiedlichster Materialien und diskursiver Praktiken, die der Konstitution einer demokratischen Gesellschaft angemessen sind, zu erfahren.“13

Für Marchart scheint politisches Theater möglich zu sein, ohne dass für ihn alles Theater politisch ist oder das Theater Teil des Politischen oder der Politik ist. Nur eine Annäherung an die Politik ist möglich.

Eine stichhaltige Begründung, warum alles Theater per se politisch sei, lässt sich also nicht finden.  Der Satz „Theater ist politisch, weil …“ bleibt unvollendet.

2. Jens Roselt

Eine völlig andere philosophisch fundierte Bestimmung der Struktur des Theaters findet sich in Jens Roselts Habilitationsschrift „Phänomenologie des Theaters“ 14. Sie kommt völlig ohne den Verweis auf Politik aus. Sehr wohl aber untersucht Roselt die besondere Struktur der Gemeinschaft, die eine Theatervorstellung herstellt. Er analysiert die Theatersituation zwischen Performer (Schauspieler:in) und Publikum (Zuschauer:in) als ein Wir, ohne irgendeinen Verweis auf Politik.

Er parallelisiert nicht wie Badiou Publikum (Theater) und „ereignishafte Massen“ (Politik), sondern bestimmt eng orientiert an den Erscheinungsformen des aktuellen Theaters die Besonderheit des Theaters. Ein Publikum konstituiert sich im „Wechselspiel von Serialität und Dissidenz“.15 Serialität ist die gegenseitige Abhängigkeit eines Kollektivs, die aber rein äußerlich ist, ohne individuelle wechselseitige Beeinflussung. Ein Theaterpublikum ist aber andererseits nicht völlig determiniert durch diese Serialität, jeder kann sich seine individuelle Freiheit jederzeit zurückholen (durch Zwischenruf, Buhrufen, Saalverlassen etc.). Man handelt als Publikum „in individueller Differenz gemeinsam“.16

In Anlehnung an den Phänomenologen Aron Gurwitsch unterscheidet Roselt drei Dimensionen von Wir-Erlebnissen: Partnerschaft, Gemeinschaft und Bund. Alle drei können die Situation einer Theateraufführung kennzeichnen:17 die Begegnung in einer Rolle (Partnerschaft), die Erfahrung der Zugehörigkeit (Gemeinschaft), emotionale Verschmelzung (Bund). Als Beispiel für diese altertümlich anmutende Begrifflichkeit aus den 30er Jahren führt Roselt aber die Produktion „Paradise Now“ des Living Theatres an (die im Januar 1970 in der Berliner Akademie der Künste zu sehen war).18 So kann Roselt die Wirkung des Avantgarde-Theaters der 60er Jahre „als neue Form sozialer Erfahrung“19 analysieren, ohne diese für „politisch“ zu erklären, obwohl das Living Theatre sich ausdrücklich als politisches Theater in der radikalisierten Nachfolge von Erwin Piscator verstand20. Roselt zeigt also durch genaue Analyse, dass neue experimentelle Theaterformen, die die traditionelle „Schau- und Höranordnung“ des Theaters überwinden und eine „Exploration des situativen Aspekts“21 des Theaters verfolgen, zwar neue Formen sozialer Erfahrung für das Publikum ermöglichen, diese aber nicht mit einer politischen Erfahrung gleichgesetzt werden müssen.

Oder mit den Worten Oliver Marcharts:

„Nicht jede soziale Praxis ist eine politische Praxis.“22

II „Theater ist politisch, wenn …“

a) deskriptiv

1.  Erwin Piscator

Erwin Piscator hat den Begriff des „politischen Theaters“ in den 1920er Jahren geprägt. Er meinte damit sein Theater, das Piscator-Theater. Der Begriff ist also aus der Perspektive der Theatermacher entstanden, nicht als analytischer Begriff der Theaterbeobachtung. Weil Piscator mit „politischem Theater“ sein eigenes Theater meint, das er als Regisseur und Theaterleiter gestaltet, ist für ihn „politisch“ auch kein deskriptiver Begriff. Für ihn ist deshalb das politische Theater notwendigerweise ein „proletarisch-politisches Theater.“23 Die Notwendigkeit dieses Theaters begründet sich für ihn aus der Gegenwart, in der er in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts sein Theater entwickelte.

„Eine Zeit, in der die Beziehungen der Allgemeinheit untereinander, die Umordnung aller Verhältnisse auf der Tagesordnung stehen, kann auch den Menschen nur sehen in seiner Stellung zur Gesellschaft, als politisches Wesen.“24

Zustände, die jede Lebensäußerung zu einer politischen machen, erfordern auch ein politisches Theater. .

Unpolitisches Theater gibt es für Piscator auch, aber nur wenn eine herrschende Klasse das Theater aus den Machtkämpfen einer Gesellschaft heraushalten will. Für Piscator hieße der Satz also: „Theater ist politisch, wenn es nötig ist.“

2. Siegfried Melchinger

Diese Auffassung, dass das politische Theater eine spezielle Unterart von Theater ist, neben Unterhaltungstheater, Boulevardtheater, Kindertheater usw., wird heute nur noch selten vertreten. Ein prominentes Beispiel für diese Sichtweise in den 60er und 70er Jahren, als der Begriff des „Politischen Theaters“ wieder in die Diskussion kam, ist Siegfried Melchingers umfangreiche „Geschichte des politischen Theaters“25.

Für die heutige Diskussion ist Melchingers theaterhistorische Darstellung wenig brauchbar, weil sie sich, trotz der Kenntnis von Living Theatre und Bread and Puppet Theatre, nur auf Theatertexte, auf Stücke bezieht, und auch nur auf solche, die 1970 noch gespielt wurden. Für ihn ist das Theater ist immer Objekt von Politik. Aber Politik ist auch ein Thema von Theater(stücken).

„Politik ist ein wichtiges und zu Zeiten vordringliches Thema des Theaters. Doch ist sie niemals das einzige gewesen, und das wird und kann sie so wenig sein wie im Leben.“26.

Für Melchinger ist nicht alles Theater politisch, aber seine Bestimmung des Unterschieds zwischen politischem und unpolitischem Theater bleibt ungenau:

„Das politische Theater stellt Situationen, Vorgänge her, die für viele, die meisten, vielleicht für alle wichtig sind. Es zeigt mögliche Verhaltensweisen in diesen Situationen; es zeigt sie kritisch und appelliert an Kritik. An die Kritik der Zuschauer. Erst wenn es dem politischen Theater gelingt, die Zuschauer in die Situationen, Vorgänge einzubeziehen, stellt es die Öffentlichkeit her, die sein markantestes Merkmal ist.“ 27.

Das Kriterium der Öffentlichkeit gilt ja für alle Arten (gegenwärtigen) Theaters, sofern sie nicht Privatveranstaltungen sind. Daraus ergibt sich auch, dass das Theater versucht, „für alle“ wichtig zu sein – was ihm aber niemals gelingen kann. Das Gegenbild des unpolitischen Theaters wird nur abwertend mit den gängigen Begriffen wie „Rührung“, „sonderbare Identifikation“, „schöne oder erhebende Illusion“ gekennzeichnet28.

Melchingers zunächst deskriptiver Begriff des politischen Theaters, zeigt sich im Verlaufe seiner Darstellung als normativer. Nicht nur soll politisches Theater kritisch sein, es soll nicht den „Absichten herrschender Systeme“ dienen 29, sondern es soll immer politisches Theater geben. Trotz der Wirkungslosigkeit des politischen Theaters, die Melchinger am Ende seines Durchgangs konstatiert, fordert er:

„Nun, da nichts erreicht worden ist, stellt sich die Aufgabe auch fürderhin: durch politisches Theater einzugreifen in den Übermut der Politiker.“ 30

Melchingers „Geschichte“ ist geschrieben aus der Perspektive eines Theaterkritikers, und der kann Wertungen nun mal nicht unterlassen.

Vorläufiges Fazit:

Einen wirklich deskriptiven Begriff des „politischen Theaters“ scheint es nicht zu geben. Aber warum?

Fortsetzung folgt.

  1. Erika Fischer-Lichte, {Lemma} „Politisches Theater“ in: Erika Fischer-Lichte e.a. (Hg.), Metzler Lexikon Theatertheorie. Stuttgart/Weimar: Metzler 2. Aufl. 2014, S. 260-262
  2. Badiou war von 1969-1985 führendes Mitglied der ‚Union des communistes de France marxiste-léniniste‘ UCF-ML. 1974 war er der führende Kopf der Gruppe „Foudre“ (Blitzschlag), die Filmvorführungen sprengte, indem sie Farbbeutel auf die Leinwand warf, und die auch Ariane Mnouchines Vorstellungen störte, weil sie ihre Arbeit mit Immigranten für falsch hielt. Er ist Autor einer Tetralogie von Theaterstücken „Le Cycle Ahmed“, sein Dialog „La Républic de Platon“ wurde 2015 beim Festival in Avignon aufgeführt. Ausführliche Hinweise auf Badious Theaterstücke und ihre Rezeption finden sich in Anmerkung 6. von Bruno Bosteels Vorwort zur englischen Ausgabe von Rhapsodie pour le théâtre {Alain Badiou, Rhapsody for the theatre. Edited and introduced by Bruno Bosteels. London: Verso, 2013 p.X-Xi}. In diesem Band findet sich auch eine englische Version eines Textes Badious über seine „Ahmed“-Tetralogie {ibid. p.139-159}. Die französische Originalfassung dieses Textes einschließlich des Stücktextes von „Ahmed le subtil“ anlässlich der Aufführung in Reims und Avignon 1994 findet sich bei numilog.com. 
  3. Alain Badiou, Rhapsodie für das Theater. Kurze philosophische Abhandlung. Wien: Passagen Verlag, 2015. S.49
  4. „Isomorphie {des Theaters} mit der Politik (bei Beachtung der figurativen Distanz).“ ibid. S.36
  5. ibid. S.33
  6. ibid S.34
  7. ibid. S. 38, 43
  8. ibid, S. 49
  9. Oliver Marchart, Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Suhrkamp, 4. Aufl. 2019, S. 169
  10. Im Internet zugänglich ist eine englische Version seines Essays über Gerechtigkeit „Philosophy and Politics“ von 1999.
  11. Marchart, S. 177: „Badiou wird zu seinen ethizistischen Engführungen verleitet, weil er Politik nicht als Immanenzraum ineinander verknoteter Kräfte verstehen will {…}, sondern in seiner Zwei-Welten-Lehre eine strikte Trennung zwischen dem Staat und einer Politik der Wahrheit aufrechterhalten will.“
  12. Oliver Machart, „Auf der Bühne des Politischen. Die Straße, das Theater und die politische Ästhetik des Erhabenen“ {2004} https://transversal.at/transversal/0605/marchart/de
  13. Janelle Reinelt, „Notes for a Radical Democratic Theater: Productive Crises and the Challenge of Indeterminacy“, in: Jeanne Colleran und Jenny S. Spencer (Hg.): Staging Resistance. Essays on Political Theater, Ann Arbor: The University of Michigan Press 1998, S. 286. orig.: „In casting my comments within the discourse of what might be called ‚democratic civics‘, I am attempting to theorize a theatrical space patronized by a consensual community of citizen-spectators who come together at stagings of the social imaginary in order to consider and experience affirmation, contestation and reworking of various material and discursive practices pertinent to the constitution of a democratic society.“ zit. deutsch bei Marchart 2004
  14. Jens Roselt, Phänomenologie des Theaters. München: Wilhelm Fink, 2008
  15. Roselt S. 333
  16. Roselt S. 330-333 und: „Es hat sich erwiesen, dass Wir-Erlebnisse eine entscheidende Dimension von Theatererfahrungen sind. Das Publikum gilt dabei nicht als Voraussetzung der Aufführung, sondern geht als solches aus ihr hervor, d.h. es entsteht und vergeht in ihrem Verlauf. Dieses ‚Wir‘ ist ein temporäres und fragile Gebilde, das in markanten Momenten zu emergieren vermag.“ S. 360
  17. Roselt S.345
  18. In meiner Erinnerung ein chaotisches Durcheinander auf der Bühne, die das Publikum, das auf den beiden Längsseiten der Spielfläche in zwei Blöcken saß, wenig berührte.
  19. Roselt S. 355
  20. Judith Melina: „Ohne Frage war das Living Theatre immer ein politisches Theater. Das ist auch immer Piscators Ansicht gewesen.“ Erika Billetter, The Living Theatre. Paradise Now. Ein Bericht in Wort und Bild. Bern: Rütten + Loening, 1968, S.15f
  21. Hans-Thies Lehmann, „Wie politisch ist postdramatisches Theater?“, In: H-Th.L., Das Politische Schreiben. Essays zu Theatertexten. Berlin: Theater der Zeit, 2002 {= Recherchen 12; zuerst in: Theater der Zeit, Oktober 2001}, S.35
  22. Oliver Marchart, Buchvorstellung Conflictual Aesthetics. Universität für Angewandte Kunst Wien.
  23. Erwin Piscator, Theater der Auseinandersetzung. Ausgewählte Schriften und Reden. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977, S. 17. Diese Formulierung findet sich einem Artikel, den Piscator in der „Roten Fahne“, der Parteizeitung der KPD, am 1.1.1928 veröffentlichte.
  24. Piscator S.26
  25. Siegfried Melchinger, Geschichte des politischen Theaters. Velber: Friedrich Verlag, 1971. Entstanden aus einer Vorlesungsreihe an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart 1970/71
  26. ibid. S.9. Aus heutiger Sicht amüsant ist Melchingers Zusatz: „Zwar hat der Abbau der Zwänge und Tabus, den wir auf diesem Gebiet{Sex} erleben, ohne Zweifel auch eine politische Relevanz. Aber niemand wird so albern sein, die Tatsache selbst, die Teilung des Menschengeschlechts in zwei Geschlechter, die sich zueinander verhalten und miteinander paaren, als solche in die Zuständigkeit des Politikers zu verweisen.“
  27. ibid. S. 17
  28. ibid. S. 17
  29. ibid. S.18
  30. ibid. S.418

Analyse und Werturteil in Musik- und Theaterkritik

Wozu dienen Argumente?

Wolfgang Behrens, Schauspieldirektor des Staatsschauspiels Wiesbaden und ehemaliger Nachtkritik-Redakteur, hat in einer seiner immer anekdotisch eingekleideten, aber scharf durchdachten Kolumnen die Funktion von Argumenten in Theaterkritiken thematisiert 1. Dabei hatte er zwei Gewährsleute: den Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus und den Autor Rainald Goetz. Dahlhaus beharrt drauf, dass Argumente zwar das psychologisch das Sekundäre sind, also erst nachträglich aus einer emotionalen Vorentscheidung entwickelt werden, aber für die Geltung eines Urteils dennoch das Primäre sind. 2 Behrens schließt sich aber der Auffassung von Rainald Goetz an:

„Die Funktion von Argumenten ist nicht, … andere von etwas zu überzeugen. Realerweise dienen Argumente dazu, sich selbst Klarheit über die Vernunft der eigenen Intuitionen zu verschaffen.“3

Wenn ästhetische Argumente nur dazu dienen, sich der Rationalität der eigenen Meinung zu versichern, wozu braucht man dann Rationalität? Nur zur Selbstbeweihräucherung? Als Distinktionsgewinn, als Schmuck? Als Selektionsvorteil im Überlebenskampf der medialen Öffentlichkeit? Dann verliert Rationalität ihren eigentlichen Sinn: das Zusammenstimmen des Denkens zur Lösung gemeinsamer Probleme,. Die Rationalitätskritik seit Nietzsche und Foucault hat ja immer schon hämisch auf den biologischen Kern von Rationalität verwiesen. Angesichts der Weltlage ist aber doch jedes Fünkchen Rationalität wertvoll, will man sich nicht auf die kriegerischen Selbstbehauptungskämpfe der Ethnien, Reiche oder Zivilisationen beschränken.

Carl Dahlhaus’ Essay von 1970 bezieht sich auf die Musik und die Wertungen in der Musikwissenschaft, liefert aber auch heute noch anregende Überlegungen, die sich auf das Theater und seine kritische Bewertung beziehen lassen.

Analyse als Grundlage für Urteil

Die Notwendigkeit von Analyse als Grundlage eines ästhetischen Urteils ergibt sich aus der Abwesenheit von Normen, nach denen ein Urteil sich richten könnte. Dies ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als die Literaten des Sturm und Drang sich gegen die Regelpoetik wandten und den Geniebegriff etablierten, die Voraussetzung jeder Kunstkritik. Die Maßstäbe für die Beurteilung eines Kunstwerks sind aus dem Kunstwerk selbst zu entnehmen 4. Deshalb: kein Werturteil ohne Analyse des einzelnen Kunstwerks. Und aus der Analyse ergibt sich die Argumentation, die das Urteil begründet.

„Das ästhetische Urteil ist also von einem Sachurteil abhängig, das seinerseits eine ästhetische Entscheidung – über die Triftigkeit oder Untriftigkeit der Voraussetzungen, von denen die Analysen getragen werden – einschließt.“5

(Auch wenn sie nur die „Rationalisierung“ eines spontanen Gefühlseindrucks wäre.) Das muss also auch für die Theaterkritik gelten.

Kant und das ästhetische Urteil

Dahlhaus hat Unrecht, wenn ihm zu Kants Analyse des Geschmacksurteils nur einfällt, dass es interesselos sein solle. Geschmacksurteil und Kunsturteil gegenüberzustellen, trifft nicht Kants Position. Kant unterscheidet sehr wohl zwischen dem Urteil über das Angenehme, das rein subjektiv  und an seinem Gegenstand interessiert ist, und dem Urteil über das Schöne, das zwar subjektiv ist, ohne eine praktisches oder moralisches Interesse an seinem Gegenstand zu haben, aber den Anspruch enthält, dass die allgemeine Menschheit ihm zustimme 6. Kants Formulierung ist, dass das ästhetische Urteil Zustimmung „ansinne“ 7. Und dieses Ansinnen ist eine Tätigkeit, ein Sich-gedanklich-auf-ein-Gegenüber-Richten, ist die Argumentation, die ein ästhetisches Urteil stützt.

„Man wirbt um jedes anderen Beistimmung, weil man dazu einen Grund hat, der allgemein ist.“ 8

Eine Interesse an der Zustimmung anderer zu einem von dem Kunstkritiker gefällten ästhetischen Urteil gibt es also, deshalb die Argumentation für die Bewertung. Eine moralische Bewertung von Kunstwerken ist natürlich auch möglich und auch nötig, weil der Geltungsanspruch der Moral universal ist.9 Aber dann ist das Urteil nach Kant kein reines Geschmacksurteil (ästhetisches Urteil)10.  Dahlhaus selbst versucht Kriterien für die inner-ästhetische Beurteilung von Kunstwerken zu finden. Und das macht sein fast vergessenes Traktat heute interessant, wo die moralische Bewertung von Kunst ihre ästhetische Bewertung zu überwuchern droht.

Dahlhaus, Behrens und Goetz haben Recht, dass kein ästhetisches Urteil nur auf rationaler Argumentation basieren kann 11. Die subjektive Affektation ist der Ausgangspunkt für jede ästhetische Argumentation. Aber diese Argumentation „sinnt“ Zustimmung an und diese Zustimmung ist möglich.
Es gibt ästhetische Argumente, die subjektive Urteile verändern können. 12 Nur, worin bestehen sie?

Dahlhaus bietet für die Musik einige Kriterien an, die für ein ästhetisches Urteil relevant sein können. Gut hegelianisch findet er heraus, dass jedes Kriterium sich, wenn man nur genau hinschaut, in sein Gegenteil auflöst.

Neuheit als Kriterium

Neuheit ist so ein Kriterium, das auch im Theater eine entscheidende Rolle spielt. Es spaltet sich auf in drei Bereiche:

1. Bruch mit der Überlieferung. Aber nicht jeder willkürliche Bruch mit dem Bisherigen ist künstlerisch wertvoll.

2. Aktualität. Das Neue muss in irgendeiner Weise den Nerv der Zeit treffen. Dahlhaus verwendet dafür den adornistischen Begriff „das, was geschichtsphilosophisch an der Zeit ist“.

3. Die Wirkung des Neuen muss potentiell über die Gegenwart hinaus wirken.

Wenn man die großen stilbildenden Regisseure des deutschen Theaters (nach dem Übervater Brecht) bedenkt, Sellner, Kortner, Zadek, Castorf, Schleef, dann erfüllen sie alle drei Aspekte von Neuheit. Das Kriterium der Zukunftsfähigkeit des Neuen rechtfertigt aber kein Epigonentum (wie es sich bei Castorf oder Schleef beobachten ließ) und fordert auch keine ständigen neuen Traditionsbrüche. Ein ästhetisches neues Kunstwerk im vollen Sinne, ermöglicht eine Weiterführung des einmal gewonnenen ästhetischen Ansatzes so, dass weiterhin das Kriterium der Aktualität, die Reizung des sich immer weiter verändernden Nervs der Zeit, erfüllt wird. Wie in der Wissenschaft (nach Kuhn) ein neues Paradigma normale Forschung ermöglicht, die weitere neue Erkenntnisse erbringt. Dahlhaus’ Satz „Niemand vermag der Omnipräsenz der musikalischen Vergangenheit zu entkommen.“ 13 lässt sich für das Theater in seinen Gegensatz verkehren: „Niemand vermag der Omnipräsenz des aktuellen Zeitgeists im Theater zu entkommen.“

Beziehungsreichtum und Eigenkomplexität

Beziehungsreichung nennt Dahlhaus ein weiteres Kriterium für ästhetische Urteile. Gemeint ist der Reichtum an internen Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen eines Kunstwerks. Für die Musik sind das Tonfolge, Rhythmik, Harmonik, Form usw. Auf das Theater übertragen wären das Sprache, Bewegung, Bühnenbild, Musik, Kostüme, Requisiten usw.

Diese Bestimmung von „Beziehungsreichtum“ ist eng verwandt mit dem, was Andreas Reckwitz „Eigenkomplexität“ nennt. Komplexität definiert er ähnlich wie Dahlhaus:

„Es gibt eine Reihe von Elementen oder Knotenpunkten, zwischen denen Relationen, Verknüpfungen und Wechselwirkungen existieren. Wenn ein solcher Verflechtungszusammenhang gegeben ist, spricht man von Komplexität, deren Beschaffenheit als Dichte bezeichnet werden kann.“ 14

Dies ist für Reckwitz das Kriterium für eine „Singularität“.  Seine soziologische Analyse ist, dass dieser Begriff der Singularität sich, ausgehend von der Kunst, über alle Produkte der Gesellschaft ausgeweitet hat. Reckwitz verweist dabei auf Nelson Goodman, für den „syntaktische Dichte, semantische Dichte und syntaktische Völle“ 15 Symptome des  Ästhetischen, d.h. der Kunst, sind. Reckwitz weitet den Geltungsbereich dieser Kriterien auf alle Singularitäten aus. Für Goodman wie für Reckwitz sind dies aber nicht wertende Kriterien, sondern nur Beschreibungskategorien. Der Status der „Singularität“ ist jedoch für Reckwitz die Bedingung für „Valorisierungprozesse“, also für wertende Urteile in der Gesellschaft. 16. Für Goodman sind Kunstwerke „keine Rennpferde, und den Gewinner herauszufinden, ist nicht das Wichtigste.“ 17 Dahlhaus dagegen ist in einem solchen „Valorisierungsprozess“ damit beschäftigt, herauszufinden, was die Eigenschaften eines guten Rennpferdes sind. Und so geht es auch der Theaterkritik.

Analogie und Ausgleich

Der Reichtum an Beziehungen zwischen diesen verschiedenen Elementen ist dann ästhetisch relevant, d.h. ein Gütekriterium, wenn die Teilelemente auch „charakteristisch verschieden“ sind. „Differenzierung und Integration“ scheint das Postulat zusein, Unterscheidung im Charakter einzelner Elemente und deren Integration zu einem Ganzen. Das ist eigentlich der biologische Begriff eines Organismus. Dahlhaus zeigt aber auch hier, dass dieses Kriterium bei genauerer Analyse sich auflöst und als historisch variabel erweist. Die Integration der Elemente kann entweder als Analogieprinzip erfolgen – alle Dimensionen des Kunstwerks werden gleich vielfältig verknüpft – oder nach dem Ausgleichsprinzip, wenn eine Dimension des Kunstwerks besonders reich mit Beziehungen verknüpft ist, andere aber um der Verständlichkeit willen weniger entwickelt sind. Beide Möglichkeiten sind im ästhetischen Urteil zu berücksichtigen.

Um Beispiele aus dem Theater anzuführen: Jürgen Kruses Arbeiten am Schauspielhaus Bochum waren ein Beispiel für das Analogieprinzip: möglichst großer Beziehungsreichtum zwischen allen Elementen der Inszenierung, das Prinzip der Überfülle bis zur Unverständlichkeit. Frank-Patrick Steckels Inszenierungen dagegen praktizierten das Ausgleichsprinzip: möglichst großer Beziehungssreichtum auf zwei Ebenen, Text und Bild, Reduktion auf einer anderen Ebene, Bewegung. Inszenierungen von Johan Simons huldigen auch eher dem Ausgleichsprinzip als dem Analogieprinzip. Die Bühnenbilder von Johannes Schütz dienen dabei  als abstrakter, aber beziehungsreicher Hintergrund für die schauspielerische Aktion. Ein Element wird in seiner Komplexität reduziert (was seine Bedeutung nicht schmälert), um die Komplexität einer anderen Ebene hervorzuheben. Olaf Altmanns Bühnenbilder zu Inszenierungen von Stefan Bachmann fügen der abstrakten symbolischen Referenz zu den andere Ebenen der Inszenierung noch die Funktion eines produktiven Hindernisses für die Schauspieler hinzu.

Rang und Erfolg

Dahlhaus plädiert dabei für das Analogieprinzip als Qualitätskriterium:

„Das Zusammenstimmen von sowohl reich differenzierten als auch analog entwickelten Momenten … {ist} eines der Kriterien, von denen ein Versuch, ästhetische Urteile durch Sachurteile zu fundieren und zu rechtfertigen, ausgehen kann.“18

Für ihn ist das Analogieprinzip ein Kriterium für den künstlerischen Rang eines musikalischen Werkes, das Ausgleichsprinzip nur eines für den Erfolg. Den mangelnden Erfolg komplexer musikalischer Werke, die vielleicht nur durch analysierende Lektüre des Notentextes verständlich werden, beschwichtigt er mit dem Hinweis

„Musik kann, im Unterschied zu sprachlichen Gebilden, wirksam sein, ohne verstanden zu werden.“ 19.

Diese Unterscheidung von Rang und Erfolg ist auf das Theater nur schwer übertragbar, wenn es nicht in wie die Neue Musik esoterische Isolation geraten will. Daher vielleicht der Vorrang des Ausgleichsprinzips in den gegenwärtig erfolgreichen Inszenierungen. Zumindest wenn ein Teilelement des Schauspieltheaters ein „sprachliches Gebilde“ ist, gilt für das Theater, dass es nicht wirksam sein kann, ohne verstanden zu werden.

Aber Theater, das wirksam ist, ohne verstanden zu werden, gibt es auch. Und seine Bedeutung nimmt zu. So nähert sich das Theater der Musik.

 

  1. https://www.nachtkritik.de/kolumnen-wolfgang-behrens/kolumne-als-ich-noch-ein-kritiker-war-ueber-die-funktion-von-argumenten
  2. Carl Dahlhaus, „Analyse und Werturteil“, in: Musikpädagogik. Forschung und Lehre. Bd. 8 Mainz: B. Schott’s Söhne, 1970, S.11
  3. Rainald Goetz, Rave. Erzählung. Berlin: Suhrkamp, 2001, S. 217
  4. „Der paradoxe Begriff der individuellen Norm – das Postulat, dass ein Werk an nichts anderem als an seinem eigenen, impliziten Maß zu messen sei.“ Dahlhaus S.43
  5.  Dahlhaus S. 47
  6. Kritik der Urteilskraft. Analytik des Schönen. Werkausgabe Bd. X, §§ 4-7 „subjektive Allgemeinheit“, S.125, B 18
  7. „Das Geschmacksurteil postuliert nicht jedermanns Einstimmung …; es sinnet nur jedermann diese Einstimmung an.“ idid. §8, S.130, B 26.
  8. Kant idid. §19 S. 156 B 64
  9. Kant hält die Kunst ja für das Symbol des Sittlichen: „Das Schöne ist das Symbol des Sittlichen“, deshalb ist für ihn der Übergang vom Sinnenreiz zum moralischen Interesse leicht möglich, aber dennoch hat das ästhetische Urteil selbst kein Interesse an der Existenz des beurteilten Gegenstands. Kant a.a.O, §59
  10. Kant a.aO. §14
  11. Auch Kant sieht das so: „Das Gefühl des freien Spiels der Vorstellungskräfte“ oder „die Lust an der Harmonie der Erkenntnisvermögen“ kennzeichnen das ästhetische Urteil. ibid. § 9  „Das Gefühl des Subjekts und kein Begriff eines Objekts“ ist sein Bestimmungsgrund . ibid. §17, S. 149
  12. In meiner eigenen Erfahrung gibt es beide Fälle: Sowohl den Fall, dass mir durch die Lektüre anderer Kritiken deutlich wird, wie falsch ich geurteilt hatte, als auch den Fall, dass ich ein abweichendes Urteil als durch Vorurteile der Kritikerin oder des Kritikers bedingt, abtue.
  13. Dahlhaus S. 32
  14. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp, 2017, S.52
  15. „syntactic density, semantic density, and syntactic repleteness“ Nelson Goodman, Languages of Art. Indianapolis: Hackett, 2.ed. 1976, p.252
  16. siehe meinen Beitrag „Theater und Theaterkritik in der der Gesellschaft der Singularitäten“ und darin den Exkurs „Andreas Reckwitz und Nelson Goldmann zum Kriterium der ‚Dichte‘“.
  17. Nelson Goodman, Sprachen der Kunst.  Frankfurt/M: Suhrkamp, 1973, S.262
  18. Dahlhaus S. 62
  19. Dahlhaus S. 65

Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 5

Aus Anlass meines Vortrags über „Die Wahrheit im Theater“ bei der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hier ein Nachtrag zu meinen Versuchen über Wahrheit an Hand zweier aktueller Beispiele.

Zwei aktuelle Beispiele

Wenn das Theater nun nicht der Verkünder der Wahrheit sein kann, was kann es dann leisten  in Zeiten der allgegenwärtigen Täuschung?

Eine Möglichkeit ist journalistisches Theater, wie es der Schauspieler Calle Fuhr mit dem Regisseur Kay Voges und dem Journalistenkollektiv „Correctiv“ betreibt. Das bekannteste Beispiel ihrer Zusammenarbeit war das Projekt „Geheimplan gegen Deutschland“ über das Potsdamer Treffen 2024. Ein weiteres Beispiel ist Calle Fuhrs Solo-Abend „Aufstieg und Fall des René Benko“ im Wiener Volkstheater und nun auch im Schauspiel Köln.

Auch hier ist das Theater nicht das Sprachrohr der Wahrheit, es beteiligt sich aber einem gesellschaftlichen Prozess, der um den Begriff der Wahrheit kreist. Was wir für Wahrheit halten, kommt zustande, indem wir bestimmten Wahrheitsszenen und bestimmten Wahrheitsfiguren vertrauen. Donald Trump nennt sein soziales Netzwerk, mit dem er seine Resentiments, Aufwallungen und Wirklichkeitsverzerrungen verbreitet, entsprechend auch „Truth social“. Soziologisch gesehen, ist Wahrheit ein sozialer Operator.1

Das Forschungsprojekt „Praxeologie der Wahrheit“ der Universität Erfurt hat ein Bild von Lucas Cranach als Logo auf seiner Website der Universität Erfurt. Es hat den Titel „Bocca della Verità“ 2 Dieser Mund der Wahrheit ist eigentlich ein römischer Kanaldeckel in Form eines Löwenkopfes, von dem die Sage geht, dass, wer seine Hand in das Löwenmaul steckt und dabei lügt, seine Hand verliert. Lucas Cranach zeigt eine solche Wahrheitsszene: In einem Gerichtsgebäude steht eine steinerne Löwenstatue. Eine des Ehebruchs angeklagte junge Frau legt ihre Hand in den Löwenrachen und wird dabei von einem Richter und ihrem Ehemann beobachtet. Hinter ihr steht eine weitere Figur in einem Narrenkostüm, die die Frau an der Hüfte umfasst. Die mittelalterliche Geschichte, die das Bild erzählt, ist die, dass der Liebhaber sich als Narr verkleidet hat und die Frau nun wahrheitsgemäß sagen kann, ’niemand hat mich umarmt außer meinem Ehemann und diesem komischen Narren‘. So sagt sie die Wahrheit, die doch eine Lüge ist. Es wird hier Theater gespielt für den Anschein der Wahrheit. So sehen Wahrheitspraktiken aus.

Das Theater hat gegenüber anderen konkurrierenden Wahrheitsassemblagen (so nennt der soziologische Jargon heterogene Gefüge aus sozialen und technischen Praktiken) den Nachteil der verlangsamten Reaktionsgeschwindigkeit. Es ist langsamer als die elektronischen Medien, aber immerhin schneller als die Justiz, hat aber die Vorteile der Konzentration der Rezipienten über einen längeren Zeitraum und des gemeinschaftlichen Erlebnisses.

Solche Theaterprojekte wie die von Calle Fuhr und Kay Voges kann man aber auch als Schrumpfform des Theaters verstehen. Es verzichtet auf viele andere Möglichkeiten, die das Theater hat, gewinnt aber eine neue. Theater als Teil der Wahrheitspraktik unserer Gesellschaft.

Ein zweites Beispiel und eine andere Möglichkeit: Milo Raus Projekt „Die Seherin“ mit der Schauspielerin Ursina Ladi (bei den Wiener Festwochen und in der Berliner Schaubühne).

Auf vier verschiedenen Ebenen wird hier das Verhältnis von Wahrheit und Täuschung ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Ursina Lardi spielt eine Fotografin, die auf Kriegsbilder und Gewalt spezialisiert ist. Aber was sie über ihre Herkunft aus einem südschweizer Dorf erzählt, passt so gut zu der realen Biografie der Schauspielerin. Wo liegt die Grenze zwischen Schauspielerin und fiktiver Figur? Sie wird verwischt.

Während sie von ihrer Faszination für Gewaltdarstellungen erzählt, ritzt sich Ursina Lardi mit einem Skalpell eine Wunde in die linke Wade. Dieses Detail wird riesig vergrößert auf einen Bildschirm über der Bühne projiziert. Macht sie das wirklich oder ist es bloß ein Kunstwerk der Maskenbildnerin? Die Grenze wird verwischt.

Dann erscheint auf dem Videoscreen Azad Hassan, ein Iraker, dem vom IS in Mossul wegen eines angeblichen Diebstahls die rechte Hand abgehackt wurde. Die Schauspielerin spricht mit ihm. Ist es ein Dialog in Echtzeit oder ein vorproduziertes Video? Die Grenze wird verwischt.

Dann wird ein Video gezeigt von der öffentlichen Verstümmelung des Irakers damals in Mossul während der Herrschaft des IS. Das Video war damals auch im Internet abrufbar. Der Iraker berichtet, schlimmer als die Schmerzen sei die Begeisterung der Zuschauer gewesen. Zuschauer, das sind auch wir, die Theaterbesucher. Die Wahrheit der sichtbaren Gewalt ist ein Faszinosum, das die nicht-handelnden Zuschauer an die handelnden Gewalttäter bindet. Wahrheit eines dokumentarischen Bildes kann auch als visueller Reiz fungieren3. Schuldiger Akteur oder unschuldiger Beobachter? Die Grenze wird verwischt.

Die Wirkung dokumentarischer Bilder ist weniger Information über die Realität als eine Antwort auf unser Begehren nach Intensität. Der Zweifel, ob die Videobilder, die wir sehen, echt sind oder nachgestellt, – ob Azad Hassan wirklich in Mossul steht, wenn er spricht, ob Ursina Lardi sich wirklich selbst verletzt, und das Theater demonstriert uns hier diesen Zweifel, – dieser Zweifel entwertet die Bilder nicht, sondern macht sie mächtiger. Ob die Bilder wahr sind, uns die Wirklichkeit zeigen, ist zweitrangig, gerade der Zweifel an ihrer Wahrheit zeigt die Macht der Bilder. 4

Das Theater zeigt hier, wie das, was wir für Wahrheit halten, zustande kommt. Das Theater kann dies besonders gut als ein hybrides Medium, in dem sich sowohl gegenwärtige Präsenz als auch Fiktion und mediale Repräsentation wie digitale Produktion mischen können.

Beteiligung am Wahrheitsdiskurs unserer Gesellschaft ist die eine Möglichkeit des Theaters, Analyse dieses Diskurses, dadurch dass Geschichten erzählt werden, die die Wahrheitsverfahren unserer Gesellschaft erfahrbar und durchschaubar machen, eine andere Möglichkeit. Gerade weil das Theater nicht das Sprachrohr einer höheren Wahrheit der Kunst sein kann, kann es die Konstruktion von Wahrheit zeigen und zur „Schule der Komplexität“ werden 5.

Die Beziehung zwischen Theater und Wahrheit ist also heute eine ganz andere als Ivan Nagel damals annahm und ich als Juror damals dachte.

 

Siehe auch die vorangehenden Teile von „Die Wahrheit auf dem Theater“

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

  1. vgl. das Forschungsprojekt „Praxeologie der Wahrheit“ der Universität Erfurt unter der Leitung von Prof. Bernhard Kleeberg und seinen Vortrag am Karlsruher Institut für Technologie 2023: . „Die Anrufung von Wahrheit ist zugleich Ursache und Konsequenz gesellschaftlicher Desintegration, Ausdruck und Verstärker der Zersplitterung von Glaubenssystemen und einer schmittschen Polarisierung politischer Auseinandersetzungen.“ Kleeberg folgt dabei wohl Michel Foucaults Verständnis von Wahrheit: „Wahrheit ist zu verstehen als ein Ensemble von geregelten Verfahren für Produktion, Gesetz, Verteilung, Zirkulation und Wirkungsweise der Aussagen.“ Michel Foucault, „Wahrheit und Macht. Interview mit Michel Foucault von Alessandro Fontana und Pasquale Paquin.“ in: M.F., Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve, 1978 (zuerst ital. 1977). S. 53. Foucault verwendet dabei „Ensemble“ wie den Begriff „Assemblage“ (französisch: „Agencements“, deutsch: „Gefüge“), wie er zuerst von Gilles Deleuze und Félix Guattari in die Philosophie eingebracht wurde. Sie verstehen darunter Mischungen aus technischen und administrativen Praktiken. Vgl auch  Bernhard Kleeberg, Robert Suter, „»Doing truth« Bausteine einer Praxeologie der Wahrheit“, In: Zeitschrift für Kulturphilosophie. 8 (2014) H. 2, S. 211-226
  2. Es gibt zwei Versionen dieses Themas bei Lucas Cranach. Das erste Bild von 1524 ist sicher von  Lucas Cranach d. Ä. selbst. Es zeigt die Figuren in voller Größe, auch den Ehemann. Das zweite von etwa 1530, heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg,  stammt zwar aus Cranachs Werkstatt, könnte aber auch von einem Schüler oder Lucas Cranachs Sohn Hans gemalt worden sein. Es zeigt mehr Figuren in Halbkörperdarstellung, ist aber weniger deutlich in der Charakterisierung der beteiligten Personen. Eine genaue Analyse des älteren Bildes findet sich bei Sotheby’s anlässlich eines Verkaufs.
  3. vgl. Hito Steyerl, Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld. Berlin-Wien: Turia+Kant, 2008, S. 36f
  4. „Der Zweifel an  ihren Wahrheitsansprüchen macht dokumentarische Bilder nicht schwächer, sondern stärker…. Es geht nicht  mehr um Information, die durch klare und sichtbare Bilder vermittelt werden könnte. Sondern eher um jene Mischung aus Panik und Erregung, die durch das bloße Gefühl, dabei zu sein, entsteht.“ Hito Steyer, „Die dokumentarische Unschärferelation“, In: H.S., Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld. Wien-Berlin: Turia + Kant, 2015, S. 11, 13
  5. Kay Voges im Gespräch mit Ulla Egringhoff, KunstSalon Köln 12.10.2025

Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 4 Repräsentation und Identität

Aus der theatertheoretischen Diskussion der letzten 30 Jahre ist der Begriff der Wahrheit fast verschwunden. Im „Lexikon der Theatertheorie“ fehlt das Lemma „Wahrheit“1. Florian Malzacher nennt die “Wahrheit“ zwar noch in der Liste der in der Theater-bubble leichtfertig gebrauchten Begriffe wie “Realität“ oder „Politik“2, aber ohne Beleg. Der Begriff scheint dem vorherrschenden Relativismus grundsätzlich suspekt.

Jakob Hayners Wahrheitsliebe

Eine Ausnahme macht Jakob Hayner mit seinem Essay „Warum Theater. Krise und Erneuerung“3. Er ist sich seiner isolierten Position durchaus bewusst4

„Als lächerlich betrachtet wird heute aber vor allem immer noch, wer von der Kunst eine Beziehung zur Wahrheit erwartet und einfordert.“ 5

Aber er hält an dem emphatischen Begriff der Wahrheit in der Tradition von Hegel und Adorno fest. Für ihn hat die Kunst wie für Hegel die Funktion, die Wahrheit zum Erscheinen zu bringen. Diese Wahrheit ist aber eine über die Gesellschaft:

„Ohne eine für jede Zeit feststehende Definition der Kunst geben zu können, gibt es doch einen Begriff von ihr, der sich aus ihrer inneren Bewegung speist. In dieser Bewegung reagiert Kunst auf Gesellschaftliches und artikuliert aus den eigenen Maßstäben heraus eine Wahrheit über es.“ 6

Für ihn ist gerade der Begriff der Wahrheit das, was Politik und Kunst verbindet:

„Im Ausdruck der Wahrheit über die Unwahrheit der Gesellschaft berühren sich die ansonsten voneinander getrennten Sphären von Kunst und Politik.“ 7

Die „Wahrheit“ ist hier also ein Begriff für einen utopischen, nicht näher definierten Zustand der Gesellschaft, dem sich Kunst wie Politik verpflichtet fühlen sollen. Wahrheit ist für ihn ein ethisch-politisches Postulat. Dass dieses Postulat sich nicht ohne spekulative Metaphysik begründen lässt, ist offensichtlich. Hayner scheut weder vor dem unzeitgemäßen Verweis auf die Religion noch auf den Kommunismus zurück.

„Die Fragen der Metaphysik sind nicht erledigt, bloß vergessen. Den einst in der Religion artikulierten Problemen nicht auszuweichen, sondern sie selbst lösen zu wollen, heißt, in einer Welt ohne Götter wahrhaft modern zu sein.“ 8

Die in der Religion artikulierte Probleme sind ja wohl die Theodizee, die Rechtfertigung des Bösen in der Welt, und der Weg zur eschatologischen Erlösung von dem Bösen. Die moderne Kunst müsste also, nach Hayner, sich diesen Problemen widmen. Andererseits gelingt es ihm in einem großen Bogen, Foucault, Hegel, Rötscher und Marx für eine Bestimmung des Ziels der Kunst zusammenzubinden:

„Die Kunst weist den Weg zum eigenen Begehren. Dieses Begehren, in dem Wahrheit und Schönheit aufeinandertreffen, ließe sich politisch und utopisch zugleich nennen, also kommunistisch.“9

Die Idee des Kommunismus ist für Hayner (nach einer Formulierung Walther Benjamins) „die Idee der Erlösung als säkulares Ereignis.“ 10 Für ihn ist die Fiktionalität des Theaters, der bloße „Schein“ einer Wirklichkeit, hervorgerufen durch ein paar Sperrholzbretter als Bühnenbild, durch die Selbstverdopplung der Schauspieler in reale Körper und bedeutete Figuren und die Imagination der Zuschauer, durch die Behauptung einer anderen Wirklichkeit auf der Bühne, – das ganze Als-ob ist kein Hindernis für das Erscheinen der Wahrheit, sondern die Bedingung dafür:

„Das Als-ob-ist im Theater Bedingung seiner Wahrheitsfähigkeit. Dadurch kann das Subjekt mit einem in ihm schon anwesenden Anderssein in Beziehung treten, das eigene Wissen und Begehren realisieren.“ 11

Wahrheit ist für Hayner aber nicht eine Frage des Inhalts oder des Stoffs, sondern eine der Form. Der Gewährsmann dafür ist Bertolt Brecht:

„Eine Rückkehr zu Brecht wäre die Wiederaufnahme des Versuchs, in der Form die Kritik des Sozialen zu artikulieren. {…} Indem er politische Impulse in ästhetische Neuerungen innerhalb der theatralen Form übersetzte, erneuerte er die Wahrheitsfähigkeit des Scheins.“ 12

Hayner will das mimetischer Theater, in dem Rolle, Text und Handlung dazu dienen, die Wirklichkeit künstlerisch darzustellen und durch die Distanz der künstlerischen Form kritisierbar zu machen, gegen die „performative Wende“ der Theaterwissenschaft verteidigen.

„Mit einigem Befremden kann man zur Kenntnis nehmen, wie eifrig an der Wiederverzauberung des Theaters im Gestus der performativen Erneuerung gearbeitet wird, um es also Ort der Wahrheit unmöglich zu machen.“ 13

Doch dabei bemüht er einen hegelianischen, neo-metaphysischen Begriff der Wahrheit der Kunst, der nur spekulativ, quasi-religiös zu füllen ist. Im Theater der Gegenwart findet er diesen Anspruch nur bei René Pollesch und Fabian Hinrichs wieder, in ihrem Friedrichstraßen-Palast-Projekt: „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ von 2019, aber offensichtlich auch nur im Titel und im Schluss, als Hinrichs in den künstlichen Sternenhimmel entschwebte14.

Die Krise der Repräsentation

Warum also ist die Wahrheit aus dem theatertheoretischen Diskurs verschwunden? Weil sich die hegelianische Konstruktion des Wahren als des Ganzen der entfalteten Welt verflüchtigt hat und selbst für die marxistischen Erben Hegels die Wahrheit ein zu nebulöser Begriff für das Ziel der Kunst war.
Es gab keine Krise der Wahrheit, sie verschwand geräuschlos.

Aber es gab eine lautstarke Krise der Repräsentation. Eigentlich gehören die Begriffe von Wahrheit und Repräsentation zu unterschiedlichen Bereichen (jedenfalls im Mittelalter bei Thomas von Aquin): Wahrheit zur Aussagenlogik, Repräsentation zur Zeichentheorie. Die Aussagen der Kunst sind nicht wahr, aber sie repräsentieren etwas, sie haben eine Bedeutung. Und diese Bedeutung ist nicht etwas Beliebiges, wie in der Alltagssprache oder in den Zeichenwäldern der Konsumwelt, die uns umgibt. Die Kunst sollte in irgendeiner Weise etwas Wesentliches bedeuten. Das wurde um 1900 fraglich. Je mehr man den Zusammenhang von Zeichen und Bedeutung versteht, desto bröseliger wird die Brücke zwischen signifiant und signifié, zuerst in der Literatur (Mallarmés Lyrik, Hofmannsthals Chandos Brief, Lukacs’ Theorie des Romans15. Die Begriffe Repräsentation, Abbild, Illusion, Fiktion und Mimesis werden dabei oft unterschiedlos gebraucht.) Das Theater hat, zunächst als literarisches Theater, teil an dieser Krise der Repräsentation. Spätestens seit Alfred Jarry und Antonin Artaud befreit sich das Theater aber von der Literatur. Doch die Repräsentation bleibt.

„Vom Text und vom Gott-Schöpfer befreit, würde der Inszenierung damit ihre schöpferische und instaurierende Freiheit wiedergegeben. Regisseur und Teilnehmer (die fortan keine Schauspieler oder Zuschauer mehr wären) wären nicht mehr Werkzeuge und Organe der Repräsentation. Heißt das, dass Artaud es abgelehnt hätte, dem Theater der Grausamkeit den Namen der Repräsentation zu geben? Nein, vorausgesetzt man verstünde wohl den schwierigen und mehrdeutigen Sinn dieses Begriffs {…}. Ende der Repräsentation, doch originäre Repräsentation, Ende der Interpretation, doch originäre Interpretation, die keine herrische Sprache, kein Herrschaftsprojekt von vornherein besetzt und verflacht haben. Sichtbare Repräsentation freilich, in Opposition zur Sprache, die dem Blick entwendet, {…} dessen Sichtbarkeit aber kein von der Sprache des Herrn veranstaltetes Schauspiel ist. Repräsentation als Selbst-Präsentation des Sichtbaren und sogar des rein Sinnlichen.“16

Diese durch Derrida vermittelte Kritik der Repräsentation war sicher sehr einflussreich für die Entwicklung des postdramatischen, re-theatralisierten Theaters. Aber im Wortschwall der Propagandisten des postdramatischen Theaters wurde aus der Krise der Repräsentation die Abschaffung der Repräsentation, statt mit Derrida-Artaud nach der “originären Repräsentation“ des Theaters zu fragen.

Aus der raum-zeitlichen Identität von ästhetischem Akt und Akt der Rezeption17 wird voreilig geschlossen, dass deshalb das Theater eine „eigene, echte Situation in der Kopräsenz des Publikums zu erzeugen“ solle. 18 „Echt“ soll hier heißen: ohne Repräsentation einer anderen Wirklichkeit. Das sei ein Weg aus der „Repräsentationsfalle“ 19.

Wenn das, was auf der Bühne stattfindet, keine Repräsentation ist, weder die eines literarischen Textes noch irgendeine sonstige Repräsentation von etwas Materiellem oder Ideellem außerhalb der Bühne, dann lügt die Bühne, wenn sie behauptet, ein anderer Ort zu sein als der leere Raum eines Theaterhauses oder wenn der Schauspieler beansprucht, wahrgenommen zu werden als jemand, der er nicht ist.

Der Begriff der Wahrheit ist, wenn man von der klassischen aristotelischen Version ausgeht, eine zweistellige Relation: A (die Vorstellung) stimmt mit B (der Sache) überein. Worin diese Relation besteht, was A von B unterscheidet, ist die eigentliche erkenntnistheoretische Frage. A gleich A, das wäre Identität. Identität ist der Begriff für die Gleichheit mit sich selbst. Die Relation von Schauspieler und Figur ist aber keine solche Relation, weder Wahrheit noch Identität.

Wenn man Schauspiel wie einen Aussagesatz behandeln will, ist schauspielerische Repräsentation so etwas wie eine sinnvolle informative Identitätsaussage: A gleich A‘, Schauspielerin A (Sandra Hüller) ist Figur A‘ (Hamlet), der Gegenstand (Schauspielerin) wird vom Zuschauer auf zwei verschiedene Weisen identifiziert, der Sinn ist verschieden, die Bedeutung aber gleich, wie bei der Venus als Morgen- und Abendstern bei Frege 20.

Wenn wir aber die Bühne nicht auf zwei verschiedene Weisen wahrnehmen können, als Wirklichkeit und auch Schein, wenn wir nicht die Zuschauerhaltung einnehmen, die Samuel Coleridge klassisch als „willing suspension of disbelief“ gekennzeichnet hat21, dann bleibt nur eine triviale Identitätsaussage: A gleich A, sie ist sinnvoll, hat aber keinen informativen Gehalt. Dass Sandra Hüller Sandra Hüller ist, ist richtig, ist aber nichts Neues.22

Entweder man akzeptiert Repräsentation, dann kann A gleich A‘ sein (und Sandra Hüller kann Hamlet sein), oder nicht, dann ist „A gleich A‘ “ eine Täuschung oder gar ein Betrug. Und Täuschung ist böse, dann wollen wir die Wahrheit.23 Die komplizierte Gefühlsmechanik von echten und gezeigten Gefühlen der Schauspieler interessiert nicht mehr, wenn nicht repräsentiert wird. Wir wollen die Wahrheit und die ist die Identität des Schauspielers oder der Schauspielerin mit sich selbst, die Identität des gemeinsamen Raums von Zuschauerraum und Bühne, die Identität des gemeinsam erlebten Augenblicks. Dem repräsentationsfeindlichen, sich avantgardistisch gebenden Performancetheater entkommt man nicht, indem man dem Theater das Ziel der Wahrheit verordnet.

So entsteht aus der vielfach begründeten Befreiung des Theaters von der Forderung nach Wahrheit im Kurzschluss die Ablehnung von Repräsentation und die Forderung nach Identität, statt den theaterspezifischen Modus der Repräsentation zu analysieren und zu entwickeln. Wolfgang Engler hat in der Auseinandersetzung mit Florian Malzacher darauf hingewiesen, dass es zwei Arten von Repräsentationskritik gibt:

„Die eine problematisiert den Rahmen, die andere zerbricht ihn, missbraucht die Menschen und enttheatralisert das Theater.“ 24

Florian Malzacher nennt den Einsatz „echter“ Menschen auf der Bühne wie die Experten bei Rimini-Protokoll einen Ausweg aus der „Repräsentationsfalle“. Zwar erkennt er an, dass die „Authentizität dieser Menschen auch nur eine Rolle ist“ , nennt diese Rolle aber „die Rolle ihre Lebens“ 25. Demgegenüber weist Jens Roselt am Beispiel der Aufführung Sabenation (Berlin, Hebbel Theater 2004) daraufhin, dass das wahre Leben keinen privilegierten Ort hat,

„weder in der Vorstadt noch auf der Bühne. Man kann die Wirklichkeit nicht aufsuchen, sondern sie sucht uns auf oder heim, überall, unerwartet und ungebeten. Wirklichkeit kann nicht vorgefertigt und ausgestellt werden. Sondern: Sie ereignet sich.“ 26

Experten oder unperfekte Laien statt Schauspielern auf die Bühne zu stellen, bringt uns der Wahrheit nicht näher.

„Die Verquickung von Performer und dessen tatsächlicher Biografie führt eben nicht zu einer Form der Unmittelbarkeit, {…} sondern zu einer Distanz.“ Der ästhetische Rahmen, in den diese Menschen auf der Bühne gestellt sind, verdeutlicht immer, „dass es hier nicht darum geht, in einem mehr oder weniger realistischen Sinne wahres Leben abzubilden oder vorzuspielen.“ 27

Nur wenn man die Aufführung als Geschehen zwischen Spieler und Rezipient versteht, unabhängig von Repräsentation oder Nicht-Repräsentation, entkommt man dem Blick, der nach Wahrheit, Identität oder Echtheit sucht.

Die Aufführung: ein Zwischengeschehen

Von der Warte der phänomenologischen Philosophie her versucht Jens Roselt die performative Wende der Theaterwissenschaft weniger als eine Weissagung über die Zukunft des Theaters als einen notwenigen Schritt von der semiotischen Inszenierungsanalyse zur Aufführungsanalyse zu begründen. Und sein Ergebnis: Theater ist ein Zwischengeschehen, ein Ereignis zwischen Bühne und Zuschauer, gleichgültig, ob man meint, etwas zu repräsentieren oder nicht. Erfahrung ist aus phänomenologischer Sicht ein „dialogisches Zwischengeschehen“. Und die Situation einer Aufführung ist eine der Erfahrung:

„Bühne und Publikum treten damit in einen Dialog miteinander, der sich nicht sprachlich vollziehen muss. Zuschauer werden von der Aufführung in Anspruch genommen, so wie sie diese selbst in Frage stellen.“ 28

Mit dem Phänomenologen Bernhard Waldenfels geht Roselt von einer „responsiven Differenz“ aus, die das Verhältnis von Bühne und Zuschauer kennzeichnet. Bühne und Zuschauer verhalten sich wie Frage und Antwort. Aber es ist

„eine Antwort denkbar, die etwas aufschließt, was die Frage nicht erahnt hat. Eine solche Antwort gehorcht nicht mehr der Trennung in richtig oder falsch.“ 29

Und schon gar nicht der Trennung in Wahrheit und Lüge.

„Zuschauer {sind} nicht lediglich als Erfüllungsgehilfen fremder Intention in der Aufführung gefragt.“ 30

Roselt kritisiert sogar seine Lehrmeisterin Fischer-Lichte dafür, dass sie mit ihrem Begriff der Feedback-Schleife diese responsive Differenz nicht berücksichtigt. 31 Diese gilt auch für ein Theater des Als-ob, in dem ein Schauspieler oder eine Schauspielerin eine Figur repräsentiert:

„Die Figur, die sich zwischen Schauspielern und Zuschauern ereignet, ist ein Drittes, das keinem ausschließlich zu Eigen ist.“ 32

Die Zuschauer sind „konstitutiver Teil der Aufführung“. Den Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen der Zuschauer kommt damit eine produktive Dimension zu, auch bei der Repräsentation einer Figur auf der Bühne durch eine Schauspielerin oder einen Schauspieler:

„Erst im Auftritt [wird] eine Erscheinung konstituiert, die weder auf die individuelle Person des Schauspielers noch eine Rollenvorgabe reduziert werden kann, da auch die Intentionen der Zuschauer hier sinngebend sind.“ 33

Die Schauspielerin Julia Riedler beschreibt in ihrer Hamburger Poetikvorlesung 2023 diese aktive Rolle des Publikums aus der Sicht einer Schauspielerin:

„Durch den Energieraum, den das Publikum durch seine Präsenz schafft, wird eine Kommunikation geschaffen, die aus meinem Denken eine dreidimensionale Gewalt macht und aus dem Theaterraum eine immersive Welt. Und so wird etwas, was einst geschrieben wurde, egal, ob es Jahrtausende oder einzelne Monate alt ist, zu einer gegenwärtigen Plastik. Nicht dadurch, dass ich es besonders laut sage, sondern dadurch, dass ihm besonders zugehört wird.“ 34

Wenn man die produktive Leistung der Zuschauer bei einer Aufführung anerkennt, schwinden alle Gespenster von Wahrheit und Identität.

  1. Erika Fischer-Lichte e.a. (Hg.), Metzler Lexikon Theatertheorie. Stuttgart: Metzler, 2. Aufl. 2011
  2. Florian Malzacher, Gesellschaftsspiele. Politisches Theater heute. Berlin: Alexander Verlag, 2020,  S.40
  3. Jakob Hayner, Warum Theater. Krise und Erneuerung. Berlin: Matthes und Seitz, 2020
  4. Nur Ulrich Berger und Christoph Stein, in den 90er Jahren Leiter des „Schauplatztheaters“ in Berlin-Kreuzberg, vertraten im 21. Jahrhundert noch die Auffassung, Wahrheit sei das Kriterium für die Qualität einer Theateraufführung. Ihr Wahrheitsbegriff ist dem von Stanislawski ähnlich, nur vom einzelnen Darsteller auf die Inszenierung als Ganzes übertragen: „Wahrheit auf dem Theater meint das archetypische Sichtbarmachen einer Seelenlage in einer Situation. … Ein gelungener Theaterabend ist ein Gefüge von Situationen, die sich zu einer Handlung zusammenschließen. … Eine solche Leistung nennen wir wahr. Unwahr ist das Verwackelte, das Forcierte, die Klamotte.“ Ulrich Berger und Christoph Stein, „Wahrheit in der Philosophie und auf dem Theater“ in: Hartmut Fischer (Hg.), Konkursbuch 15 Theaterperipherien. Tübingen, Konkursbuchverlag 2001, S.71. Diese Begriff lässt sich aber nur auf einen engen Kanon von Theaterstücken und ihre Inszenierungen anwenden: Tschechow, Ibsen, Fosse und ihre Nachfolger.
  5. S. 62
  6. S. 13
  7. S. 79
  8. S. 152
  9. S. 150
  10. S.149f
  11. S. 148
  12. S.77 und S. 126
  13. S. 127. Vgl. auch seine ausführliche Kritik an Fischer-Lichtes Ästhetik des Performativen im Kapitel „Wiederverzauberung oder Entzauberung der Welt“ S. 100-121
  14. Hayners Kommentar dazu: „Die Möglichkeit, eine Idee zu begehren, welche die Welt übersteigt, erscheint im Kunstwerk.“ vgl. Christian Rakows Kritik
  15. z.B. „Die visionäre Wirklichkeit der uns angemessenen Welt, die Kunst, ist damit selbstständig geworden: sie ist kein Abbild mehr, denn alle Vorbilder sind versunken; sie ist eine erschaffende Totalität, denn die naturhafte Einheit der metaphysischen Sphären ist für immer zerrissen.“ Georg Lukacs, Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. Berlin: Cassirer, 1920, S.12
  16. Jacques Derrida, „Das Theater der Grausamkeit und die Geschlossenheit der Repräsentation“ in: J.D., Die Schrift und die Differenz. übers. v. Rudolphe Gosché. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1976 (zuerst als Vortrag in Parma 1966)
  17. Malzacher zitiert hier zu Unrecht Hans-Thies Lehmann. Lehmann nennt eine Grundbedingung des Theaters, des dramatischen wie des postdramatischen oder performativen Theaters, vgl. Hans-Thies Lehmann, Postdramatisches Theater. Frankfurt/M: Verlag der Autoren, 1999, S.12
  18. Malzacher S.36.
  19. ebd.
  20. Gottlob Frege, Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1969, S. 41, vgl. Tugendhat/Wolf, Logisch-semantische Propädeutik, Stuttgart: Reclam, S.176
  21. Samuel Taylor Coleridge, *Biographia Literaria* (1817). Ch. XIV, ebook Project Gutenberg, 2004 p.347. vgl. meine Rezension von Tom Sterns, Philosophy and theatre. An Introduction. Jakob Hayner formuliert das treffend auf Deutsch: “Man tut so, als glaubte man, was man sieht. Oder anders gesagt: Man tut eben nicht so, als glaubte man nicht, was man vorgeführt bekommt.“ Hayner, S.124
  22. Tugendhat/Wolf, S. 183
  23. Auch Hans-Thies Lehmann arbeitet mit dem Gegensatzpaar Wahrheit und Betrug: „Soll Theater Wahrheit bieten, so muss es sich nunmehr als Fiktion und in seinem Herstellungsprozess von Fiktionen zu erkennen geben und ausstellen, statt darüber zu betrügen.“ Lehmann,  S. 186.
  24. Wolfgang Engler, Authentizität! Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern. Berlin: Theater der Zeit, 2017, S. 136
  25. Malzacher, S. 32
  26. Jens Roselt, Phänomenologie des Theaters. Paderborn: Wilhelm Fink, 2008, S.280
  27. Roselt, S.281
  28. Roselt, S. 194f
  29. Roselt, S.179
  30. Roselt, S.185
  31. Roselt S.195
  32. Roselt, S. 248
  33. Roselt, S. 300
  34. Julia Fiedler, „Über das Umarmen der eigenen Mittelmäßigkeit“ Poetik des Spiels. Hamburger Poetikvorlesung 2023

Kein Theater – Erinnerungsbücher von Ex-Genossen

1. Schneeschmelze

2022 und 2023 starben kurz nacheinander Elisabeth Weber 1, Ruth Ursel Henning 2, Willi Jasper 3 und Antje Vollmer 4. Damit ist nun die prominenteste Gruppe der von 1970-1980 existierenden KPD-AO fast vollständig verschwunden 5, nachdem Jürgen Horlemann 6, Christian Semler 7, und Peter Neitzke 8 bereits Jahre zuvor verstorben waren9 Die Generation, die versuchte, die Konsequenzen aus dem gesellschaftlichen Aufbruch der 68e-Revolte zu ziehen, stirbt aus. Was bleibt? Jedenfalls ein paar Erinnerungsbücher, – auch von begrenzter Haltbarkeit.10

„Der Schnee gnädigen Vergessens bedeckt heute die Landschaft, auf der sich in den 70er Jahren die maoistischen „K-Gruppen“ an die Revolutionierung des Proletariats gemacht hatten. […] Schließlich und wenigstens verstehen die Funktionäre von einst kaum mehr ihre damaligen Motive und Handlungen.[…] Dem ehemaligen Führungspersonal ist die Geschichte der K-Gruppen zu peinlich.“11

Das schrieb Christian Semler 1998. Langsam schmilzt dieser Schnee des Vergessens und darunter kommen seltsame Überreste, verrostetes Gedanken-Gerümpel eines einstmals heißen Sommers der Aktion zum Vorschein.

Heute ist der Modus des Gedenkens der damaligen Akteure weniger die Abrechnung mit der Vergangenheit als der Versuch, sich selbst zu verstehen.12

Auf die Frage seines Sohnes hin, „wieso man in den 70er Jahren auf die Idee habe kommen können, Mitglied einer maoistischen Partei zu werden“ hat Helmuth Lethen seinen Bericht „Suche nach dem Handorakel“ geschrieben13. Marianne Brentzel14 gesteht ratlos:

„Ich weiß keine zufriedenstellende Antwort, die meine eigene Entscheidung für diese Organisation für fast zehn Jahre rechtfertigt und auch keine für all die, die sich jahrelang diesem System unterordneten.“15

Aber Begründung ist nicht Rechtfertigung. Wenn ich eine zurückliegende Handlung rechtfertige, wende ich meine gegenwärtigen moralischen Maßstäbe auf die vergangene Handlung an. Nach unseren heutigen Maßstäben, ist die „Entscheidung für diese Organisation“ nicht zu rechtfertigen. Aber es besteht das Bedürfnis, sich selbst zu verstehen, d.h. im damaligen Kontext Gründe zu finden, die zu diesen Entscheidungen führten. Christian Semler hat dies 2001 am deutlichsten formuliert:

„Soll man sich, vor allem als Person des öffentlichen Lebens, von den Elementen seines eigenen Lebens öffentlich distanzieren, die dem heutigen Blick als verwerflich erscheinen? Entgegen der Auffassung, wonach die Biografie aus lauter unverbundenen Neuanfängen besteht, streben wir alle nach so etwas wie einer Ich-Identität im Lebenszyklus. Deshalb ist es ganz unsinnig, sich im Sinn eines Reinigungsrituals von Teilen der eigenen Biografie einfach loszusagen. Wir sollen erklären, wie alles zusammenhängt, was fortwirkt, was überwunden wurde. Dazu bedarf es nicht der kniefälligen Distanzierung, sondern der Selbstdistanz.“16

2. Gründe

Warum nun beteiligte sich Helmut Lethen, Literaturwissenschaftler Jahrgang 1938, 1969/70 an der Gründung einer maoistischen Partei?

In „Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht“ beschreibt er 2012 ausführlich seinen intellektuellen Werdegang in den 60er Jahren17: Lektüre von Adorno, Walter Benjamin und Mitscherlich. Das waren die intellektuellen Voraussetzungen der Studentenbewegung vor 1969.

 

Mitscherlichs These von der „Vaterlosigkeit“ der Nachkriegsgeneration, deren Väter ihre Tätigkeiten in der Nazi-Diktatur und im Krieg beschwiegen, war zwar banal, „traf aber damals einen Nerv.“18. Lethen blieb jedoch skeptisch. Dass die durch die fehlende Autorität der Vatergeneration bewirkte „Unzuverlässigkeit der Innensteuerung“ seiner Generation der psychologische Grund für die Studentenbewegung sei, war für ihn damals unglaubwürdig. Für den Lethen der 60er-Jahre gehörte Mitscherlich auch zu den Vätern.

Die Ablehnung der Kritischen Theorie kam mit der Bild-Zeitungs-Kampagne des SDS. Die Kritische Theorie war problemlos in die bestehende Gesellschaft integrierbar. Auch die Bild-Zeitungsmacher konnten sie als strategischen Ratgeber verwenden.

Soweit erklärt Lethen die Voraussetzungen, die auf die ganze Breite der Studentenbewegung zutrafen. Aber warum musste es nun gerade dieser kleine Zirkel von knapp 20 Westberliner SDS-Mitgliedern sein, die eine demokratisch-zentralistische Kaderpartei gründen wollten? Zunächst bleibt die Bilanz seines Selbsterklärungsversuchs negativ:

„Nicht erklärt ist, warum ich mich 1970 der handverlesenen Schar der Parteigründer, in der ich kluge Köpfe der Studentenbewegung in Westberlin wiederfand, angeschlossen habe.“19

Dann nennt er neben dem Abschied von der lähmenden Praxislosigkeit der Kritischen Theorie einen weiteren Grund:

„Irgendwie hat mir die Enttäuschung über die Handlungslähmung und herrschaftsdienliche Funktion der Kritischen Theorie, die den Eintritt in eine ML-Partei legitimieren sollte, einen handfesteren Grund verborgen. Er lag in der Furcht, in der Umwelt der Lebensstilexperimente, im Strudel der zerfallenden Bewegung, die Fassung zu verlieren, ziellos zu treiben, marginalisiert zu werden.“ 20
„Was bewahrte uns vor Kollaps und Amoklauf? Sollte die Reihe der ML-Parteien eigens zu dem Zweck gegründet worden sein, diesen Gang der Dinge zu verhindern? Merkwürdiger Gedanke, diese Parteien könnten als ‚Sinnmaschinen‘ manchen aufgefangen haben.“ 21

Diesem subjektiven Bedürfnis nach Halt und Orientierung entspricht Lethens objektive Beschreibung der Funktion der ML-Bewegung nach 1970:

„Der Zerfall der Studentenbewegung hat in den Jahren 1969, 1970, 1971 ein nicht zu unterschätzendes Quantum ungebundener destruktiver Energie freigesetzt. Die Leistung der marxistisch-maoistischen Apparate bestand darin, die frei flottierenden Umsturzenergien in ihr oberirdisches Bewegungssystem einzubinden.“ 22

Lethens mehrfach wiederholte These ist: die ML-Parteien haben „objektiv gesehen der Stabilisierung der Republik gedient“. 23

Die politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Entwicklungen, die so etwas aus heutiger Sicht Unwahrscheinliches und Unsinniges wie die Gründung einer maoistisch-kommunistischen Partei durch eine Handvoll Studenten und Jungakademiker, möglich machten, werden in Willi Jaspers Erinnerungsbuch „Der gläserne Sarg. Erinnerungen an 1968 und die deutsche ‚Kulturrevolution‘“ ausführlich geschildert:

  • Die Erschießung des Demonstranten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 durch einen Polizisten,
  • das Attentat auf Rudi Dutschke, den anerkannten Sprecher der Studentenbewegung, am 11. April 1968,
  • die Studentenproteste und Streiks im Mai 1968 in Paris,
  • der Einmarsch der russischen Truppen in Prag  im August 1968
  • der Vietnam-Krieg mit der gescheiterten Tet-Offensive des Vietcong 1969
  • die Streiks bei Fiat in Italien und der Einfluss der „Unione dei Communisti Italiani“,
  • die gewerkschaftsunabhängigen „wilden“ Streiks in Deutschland im September 1969,
  • die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Studenten und Polizei bei der Demonstration am Tegelerweg in Berlin im November 1969.

So wird vielleicht eher verstehbar, warum dann auf der Arbeitskonferenz der Berliner Roten Presse-Korrespondenz am 6./7. Dezember 1969 fünf ehemalige Mitglieder des aufgelösten SDS die Gründung einer Kommunistischen Partei vorschlugen24. Im Februar 1970 hieß es dann in der Vorläufigen Plattform der Aufbauorganisation für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD-AO):

„Der rechtzeitige Aufbau einer nicht mehr studentischen politischen Organisation, die ihr Hauptaugenmerk auf die Organisierung des Proletariats gerichtet hätte, wäre das Korrektiv von Wahnvorstellungen gewesen, die bis heute in den Köpfen von Genossen spuken.“ 25.

Im Rückblick scheint das heute eher der Versuch gewesen zu sein, viele divergierende Wahnvorstellungen durch eine einheitliche Wahnvorstellung zu ersetzen.

Dass das Scheitern dieses Versuchs erst so spät eingestanden wurde (immerhin früher als bei den konkurrierenden K-Gruppen), lag auch daran, dass er zunächst erfolgreich war. Worin die Attraktivität dieser Gruppe bestand schildert Alan Posener, damals Student und später Chef-Kommentator der Zeitung „Die Welt“:

„Dass ich zur KPD/AO stieß, war eher zufällig. Ich hatte, um irgendetwas zu studieren, mich für Germanistik eingeschrieben, und in der „Roten Zelle Germanistik“ gaben die Vertreter der KPD/AO den Ton an. Das meiste, was sie sagten, verstand ich allenfalls umrisshaft, aber ich habe sie als Personen bewundert: Dietrich Kreidt, Helmut Lethen und Rüdiger Safranski zum Beispiel, aber auch Lerke von Saalfeld, Beate von Werner und vor allem Elisabeth Weber. Da war schon eine geballte intellektuelle Potenz. Ich glaube, dass es den meisten jüngeren Studenten damals so ging: die Entscheidung für eine politische Organisation war eher eine persönliche als eine ideologische Entscheidung. Man entschied sich, zu wem man gehören wollte, und eignete sich danach die politische Linie an. Die festigte sich in der Auseinandersetzung mit den anderen Sekten dann zur tatsächlichen Überzeugung.“ 26

Helmut Lethens „merkwürdiger Gedanke“, die Partei könne als „Sinnmaschine“ funktioniert haben und manchen aufgefangen haben, wird durch Alan Posener bestätigt:

„Ich verdanke der KPD {…} also, dass ich von den Drogen und dem Gefühl existenzieller Nichtigkeit losgekommen bin. {…} Und da verdanke ich ihr wohl eher als irgendwelcher eigenen Charakterstärke, dass ich vor Abgründen bewahrt wurde, in die andere schlidderten.“27

3. Doch Theater

„Noch nie war meines Wissens eine deutsche Partei durch eine solche Übermacht von Germanisten gegründet worden“ schrieb Peter Schneider über die KPD/AO28. Helmut Lethen bemerkt zu Recht „dass in unserem Politbüro unverhältnismäßig viele Theaterwissenschaftler waren.“ 29

Helmut Lethen und Willi Jasper stellen ausführlich dar, welche Rolle der Literaturwissenschaftler Peter Szondi in den damaligen Auseinandersetzungen spielte. Er war sowohl Anreger der Kritik an der noch unter dem Einfluss der ehemaligen Nazi-Mitläufer stehenden Germanistik als auch Opfer der Studentenproteste. Selbst der Lyriker Paul Celan wurde in den Strudel der 68-Bewegungen hineingezogen 30. Auch das Theater blieb nicht unberührt:

  • Peter Steins Inszenierung von Peter Weiss` „Viet Nam Diskurs“ (Kammerspiele München 5. Juli 1968 unter Mitarbeit der späteren KPD-AO Gründer Wolfgang Schwiedrzik und Jürgen Horlemann) sorgte für einen Skandal, weil im Anschluss an die Vorstellung Geld für die Vietnamesische Guerilla Vietcong gesammelt wurde.31
  • Peter Steins Inszenierung von Brechts „Die Mutter“ an der 8. Oktober 1970 Berlin Schaubühne am Halleschen Ufer (wiederum unter Mitarbeit von Wolfgang Schwiedrzik) konnte als Aufforderung verstanden werden, die Verwirklichung des Kommunismus, „das Einfache, das so schwer zu machen ist“, anzupacken.
  • Wolfgang Schwiedrziks Drama „Märzstürme 1921 (Leuna)“ an der Schaubühne 7.3.1972 uraufgeführt (erfolglos) erinnerte an die militanten Aktionen der KPD zu Beginn der Weimarer Republik.32

Es war also folgerichtig, dass die Aktionen der KPD-AO „wie revolutionäres Theater inszeniert wurden.“33

In seinem Bericht „Theater als ‚Aktion'“ schildert Wolfgang Schwiedrzik die Rolle des Theaters in der 68er Bewegung vor 1970  und erwähnt dann eine spätere Begegnung mit Ivan Nagel, der 1968 Chefdramaturg an den Münchner Kammerspielen war und in dem Konflikt um die Geldsammlung für den Vietcong zu vermitteln suchte. Seine Schlussfolgerung aus dem Gespräch in den achtziger Jahren ist:

„Die Unentschlossenen und Mitläufer von damals, die den ‚Marsch durch die Institutionen‘ erfolgreich abschlossen, halten den Mythos von 1968 hoch, während diejenigen, die damals bis ins Extrem gingen, heute eher zweifeln.“34

Diese Einschätzung trifft vielleicht für die Zeit zwischen 1960 und 1970 zu. Für Zeit nach 1970, für die Phase der K-Gruppen, ist die vorherrschende Einschätzung weniger gegensätzlich, sowohl Unentschlossene und Mitläufer als auch damalige Extremisten meinen: das war wohl nichts Gutes.

4. Verluste-Gewinne

Die Arbeit für die Partei war anstrengend. Die Mitgliedschaft (auch im Studentenverband) erforderte die Anerkennung des „Primats der Politik“, d.h. den Vorrang der politischen Tätigkeit vor allen anderen Lebensäußerungen. Helmut Lethen beschreibt die Partei als „selbstdestruktiven Trichter“, der alle Energie aufsog, ohne ein Resultat zu hinterlassen. 35. Das führte zu Verlusten. Die hier behandelten Erinnerungsbücher gehen mit diesen Verlusten nonchalant um. Lethen verließ die Partei 1976, Neitzke 1975, Alan Posener 1977. Willi Jasper arbeitete immerhin seit 1979 auf ihre Auflösung hin. Sie waren also selbstständig und handlungsfähig geblieben. Willi Jasper zuckt auf die Frage nach seinem persönlichen Verlust nur mit der Schulter:

„Auf die Frage, ob es eine `verlorene Zeit`war, erklärte ich {1980}, dass ich mir natürlich vorstellen könnte, die letzten zehn Jahre sinnvoller verbracht zu haben.` Aber ich konnte damals nicht beantworten, ‚durch welche Konstellation und ab welchem Punkt ich meine persönliche Entwicklung hätte in andere Bahnen leiten müssen.‘ Natürlich spürte ich ein Bedauern. {…} Doch ich glaubte (und glaube immer noch), dass man die ‚Schuld‘ der KPD-AO in eine ‚Gesamtbilanzierung‘ dessen einordnen muss, wie viel menschliche und soziale Existenz insgesamt in der linken Bewegung seit 1968 auf der Strecke geblieben ist.“36.

Und Helmut Lethens Schaden war eine Gastritis, die ihm immerhin die Abkehr von der Organisation ermöglichte. Aber die politisch begründete Ablehnung seiner Bewerbungen um Professorenstellen in Bremen und Marburg kränkte ihn doch.

„Natürlich richtete die Partei Destruktives an, in erster Linie nach innen: schlaue junge Gewerkschaftler wurden aus ihrem Biotopen gerissen und von Westberlin aus in unser Traum- und Niemandsland, genannt Ruhrgebiet, verschickt. Wir versauten vielen Genossinnen und Genossen fürs ganze Leben ihren Lehrerberuf, an dem sie mit Leidenschaft hingen. Die Partei verbrauchte Erbschaften und beendete akademische Karrieren.“37

Diese unaufgeregte Negativ-Bilanz steht im deutlichen Widerspruch zu den 1977 anonym veröffentlichten schrillen Leidensberichten einer Gruppe von Aussteigern38 und zu den hämischen Bemerkungen Außenstehender39.

Der Negativ-Bilanz steht aber auch der Versuch gegenüber, zu retten, was bleiben kann. Alan Posener, auf Grund seines Parteiaustritts und seiner Tätigkeit für das Flaggschiff der Springer-Zeitungen unverdächtig, ein Unverbesserlicher zu sein, findet im Wesentlichen zwei Dinge, die er der KPD verdankt: zum einen „technisch-charakterliche Dinge“: strenge Disziplin, zum anderen ideologische: „als negative Lehre die tiefe Abscheu vor dem Kommunismus und der tiefe Schrecken über die eigene Verführbarkeit“, aber auch: „einen linken Liberalismus. Liberal, weil ich zu wissen meine, wie wichtig die Freiheit ist; links, weil eben die wahren Helden die Leute sind, die es nicht leicht haben.“ 40

Christian Semler versucht ebenfalls festzuhalten, was an anschlussfähiger Orientierung übrig blieb, vor allem mit Blick auf die nicht wenigen, die weiterhin politisch aktiv blieben. Zunächst allgemein für die Studentenbewegung: „Die linken Studenten: „waren trotz ihres oftmals forciert linkstraditionalistischen Gepräges, Motoren des demokratischen Verwestlichungsprozesses“. 41 Dann aber auch konkret für die Ex-Genossen seiner ehemaligen Partei:

1. schroffer Antiutopismus (aus Enttäuschung über Utopie der Kulturrevolution), Verbindung mit osteuropäischen Demokraten,
2. linker Antitotalitarismus, Unterstützung von der osteuropäischen Opposition,
3. Drei-Welten-Theorie: Legitimität nationaler Befreiungsbewegungen auch im Fall der zerfallenden Sowjetunion und Jugoslawiens, positive Wertung der EU (zweite Welt)
4. Dem Volke dienen: „Volkstümlertum“ „Es erlaubte den Ex-Maoisten, ihre private berufliche Existenz an einem allgemeinen ethischen Maßstab zu messen.“ Kritik an der volksfeindlichen Entwicklung von Technik (Grüne Bewegung)

Als gewiefter Dialektiker sieht er aber auch die Kehrseiten dieser Vorteile: Der Antiutopismus ist zugleich die „Weigerung, das ganz andere der kapitalistischen Produktionsweise auch nur zu denken“. Der Antitotalitarismus führt zu „moralischen Superioritätsgefühle“ und zur „Pose des Chefanklägers“. 42

5. Romane

Nicht jeder fühlt sich wichtig genug, um zur Lektüre für künftige Historiker seine Erinnerungen zu veröffentlichen. Nicht jeder kann den Affekt der Scham so produktiv verarbeiten wie Helmut Lethen. Christian Semler hat schon früh und mehrfach als taz-Redakteur und Kommentator eine ehrliche Bestandsaufnahme versucht. Alan Posener kann sich auf eine einzelne Frage beschränken und vermeidet so jegliche „der rote-Opa-erzählt“-Haltung.

Es gibt aber noch einen anderen Weg, mit peinlichen Erinnerungen umzugehen: Fiktionalisierung. Es gibt mindestens drei Romane von ehemaligen Mitgliedern der Führung der KPD(nicht mehr AO). Helmut Lethen hat dafür ein passendes Zitat von Walter Benjamin aufgespießt:

„Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich über seine wichtigsten Angelegenheiten nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Einen Roman schreiben, heißt, in der Darstellung des menschlichen Lebens das Inkommensurable auf die Spitze treiben.“ 43.

Am eleganteste umschifft Alexander von Plato die Klippe der eigenen Ratlosigkeit.. Erinnerung ist sein Thema, aber nicht seine eigene und nicht die an die Jahre 1970-80.

Verwischt. Eine Liebe in Deutschland 1989

Für den Historiker Alexander von Plato 44 sind die Jahre 1970-1980 eine zu kurze Welle, als dass er sich öffentlich damit beschäftigen würde. Als international renommierter Spezialist für „oral history“ beschäftigt ihn, wie die langen Wellen der historischen Entwicklung sich in den kurzen Wellen eines Menschenlebens auswirken. Die „longe durée“, deren Erforschung der französische Historiker Fernand Braudel zur Aufgabe der Geschichtswissenschaft gemacht hat, d.h. die für die Individuen unmerklich sich vollziehende Veränderung im Zusammenleben der Menschen, wirkt sich aus auf die Lebensverläufe der Einzelnen. Diese Entwicklungen, die sich in scheinbar unabhängig von den Entscheidungen einzelner in einer völlig anderen Zeitstruktur entwickeln als in dem individuellen Lebensrhythmus von Geburt, Leben und Tod, in ihrem Niederschlag auf das bewusste Erleben einzelner zu erfassen, ist Sinn von „oral history“.

Oder wie eine der Figuren, ein Filmregisseur, in von Platos Roman „Verwischt. Eine Liebe in Deutschland 1989“ erklärt:

„Es ist – denke ich – wahnsinnig schwer, die langen Wellen der Geschichte, die wir nur erlernen können, mit den kurzen, die wir erleben, zu verknüpfen […] Vielleicht kann dies auch nur der Kunst gelingen.“ 45

Eine andere Figur, eine Historikerin, greift dies auf:

„Seine Gedanken über die langen Wellen, die wir nur erlernen können, und die kurzen Wellen, die wir erleben, trafen den Kern meiner Arbeit. Diese beiden Wellen zusammen zu analysieren, das ist die Kunst, die die Fachleute aus den Kultur- und Geschichtswissenschaften beherrschen sollten.“ 46.

Von Plato versucht beides, Kunst (Fiktion) und Geschichtswissenschaft (Wahrheit), zu vereinen, er hat einen Roman geschrieben, der auf den lebensgeschichtlichen Erinnerungen seiner Gesprächspartner im Zuge seiner Arbeiten über die deutsche Wiedervereinigung beruht. Es geht darin um den großen Zeitraum zwischen 1944 und 2014 im Nazi-Deutschland, der DDR und im vereinigten Deutschland. (Die politischen Ereignisse in Westdeutschland und Westberlin in den 70er Jahren werden nicht erwähnt.)

Dieser im Selbstverlag erschienene in der medialen Öffentlichkeit kaum bemerkte Roman hat eigentlich das Zeug zu einem populären Schmöker, er ist so etwas wie ein Dokufiction-Krimi. Aber das Interesse an deutscher Vergangenheit schwindet mit dem steigenden Interesse an der Gegenwart. Kommunistischer Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und das Ende der DDR, das interessiert angesichts des Ukraine-Krieges nur wenig. Allerdings gibt es aus der Perspektive eines ehemaligen DDR-Dissidenten von 2014 eine deutliche Warnung:

„Ein vereintes Deutschland unter dem Dach der Nato, das Russland aus Europa heraushielt und die Russen demütigte. Das werden wir noch teuer bezahlen. {…} Damit haben wir geholfen Putin groß zu machen.“ 47

Im Zentrum der Handlung steht eine westdeutsche Historikerin Marie, die mit den Mitteln der „oral history“ die Rolle der jüdischen kommunistischen Widerstandskämpfer in der frühen DDR untersuchen will. Sie verliebt sich in Paul Z., einen ihrer Gesprächspartner, ein 70jähriges Mitglied des ZK der SED. Am Tag der Maueröffnung 1989 bricht dieser nach einem Schlaganfall zusammen. Mit allen Mittel des Kriminalromans, – red herrings galore – wird dem Leser die Lösung vorenthalten. Paul hat nach seiner Verhaftung durch die Gestapo unter der Folter Namen der Inlandsleitung der KPD preisgegeben, die danach hingerichtet wurden. Das hat er in der DDR immer verschwiegen, aber der sowjetische Geheimdienst wusste es. Ein Sohn eines der Opfer von Pauls „Verrat“, ein erfolgreicher Filmregisseur, konfrontiert ihn schließlich an jenem Tag des Untergangs der DDR damit. Was zum Zusammenbruch Pauls führt.

Der Erzähler arbeitet mit allen Mitteln des perspektivischen Erzählens. Der erste Teil besteht aus Berichten, Notizen, Gesprächsprotokollen, die eine westdeutsche Journalistin von Marie und anderen beteiligten Personen erhält. Erst im kurzen zweiten Teil wird deutlich, dass dieses Material die Grundlage für einen Fernsehfilm war, den diese Journalistin mit besagtem Filmregisseur gedreht hat. Dieses Material erhält nun Marie zurück und kann damit beweisen, dass der Filmregisseur zwar zu Recht Paul seine Schwäche unter der Nazifolter vorhalten konnte, ihn aber zu Unrecht als Kollaborateur mit dem sowjetischen Geheimdienst diffamiert hat. Der ehrliche Aufklärer war also der Lügner.

Alexander von Plato kennt die Biografien vieler DDR-Bürger aus seiner Forschungsarbeit genau. Und er kennt die Fallstricke der „oral history“-Methode.

„Es kann doch sein, dass man sich immer aus anderen Geschichten und Bildern etwas zurechtklaubt, was zu den eigenen Erfahrungen oder Erlebnissen passt.“ 48

Auch Zeitzeugen sagen nicht immer die Wahrheit. Er hat aber keinen Schlüsselroman geschrieben. Die fiktiven Figuren sind zusammengesetzt aus Puzzleteilen realer Biografien.

Rote Fahnen Rote Lippen

Einen anderen Weg hat Marianne Brentzel beschritten. Sie hat schon 2011 einen Roman geschrieben, aber einen autobiographischen – ein Mittelweg zwischen Erinnerungsbuch (Jasper) und vollständiger Fiktionalisierung (Neitzke).

Hannah Heister heißt die Heldin (die Autorin wählt die Namen mit Bedacht), geboren 1943. Ihr Leben wird erzählt vom Beginn des Studiums 1963 in Berlin am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität bis zur Auflösung der Partei 1980. Es umfasst also die Entwicklung der Studentenbewegung von ihrem Anfang an bis zum endgültigen Ende ihrer Ausläufer. Die Erschießung Benno Ohnesorgs, das Attentat auf Rudi-Dutschke, die wichtigen Ereignisse werden in ihren Auswirkungen geschildert. Hannah ist zunächst Mitglied des Liberalen Studentenbunds 49, dann wechselt sie zur Proletarischen Linken (Pl/PI), einer locker organisierte Gruppe mit syndikalistischer Ausrichtung, die propagierte, dass Studenten in den Industriebetrieben arbeiten sollten. Hannah arbeitet als Fabrikarbeiterin bei SEL und Gilette. Aber bald ist sie enttäuscht:

„Von einem Haufen von Chaoten, der bald wieder auseinander lief, hatte sie genug.“ 50.

Da kommt die Aufforderung, in die gerade gegründete KPD-AO einzutreten, gerade richtig.

„Wahrscheinlich war die chinesische heute die richtige Form des politischen Kampfes. Auf keinen Fall würden die Genossen der KPD auf die verrückte Idee kommen, einen Art bewaffneten Kampf anzuzetteln.“ [a.a.O. S.103].

Die Motive der Ablehnung des bewaffneten Kampfes der RAF und des Bedürfnisses nach Stabilität und Orientierung, die auch Helmut Lethen erwähnt, werden auch hier deutlich.

Nun wird der Roman eine Parteigeschichte, erzählt aus einem ganz spezifischen Blickwinkel. Alle Personen sind erkennbar, wenn auch unter Pseudonym: der unheimliche Genosse Elroh ist Jürgen Horlemann, Genosse Olaf (Peter Neitzke) zerreißt ein Stalin-Bild und wird aus dem ZK ausgeschlossen. Katharina, die Große Ka, (Ruth Henning) beherrscht kompetent und mit flexibler Unnachgiebigkeit die regionale Leitung. Der Parteivorsitzende Brotler (Christian Semler) kommt nur am Rande vor. Hannah hat schon vor ihrem Parteieintritt einen kleinen Sohn und sie wird Funktionärin, zieht im Auftrag der Partei von Berlin nach Dortmund. Und was den Roman weit über eine Parteigeschichte hinaushebt, ist die Gestaltung dieses Konflikts zwischen privatem Familienleben und bedingungslosem Einsatz für die politische Organisation.

Diese Hannah ist eine Frau von heftigem Temperament, spitzer Zunge und erheblichem Tätigkeitsdrang. Auch nach einer unerfreulichen Weihnachtsfeier in der Parteizentrale hält sie daran fest:

„Der pausbäckige Familienalltag soll nicht meine Sache sein.“ 51

Aber sie sieht sich und ihre Genossen als

„Marionetten der selbstgesetzten Pflichten {…} ganz und gar nicht die allseits entwickelten Persönlichkeiten, die wir einmal werden wollten. Eher wie Hamster im Rädchen. Das Partei ist unsere Welt. Wir laufen und laufen und kommen uns sehr wichtig vor. Aber wir kommen keinen Meter voran.“

So beweint sie ihr Leben, „wusste am nächsten Morgen nicht mehr genau warum.“ 52Auf die Frage ihrer Pariser Freundin „Wozu das alles?“ antwortet sie

„Weißt du, es ist schwer zu erklären, weil es neben der inneren Überzeugung auch ein Leben in einem festen sozialen Umfeld ist.“ 53

Und sie lässt nicht locker, wird Mitglied der Regionalen Leitung Nordrhein-Westfalen, wiederum mit unterdrückten Selbstzweifeln:

„Warum wollte sie das eigentlich? War es Ehrgeiz, der sie trieb? Der Wunsch nach mehr Anerkennung?! Sicher spielten diese ‚erzbürgerlichen‘ Motive auch eine Rolle, wie sie Lena in Paris gestanden, aber hin zugefügt hatte, vor allem wolle sie ‚der Sache‘ besser dienen.“ 54

In dieser Funktion vertritt sie die vollständige Unterordnung aller persönlichen Bereiche unter den Primat der Politik auch gegenüber anderen. Einem Genossen, der sich weigert, von Duisburg nach Solingen umzuziehen, macht sie das klar und beschwichtigt danach ihre eigenen Zweifel.

„Er hätte nein sagen können, beruhigte sie sich. Über mein Leben bestimmt die Partei doch auch. So ist das nun mal, wenn man bei uns mitmacht. Anders geht es nicht.“ 55

Nach einer ausführlich geschilderten Abtreibung 56 bekommt sie problemlos in zweites Kind. Und doch bleibt der Zwiespalt:

„Familie, dachte Hannah in dieser Zeit häufig, Familie ist etwas Verrücktes. Eine Dennoch-Konstruktion. Man will sie und will sie doch nicht.“ 57

Eine China-Reise mit der Parteidelegation auf Einladung der Kommunistischen Partei Chinas sorgt für die endgültige Desillusionierung. Das Land der Utopie ist auch nur eine widersprüchliche Wirklichkeit. Am Ende steht die erlösende Selbstauflösung der Partei im Frühjahr 1980.

Der stille Held im Hintergrund, der das alles möglich macht, ist Hannahs Ehemann Rolf, das ist Hugo Brentzel 58, der langjährige Anwalt der Partei, der selbst kein Mitglied war, aber zahlreiche Genossen in ungezählten Prozessen verteidigt hat, mit denen Staatsanwaltschaften die Parteimitglieder überzogen. Er ist immer da, um die Kinder zu betreuen, wenn Hannahs Termine Vorrang haben, er ist da, um Hannah zu trösten in ihren Verzweiflungsnächten. Diese privaten Szenen, die die Parteiberichterstattung immer wieder unterbrechen, geben dem Bericht erst den Charakter eines Romans.

Der Roman hat aber noch ein zweites Element: in die Erzählung des Lebens Hannahs sind immer wieder Texte eingeschoben, die den Titel „Hildes Tagebuch“ tragen. Erst am Ende wird klar, dass Hannahs Freundin Hilde ihr dieses Tagebuch übergeben hat. (Ein ähnliches erzähltechnisches Manöver wie in Alexander von Platos Roman die Übergabe der Materialien der Journalistin Barbara an die Historikerin Marie.) Diese Texte erzählen bruchstückweise die Suche Hildes nach ihren Ursprüngen. Sie ist als Tochter einer KZ-Wärterin im KZ Ravensbrück geboren. In diversen Etappen der Erzählung wird deutlich, dass diese Herkunft für Hilde sowohl ein Grund war, sich der kommunistischen Partei anzuschließen als auch, dass sie diesen Grund für sich behalten will, ihn nicht der Partei als Argument zur Verfügung stellen will. Sie nimmt dafür in Kauf, von der Partei ausgeschlossen zu werden.

Diese Parallelgeschichte zu Hannahs Karriere, vertieft das Thema des Konflikts zwischen Privatheit und politischer Tätigkeit weiter: das richtige Motiv führt zur Trennung von der Partei, das falsche Motiv führt zum Aufstieg in der Partei.

Morelli verschwindet

Die literarische Spitze der Erinnerungsbücher dieser Autorengruppe ist Peter Neitzkes Roman „Morelli verschwindet“. Es ist Gegenwartssatire, Kritik der Erinnerungsliteratur, Abrechnung und Versöhnung mit der Vergangenheit – alles in einem. Ein Roman mit Bitterkeit und Humor, von einer überlegenen Reflektiertheit, die man in kaum einem anderen Roman finden wird. Und ein Lesevergnügen der herausfordernden, spannenden Art.59
Die Grundidee des Romans ist alles andere als naiv: Gregor Hellman, ein Barpianist, engagiert Frantz Morelli, einen Architekten, als Ghostwriter, der mithilfe von Hellmanns Notizen dessen Autobiographie schreiben soll. Alles ist hier verdreht und verspiegelt. Hellman klärt Morelli auf:

‚Schriftsteller {…} geben als Fiktion aus, was sich mehr oder weniger aus Elementen der eigenen Biographie zusammensetzt. Aber mit den üblichen Tricks die eigene Person verdunkelt. Mich interessiert das Umgekehrte: Wie, wenn das eigene Leben eine Fiktion ist? Wie löst man das literarisch?‘“ 60

Und Morelli versteht seine Rolle für Hellman als „eine Art produktiver Schatten, als investigatives Double, als Frageinstanz und handwerkliches Spaltprodukt.“ 61

Aber Morelli verschwindet, wirft seine Matratze samt Manuskripten aus dem Fenster seiner Wohnung im 5. Stock in den Fluss und reist ab, mit unbekanntem Ziel. Für Hellmann schreibt er nichts, die Dreitausend, die er als Anzahlungshonorar erhalten hat, gibt er nicht zurück. Der Roman wechselt nun ständig die Perspektiven zwischen Hellmann und Morelli. Hellmann sucht Morelli, meint ihm zu begegnen. Das gibt eine Reihe von satirischen Vignetten der Gegenwart: ein Besuch im Einkaufsparadies „Universum“, assistiert von einer digitalen Kaufberaterin, der mit marxistisch geschulter Begrifflichkeit endet:

„‚Keine Angst. Die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums werden darauf verzichten, die Produktionsverhältnisse zu revolutionieren.‘ ‚Und was machen sie stattdessen?‘ ‚Sie finden ihr Betätigungsfeld in der Zirkulationssphäre.‘“ 62

Oder der Vortrag eines berühmten Künstlers in der Kunsthochschule:

„Sprechakte als Marktereignisse über den Planeten geschoben. Das Geschäftsfeld heißt performativer Ansatz oder performative turn.“ 63

Und ein Besuch in einer umgebauten Industriehalle, ein die „Chambers of Posthumus Fame. Nachruhm-Kammern.“ eingebaut wurden, kleine fensterlose Kubikel für Menschen, die verschwinden wollen. Dort gibt es auch „Kammern für Renegaten jeglichen {…} Kammern für Kommunisten einst konkurrierender Generallinien.“ 64.

Hellmann hat inzwischen in Morellis verlassener Wohnung Fragmente eines Adressbuchs gefunden, alles nur Adressen von Personen mit Anfangsbuchstaben K., ein Lateinlehrer, ein Zeitungsredakteur, ein Optiker, seine frühere Vermieterin, eine Stimmberaterin, eine Klavierlehrerin, eine Performerin. Die interviewt er nun nacheinander. Er erhält Auskünfte über Morellis Vergangenheit, aber keine über seinen derzeitigen Aufenthaltsort.

Im zweiten Teil wir nun aber deutlich, wohin Morelli verschwunden ist: nach Dubai, wo er die Endphase des dortigen Baubooms erlebt. Dort trifft er aber auch einen Schriftsteller. Das ergibt das „Kunstgespräch“ des Romans, in dem die Geheimnisse seiner Machart freigegeben werden. Der Schriftsteller empfiehlt Julio Cortazárs Methode:

Ironie, unablässige Selbstkritik, Inkongruenz, Phantasie in niemandes Diensten. {…} Du musst den Antiroman schreiben, ohne jede geschlossene Ordnung. Musst deine Leser zu Komplizen machen. Ihnen so etwas wie eine Fassade mit Türen und Fenster geben, nicht mehr. Dahinter werden sie jede Menge umaufgelöster Widersprüche {…} Sie werden hinter der Fassade mit Türen und Fenstern eine Welt aus Ruinen entdecken. Und jubilieren.“

Morelli entgegnet:

„Nur mit diesen Tricks schreibst du heute keine Erzählung. Die Form kann konventionell sein. Sie muss es nicht, sie kann. So konventionell, dass man verführt wird, in deine Geschichte einzutauchen. Und es eine Weile bei dir aushält. Brüche und Einbrüche musst du aufschieben. {…} Vor allem muss deine Erzählung eine Erzählung aus deiner Zeit sein, mit jeder Zeile. {…} Die Fassade ist die Konvention. Deine Ruinen sind nicht die Ruinen der Erzählform, das interessiert nur Theoretiker, sondern die Ruinen deiner Gegenwart. Wenn ich schreibe, berichte ich ja von Trümmern, von Staubwolken. Von der Jauche der Welt, in der ich lebe.“ 65

Dass dies nicht nur die selbstreferentiellen Pirouetten eines unentschlossenen Literaten sind, sondern wirklich das Vermächtnis des realen Peter Neitzke, wird immer wieder deutlich. Ein Gesprächspartner Hellmanns sagt zum Beispiel über Morelli:

„Sie wissen vielleicht, dass er irgendwann eine dieser linken Politsekten mitbegründet hat.“ 66

Und in einer der als „Fundsachen“ eingeschobenen Notizen Morellis heißt es:

„Morelli, hat ihm einmal einer gesagt, hier wird politisch argumentiert, nicht moralisch, moralisch war kleinbürgerlich, die eigene armselige Person ins Zentrum rückend, dein Name ist nicht Morali, hat der Parteisekretär einmal gesagt und dabei maliziös gelächelt, dein bürgerlicher Name ist Morelli, moralisch wird hier nicht argumentiert, um Moralisches ging es nicht, politisch war, die eigene Person in die Regie des Politischen zu nehmen, politisch war, die Leute danach zu beurteilen, wo sie standen, auf der richtigen oder der falschen Seite. Er ahnte, dass das grundfalsch war, riskierte aber mit den Genossen keinen Streit.“67

Vor dem Abschied aus der Wüste der Neubauruinen in Dubai zitiert Morelli im Selbstgespräch sich die Kritik der Trinitarischen Formel der Vulgärökonomie (Kapital, Boden, Arbeit) aus dem Dritten Band des Kapitals von Karl Marx 68, dass das wahre Reich der Freiheit nur auf dem Reich der Notwendigkeit als einer Basis aufblühen kann.

„Du suchtest hier dein privates Reich der Freiheit. Hat nicht geklappt, wie man sieht. Klappt nirgends, solange …“ 69

Schließlich treffen Hellmann und Morelli doch noch aufeinander, am Ostseestrand, verprügeln sich gegenseitig und spielen dann einträchtig auf Morellis Flügel [Peter Neitzkes Flügel] vierhändig Bill Evans Song „What are you doing the rest of your life?“. Morelli verweigert weiterhin die Biographie Hellmanns:

„Warum sollte er unbedingt sein Leben ausbreiten wollen, irgendeine Deprigeschichte.? {…} Eine Todesanzeige, falls sie denn jemand in die Zeitung gesetzt und ich sie (was sonst) zufällig entdeckt hätte, würde mich nicht erstaunen.“ 70

Am 13.5.2015, kurz vor dem Erscheinen dieses Romans, ist Peter Neitzke gestorben.

 

Literaturliste:

  • Marianne Brentzel, Rote Fahnen Rote Lippen. Roman. Edition Ebersbach, 2011
  • Helmut Lethen, Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht. Göttingen: Wallstein, 2012
  • Alan Posener, „Was ich der KPD verdanke (1-3)“. starke-meinungen.de, 25.6.2013
  • Christian Semler, Kein Kommunismus ist auch keine Lösung. Texte und Essays. Hg. v. Stefan Reinecke und Mathias Bröckers. Berlin: taz, 2.Auflage, 2013
  • Peter Neitzke, Morelli verschwindet. Roman. Lohmar: Hablitzl, 2015
  • Willi Jasper, Der gläserne Sarg. Erinnerungen an 1968 und die deutsche „Kulturrevolution“. Berlin: Matthes & Seitz, 2018
  • Alexander von Plato, Verwischt. Eine Liebe in Deutschland 1989. Berlin: neobooks, 2019
  • Helmuth Lethen, Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Berlin: Rowohlt, 2020
  • Marianne Brentzel, Rathaussturm. Vechta: Geest-Verlag, 2021

Sekundärliteratur:

  • Klaus Birnstiel, „Gelehrtenexoterik. Einige akademisch-intellektuelle Erinnerungs- und Notizbücher.“ in: Merkur 67 (2013), S. 354-360.
  • Ingrid Gilcher-Holtey (Hg.), 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht, 1998
  • Dorothea Kraus, Theater-Proteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren. Frankfurt: Campus, 2007
  • Andreas Kühn, Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre. Frankfurt/M, New York, Campus 2004.
  • Michael Rutschky, Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre. Köln: Kiepenheuer& Witsch, 1980
  • Karl-Heinz Schubert, „Zur Geschichte der westberliner Basisgruppen“, aus: Aufbruch zum Proletariat. Dokumente der Basisgruppen, eingeleitet und ausgewählt von Karl-Heinz Schubert, Westberlin 1988
  • Benedikt Sepp, Das Prinzip Bewegung. Theorie, Praxis und Radikalisierung in der West-Berliner Linken 1961-1972. Göttingen: Wallstein, 2023

 

  1. 16.5.1941-31.3.2022
  2. -17.12.2022
  3. 11.6.1945-3.2.2023
  4. 31.5.1943-15.3.2023
  5. Elisabeth Weber war 1970 der führende Kopf der Roten Zelle Germanistik an der Berliner FU und dann bis 1980 Mitglied der Leitung der KPD(ehemals AO). Nach 1980 war sie Mitarbeiterin verschiedener Bundestagsabgeordneter der „Grünen“ und entscheidend beteiligt an der Vorbereitung der Fusion von Bündnis 90 und „Die Grünen“. Nachruf Böll-Stiftung, Nachruf Havemann-Gesellschaft
    Ruth Henning war ebenfalls Mitglied des ZK der KPD(ehemals AO). Nach 1980 unterstützte sie die polnische Opposition, lebte zeitweise in Polen und gründete die Deutsch-Polnische Gesellschaft Brandenburg. Nachruf Märkische Oderzeitung
    Willi Jasper war 1976-1980 Chefredakteur der „Roten Fahne“, der Wochenzeitung der Partei. Seit 1994 war er Professor für Neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte und Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Gespräch Deutschlandfunk 2022
    Antje Vollmer, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags von 1994-2005, „trat der Partei {KPD-AO} nicht bei“ und war nur Mitglied der „Liga gegen den Imperialismus“, einer Tochterorganisation der KPD, hat aber durch ihre unter Pseudonym (Karin Bauer) veröffentlichte Biografie Clara Zetkins (Oberbaum Verlag, Berlin 1978) und einen Artikel zur Frauenfrage in der „Roten Fahne“ jedenfalls Einfluss auf die frauenpolitische Linie der Partei genommen. Nachruf taz
    Dass diese Personen hier vor allem in ihren Funktionen in den Jahren 1970-1980 erwähnt werden, bedeutet nicht, dass ihre späteren Tätigkeiten und Positionen nicht zu würdigen wären. Alle hier genannten haben nach 1980 bedeutende Beiträge zur Politik und Kultur in Deutschland geleistet, die hier nicht im Einzelnen erwähnt werden können. Was sind schon diese 10 Jahre gegen die 30 oder 50 folgenden!
  6. 7.12.1941-24.5.1995 Nachruf Südostasien Informationen
  7. 13.12.1938-13.2.2013 taz Übersicht über Nachrufe, Drei taz-Erinnerungen
  8. 21.8.1938-15.3.2015 Nachruf Bauwelt
  9. Jürgen Horlemann, Christian Semler und Peter Neitzke waren das Gründungs-Triumvirat der KPD-Aufbauorganisation, die Ende 1969 aus der Auflösung des Berliner SDS und der RPK-Konferenz hervorging. Die KPD-AO wurde auch spöttisch „Semler-Horlemann-Neitzke-Gruppe“ genannt.
  10. Eine ausführliche Darstellung der K-Gruppen, einschließlich der KPD-AO, als Gegenstand historischer Forschung ist: Andreas Kühn, Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre. Frankfurt/M, New York, Campus 2004.
    Der Nachteil dieser aus zeitlicher und intellektueller Distanz zur ML-Bewegung geschriebenen Arbeit ist die Faszination des Autors für die abstoßenden Züge seines Gegenstands. Er sammelt alle verwerflichen oder verwunderlichen Praktiken und Auffassungen, die er finden konnte (und das sind zu Recht viele). Ein Bemühen, die Motive der damals Handelnden zu verstehen, außer in den distanzierten Formeln der Sozialpsychologie, geht ihm völlig ab. Zudem behandelt er die drei Organisationen KPD-AO, KPD/ML und KBW im Zusammenhang und wird damit der KPD(ehemals AO) vor allem in den letzten zwei Jahren ihrer Existenz nicht gerecht. Eine Einordnung in die politischen Entwicklungen in Deutschland und der Welt der 70er Jahre fehlt völlig (vgl. die Rezension von Thomas Dannebaum). Eine sehr viel tiefergehende Analyse der Entstehung der KPD-AO findet sich in der Dissertation von Benedikt Sepp, Das Prinzip Bewegung. Theorie, Praxis und Radikalisierung in der West-Berliner Linken 1961-1972. Göttingen: Wallstein, 2023. Sepp erklärt die fortschreitende Selbstverhärtung und Selbstabschließung der KPD-AO damit, dass im Gegensatz zur vorangehenden Studentenbewegung die Theorie als wahr und gültig vorausgesetzt wurde, und somit, wenn die „Bewegung“ weiter fortschreiten sollte, nur die unzureichende Umsetzung der Theorie in die Praxis als Erklärung möglich war. (Zur KPD-AO: S.270-303)
  11. Semler, S.32, taz 1998. Die abgekürzten Zitatnachweise verweisen auf die Literaturliste am Ende
  12. Der Schreiber dieser Zeilen war 1970 Mitglied der Roten Zelle Germanistik der FU Berlin, dann bis 1976 des Kommunistischen Studentenverbandes (KSV), danach Mitarbeiter der Zeitschriften „Kämpfende Kunst“, „Kunst und Gesellschaft“ und „Spuren“ und 1978-1980 Kulturredakteur der Wochenzeitung „Rote Fahne“ der KPD(ehemals AO).
    Meine Aufgabe war die Öffnung der Zeitung zur allgemeinen Öffentlichkeit. Also schrieb ich vor allem Rezensionen von aktuellen Filmen und Romanen. Meine Artikel waren insofern erfolgreich, als sie viele empörte Leserbriefe nach sich zogen. Schließlich gab es im Umkreis der Partei viel kompetentere Beurteiler als diesen wenig belesenen Jungspund.
    Der Satz „war nie Mitglied der Partei“ hat in Deutschland eine anrüchige Tradition, aber in diesem Falle ist er unvermeidlich. Ich war in verschiedenen Funktionen subalterner Mitarbeiter der Parteizentrale in Dortmund und dann in Köln, ohne Mitglied der Partei zu sein. Als man mir 1979 den Aufnahme-Antrag aushändigte mit der Bemerkung, ich sei nur vergessen worden, hatte ich mit der „Rote Fahne“-Redaktion bereits für die Auflösung der Partei plädiert und gab das Formular nicht zurück.
  13. Lethen, Handorakel, S. 11
  14. ehemaliges  Mitglied der regionalen Leitung Nordrhein-Westfalen der KPD und Mitglied der Parteidelegation in China 1979
  15. Brentzel, S.175
  16. Semler S. 80, taz 2001
  17. In seiner 2020 erschienen Autobiographie „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen“ greift Lethen für die hier interessante Phase von 1969 bis 1980 auf seinen älteren „Bericht“ zurück und fügt wenig Neues hinzu.
  18. Lethen, Handorakel S. 72
  19. Lethen, Handorakel S.21
  20. Lethen, Handorakel, S.25
  21. Lethen, Handorakel, S. 27
  22. Lethen, Handorakel, S. 14
  23. Lethen, Handorakel, S. 13
  24. „Die erste Etappe des Aufbaus der Kommunistischen Partei des Proletariats“ Thesenpapier von Semler, Horlemann, Neitzke, Hartung, Chr. Heinrich, Jasper. Darstellung des Ablaufs der Konferenz, in: Karl-Heinz Schubert, „Zur Geschichte der westberliner Basisgruppen“, aus: Aufbruch zum Proletariat. Dokumente der Basisgruppen, eingeleitet und ausgewählt von Karl-Heinz Schubert, Westberlin 1988
  25. Die Partei aufbauen. Plattformen, Grundsatzerklärungen. Berlin, 1971
  26. Alan Posener, Was ich der KPD verdanke 1-3. starke-meinungen.de
  27. Alan Posener, Was ich der KPD verdanke 3. starke-meinungen.de
  28. zit. bei Jasper, S. 53
  29. Lethen, Handorakel S. 19. Die erste deutsche Ausgabe der Schriften des Bühnenbildners und Theaterreformers Edward Gordon Craig (1872-1966) wurde 1969 von den späteren KPD-AO Gründungsmitgliedern Elisabeth Weber und Dietrich Kreidt herausgeben: Edward Gordon Craig, über die kunst des theaters. Berlin: Gerhart Verlag, 1969
  30. Jasper, S.58-63
  31. Eine ausführliche Darstellung der Ereignisse im Zusammenhang mit dieser Inszenierung durch einen der Beteiligten findet sich in Wolfgang Schwiedrziks Beitrag „Theater als ‚Aktion'“ in: Ingrid Gilcher-Holtey (Hg.), 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht, 1998, S. 224-238
  32. Eine Darstellung der politischen Entwicklung der Schaubühne am Halleschen Ufer zwischen 1960 und 1970, geschrieben aus der Distanz von vierzig Jahren, findet sich in der Dissertation von Dorothea Kraus, Theater-Proteste. Zur Politisierung von Straße und Bühne in den 1960er Jahren. Frankfurt: Campus, 2007, S.281-301.
  33. Jasper, S.133
  34. Ingrid Gilcher-Holtey, S. 238
  35. „Der Apparat war ein selbstdestruktiver Trichter, der Bewegungsenergien im Selbstlauf von Wiederholungen im Inneren verschlang, aber in der unübersichtlichen Situation der 70er Jahre stabilisierende Wirkung nach außen hatte.“ Lethen, Handorakel, S.18
  36. Jasper, S.33
  37. Lethen, Handorakel,S. 18
  38. Wir warn die stärkste der Partein… Erfahrungsberichte aus der Weit der K-Gruppen, Berlin 1977
  39. Michael Rutschky, Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre. Köln: Kiepenheuer& Witsch, 1980. Ist „Germanist L.“ in Rutschkys Darstellung des Germanistentags in Berlin 1968 im ersten Kapitel des Essays wirklich Helmut Lethen?
  40. Posener, Teil 3
  41. Semler, S. 167
  42. Semler, S. 34-36
  43. Walter Benjamin, Illuminationen S. 413, zit. bei Lethen, Handorakel S.51f
  44. (*1942). Seine Dissertation Zur Einschätzung der Klassenkämpfe in der Weimarer Republik. KPD und Komintern, Sozialdemokratie und Trotzkismus. Oberbaumverlag, Berlin 1973 prägte das historische Verständnis der KPD-AO-Kader entscheidend. Er war dann Leiter des Jugendverbandes KJVD der KPD.
  45. v. Plato, S. 302f
  46. v.Plato, S. 304
  47. von Plato, S.283f
  48. v. Plato S. 312
  49. Der Liberale Studentenbund Deutschlands war eigentlich der Studentenverband der FDP, hatte sich aber bereits in den 60er Jahren von der FDP gelöst und verstand sich als Bestandteil der „sozialistischen Opposition.“
  50. Brentzel, Rote Fahnen S.102
  51. a.a.O. S.141
  52. a.a.O. S.142
  53. a.a.O., S. 157
  54. a.a.O., S. 160
  55. a.a.O., S.209
  56. Die nicht, wie im Klappentext steht, von der Partei „diktiert“ ist, sondern auch von ihr gewollt. Ihr erste Reaktion auf die Feststellung der Schwangerschaft beim Gynäkologen ist „Das will ich nicht, kein Kind und keine Herztöne.“ Später wiederholt sie „Ich will es {die Abtreibung} auch“ S.202
  57. a.a.O., S.226
  58. ✝︎2017
  59. vgl. die Rezension von Andreas Platthaus in Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.5.2015
  60. Neitzke, S.24
  61. a.a.O, S. 57
  62. a.a.O., S. 32
  63. Oa.a.O., S. 34
  64. a.a.O., S.45-47
  65. a.a.O. S.118f
  66. a.a.O, S. 76
  67. a.a.O, S.51
  68. Karl Marx, Das Kapital Bd. III. 48. Kapitel, in: MEW Bd. 25, S. 828
  69. a.a.O., S.125
  70. a.a.O., S.139

Warum gibt es Theaterkritik?

In der Folge der Diskussion über Theaterkritik nach der Hundekot-Attacke auf die Tanzkritikerin Wiebke Hüster, hat Thomas Rothschild in einem Nachtkritik-Kommentar zu einem Essay Christine Wahls nach der Begründung von Theaterkritik gefragt:

„Was mir fehlt, ist eine Begründung dafür, dass Schauspielern, Regisseuren, Choreographen abverlangt wird, was den meisten Berufsgruppen erspart bleibt. Dass den Künsten Kritik gegenübersteht, ist ja kein Naturgesetz. Es ist eine historisch entstandene Tradition, die man begrüßen kann, aber nicht muss.“

Im Folgenden ein kleiner Begründungsversuch:

Es gib keine Kritik der Müllabfuhr und keinen Applaus für sie. Aber die Ranking-Mode breitet sich überall aus, auf Kaffeemaschinen, Software, Ärzte, Romane, Filme usw. Andreas Reckwitz hat das als Symptom der Gesellschaft der Singularitäten analysiert. Auch das Genre der Rezension breitet sich ausgehend von der Literatur in alle Bereiche aus. (Lehrerkritiken gibt es in jeder Abiturzeitung.) Aber für die Theaterkritik gibt es andere Begründungen, unabhängig von der gegenwärtigen Veränderung der Kommunikationsstrukturen durch das Internet.

Zum einen ist Theaterkritik Kunstkritik. Kunstrezeption provoziert ästhetische Urteile. Man kommt nicht aus einer Kunstausstellung heraus, ohne sie gut oder schlecht oder irgendwie gefunden zu haben. Ästhetische Urteile (da kommt man an Kant nicht vorbei) sind keine allgemeingültigen Urteile über Tatsachen, sondern sie tun nur so, als ob sie allgemeingültig seien, sie „sinnen Zustimmung nur an“. Sie fordern Widerspruch und Diskussion heraus.

Zum anderen ist Theaterkritik die Kritik eines kollektiv erlebten öffentlichen Ereignisses. Man geht nicht vereinzelt im eigenen Tempo in einem Raum von Kunstobjekten, sondern man erlebt eingepfercht neben anderen die simultane Gegenwart von Schauspielern. Das erhöht den Gesprächsbedarf im Vergleich zu anderen Kunstformen. Zuschauer entscheiden gelegentlich über einen möglichen Theaterbesuch anhand von Kritiken, aber sie gleichen auch ihr Erlebnis eines Theaterbesuchs mit der Bewertung durch eine professionelle Kritik ab. Theateraufführungen diskutierbar zu machen, ist auch eine Begründung für Theaterkritik. Das ist die Leistung, die sie für Zuschauer erbringt.

Dass die Theatermacher wie alle Künstler abwertende Urteile über ihre Werke nicht mögen, ist verständlich. Kunst will Affirmation. Aber die Einsicht, dass die Kunst nur Bedeutung hat, wenn sie in den offenen gesellschaftlichen Diskurs gerät, dürfte auch jedem Künstler klar sein, auch wenn er im Schaffensprozess sich nicht daran orientiert. Dabei muss es auch abwertende ästhetische Urteile geben. Wenn es nur zustimmende Urteile im öffentlichen Diskurs gäbe, würde die diskursinitiierende Funktion von Kritik beschränkt. Man kann die alte Regel, Verrisse kurz, Hymnen lang, beherzigen, aber die Achtung vor den Künstlern sollte durch die Erlebenskomponente (d.h. den Ärger des Rezensenten) nicht völlig verdrängt werden.

Eine unterhaltsame Satire der „Positivgesellschaft“ lieferte übrigens Rebekka Kricheldorfs Theaterstück „Homo empathicus“ schon 2014.

Kot auf Kritiker – Zur Attacke des Choreografen Marco Goecke auf die Tanzkritikerin Wiebke Hüster

Am 11.2.2023 hat Marco Goecke, der Ballettdirektor der Staatsoper Hannover, in der Pause der Premiere des Tanzabends „Glaube, Liebe, Hoffnung“ Wiebke Hüster, die Tanzkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, tätlich angegriffen. Im Verlaufe einer Auseinandersetzung um abwertenden Kritiken Wiebke Hüsters über Goeckes Choreographien, zog Goecke einen Beutel mit Hundekot seines Dackels Gustav aus der Tasche und schmierte den Inhalt Hüster in Gesicht. Die Staatsoper Hannover hat Goecke daraufhin suspendiert und ihm Hausverbot erteilt. Kurz darauf wurde er fristlos entlassen.

Marco Goeckes Aktion war eine Performance. Alle Merkmale treffen zu: vor Publikum, existenzielles Risiko des Künstlers, Grenzüberschreitung, Entfiktionalisierung der Kunst. „Sie hat mich auch jahrelang mit Scheiße beworfen“, sagt Marco Goecke. Es ist also nicht nur eine Aktion, die Gleiches mit Gleichem vergelten will, sondern auch die Umsetzung einer sprachlichen Metapher in körperliche Aktion. Und das, genau, ist Marco Goeckes berufliche Tätigkeit als Choreograph. Hier hat also jemand den Unterschied zwischen Kunst und Wirklichkeit vergessen. Und diesen Unterschied vergessen zu machen, ist eine der gängigen Strategien der gegenwärtigen Kunst. Es ist ein Fall von Realitätsverlust. Was in der Kunst ein Effekt ist, ist in der Wirklichkeit eine Straftat.

Tobi Müller hat in seinem Kommentar darauf hingewiesen, dass die Verschärfung des Klimas zwischen Theaterkritik und Theaterkunst oder die Verschärfung der traditionellen Abneigung der Theatermacher gegen die Kritiker auch aus den Existenzängsten beider Seiten kommt. Beide Seiten haben einen erhöhten Bedarf an öffentlicher Aufmerksamkeit, weil die Bedeutung und Beachtung ihrer Tätigkeiten in der Öffentlichkeit abnimmt. Invektiven erhöhen die Aufmerksamkeit. Beschimpfungen bringen mehr Klicks als Komplimente.

Karin Beiers mittlerweile häufig zitiertes Bonmot von der „Scheiße am Ärmel“ 1 ist dagegen nur eine verbale Entgleisung, mit der sie begründet, warum sie keine Kritiken liest. Sie beschreibt damit die Wirkung nicht nur negativer, sondern auch uninformierter Kritiken. Und da muss sich die Theaterkritik auch an die eigene Nase packen. Durch die prekäre finanzielle Stellung der Theaterkritik sinkt auch ihr durchschnittliches Niveau. Es gibt heute weder den Raum (eine verfügbare Zeichenanzahl in einem öffentlichen Medium) noch die Gründlichkeit der Beschreibung und Analyse, die Theaterkritiken von Rolf Michaelis oder Hellmuth Karasek hatten (um bei den Hamburger Beispielen zu bleiben). Wer heute Theaterkritiken schreiben will, kann nicht davon leben. Wer heute Theaterkritiken schreiben will, muss die Kunst des schnellen prägnanten, kurzen Schreibens beherrschen. Und damit wird man kaum ein ernstzunehmender Gesprächspartner für die Theatermacher.

Marco Goecke hat Karin Beiers beiläufigen Vulgarismus in die Tat umgesetzt, als Racheakt. Wiebke Hüsters unmittelbar vorausgegangene Kritik an Goeckes Den Haager Tanzabend „In the Dutch Mountains“ ist ein Beispiel für das gängige Stilmittel der Übertreibung: „Man wird beim Zuschauen abwechselnd irre und von Langeweile umgebracht. Dazwischen kommen ab und an zwei genialische, stimmige Minuten.  … Es ist eine Blamage und eine Frechheit, und beides muss man dem Choreographen umso mehr anlasten …“ (FAZ 11.2.2023)] Aber auch ein persönlicher Angriff. Bei persönlichen Angriffen auf Theatermacher in Kritiken („blutigen“ Verrissen) muss man mit Gegenreaktionen rechnen. Aber sie müssen verbal bleiben (Die Kommentarfunktion bei nachtkritik.de bietet da ja ein Forum). Dass Wiebke Hüster zwanzig Jahre lang versucht habe, Goecke publizistisch zu vernichten, trifft nicht zu. Zum Beispiel rühmte sie noch vor kurzem Goeckes „großartige Umsetzung von Marguerite Duras‘ Roman „Der Liebhaber“ und verband das mit der ausdrücklichen Werbung für den Theaterbesuch (FAZ 26.10.2022 und 01.03 2021). Und 2012 lobte sie ausführlich Goeckes Stuttgarter Choreografie zu „Dancer in the Dark“ (FAZ 1.12.2012)

Kot auf Kritiker:innen ist auch die Verschärfung des Prinzips Kartoffelbrei auf Kunst. Symbolische Kommunikation nimmt in der Öffentlichkeit einen immer größeren Raum ein. Wer etwas zu sagen hat, sagt es durch die Blume (oder durch Aktion). Demonstrationen werden Theateraufführungen immer ähnlicher (wie schon das Bundesverfassungsgericht 1984 in seiner Entscheidung zum „Anachronistischen Zug“ festgestellt hat). Analoge, auf Ähnlichkeit basierende, Kommunikation ist effektiver, wenn es um affektive Wirkungen geht, als verbale. Goecke hat also mit den Waffen zugeschlagen, die ihm zur Verfügung stehen. Nur hat er sich in der Wirkung verrechnet. Der körperliche Ausdruck seiner emotionalen Befindlichkeit kann nicht wie auf der Bühne mit der Empathie der Zuschauer rechnen. Im Gegenteil, der Ekel trifft ihn, das Mitleid die Kritikerin. Hat wirklich niemand die Szene im Foyer des Hannoveraner Theaters mitgefilmt?

Zusatz:

Marco Goecke hat drei Tage nach dem Vorfall nun ein Schreiben vorgelegt, das er als Entschuldigung versteht. „Ich möchte mich bei allen Beteiligten, an erster Stelle bei Frau Hüster, für meine absolut nicht gutzuheißende Aktion aufrichtig entschuldigen. Im Nachhinein wird mir klar bewusst, dass dies eine schändliche Handlung im Affekt und eine Überreaktion war.“

Der Sprachgebrauch des Übeltäters „ich entschuldige mich“ ist heute allgemein üblich, aber natürlich muss es es heißen, „ich bitte um Entschuldigung“. Die Schuld vergeben kann nur derjenige, dem Übles angetan wurde, nicht der Übeltäter. So wird die Redewendung „Entschuldigung …“ zur Rechtfertigung für Dreistigkeit. Man kennt das, wenn sich einer mit einem gemurmelten „Entschuldigung“ vordrängelt.

Außerdem schreibt er, dass es für alle Medien angebracht sei, „eine gewisse Form der destruktiven, verletzenden und den gesamten Kulturbetrieb schädigenden Berichterstattung zu überdenken“. Die Kulturkritik müsse sich fragen, wo sie „die Grenze zur Beleidigung, Verunglimpfung der Werke, zum Mobbing, zum Versuch negativer Meinungsmache und zur Geschäftsschädigung verletzt“. (SZ 14.02.23). Er rechtfertigt seine Attacke also auch wieder, zeigt kein Verständnis dafür, dass die Kunst nur im Meinungsstreit eine gesellschaftliche Bedeutung gewinnt.

Wenn man in Wiebke Hüsters kompetenter und ausgewogener Kritik von „In the Dutch Mountains“ „verletzende Berichterstattung“ finden will, kommt nur das Wort „Frechheit“ in Frage. Das ist eine moralische Wertung, die ausdrücklich auf die Person des Choreographen bezogen ist. Es ist keine Verbalinjurie, keine Beleidigung und moralische Wertungen sind in der Öffentlichkeit erlaubt, sogar nötig (Politiker wissen ein Lied davon zu singen). Moral ist auch Achtungskommunikation und die muss öffentlich sein. Es ist aber eine Frage der Selbstkontrolle der Kritikerin oder des Kritikers, ob man sich zu solchen Ausfällen gegen eine Person hinreißen lässt. Jedenfalls muss man (oder will man) mit Reaktionen rechnen. Allerdings nicht mit Hundekot.

Die deutlichste Abwertung Goeckes durch Hüster findet sich bezeichnenderweise in ihrem Blog Aufforderung zum Tanz von 2012: „Marco Goecke, dessen nichtssagende Nullitätentänze kein Mensch braucht.“  Dieses Zitat steht im Zusammenhang einer wertenden tour d’horizon durch die deutsche Ballettszene, die kein gutes Haar an den deutschen Ballettdramaturgien lässt, mit Ausnahme von Düsseldorf und München. Dass sich dieses Zitat in einem Internet-Blog findet, zeigt vielleicht eine der Ursachen der Verschärfung des Tons zwischen (manchen) Kritikern und (einigen) Theaterleuten. Das Internet ist eine „Affektmaschine“ (Andreas Reckwitz), die Hemmschwelle zur ungezügelten Emotionalität wird kleiner im Vergleich zu einer auf Papier gedruckten Zeitung. Kriterien für einen guten Blog sind schließlich Reaktionsgeschwindigkeit, Aktualität, Direktheit und Subjektivität. In der Eindämmung solcher kunstkritischer Tiefschläge ist nachtkritik.de mit ihrem Kommentarkodex vorbildlich.

  1. Hier der entscheidende Abschnitt des Interviews transkribiert: „Und da denke ich, wir begegnen uns auch nicht auf ein Niveau, dass mir das wirklich interessant ist. Und dann das im Verhältnis zu, was dann leider kleben bleibt. Also wirklich, wie schön Deutsch gesagt, wie Scheiße am Ärmel, denke ich, ne, mache ich nicht.“

Friendly Fire – Das Berliner Theatertreffen unter Beschuss Teil 2

Anmerkungen zu Interviews zum Berliner Theatertreffen

Im Juli 2022 gaben die Berliner Festspiele bekannt, dass die neue Leitung des Berliner Theatertreffens aus dem Vierer-Team Olena Apchel, Marta Hewelt, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska bestehen wird. Intendant Matthias Pees erklärte dazu, dass durch dieses Team das Theatertreffen „stärker mit dem mittel- und osteuropäischen Raum vernetzt werden“ solle
Es folgte ein kleiner Wirbel in den öffentlichen Diskussion, viele Kommentare äußerten ihr Unverständnis oder Skepsis für diese Entscheidung, z.B. Christian Rakow. Daraufhin blickte man zurück auf ein Interview, das Matthias Lilienthal und Amelie Deuflhard schon im Mai auf der Web-Site des Theatertreffens veröffentlich hatten. Und schließlich gab Matthias Pees selbst zwei Interviews, eines auf Nachtkritik, das andere im „Spiegel“, in denen er seine Absichten erklärte.

Im Folgenden werden – wie in „Friendly Fire – Teil 1“ – einige Sätze aus diesen drei Interviews kommentiert, weil sie eine allgemeine Bedeutung haben. Dabei steht (ML) für Matthias Lilienthal, (AD) für Amelie Deuflhard, (Pees) für Matthias Pees.

Kritik am bestehenden Juryverfahren

„Das „Best of“ ist kein zukunftsweisendes Prinzip.“ (AD)

Die umsichgreifende Expansion von Ranking-Listen auch im Theaterbereich spricht dafür, dass „best of“ zumindest ein aktuelles Prinzip ist. Andreas Reckwitz erklärt, warum gerade auf Singularitätsmärkten (wie dem Theaterbetrieb) Rankings („quantitative Techniken zur Repräsentation von Besonderheiten“) nötig sind1 Im endlosen Aufmerksamkeitswettebwerb der einzigartigen Inszenierungen muss Sichtbarkeit erzeugt werden. Dazu dienen Rankings. Das Theatertreffen-Prinzip der Auswahl von zehn gleichberechtigten Inszenierungen ist da vorsichtiger. Die Jury hat sich immer gegen eine Rangfolge unter den 10 gewehrt. Das wahrt einigermaßen die Singularität, die Unvergleichbarkeit, des Kunstwerks. Jede Auswahl nach dem „best of“-Prinzip steht aber unter dem Zwang, ihren Auswahlbereich zu definieren und tatsächlich vollständig zu erfassen. Daher die Beschränkung auf das deutschsprachige Gebiet und die intensive Reisetätigkeit der Juroren.

„Mittlere und kleinere Theater werden in einem viel höheren Maße von der Jury besucht als es sich dann in der Endauswahl niederschlägt“. (Pees)

Dies ist ein Grundproblem des Theatertreffens. Aber es hat auch seinen Stellenwert im System. Man kann das deutsche, Schweizer und österreichische Stadt- und Staatstheatersystem als autopoietisches System verstehen, das in sich stabil ist und sich selbst regenerieren kann. Es ist auch resonanzfähig, kann auf seine Umwelt (andere gesellschaftliche Subsysteme, andere Theatersysteme) reagieren. Ein solches System braucht Elemente zur Selbstbeobachtung, selbstabbildende Subsysteme. Das Theatertreffen war immer ein solches Subsystem zur Selbstbeobachtung des deutschsprachigen Theatersystems. Der deutsche Bühnenverein ist ein anderes, mit anderen Leitunterscheidungen. Die spezifische Differenz des Subsystems Theatertreffen ist „ästhetisch bemerkenswert/ nicht bemerkenswert“. Die Theater als Subsysteme des großen Theatersystems interagieren vielfältig miteinander. Schauspieler wechseln, Dramaturgen diskutieren, Intendanten fahren Karussell, Autoren bekommen Preise usw. Aber wie nimmt das Gesamtsystem sich selbst wahr? Ohne Selbstbeobachtung ist keine Nachjustierung der Interaktionen, keine Veränderung von Strukturen möglich.

Das Theatersystem wird aber auch finanziell gesteuert. Häuser in großen Städten haben größere Etats als in kleinen Städten. So entsteht auch ein Markt für Schauspieler, Regisseure, Intendanten, Bühnenbildner, Produktionsleiter usw. Es ist daher nicht überraschend, dass der ästhetische Singularitätenmarkt mit dem finanziellen Markt korreliert. Die besten Regisseure gegen dort hin, wo sie am meisten verdienen oder zumindest die besten Arbeitsbedingungen haben. Diese Korrelation ist nie perfekt. Das Theatertreffen verdankt seine Entstehung der Tatsache, dass diese Korrelation von Kunst und Geld nach 1945 sehr undeutlich war. Das ästhetische Zentrum der Theaterkultur in der Bundesrepublik wanderte zwischen 1945 und 1989 von Darmstadt (Sellner, Hering) nach Bremen (Hübner, Zadek) nach Bochum (Zadek, Peymann) nach Berlin (Stein, Grüber). Da brauchte man ein künstliches Zentrum zum Abgleich der Wahrnehmungen. Nach 1989, durch die Einbeziehung der ehemaligen DDR und der Entwicklung Berlins zur tatsächlichen Hauptstadt, gab es ein natürliches Zentrum, die Korrelation von Kunst und Geld wurde perfektioniert. Aber dennoch braucht das System ein Element zur Selbstbeobachtung als ganzes System. Ohne Provinz keine Hauptstadt. Die vielfältigen Interaktionen, die Aufstiegsmöglichkeiten und internen Differenzen der Subsysteme machen die Stabilität des Gesamtsystems aus. Die permanente Selbstbeobachtung ist notwendig zur Durchlässigkeit des Gesamtsystems. Die Bedeutung des Theatertreffens für die kleinen Theaterstädte liegt nicht nur in den Einladungen (die selten sind), sondern in der Permanenz der Beobachtung.

Kritik der Theaterkritik

„Theaterkritiker:innen sind genauso wenig neutral oder objektiv wie wir.“ (AD)
„Als Dramaturg verstehe ich mich auch noch immer als eine Art Kritiker.“ (Pees)

Natürlich urteilen Theaterkritiker nicht objektiv. Christine Wahl formuliert das Credo der Theaterkritike:rinnen: „Es gibt aber eine Überzeugung, die uns alle verbindet: Das ewig Plurale zieht uns hinan.“  2. Ästhetische Urteile sind nie objektiv. Ein ästhetisches Urteil sinnt jedem Zustimmung nur an3, d.h. es muss argumentieren, um Überzeugungskraft zu gewinnen. Diese subjektive Allgemeinheit des Kritikers oder der Kritikerin ist aber eine andere als die des Dramaturgen. Ein Dramaturg mag intern ein genauso scharfer Kritiker einer Inszenierung sein wie ein Zeitungsschreiber. Aber nach außen, gegenüber den Zuschauern und der Öffentlichkeit, muss er vorsichtig sein. Er hat ein Interesse an einem positiven Urteil. Seine Vertragsverlängerung hängt auch davon ab, wie weit es ihm oder ihr gelingt, zur Zuschauergewinnung, zur positiven Reaktion in der Öffentlichkeit oder zum kreativen Klima im Haus beizutragen.

Wenn mehrere Medien eine Inszenierung beurteilen, wird die Subjektivität der Urteile ja deutlich. Dass es Kritiker gab, die die Subjektivität hinter kategorischen Lobeshymnen und Verrissen versteckten, im Ton des autoritativen ex-cathedra-Urteils schrieben, lag ja am Selbstbehauptungswillen der Zeitungsschreiber in einer differenzierten Medienlandschaft. Aber die Großkritiker sind  verschwunden, auch weil die Medienlandschaft ausgedünnt wurde und sich fast keine Zeitung mehr einen hauptamtlichen Theaterkritiker leistet. Im Gegenteil, seit den 70er Jahren ist die Betonung der Subjektivität des Theatererlebnisses zum Qualitätsmerkmal einer Theaterkritik geworden (auch wenn das „ich“ in den Formulierungen weiterhin verpönt ist). Wie weit es dem Kritiker gelingt, sowohl das subjektive Erlebnis sprachlich zu vermitteln als auch die eigene emotionale Reaktion argumentativ abzusichern, ist entscheidend für die Wirkung einer Theaterkritik auf den Leser. Till Briegleb hat dieses Verständnis von Kritik auf den Punkt gebracht: „Ein Kritiker darf hassen, gerührt sein, belehren, resignieren, persönlich werden oder jubeln, solange er seine Gefühle in eine verständliche Relation zu dem Gegenstand bringt.“ 4

„Anschreiben gegen den Verfall“. (ML)
„Die Angst der Theaterkritikerinnen und -kritiker vor dem Bedeutungsverlust.“ (Pees)

Ich kann keine Angst von Kritikerinnen oder Kritikern vor dem Verlust ihrer eigenen Bedeutung erkennen. Wer heute Theaterkritiken schreibt, weiß um die marginale Bedeutung seiner Tätigkeit. Wenn es eine Angst der Kritikerinnen und Kritiker gibt, dann die vor dem Bedeutungsverlust des Theaters. Und die gibt es unter den Theaterintendanten, Schauspielern und Kuratoren genauso.

„Ob es überhaupt noch ausreichend Kritiker:innen gibt, wer dazu noch Lust hat – oder es sich überhaupt leisten kann.“ (Pees)

Diese Frage ist berechtigt. Es kann sich (fast) niemand leisten, von Theaterkritik zu leben. Die Honorare sind erbärmlich oder nicht vorhanden. Das Gezeter über die mangelhafte Qualifikation von Theaterkritikern ist uralt:

„Ja, die Theaterkritik ist nicht selten die letzte Zuflucht eines verkommen Talentes, eines geistig und sittlich zerfahrenen Menschen, der sich alle andern literarischen Thätigkeiten, zu denen die Erwerbung und Bewältigung eines reichen Stoffes gehört, verschlossen sieht.“

Das schrieb H.Th. Rötscher, selbst Theaterkritiker, schon 18645. Michael Billington, der Theaterkritiker des britischen „Guardian“, lieferte eine freundlichere Selbstbeschreibung des Typus des Theaterkritikers:

„Critics are born, not made: possibly because of some temperamental deficiency or innate shyness, many of us discover at an early age that we prefer to be among the watchers than the watched … We find our emotional energies released by appraising the work of others.“6

Aber die Qualifikation der heutigen Kritiker ist hoch. Die meisten haben ein theaterwissenschaftliches Studium hinter sich. Nur, lange bleibt niemand in diesem Geschäft, es sei denn, man hat ausreichende andere Einkünfte. Manche werden Dramaturgen, einige wenige ergattern Redakteursposten im vermischten Feuilleton, einige werden Dozenten an Hochschulen. Theaterkritik ist zur Nebentätigkeit oder zur Übergangsbeschäftigung geworden 7

„Ich bezweifle, dass der Journalismus wirklich noch so unabhängig ist, wie er vielleicht oder angeblich einmal war.“ (Pees)
„Eine Sicht auf Journalismus, die nicht mehr zeitgemäß ist.“ (AD)

Die frugale Honorierung von Theaterkritik fördert natürlich die Anfälligkeit für subtile Korumpierungsversuche der Theater. Till Brieglebs eiserne Regel “Ein aufrichtiger Kritiker fraternisiert nicht mit dem Theater.“8 wird aufgeweicht. Dies betrifft vor allem die lokale Kritik. Sofern die Zeitungsredaktionen noch Interesse an Theaterberichterstattung haben, wollen sie Vorberichte, Interviews, Portraits. Die erfordern einen engeren Kontakt zu dem Theater. Die lokale Theaterkritik tendiert sowieso zu einer milden Beurteilung der Produktionen des Theaters ihrer Stadt9.

„In Zeiten von Social Media, kann man über ganz viele Kanäle selbst kommunizieren. Dadurch entsteht die Möglichkeit der Kritik der Kritik.“ (AD)

Nachtkritik.de ist das Medium, dem es am besten gelungen ist, diese Möglichkeiten der interaktiven Kommunikation im Internet für die Theaterkritik zu nutzen.10 Aber die sozialen Internetmedien zersplittern durch die im Hintergrund wirkenden Algorithmen der Aufmerksamkeitslenkung die Öffentlichkeit. Öffentlichkeit ist ein Wettbewerb der Meinungen. Die Medien waren schon immer segmentiert, Zeitungen hatten eine politische Grundrichtung. Dennoch waren sie öffentlich zugänglich. Wer in der „Welt“ eine konservative Kritik einer Theateraufführung las, konnte sich in seiner Auffassung durch die Lektüre einer liberaleren Kritik in der „Frankfurter Rundschau“ bestätigen lassen. Damals, lange ist es her.  Was die Segmentierung der Öffentlichkeit durch Aufmerksamkeitslenkung und Wahlarchitektur im Internet bewirkt, kann man an der politischen Entwicklung der amerikanischen Demokratie sehen. Aus der Reduktion der Bedeutung von Printmedien auf das Absterben der Theaterkritik zu schließen, ist aber kurzschlüssig.

Christine Wahl sieht die fatale Tendenz, die Aufgabe der Theaterkritik als Einladung zum „Mitmachen in einer Wertegemeinschaft“ zu verstehen11. Deuflhard und Lilienthal scheinen sich eher am Modell der Marktwirtschaft zu orientieren. Jeder Produzent wirbt für sein Produkt. Die Theater können sich selbst kritisieren, schließlich ist jeder Dramaturg auch ein Kritiker, wie Matthias Pees meint. Schließlich hat jedes Gutachten der auf Theaterberatung spezialisierten Unternehmensberatung Actori12 für irgendein Theater ergeben, dass die Marketingabteilung stärker besetzt werden muss, trotz oder gerade wegen aller Sparbemühungen der Theater. Also simulieren die Marketingabteilungen der Theater Journalismus im eigenen Interesse.

Eine Funktion von Theaterkritik (neben der Orientierung über mögliche Vorstellungsbesuch, der Berichterstattung) ist es aber, das Theater in den Bereich der öffentlichen Debatte zu ziehen. Eine Theatervorstellung ist ein Ereignis in der gleichzeitigen körperlichen Gegenwart von vielen. Dieses Ereignis debattierbar zu machen, ist auch eine Funktion von Kritik. Dazu gehört die Wertung, die ein Für-und-Wider ermöglicht. Diese Debatte ist nicht nur die große öffentliche, sondern auch die private zwischen Zuschauern derselben Inszenierung und zwischen tatsächlichen und  potentiellen Zuschauern. Eine Theaterkritik ist nicht nur Teil einer öffentlichen Debatte, sondern kann auch Gegenstand einer privaten Debatte sein. Solche Mikrodiskussionen bilden das Wurzelgeflecht einer pluralistischen Demokratie. Theaterkritik ist nicht Marketing. Eine Theaterinszenierung ist mehr als nur eine Ware, die verkauft werden muss. Theaterkritik ist Debattenkultur. Und die ästhetische Debatte über die Wertung gemeinsam erlebter Darstellung menschlicher Verhältnisse ist die vergnügliche Vorübung für die Debatten über die politische Regelung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Internationalisierung

„Beispielgebend wirken dafür, wie wir auf diesem Kontinent in Zukunft überhaupt mit unseren Nachbarn zusammenzuleben und zu kommunizieren gedenken.“ (Pees)

Das ist der beste Vorsatz an dem ganzen Unternehmen der Umstrukturierung des Berliner Theatertreffens. Nur, dafür, wie er  verwirklicht werden soll, scheint es noch kein schlüssiges Konzept zu geben.

 

  1. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp, 2017. S.175. Siehe auch meinen Beitrag „Theater und Theaterkritik in der Gesellschaft der Singularitaeten“
  2. Christine Wahl: Zum Stand der Theaterkritik. nachtkritik.de 4. Mai 2022
  3. „Das Geschmacksurteil selber postuliert nicht jedermanns Einstimmung {…}; es sinnet nur jedermann diese Einstimmung an.“ Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. Analytik des Schönen, §8
  4. Till Briegleb, „Kritiker und Theater. 10 Thesen“ in: Dramaturgie. Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft. Resümée des Symposions ‚Radikal Sozial‘. Berlin 2006
  5. Heinrich Theodor Röscher, Die Kunst der dramatischen Darstellung in ihrem organischen Zusammenhang wissenschaftlich entwickelt. Erster Band. Leipzig: Otto Wiegand, 2. Auflage 1864, S.50
  6. Michael Billington, One Night Stands. A Critic`s View of modern British theatre. London: Nick Hern, 1993, p. IXf
  7. Ich habe meine Berufung in die Jury des Theatertreffens 2000 immer als Beginn des Niedergangs des Berufs des Theaterkritikers verstanden. Ich war wohl der erste in dieser Funktion, der seinen Lebensunterhalt nicht als Journalist verdiente.
  8. Regel Nr.1, Till Briegleb a.a.O.
  9. Zu den Unterschieden zwischen regionaler und überregionaler Theaterkritik vgl: Vasco Bönisch, „Die Aufgaben der Theaterkritik“, in: V.B., Krise der Kritik? Was Theaterkritiker denken – und ihre Leser erwarten. Berlin: Theater der Zeit, 2008 S. 103-150
  10. siehe Christiane Wahls Essay „Zum Zustand der Theaterkritik“ nachtkritik.de 4.Mai 2022
  11. in: „Zum Stand der Theaterkritik“  nachtkritik.de 4.5.2022 
  12. https://www.actori.de/ueber-uns/news/news-detail/actori-gutachten-zeigt-zukunftsszenarien-auf

Friendly Fire – Das Berliner Theatertreffen unter Beschuss Teil 1

Anmerkungen zu Interviews zum Berliner Theatertreffen

Im Juli 2022 gaben die Berliner Festspiele bekannt, dass die neue Leitung des Berliner Theatertreffens aus dem Vierer-Team Olena Apchel, Marta Hewelt, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska bestehen wird. Intendant Mattias Pees erklärte dazu, dass durch dieses Team das Theatertreffen „stärker mit dem mittel- und osteuropäischen Raum vernetzt werden“ solle1.
Es folgte ein kleiner Wirbel in den öffentlichen Diskussion, viele Kommentare äußerten ihr Unverständnis oder Skepsis für diese Entscheidung2. Daraufhin blickte man zurück auf ein Interview, das Matthias Lilienthal und Amelie Deuflhard schon im Mai auf der Web-Site des Theatertreffens veröffentlich hatten3. Und schließlich gab Matthias Pees selbst zwei Interviews, eines auf nachtkritik.de 4, das andere im „Spiegel“5, in denen er seine Absichten erklärte.

Im Folgenden werde – wie auch in „Friendly Fire- Teil 2“ – einige Sätze aus diesen drei Interviews kommentiert, weil sie eine allgemeine Bedeutung haben. Dabei steht (ML) für Matthias Lilienthal, (AD) für Amelie Deuflhard, (Pees) für Matthias Pees.

Deutsche Sprache

„Die bisherige Beschränkung des Theatertreffens auf den deutschsprachigen Raum ist für mich nicht mehr zeitgemäß.“ (Pees)

Dass etwas „nicht mehr zeitgemäß“ sei, ist die billigste Formel für diejenigen, die etwas abschaffen und sich um eine Begründung drücken wollen. Nicht mehr zeitgemäß sind: das Café Mohrenkopf, eine Eisbahn, das Fernsehen, die Privilegien der Kirchen, die Impfpflicht, Brustgrößenbeschreibungen in Theaterkritiken, SUV-Autos, die Jagd, Tierversuche, das Nussknacker-Ballett – was immer man gerade als störend findet. Politiker gebrauchen die Floskel gerne aus professionellem Opportunismus. „Die Zeit“ ist ein ziemlich vager Begriff und was ihr „gemäß“ ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Selbst wenn eine Regelung, eine Institution, ein Verfahren nicht mehr „zeitgemäß“ ist, bleibt die Frage, ob es denn gut ist, wenn etwas gemäß der Zeit ist. Es gibt bekanntlich gute und schlechte Zeiten.

„Das Theatertreffen im Sinne eines ‚deutschsprachigen Gebietes‘ setzt unbewusst auch koloniale Strukturen fort.“ (ML)

Dass Deutschland Österreich kolonisieren wolle, das hat nicht einmal die FPÖ gewagt zu behaupten. Und die Deutsch-Schweizer werden sich mit Verweis auf Wilhelm Tell höflich, aber bestimmt verbitten, als unterworfene Kolonie Deutschlands bezeichnet zu werden. Aber wahrscheinlich kann man ja auch den „Rat für deutsche Rechtschreibung“6 als einen totalitären Kolonialisierungsversuch verstehen. Es gab im Mittelalter eine deutsche Ostkolonisation und im 19.Jh. die imperiale Kolonisation in Afrika und Asien. Und es gab im 2. Weltkrieg den Versuch, Osteuropa zu unterwerfen. Das muss man bedenken, wenn man heute ein mitteleuropäisches 7 Theaterfestival in Berlin etablieren will. Dabei besteht tatsächlich die Gefahr, „unbewusst koloniale Strukturen fortzusetzen“. Ein mitteleuropäisches Theaterfestival mit Strukturen, die den repräsentativen Anspruch des Berliner Theatertreffens übernehmen würden, müsste wohl in Krakau stattfinden, nicht in Berlin.

„Die Theaterkultur hat sich längst von der deutschen Sprache gelöst.“ (ML)

Nur schade, dass das deutsche Theaterpublikum sich noch nicht von der deutschen Sprache gelöst hat.

„Im Schauspiel hat sich die deutsche Sprache als große Barriere herausgestellt“.(Pees)

Das Schauspiel nannte man früher „Sprechtheater“, in Abgrenzung vom „Singtheater“ der Oper. Diese Zeiten sind lange vorbei. Durch Autoren und Regisseure wie Edward Gordon Craig, Antonin Artaud, Jerzy Grotowiski, Tadeusz Kantor oder Pina Bausch haben sich die visuellen und körperlichen Bestandteile des Schauspiels vom Wort emanzipiert. Und die Tendenz aller Künste, Grenzen zwischen Sparten, Gattungen oder Genres zu verwischen oder zu überspringen, die Tendenz zur „Verfransung der Künste“8 ist ungebrochen.

Doch irgendeine Art von sprachlichem Anteil blieb im Schauspiel fast immer erhalten (mit Ausnahme von Extremfällen bei Handke oder Beckett). Die national-sprachliche Verankerung des Schauspiels war schon immer eine „Barriere“ gegen die Internationalisierung des Schauspiels. Anders als bei Musik, Malerei oder Ballett war der freie Grenzverkehr beim Schauspiel eingeschränkt. Aber das wortgebundene, literarische Schauspiel hatte immer ein Mittel, alle Barrieren zu überwinden: die Übersetzung. So konnten Calderon, Molière, Shakespeare, Ibsen, Tschechow und Grombrowicz auf der Barrikade der deutschen Sprache tanzen.

Das Problem entstand erst durch die Emanzipation des Schauspiels vom Wort. Wenn die Inszenierung und nicht mehr der Theatertext das originäre Kunstwerk ist, muss der ganze Apparat mit Schauspielern, Bühnenbild, Ton, einschließlich sprachlichem Anteil usw. über die Barriere gehievt werden. Eine Nachinszenierung mit übersetztem Text würde das Kunstwerk zerstören. Die Theatertechnik offerierte das Mittel der Übertitel. Zunächst nutzte es die Oper. Textverständlichkeit war für Opernsänger sowieso immer schon ein unlösbares Problem, also beendete man die Praxis der Übersetzung fremdsprachlicher Operntexte in Deutschland und setzte Textprojektionen ein. Dass diese den Librettotext nur unvollkommen  und verkürzt wiedergeben können, war hinnehmbar angesichts des Gewinns, die Übereinstimmung von Melodie und originalsprachlicher Vokalisierung hören zu können.

Dass das Schauspiel dann zu diesem Mittel griff, hat drei Ursachen: die Mobilität von Inszenierungen über Sprachgrenzen hinweg, die Mobilität des Publikums (Kulturtourismus) und, zum geringsten Teil, die sprachliche Heterogenität des lokalen Publikums. Der sprachliche Verlust durch Übertitelung ist im Schauspiel ungleich größer als in der Oper. Bedeutungsnuancen und sprachliche Schönheiten gehen verloren. Die sprachliche Äußerung wird auf ein dennotatives Gerüst reduziert, das vom Zuschauer dann durch Wahrnehmung der analogen Kommunikation (Gesten, Körpersprache, Mimik) ergänzt werden muss. Bei übersetzten Stücken des Repertoires kommt es auch zu kuriosen Rückübersetzungen (so erschien in einer „King Lear“-Inszenierung Shakespeares spöttische Metapher vom Menschen als „forked animal“ über den Umweg des Deutschen auf dem Übertitelscreen als „two-legged animal“.).

Die Sprache der Übertitel ist im deutschen Schauspiel entweder Englisch oder Deutsch, je nach der auf der Bühne gesprochenen Sprache. Die Annahme, alle im Publikum verstünden irgendwie Englisch, dürfte bei einem mitteleuropäischen Publikum widerleget werden und schließt die erste Generation von Migranten in Deutschland meistens aus. Aber auch bei einem durchschnittlichen westeuropäischen Theaterpublikum dürfte die Englischkenntnis begrenzt sein. Wieviel würde ein deutsches Publikum von einer orginalsprachlichen Inszenierung eines Stückes von John Osborne oder Simon Stephens (oder gar von einer französischen eines Stückes von Bernard-Marie Koltès) verstehen? Will man die Vorlage von Sprachzertifikaten an der Theaterkasse verpflichtend machen? Die für den internationalen Festivalbetrieb konzipierten Inszenierungen haben Auswege gefunden: unübersetztes Englisch, vollständiger Verzicht auf gesprochene Sprache, Reduktion der Sprache auf schriftlich präsentierte Sätze oder seltene Sprachen ohne Übersetzung als exotischer Reiz9.

Aber ohne die Sprache des tatsächlich präsenten Publikums zu sprechen, kann das Schauspiel bestenfalls allgemeinmenschliche Probleme erörtern, vertiefen oder wahrnehmbar machen. Was dabei verloren geht, kann man vielleicht am Beispiel von Nuran Calis` Projekt „Mölln 92/22“ zeigen. Es geht darin um einen zentralen Konflikt der deutschen Gesellschaft, Gewalt gegen Migranten. Die deutsche Sprache ist dabei tatsächlich manchmal ein Hindernis. Die Inszenierung bildet die reale Mehrsprachigkeit der deutschen Gesellschaft ab. Sie ist aber nicht transportabel. Auch wenn es in anderen europäischen Ländern ähnliche Konflikte gibt, wäre sie in Frankreich oder England oder gar Polen kaum verständlich, nicht weil sie zu tief in der einen Wurzel der überkommenen deutschen Kultur verwurzelt wäre, sondern weil sie in der gegenwärtigen deutschen Kultur und ihren aktuellen Konflikten verankert ist. Ohne gesprochene Sprache erreicht ein Theater, das politisch sein will, nur eine emotionale Wirkung, aber nie die diskursive Ebene, auf der Politik stattfindet. Die strukturelle Analogie, der Isomorphismus von Politik und Theater 10 ist ohne verbale Sprache nicht möglich.

Das heißt nicht, dass das Schauspiel nicht auf die Vielsprachigkeit der Welt reagieren kann oder soll. Édouard Glissant fasst seine Erfahrung als Sprecher des Creols von Martinique und des Französischen so zusammen: „daß ich meine Sprache auch nicht mehr einsprachig verteidigen kann. Ich muß sie verteidigen im Bewußtsein, daß sie nicht als einzige auf der Welt bedroht ist.“ Vielsprachigkeit ist für ihn „die Gegenwart aller Sprachen der Welt in der Praxis der eigenen.“11 Die Vielsprachigkeit der Welt in der Praxis des deutschen Theaters zu zeigen, das ist die paradoxe Aufgabe. Es gab in den letzten Jahrzehnte vielfältige Versuche, mehrsprachige Inszenierungen für ein deutsches Publikum verständlich zu machen.12  Eine Vervielfachung der Übertitelungsscreens (Englisch, Deutsch, Polnisch, Türkisch …) wird die Aufgabe nicht lösen.

Es gibt ein etwas in Vergessenheit geratenes Modell für den Umgang mit der Vielsprachigkeit Europas im deutschen Theater: die Bonner Biennale  „Neue Stücke aus Europa“13. Von 1992 bis 2004 fand dieses Festival „Neue Stücke aus Europa“ am Schauspiel Bonn während der Intendanz von Manfred Beilharz, gefördert mit erheblichen Bundesmitteln, statt. Mit einem Netzwerk von Paten in vielen europäischen Ländern, meist Theaterautoren, wurden Inszenierungen neuer Stücke aus diesen Ländern ausgewählt und nach Bonn verfrachtet. Es gab keine Übertitel, sondern Simlutanübersetzer:innen, die während der Vorstellung in einer Kabine saßen und in Kenntnis des Stücktextes simultan dolmetschten. Die Zuschauer bekamen kostenlos einen (!) Ohrstöpsel und konnten die Übersetzung mithören. Das zweite Ohr blieb für die Originalsprache frei. So konnte man bei etwas erhöhter Konzentration sowohl Isländisch, Russisch oder Serbisch hören als auch verstehen. Die kulturellen Kontexte der Stücke blieben natürlich fremd und konnten allenfalls in Podiumsdiskussionen nachgereicht werden. Aber es blieb der Anreiz, die kulturellen Kontexte kennenzulernen. Dieses Modell verursacht erhebliche Kosten, trägt aber der Vielsprachigkeit der Welt besser Rechnung als englische Übertitel für alles oder eine Batterie von Mini-Bildschirmen für alle Sprachen.14

Schließlich, wenn die deutsche Sprache sich als große Barriere herausgestellt hat – Barriere für wen oder was? Matthias Pees meint, für „all diejenigen, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen“. Sind das Zuschauer oder Theatermacher? Oder rechnet man beim Theatertreffen sowieso nur mit einem Publikum, das professionell mit dem Theater verbunden ist? Die deutsche Sprache als Barriere für die Gewinnung von Publikum für das Berliner Theatertreffen? Wohl nicht. Barriere für die Auswahl von Produktionen für das Theatertreffen, in denen nicht Deutsch gesprochen wird? Das trifft nicht zu. Schon 2002 wurde Meg Stuarts „Alibi“ und 2003 Alain Platels „Wolf“ eingeladen. Und viele andere Produktionen folgten, in denen die deutsche Sprache keine Rolle spielte, auch in der diesjährigen 10er-Auswahl. Barriere für den Import international in anderen Sprachen produzierter Produktionen? Ja, sicher. Barriere für die Gewinnung von nicht-deutschsprachigen Regisseur:innen und Schauspieler:innen? Nur zum Teil.

„Die Herausforderung, auf vielen Ebenen eine gemeinsame Sprache finden zu müssen, wird heute in vielen deutschen Theatern bewältigt.“ (Pees)

Das trifft zu. Die Liste der Regisseure an deutschen Theatern, deren primäre Sprache nicht Deutsch ist, ist lang, von Laurent Chétouane über Oliver Frljić, Alvis Hermanis, Antonio Latella, Ewelina Marciniak, Toshiki Okada, Dušan Parizek bis Kiril Serebrennikov. Sie arbeiten im deutschen Stadt- und Staatstheatersystem, weil sie dort komfortable Arbeitsbedingungen und gute Honorare vorfinden. Und das ästhetische Innovationspotenzial dieser Fremdarbeiter ist enorm. Das deutsche Theater hat durch diese Offenheit viel gewonnen. Doch auch der Aufwand für solche Produktionen ist enorm: Übersetzungsprobleme überall, bei der Textfassung, im Probenprozess, in der Vermittlung an das Publikum. Kommunikation über Google-Übersetzer ist mühsam, zeitraubend und ineffektiv. Auch Matthias Pees muss im Nachtkritik-Interview die Bindung des Theaters an eine nationale Kultur und Sprache zugestehen: „Es stimmt, dass Künstler:innen aus unseren östlichen Nachbarländern hierzulande durchaus schon präsent sind – allerdings oftmals mit Arbeiten, die im Vergleich zu denen, die sie in ihren Heimatländern inszenieren, durchaus erst einmal schwächer sind, weil sie sie mit neuen, ihnen fremden Ensembles in einer ihnen fremden Sprache erarbeiten.“

Die Vereinigung „drama-panorama“ widmet sich diesen Übersetzungproblemen. So schreibt z. B. Barbora Schnelle „Wenn ich politisches Theater aus Tschechien übersetze, muss ich ganz genau überlegen, woher und wohin ich gehen will und mich z. B. fragen: Was weiß das deutschsprachige Publikum über die tschechischen oligarchischen Strukturen? Wo muss ich was vermitteln, wo aufklären, wo kontextualisieren und wo am besten heimische Parallelen finden?“ 15 Diese Übersetzungs- und Kontextualisierungsarbeit wird zunehmen, wenn man eine stärkere Vernetzung der deutschen Theaterszene mit mitteleuropäischen Theatern erreichen will. Ein Parallelmodell, wie es Matthias Pees in dem Nachtkritik-Interview vorschlägt, in dem es neben der bisherigen Auswahl von Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum eine ebenfalls von einer Jury ausgewählte Gruppe von Inszenierungen aus Mitteleuropa gibt, würde notwendigerweise zu einer Reduktion der Zahl der eingeladenen Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum führen. Selbst wenn die Finanzierung des gedoppelten Theatertreffens aufgestockt würde, wäre eine Reduktion der Zahl der Vorstellungen unvermeidlich.

 

  1. https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21218:theatertreffen-neues-leitungskollektiv&catid=126&Itemid=100890
  2. z.B. Christian Rakow https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21220:kommentar-zur-neuen-leitung-des-berliner-theatertreffens&catid=101:debatte&Itemid=84
  3. https://mediathek.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/2022/texte/aber-ansonsten-lieben-wir-das-theater
  4. https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21269:interview-mit-matthias-pees&catid=101:debatte&Itemid=84
  5. https://www.spiegel.de/kultur/intendant-matthias-pees-ueber-das-berliner-theatertreffen-die-deutsche-sprache-hat-sich-als-barriere-herausgestellt-a-27e8843f-6954-47d5-b6fa-4d82f7223e37
  6. https://www.rechtschreibrat.com
  7. Zum Begriff „Mitteleuropa“ vgl. die Arbeiten Karl Schlögels z.B. Karl Schlögel, Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang. München: Hanser, 2002
  8. „In der jüngsten Entwicklung fließen die Grenzen zwischen den Kunstgattungen in einander oder, genauer: ihre Demarkationslinien verfransen sich.“ Theodor W. Adorno, „Die Kunst und die Künste“, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 10.1, Frankfurt/M: Suhrkamp, 1997, S. 432
  9. vgl. meinen Bericht über die diesjährigen Ruhrfestspiele Recklinghausen in: Theater heute 7/2022 https://www.der-theaterverlag.de/theater-heute/archiv/magazine/theater-heute-juli-72022/
  10. vgl. Alain Badiou, Rhapsodie für das Theater. Kurze philosophische Abhandlung. Wien: Passagen, 2015, S. 36, 48
  11. Edouard Glissant, Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Heidelberg: Wunderhorn: 2. Aufl. 2013
  12. z.B. Karin Beiers Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtsraum“ 1995 am Düsseldorfer Schauspielhaus, in der Schauspieler verschiedener Nationalitäten nicht nur ihre Sprachen sprachen, sondern auch ihre nationalen Darstellungsstile praktizierten. Siehe meine alte Kritik in der taz vom 4.11.1995
  13. Die beide letzten Leiterinnen des Theatertreffens, Iris Laufenberg und Yvonne Büdenhölzer, haben dort ihre ersten Erfahrungen als Festivalmacherinnen erworben.
  14. Bildschirme in den Rückenlehnen der Sitze, auf denen man zwischen verschiedenen Sprachen wählen, kann wie in der Staatsoper Wien oder der Metropolitan Opera New York werden die deutschen Stadttheater sich wohl kaum leisten können. Eine Übertitel-App für das Smartphone wie „Burgtheater Promt“ ist zwar kostengünstiger, führt aber zu einem Wald von schwach leuchtenden Minibildschirmen im Zuschauerraum, der die Konzentration aller stört.
  15. https://www.drama-panorama.com/veranstaltung/politisches-theater-uebersetzen/

Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 3 Der Schauspieler

Im Theatertext ist also keine Wahrheit zu finden 2 . Adorno meinte, man könne keine Aussage aus „Hamlet“ herauspressen. Und Bertrand Russell schloss messerscharf, alle Aussagen in „Hamlet“ seien falsch, weil die Person Hamlet nie existiert hat3. Aber der Schauspieler (oder die Schauspielerin), der (oder die) Hamlet spielt, existiert.  Und er (oder sie) soll wahr sein.

Die Wahrheit auf dem Theater ist keine Erkenntnis, die man erfahren oder formulieren könnte, sie ist eine Forderung an die Schauspielerinnen und Schauspieler. Dieser Gebrauch des Begriffs „Wahrheit“ hat in der Schauspieltheorie eine lange Tradition.

Wahrheit als Täuschung

Eine der ältesten Formulierungen dieses Wahrheitspostulates findet sich 1749 bei dem französischen Theatertheoretiker Sainte-Albine:
„Dramatische Erdichtungen gefallen uns desto mehr, je ähnlicher sie wahrhaften Geschichten sind, und die Vollkommenheit, die wir in ihren Vorstellungen verlangen, ist eigentlich das was man in der Sprache des Theaters, Wahrheit nennet. Man versteht durch dieses Wort hier den Zusammenfluss aller Wahrscheinlichkeiten, welche dienen können, die Zuschauer zu täuschen.“ 4.
Johann Jakob Engel, zeitweise Leiter des Berliner Nationaltheaters, übernahm noch 1785 diese Auffassung:
„Wenn Worte, Ton, Bewegung, auf das vollkommenste unter einander, und alle auf vollkommenste mit Leidenschaft, Situation und Charakter übereinstimmen; dann erst entsteht der höchste mögliche Grad der Wahrheit, und durch diese Wahrheit die höchste mögliche Täuschung.“ 5
Hier hat die Wahrheit also die Funktion zu täuschen. Dass mit dieser Paradoxie der Begriff der Wahrheit irgendwie überstrapaziert wird, musste bald auffallen.
Denis Diderot war vorsichtiger im Umgang mit dem Begriff:
„Denken Sie einen Augenblick darüber nach, was auf dem Theater Wahrsein bedeutet. Heisst das, die Dinge so zu zeigen, wie sie in der Natur sind? Keineswegs. Das Wahre in diesem Fall, wäre nichts anderes als das Gewöhnliche. Aber was ist denn das Wahre auf der Bühne? Es ist die Übereinstimmung der Handlungen, des Sprechens, der Erscheinung, der Stimme, der Bewegung und der Geste mit einer von dem Dichter ersonnenen Idealvorstellung, die vom Schauspieler oft noch übersteigert wird. Das ist das Wunder.“ 6
Hier also ist das Wahre die Übereinstimmung der realen Aktionen des Schauspielers oder der Schauspielerin auf der Bühne mit einer idealen Vorstellung des Textdichters. Oder die Steigerung dieser Idealvorstellung. Das ist dann das Wunder der Wahrheit – auch ein sehr erklärungsbedürftiger Gebrauch des Begriffs der Wahrheit.

Wahrheit und Schönheit

Im Gegensatz zu seinem Lehrer Hegel, für den die Wahrheit der Kunst im Zusammenstimmen von Äußerem und Innerem besteht7 ist für den Theaterkritiker Heinrich Theodor Rötscher die Wahrheit in der darstellenden Kunst nur eine der beiden Seiten, die sie verbinden muss.
„In der Schauspielkunst, welche auf die Versinnlichung des Dramas ausgeht, treten sie [die Gegensätze des Allgemeinen und des Individuellen] zunächst in der Forderung auf, die Schönheit wie die Wahrheit gleichmäßig zu ihrem Rechte kommen zu lassen.“8
Die Schönheit steht bei ihm für die Idealität, die Wahrheit für die sinnlich wahrnehmbare Realität. Ohne die Idealität, gemeint ist der vom Dichter geschaffene Dramentext, sinkt der Schauspieler herab zur bloßen „Naturwahrheit“9. Wahrheit alleine genügt nicht. In Rötschers idealistischer Theaterästhetik ist also die Wahrheit nicht mehr der Begriff, mit dem das oberste Ziel der Schauspielkunst bezeichnet wird.

Wahrheit als Glaube

Erst Stanislawski gibt dem Begriff der Wahrheit auf dem Theater einen genaueren Sinn. Für ihn ist die Wahrheit eine Eigenschaft des inneren Gefühls des Schauspielers.
„Im Theater ist nicht wichtig, dass der Dolch des Othello aus Karton oder Metall ist, sondern, dass das innere Gefühl des Schauspielers selbst, das den Mord des Othello rechtfertigt, wahr, aufrichtig und echt ist. … Über diese Wahrheit des Gefühls sprechen wir im Theater. Hier ist jene szenische Wahrheit, die für den Schauspieler im Augenblick seines Schaffens nötig ist. Es gibt  keine echte Kunst ohne solche Wahrheit und Glaube!“ 10
Bei Stanislawski wird aus dem Begriffspaar „Wahrheit-Täuschung“ die Verbindung „Wahrheit-Glaube“. Was die Wahrheit des Schauspielers bewirkt, ist nicht mehr „Täuschung“, sondern „Glaube“:
„Die Wahrheit erzeugte den Glauben.“ 11.
Diese „Wahrheit“ ist etwas, das der Schauspieler oder die Schauspielerinn herstellt, nicht etwas, das er oder sie vorfindet oder benennt.
„Logik und Folgerichtigkeit der physischen Handlungen und Empfindungen des Schauspielers führen zur Wahrheit. 12.
Die Wahrheit ist für Stanislawski etwas Innerliches:
„Die Wahrheit auf der Bühne ist das, woran wir aufrichtig sowohl in unserem Innern glauben, als auch in den Seelen unserer Partner.“ 13.
Dieser Zustand ist ein doppelter: er ist sowohl ein erlebter psycho-physischer Zustand als auch die Reflexion dieses Zustands: man „glaubt aufrichtig“ an diesen Zustand. Mit Stanislawskis Psychotechnik stellt die Schauspielerinn und der Schauspieler die inneren Vorgänge her, um eine Wirkung (Glaube des Zuschauers) zu erreichen.
Dass der Begriff der „Wahrheit“ (Правда) auch hier wieder überspannt wird, wurde den deutschen Übersetzern  Stanislawskis erst spät klar. In der DDR folgte man zunächst der alten Übersetzung Alexandra Meyenburgs. Ottofritz Gaillard (nach 1945 Leiter des Deutschen Theater-Instituts Weimar und später der Schauspielabteilung der Theaterhochschule Leipzig) schreibt 1947 in seinem Lehrbuch der Schauspielausbildung:
„Die Wahrheit der Bühne als Rahmen für die Wahrheit der Empfindung und andererseits die Wahrheit der Empfindung als Voraussetzung für die Wahrheit der Bühne, das ist die Erkenntnis, auf der wir weiterbauen.“ 14.
Sein Mentor Maxim Vallentin (1927-1932 Leiter der Agitpropgruppe Rotes Sprachrohr, Intendant des Maxim Gorki Theaters 1952-1968) geht noch weiter: die „Bühne der Wahrheit“ vereine
„die drei Wahrheiten – die Wahrheit der Empfindung, die Wahrheit der Bühne und die gesellschaftliche Wahrheit“ 15.
Hier wird der Begriff der Wahrheit vom Schauspieler („Empfindung“) über den Inhalt der Theaterproduktionen („Bühne“) auf die Politik übertragen: der Aufbau des Sozialismus in der DDR ist die „gesellschaftliche Wahrheit“, der das Theater dient.

Wahrheit als Wahrhaftigkeit

In der BRD war man etwas vorsichtiger beim Umgang mit der Wahrheit. Hans-Günther von Klöden, seit 1950 Leiter der Schauspielschule Hannover, beschlich ein leichtes Unbehagen bei diesem Stanislawskischen Wahrheitsbegriff:
„Was also sollen wir unter ‚Wahrheit‘ verstehen? […] Vielleicht ist uns eine sprachliche Schlamperei unterlaufen, und es ist ‚Wahrhaftigkeit‘ gemeint?“16
„Wahrhaftigkeit“ ist auch der Begriff, mit dem die Übersetzer der späteren DDR-Ausgabe von Stanislawskis Schriften den Begriff Правда (Prawda) übersetzen.17 Von Klöden befriedigt auch dieser Ausweg nicht:
„ … denn wir werden doch wieder auf den Begriff der Wahrheit zurückgeworfen, da ja Wahrhaftigkeit nichts anderes ist als die Tugend, stets die Wahrheit zu sagen.“18
Dennoch kehrt er zum Begriff „Wahrheit“ zurück:
„Bei Aristoteles ist nur von der Wahrheit einer Aussage, genauer eines ‚Urteils‘ die Rede. Wir aber meinen, daß auch eine Sache, ein Vorgang oder sonst irgendein Phänomen „in sich“ wahr sein kann. Und damit bekommt die ‚Wahrheit‘ die Bedeutung von ‚Wirklichkeit‘, ‚Echtheit‘. Echtheit des Handelns erwächst aus dem ‚Schwerpunkt‘ des Menschen. (…) Es geht uns nicht nur darum, innerlich, sondern von innen nach außen zu spielen. Kunst wäre hiernach vor allem: die Fähigkeit, die Wahrheit deutlich zu sagen.“19
Auch hier ist die Wahrheit des Schauspielers etwas Komplexes: ein echtes Handeln aus dem Schwerpunkt des Menschen und dessen Verdeutlichung.
In den englischsprachigen Lehrbüchern dagegen scheint sich der Stanislawskische Begriff der Wahrheit weiterhin zu halten: „Truth“, das Wort prangt in großen Lettern auf dem Cover von Susan Batsons Schauspiel—Lehrbuch.
„Stanislavski understood that actors bring characters to life by using the truth of their own experience. The actor’s truth is the truth of honest sensation.“20.
Der deutsche Verlag hat vorsichtig den triumphalen Titel durch einen Untertitel ergänzt: „Wahrhaftigkeit im Schauspiel“.

Wahrheit als individuelle Relation

Georg Simmel versucht in seinem Aufsatz „Zur Philosophie des Schauspielers“ den Begriff der Wahrheit des Schauspielers zu retten, indem er ihn umdefiniert. Wahrheit ist für ihn nicht mehr die Übereinstimmung von Aussage und Gegenstand, nichts allgemeingültig Objektives, sondern eine Relation zwischen einem Individuum und einem Gegenstand:
„Was wir Wahrheit über einen Gegenstand nennen, ist je nach dem Wesen, für das die Wahrheit gelten soll, etwas sehr Mannigfaltiges (…) So besteht für jedes Wesen eine, durch seine Individualität verschiedene Wahrheit über jedes gegebene Objekt.“21
Wahrheit ist keine Relation zwischen Subjekt und Objekt, die für alle intelligenten Subjekte gleich wäre, sondern ist für jede „Wesensgattung“ verschieden. „Wahrheit“ ist für Simmel nur der “Ausdruck für das angemessene Verhältnis zwischen Subjekt und Gegenstand“. Auch „in ihren Temperamenten und Begabungen verschiedene Schauspieler“ gehören solchen verschiedenen „Wesensgattungen“ an. So gibt es für jeden Schauspielertyp eine „wahre“ Darstellung einer bestimmten Rolle (das Beispiel ist wie immer Hamlet), aber sie ist nicht für jeden Schauspielertyp dieselbe und nicht immer wird diese Wahrheit auch erreicht. So löst sich der Begriff der Wahrheit auf und wird zu einem individuellen Ideal der Beziehung zwischen Schauspieler und Rolle. Wie dieses Ideal zu erkennen ist, bleibt offen. Es bleibt nur die Gefühlsreaktion des Zuschauers, dass die Verwirklichung der Rolle in einer bestimmten Vorstellung durch einen Schauspieler „uns nicht befriedigt“, wenn dieses Ideal nicht erreicht wird.
Jens Roselt hat in seiner Textsammlung den Zickzack-Weg der Schauspieltheorie zwischen heißem und kaltem Schauspieler, zwischen dem Weg von außen nach innen oder von innen nach außen, in allen Details nachgezeichnet und kommt zu dem Schluss:
„Der Streit um die ‚Echtheit‘ von Gefühlen kann in der Theorie nicht beigelegt werden.“ 22

Zwischenergebnis 3

Wahrheit als Begriff zur Kennzeichnung des Ziels von schauspielerischer Verkörperung einer Rolle hat eine weit zurückreichende Tradition. Bei genauerer Analyse dieser Verwendung des Begriffs löst er sich aber auf und erweist sich als untauglich.

Sie auch „Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 4″ (Repräsentation und Identität“)

  1. Man möge die Verwendung des generischen Maskulinums verzeihen. Der Grund für diesen Sprachgebrauch liegt in den hier wiedergegebenen Texten der Schauspieltheorie. Bis ins 21. Jahrhundert wird in ihnen das Maskulinum „der Schauspieler“ verwendet, wenn von Schauspielerei allgemein die Rede ist. Ich habe dort, wo es stilistisch erträglich ist, versucht deutlich zu machen, dass die Aussagen sich jeweils auch auf Schauspielerinnen beziehen.
  2. siehe meinen Beitrag https://theatermarginalien.com/2021/08/12/die-wahrheit-auf-dem-theater-teil-2-der-theatertext/ 
  3. „The propositions in the play are false because there was no such man.“ Bertrand Russell, An Enquiry into Meaning and Truth, London: Allen and Unwin, 1962, S. 277
  4. Rémond de Sainte-Albine, Der Schauspieler. übers. Friedrich Justin Bertuch. Altenburg 1772, S.49, Original: „Les fictions Dramatiques nous plaisant d’autant plus, qu’elles sont plus semblables à des aventures réelles, la perfection que nous desirons le plus dans la Représentation est ce qu’au Théatre on nomme Vérité. On y entend par ce mot le concours des apparences, qui peuvent servir à tromper des Spectateurs.“ Le comédien : ouvrage divisé en deux parties / par M. Remond de Sainte-Albine. Nouvelle édition augmentée & corrigée. Paris: Desaint & Saillant, 1749. S.107. https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=ucm.5323613769&view=1up&seq=137. Bertuch übersetzt „apparences“ mit „Wahrscheinlichkeiten“ während eigentlich „Erscheinungsweisen“ gemeint ist
  5. zit. in: Jens Roselt (Hg.), Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock – bis zum  postdramatischen Theater. Berlin: Alexander Verlag, 2005, S.154
  6. Denis Diderot, Paradox über den Schauspieler. übers. u. eingeführt von Felix Rellstab. Wädenswil: Verlag Stutz & Co, 1981, S.22. Original: „Réfléchissez un moment sur ce qu’on appelle au théâtre être vrai. Est-ce y montrer les choses comme elles sont en nature? Aucunement. Le vrai en ce sens ne serait que le commun. Qu’est-ce donc  que le vrai de la scène? C’est la conformité des actions, des discours, de la figure, de la voix, du mouvement, du geste, avec un modèle idéal imaginé par le poète, et souvent exagéré par le comédien. Voilà le merveilleux.“ Denis Diderot, Paradoxe sur le comédien. Ouvrage posthume. Paris: Sautele, 1830. p. 21. https://books.google.be/books?id=gksHAAAAQAAJ&printsec=frontcover&hl=fr&source=gbs_v2_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false
  7. G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik I. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (= Theorie Werkausgabe Bd. 13), S.205. Sie auch meinen Beitrag https://theatermarginalien.com/2019/08/12/hegel-und-das-theater/ und Teil1 von „Die Wahrheit auf dem Theater“: https://theatermarginalien.com/2021/08/13/die-wahrheit-auf-dem-theater-teil-1/ 
  8. Heinrich Theodor Rötscher, Die Kunst der dramatischen Darstellung in ihrem organischen Zusammenhang wissenschaftlich entwickelt. (Erster Band) Leipzig: Otto Wiegand, 2. Auflage 1864, S.19
  9. ibid. S.21
  10. Konstantin Sergejewitsch Stanislawskij, Das Geheimnis des schauspielerischen Erfolges.  übers. v. Alexandra Meyenburg. Zürich: Scientia AG, o.J (1940?). {zuerst Moskau 1938}. S.185
  11. ibid. S.225
  12. ibid. S. 225
  13. ibid. S. 185
  14. Ottofritz Gaillard, Das deutsche Stanislawski-Buch. Lehrbuch der Schauspielkunst nach dem Stanislawski-System. Berlin: Aufbau-Verlag, 1947, S.191
  15. ibid. Geleitwort S.11
  16. Hans Günther von Klöden, Grundlagen der Schauspielkunst II: Improvisation und Rollenstudium. Velber bei Hannover: Friedrich Verlag, 1967 (Reihe Theater heute 24) S.19. Hans Günther von Klöden war 1968 kurzfristig mein Schauspiellehrer.
  17. Stanisławski. Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst. Tagebuch eines Schülers. Teil 1 Die Arbeit an sich selbst im schöpferischen Prozess des Erlebens. übers. v. Ingrid Tintzmann. Westberlin: das europäische Buch, 1981, z.B. S. 148ff, 181
  18. Eine ähnliche, aber nicht völlig gleichbedeutende Definition findet sich bei Otto Friedrich Bollnow: „Während die Wahrheit (nach der überkommenen, aber für den gegenwärtigen Zusammenhang völlig ausreichenden Bestimmung) die (objektive) Übereinstimmung einer Aussage mit ihrem Gegenstand bedeutet, meint die Wahrhaftigkeit ihr (subjektive) Übereinstimmung mit der Meinung des Sprechers. (…) Die Wahrhaftigkeit aber (oder Unwahrhaftigkeit) wendet sich nach innen, d.h. sie lebt in der Beziehung des Menschen zu sich selbst. (…) Die Wahrhaftigkeit geht also auf das Verhalten des Menschen zu sich selbst. Sie bedeutet die innere Durchsichtigkeit und das freie Einstehen für sich selbst.“ Otto Friedrich Bollnow, Wesen und Wandel der Tugenden. Frankfurt/M: Ullstein, 1958, S.138f
  19. v. Klöden a.a.O., S. 20f.
  20. Susan Batson, Truth: Personas, Needs, and Flaws in the Art of Building Actors and Creating Characters. Webster/Stone, 2006 (deutsch: Truth. Wahrhaftigkeit im Schauspiel. Ein Lehrbuch. Berlin: Alexander Verlag, 2014)
  21. Georg Simmel, „Zur Philosophie des Schauspielers“, in: G.S., Das individuelle Gesetz. Philosophische Exkurse, hg. v. Michael Landmann. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1987, S. 85f. Der Aufsatz wurde postum aus dem Nachlass zuerst veröffentlicht in: Internationale Zeitung für die Philosophie der Kultur, Band 9 (1920-1921), S.339-362. Er ist nicht identisch mit dem gleichnamigen Aufsatz in: Der Morgen 2.Jg., No.51/52, 18. Dezember 1908, S.1685-1689
  22. Jens Roselt (Hg.), Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock – bis zum  postdramatischen Theater. Berlin: Alexander Verlag, 2005, Einführung S.47

Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 1 Die Kunst

Die Urszene

Es war im Jahre 2002, im Spiegelzelt des Berliner Theatertreffens, in dem damals die Publikumsdiskussionen im Anschluss an die Vorstellungen stattfanden:

„Dieser Juror hat ja keine Ahnung, was Wahrheit ist“,

tönte der allseits hochverehrte Ivan Nagel aus dem Zuschauerraum. Es war der Abend nach der Vorstellung von Luc Percevals Inszenierung des damals neuen Stücks von Jon Fosse „Traum im Herbst“. Die Münchner Kammerspiele waren mit Dagmar Manzel und Stephan Bissmeier zu Gast im Haus der Berliner Festspiele. Und ich war an der Reihe gewesen, die Begründung für die Auswahl dieser Inszenierung durch die Jury vorzutragen1.

„Was ist Wahrheit?“ fragte schon Pontius Pilatus in einer berühmten Gerichtsverhandlung und fällte dann das folgenreichste Fehlurteil der abendländischen Geschichte. Dieser unbeholfene Juror auf dem Podium war zwar tatsächlich irgendwie auf dem falschen Dampfer, aber ganz so ahnungslos wie es schien, war er auch damals nicht. Der Tumult im Spiegelzelt und Franz Willes eloquente Verteidigung meiner Position hinderten Ivan Nagel an weiteren Erklärungen, was er denn genau unter Wahrheit verstehe. Was könnte also Ivan Nagel gemeint haben mit der Wahrheit auf dem Theater?

Der Wahrheitsbegriff

Die Wahrheit auf dem Theater ist eine andere als die gewöhnliche. Der Begriff der Wahrheit hat, wenn er von Theaterleuten gebraucht wird, eine ganz andere Bedeutung als in der Wissenschaft. Mit den Wahrheitstheorien der gegenwärtigen Philosophie – semantischer oder repräsentativer Wahrheitsbegriff, Evidenz-, Konsens- oder Kohärenztheorie der Wahrheit2 – hat er nichts zu tun. Die moderne Wissenschaftstheorie kommt ohnehin weitgehend ohne den Begriff der Wahrheit aus.3 Der Wahrheitsbegriff des Theaters (und der Theatertheorie) kommt eher aus der Traditionslinie Platon-Hegel-Heidegger-Adorno-Badiou als aus der Linie Aristoteles-Thomas von Aquin-Kant-Wittgenstein. Die Wahrheit auf dem Theater ist ein Zwischending zwischen philosophischer Theorie und ungeschultem Alltagsdenken. Die Wahrheitsvorstellungen der Theater- und Schauspieltheoretiker bewegen sich in einem Übergangsbereich, in dem Begriffe höchster Abstraktionsstufe herabsinken aus der philosophischen Tradition in einen besonderen Teilbereich menschlicher Tätigkeiten und dabei auf Begriffe treffen, die aufsteigen aus der konkreten Praxis des künstlerischen, präsenten Darstellens zu höherer Abstraktionsstufe.4

In Ivan Nagels Schriften findet sich keine Abhandlung über die Wahrheit, nur einmal erwähnt er Alfred Kerrs begeisterten Ausruf angesichts des Gastspiels einer Inszenierung Stanislawskis von Tschechows „Onkel Wanja“ 1906.

„Es ist die Wahrheit – die Wahrheit!“ 5

Es ist naheliegend zu vermuten, Ivan Nagel als Schüler Adornos habe sich auf den Wahrheitsbegriff seines akademischen Lehrers bezogen. Doch auch Adornos Begriff der Wahrheit muss in den Zusammenhang der Wahrheitstheorien Hegels und Heideggers gestellt werden, um zu verstehen, was der Begriff der Wahrheit in seiner Anwendung auf das Theater bedeuten kann und was nicht. Es geht dabei nicht nur um das lächerlich eitle Bemühen, eine alte Scharte auszuwetzen, sondern auch darum, die gegenwärtige Diskussion über Authentizität und Repräsentation auf dem Theater etwas zu erhellen.

Die Wahrheit der Kunst

Um etwas über die Wahrheit auf dem Theater sagen zu können, muss man zunächst den Begriff der Wahrheit klären, dann seine Anwendung auf die Kunst und schließlich muss man die besonderen Bedingungen der Kunstform Theater berücksichtigen. Die folgende Darstellung ist sicher laienhaft vereinfacht und berücksichtigt nicht die weitreichenden unterschiedlichen Grundannahmen der einzelnen Philosophen, sondern bleibt an der Oberfläche des für die Theatertheorie Interessanten, ist aber dadurch vielleicht auch für Laien verständlich.

Der gängigste Begriff von Wahrheit ist der, den zuerst Aristoteles formulierte:

„Von etwas, was ist, zu sagen, dass es nicht ist oder von etwas, was nicht ist, dass es ist, ist falsch; hingegen ist wahr, von etwas zu sagen, dass es ist und von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist.“ 6.

Im Mittelalter wurde daraus die Formel: „Wahrheit ist die Angleichung eines Dinges und des Verstandes“7. Dieser korrespondenztheoretische Wahrheitsbegriff oder diese Adäquationstheorie der Wahrheit beschränkt die Anwendung des Begriffs der Wahrheit auf Aussagesätze. Von Aristoteles über Thomas von Aquin und Ockham bis Kant ist man sich einig: Wahrheit ist Aussagenwahrheit, Korrespondenz von Gedanke und Sache. Die Zirkularität dieser Definition der Korrespondenztheorie fällt erst im 20. Jahrhundert auf und führt zu diversen Versuchen, die Korrespondenztheorie zu retten (Tarski) oder zu ersetzen (Habermas). Damit hat die Kunst nichts zu schaffen.

Von Platon zu Hegel

Platon dagegen hatte den Begriff auf eine höhere Wirklichkeit bezogen: die Ideen (Formen) sind für ihn wahr, weil sie eine höhere Form von Wirklichkeit haben als die empirische Wirklichkeit8. An diesen ontologisch-gnoseologischen Wahrheitsbegriff knüpft Hegel an9 (im Anschluss an Fichte), wenn er den korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff abwertet zur bloßen „Richtigkeit“ 10 und Wahrheit definiert als „Übereinstimmung eines Inhalts mit sich selbst“11. Für Hegel ist die Wahrheit erst der zu sich selbst gekommene Geist, Übereinstimmung des absoluten Geistes mit sich selbst. Also ist erst das Ganze die Wahrheit12, nicht ein Aussagesatz, sondern das ganze sich selbst entwickelnde Begreifen der Wirklichkeit.

In diesem Prozess des Zusichselbstkommens des Geistes hat die Kunst eine entscheidende Rolle. Durch die Übereinstimmung des Begriffs eines Kunstwerkes mit seinem konkreten Dasein, durch seine Verbindung von vollständiger Freiheit der Teile und Notwendigkeit ihrer Übereinstimmung hat ein Kunstwerk („das Schöne“) Wahrheit13. Kunst ist für Hegel, eine „Entfaltung der Wahrheit, die sich {…] in der Weltgeschichte offenbart“ 14 Hier erhält also die Kunst eine Funktion in einem Prozess, dessen Ziel die Wahrheit ist. Die Kunst ist aber nur eine „Befreiungsstufe, nicht die höchste Befreiung selbst“ 15. Die Kunst hat seit der Antike ihre Rolle als „Frontman“, als höchste Ausdrucksform des Geistes, ausgespielt und gibt sie an die geoffenbarte Religion und schließlich an die reine Reflexion, d.h. die Philosophie, ab.

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Von Heidegger zu Adorno

Dieser emphatische Wahrheitsbegriff, dass Wahrheit das Ganze ist und nicht einem einzelnen Satz zukommen kann, wird im 20. Jahrhundert – trotz aller Polemik Nietzsches gegen den Wahrheitsbegriff16 – entscheidend für die philosophische Ästhetik und Kunsttheorie17. Sowohl Heidegger als auch Adorno sehen die Aufgabe der Kunst in diesem Prozess der Entfaltung einer Wahrheit. Die Gemeinsamkeiten sind trotz aller politischen, und stilistischen Gegensätze, trotz aller unterschiedlichen Grundannahmen frappierend – wenn man sie auf den Aspekt der Relation der Kunst zur Wahrheit reduziert – und ignoriert, was die beiden Großdenker jeweils unter Wahrheit verstehen18.

Das Kunstwerk setzt die einzelnen Individuen, die Kunstrezipienten, in Beziehung zu etwas Überindividuellem. Die Rezeption eines Kunstwerkes ist nicht nur ein individuelles Erlebnis, nicht nur ein Erregungsvorgang im Bewusstsein der Rezipienten, sondern die Vermittlung einer Verbindung zu etwas Überindividuellem, das sowohl Heidegger als auch Adorno „Wahrheit“ nennen.

Heidegger:

„…setzt das Werk nicht herab in die Rolle eines Erlebniserregers. Die Bewahrung des Werkes vereinzelt die Menschen nicht auf ihre Erlebnisse, sondern rückt sie ein in die Zugehörigkeit zu der im Werk geschehenden Wahrheit….“ 19

Adorno:

„Die Wahrheit des Kunstwerks aber kann nicht anders vorgestellt werden, als dass in dem subjektiv imaginierten An sich ein Transsubjektives lesbar wird. Dessen Vermittlung ist das Werk.“ 20

Für Heidegger wie für Adorno ist die Wahrheit nichts Statisches, nichts Vorhandenes. Die Kunst ist für beide ein Werden, ein Geschehen und die Wahrheit dann ein Gewordenes, etwas das sich ereignet hat:

Heidegger:

„Kunst ist das Feststellen der sich einrichtenden Wahrheit in die Gestalt.[…] Also ist die Kunst: die schaffende Bewahrung der Wahrheit im Werk. Dann ist die Kunst ein Werden und Geschehen der Wahrheit.“ 21

Adorno:

„Deutbar ist Kunst nur an ihrem Bewegungsgesetz, nicht durch Invarianten. Sie bestimmt sich im Verhältnis zu dem, was sie nicht ist. […] Axiomatisch ist für eine umorientierte Ästhetik die vom späten Nietzsche gegen die traditionelle Philosophie entwickelte Erkenntnis, dass auch das Gewordene wahr sein kann. Die traditionelle, von ihm demolierte Ansicht wäre auf den Kopf zu stellen: Wahrheit ist einzig als Gewordenes.“ 22

Sowohl Heidegger als auch Adorno betonen die Uneindeutigkeit, die Zwiespältigkeit, die Paradoxie des Verhältnisses der Kunst zur Wahrheit:

Heidegger:

„Zum Wesen der Wahrheit als der Unverborgenheit gehört dieses Verweigern in der Weise des zwiefachen Verbergens.“
„Das Wesen der Wahrheit ist in sich selbst der Urstreit, in dem jene offenen Mitte erstritten wird, in die das Seiende hereinstellt und aus der es sich in sich selbst zurückzieht.“ 23

Adorno:

„Wahr ist Kunst, soweit das aus ihr Redende und sie selber zwiespältig, unversöhnt ist, aber diese Wahrheit wird ihr zuteil, wenn sie das Gespaltene synthetisiert und dadurch erst in seiner Unversöhnlichkeit bestimmt. Paradox hat sie das Unversöhnte zu bezeugen und gleichwohl tendenziell zu versöhnen; möglich ist das nur ihrer nicht-diskursiven Sprache.“ 24

Weil die Wahrheit in der Kunst nicht einfach vorhanden ist, kommt es auf den rechten Umgang mit den Kunstwerken an, um die Wahrheit zu entfalten. Heidegger nennt diese Entfaltung der Wahrheit des Kunstwerkes “Bewahrung“, bei Adorno ist es „philosophische Reflexion“ und „Kritik“:

Heidegger:

„Dieser Verrückung folgen heißt: die gewohnten Bezüge zur Welt und zur Erde verwandeln und fortan mit allem geläufigen Tun und Schätzen, Kennen und Blicken ansichhalten, um in der im Werk geschehenden Wahrheit zu verweilen. […] Das Werk ein Werk sein lassen, nennen wir die Bewahrung des Werkes.“ 25
„Die eigenste Wirklichkeit des Werkes kommt dagegen nur da zum Tragen, wo das Werk in der durch es selbst geschehenden Wahrheit bewahrt wird.“ 26

Adorno:

„Der Wahrheitsgehalt der Kunstwerke ist die objektive Auflösung des Rätsels eines jeden einzelnen. Indem es die Lösung verlangt, verweist es auf den Wahrheitsgehalt. Der ist allein durch philosophische Reflexion zu gewinnen. … Keine Aussage wäre aus *Hamlet* herauszupressen; dessen Wahrheitsgehalt ist darum nicht geringer.“ „Den Wahrheitsgehalt begreifen postuliert Kritik. Nichts ist begriffen, dessen Wahrheit oder Unwahrheit nicht begriffen wäre, und das ist das kritische Geschäft.“ 27

Hier liegt vom Standpunkt der Theaterkritik aus, auf der Suche nach der Gebrauchsanleitung für den Umgang mit den Kunstwerken des Theaters, der entscheidende Unterschied: nach Heidegger soll das Kunstwerk in seiner Rezeption „bewahrt“ werden, nach Adorno soll es kritisch reflektiert werden.
In Adornos „Früher Einleitung“ zu seiner Ästhetischen Theorie findet sich ein Abschnitt, der vielleicht das trifft, was Ivan Nagel damals dem unbedarften Juror hätte vorhalten wollen, wenn man ihn hätte ausreden lassen:

„Verstanden werden Kunstwerke erst, wo ihre Erfahrung die Alternative von wahr und unwahr erreicht oder, als deren Vorstufe, die von richtig und falsch. Kritik tritt nicht äußerlich zur ästhetischen Erfahrung hinzu, sondern ist ihr immanent. Ein Kunstwerk als Komplexion von Wahrheit begreifen, bringt es in Relation zu seiner Unwahrheit, denn keines ist, das nicht teilhätte an dem Unwahren außer ihm, dem des Weltalters. Ästhetik, die nicht in der Perspektive der Wahrheit sich bewegt, erschlafft vor ihrer Aufgabe; meist ist sie kulinarisch. Weil Kunstwerken das Moment von Wahrheit wesentlich ist, partizipieren sie an Erkenntnis und damit das legitime Verhältnis zu ihnen.“ 28

Ernst Blochs Schein-Antwort

Ernst Bloch versucht den Wahrheitsanspruch der Kunst gegen die rationalistische und religiöse Kritik der Kunst als bloßer „Schein“ aufrechtzuerhalten. Den Ausweg aus der Antithese, Kunst gegen Wahrheit, sieht er, entsprechend seiner Logik, die zwischen Sein und Nicht-Sein noch ein drittes, das Noch-Nicht, sieht, im Vor-Schein. Kunst ist für ihn nicht nur Schein, auch nicht das sinnliche Scheinen der Idee wie bei Hegel, sondern ein „Vor-Schein“. So meint er die „ästhetische Wahrheitsfrage“ lösen zu können. Kunst ist Utopie, eine „Objektbestimmtheit, mit dem Seinsgrad des Realmöglichen.“ Die Losung der Kunst, „des ästhetisch versuchten Vor-Scheins“, ist für Bloch nichts weniger als: „Wie könnte die Welt vollendet werden?“ So meint er, die Frage, ob die Kunst eine Wahrheit vermittelt, beantworten zu können:

„Die Antwort auf die ästhetische Wahrheitsfrage lautet: Künstlerischer Schein ist über all dort nicht nur bloßer Schein, sondern eine in Bildern eingehüllte, nur in Bildern bezeichenbare Bedeutung von Weitergetriebenem, wo die Exaggierung und Ausfabelung einen im Bewegt-Vorhandenen selber umgehenden und bedeutenden Vor-Schein von Wirklichem darstellen, einen gerade ästhetisch-immanent spezifisch darstellbaren.“ 29


Diese Antwort kommt aber ohne den Begriff der Wahrheit aus. „Vor-Schein“ ist nicht Schein, aber auch nicht Wahrheit. Außerdem stellt die Antwort Bedingungen an die Kunst: nicht jede Kunst ist Vor-Schein, sondern nur dort, wo sie in der Wirklichkeit angelegte Tendenzen zur Vervollkommnung der Welt weitertreibt. Bloch rechtfertigt die Kunst vor den Angriffen der kunstfremden Rationalisten, denen das Spiel der Kunst keine ernsthafte Wahrheit vermittelt, indem er die Wahrheitsfrage utopisch umschifft. Letztlich ist für Bloch der Begriff der Wahrheit auf die Kunst nicht anwendbar.

Badious Schema

Alain Badiou hat versucht, die Theorien über das Verhältnis von Kunst und Wahrheit in drei Schemata zu ordnen:

  1. das didaktische Schema (Platon): Die Kunst kann keine Wahrheit hervorbringen. Sie ist nur der täuschende Schein von Wahrheit. Wahrheit gibt es nur außerhalb der Kunst. Deshalb muss die Kunst reglementiert werden.
  2. das romantische Schema: Wahrheit gibt es nur in der Kunst (und in der Philosophie, aber die Kunstwahrheit ist die Vollendung der philosophischen Wahrheit durch Verkörperung).
  3. das klassische Schema (Aristoteles): In der Kunst gibt es keine Wahrheit, aber das ist nicht schlimm. Sie hat andere Aufgaben.

 

Dagegen stellt Badiou seine eigene Theorie der Wahrheit30. Es gibt nicht die Wahrheit, sondern nur Wahrheiten. Wahrheit ist für Badiou nicht eine Eigenschaft eines Urteils, sondern ein Prozess in der Wirklichkeit, durch den etwas Neues entsteht. Es gibt vier verschiedene Wahrheitsverfahren: Wissenschaft, Politik, Liebe (!) und Kunst. Die Wahrheiten der Kunst sind ihr immanent, nur in ihr selbst zu finden, und sie sind singulär, es gibt sie nirgendwo anders31. Für Badiou sind aber nicht die Kunstwerke selbst die Wahrheiten, sondern:


„Ein Kunstwerk stellt eine Untersuchung über die Wahrheit dar, die im Kunstwerk als ihr Ort aktualisiert ist oder deren endliches Fragment es ist.“ 32


Für Badiou ist auch nicht das einzelne Werk die künstlerische Wahrheit, sondern eine „künstlerische Konfiguration“, die auf ein auslösendes Ereignis, einen Umbruch, zurückgeht. Mit Konfiguration meint Badiou so etwas wie ein künstlerisches Paradigma, eine Epoche oder eine dominierende Stilrichtung. Er nennt als Beispiele für die Moderne: „Serialismus, romantische Prosa, Zeitalter der Dichter, Bruch mit der bildlichen Darstellung.“ 33

Dem Theater spricht Badiou eine ganz eigene, immanente Wahrheit zu. Es produziere eine Wahrheit, die auf keine andere Form der Wahrheit reduzierbar sei, eine „Theater-Wahrheit“. Er beschreibt in einem Aufsatz von 1998 vier Dimensionen dieser „Theater-Wahrheit“:

  1. die ereignishafte Dimension. Die Wahrheit kommt im Theater nur zum Erscheinen, sie ist nicht einfach da, sondern hat eine vergängliche Aktualität.
  2. die experimentelle Dimension. Im Theater findet eine Begegnung zwischen etwas Ewigem (für Badiou ist es der Theatertext) und dem gegenwärtigen Moment in einer künstlichen Zeit statt. So ist eine Theatervorstellung ein Experiment, das seine eigene Zeit herzustellen versucht.
  3. die quasi-politische Dimension: Das Theater ist wesentlich öffentlich, ein kollektives Ereignis wie die Politik.
  4. die vergrößernde Dimension. Das Theater zeigt, wo wir in der historischen Zeit stehen. So wird unsere Situation vergrößert, auf eine die Gegenwart übergreifende Dimension bezogen.

Daher bringt das Theater nach Badiou eine Wahrheit aus den verschiedenen möglichen Formen der kollektiven Beziehung zu Wahrheiten hervor. 34

Für Badiou gehört Heideggers Kunsttheorie eindeutig ins romantische Schema. Das dürfte auch für Adornos Theorie gelten, wenn man Badious etwas grobschlächtigem Schema folgen will. Schließlich ist die philosophische Reflexion für Adorno nur Hilfsmittel zur Entbindung des Wahrheitsgehaltes des Kunstwerks.

Zwischenergebnis 1

Vorläufiges Ergebnis also: Ivan Nagel hatte eine romantisch-adornitische Auffassung von Wahrheit und wollte an den Kritiker nun die Forderung stellen, die Auswahl der Inszenierung als eine der „bemerkenswertesten“ des Jahrgangs mit ihrer „Wahrheit“ zu begründen.

Siehe auch die folgenden Teile von „Die Wahrheit auf dem Theater“: Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5

  1. Franz Wille nannte es eine Szene von „homerischer Kraft“ und nahm sie zum Anlass seines Spielzeitessays im Jahrbuch von „Theater heute“: Franz Wille, „Im Auge des blinden Flecks. Über das Theater der Repräsentationen und seine Matrix, über Schwierigkeiten mit der Wahrheit von Nietzsche bis Nagel und manche andere Perspektive.“ Theater heute Jahrbuch 2003, S. 102-113
  2. Eine übersichtliche, kurze Darstellung der modernen Wahrheitstheorien findet sich bei Thomas Grundmann, Philosophische Wahrheitstheorien. Stuttgart: Reclam, 2018. Grundmann hält die Klärung des Wahrheitsbegriffs für eine aktuelle politische Aufgabe. Eine ausführlichere, ältere Darstellung ist  L. Bruno Puntel, Wahrheitstheorien in der neueren Philosophie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983. Die wesentlichen Grundlagentexte findet man bei Gunnar Skirbekk (Hg.), Wahrheitstheorien. Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20. Jahrhundert. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1977. 
  3. Karl Popper hält an der „Idee der absoluten Wahrheit“ zwar fest, aber nur als Grenzbegriff, um auf unsere unendliche Fehlbarkeit zu verweisen: „Die Idee der absoluten Wahrheit ist notwendig, damit wir unaufhörlich im Bewußtsein unserer Fehlbarkeit leben.“ Karl Popper, „Interview mit l’Express“ 1982, dt. in: Aufklärung und Kritik 2/1994, S. 38ff
  4. Ein interessante, wenig beachtete Untersuchung ist die frühe Arbeit von Arne Naess, „Truth“ as conceived by this who are not professional philosophers. Skrivter utgitt av det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse. 1938. No. 4. Naess vergleich die empirisch durch Interviews erhobenen Auffassungen von Nicht-Philosophen, was denn Wahrheit sei, mit den Aussagen von Philosophen darüber, was Nicht-Philosophen (nach Meinung der Philosophen) angeblich für Wahrheit halten. Er kommt zu dem Schluss, dass die Philosophen ohne jeglichen nachprüfbaren Grund über die Wahrheitsvorstellungen der Nicht-Philosophen urteilen und meistens auch falsch liegen, weil die Wahrheitsvorstellungen der Nicht-Philosophen ebenso vielfältig sind wie die der professionellen Philosophen. Naess hält folglich auch den Versuch einer philosophisch begründeten umfassenden Wahrheitstheorie für überflüssig. Auch in dieser Untersuchung der Wahrheit auf dem Theater geht es um die Wahrheitsvorstellungen von Nicht-Philosophen.
  5. „Manchmal, {…} sagt man sich: nun ja, die einzelnen sind Darsteller, bescheidene Einzelwerte … aber das Ganze gefaßt, glaubt man, wie der Diable boiteux in abgedeckte Häuser zu blicken … Es ist die Wahrheit – die Wahrheit.“ Alfred Kerr, „Ich sage, was zu sagen ist“ Theaterkritiken 1893-1919 (Werke Bd. VII.1) hg. Günther Rühle. Frankfurt/M: S. Fischer 1998, S.267
  6. „τὸ μὲν γὰρ λέγειν τὸ ὄν μὴ εἶναι ἢ τὸ μὴ ὂν εἶναι ψεῦδος, τὸ δὲ τὸ ὂν εἶναι καὶ τὸ μὴ ὂν μὴ εἶναι ἀληθές.“ Metaphysik IV,7 1011b
  7. Zur Herkunft der Formel „veritas est adaequatio rei et intellectus“:  Thomas von Aquin verweist auf Isaac Judaeus {Thomas von Aquin, Von der Wahrheit – De veritate. Quaestio I. Hamburg: Meiner, 1986, S.8}, dort findet sich die Formel aber nicht. Guillaume d’Auvergne verwendet die Formel, die wahrscheinlich aber auf Avicenna zurückgeht.
  8. Jan Szaif weist nach, dass auch schon der späte Platon im Sophistes diesen korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff formuliert hat: Jan Szaif, „Die Geschichte des Wahrheitsbegriffs in der klassischen Antike“ in: Markus Enders & Jan Szaif (Hg.), Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit Berlin/New York: de Gruyter, 2006, S.16f
  9. „Hegels Lehre von der Wahrheit erscheint somit auf den ersten Blick als dynamisierte Variante des christlichen Platonismus.“ Herbert Schnädelbach, Hegels Lehre von der Wahrheit. Antrittsvorlesung 26. Mai 1993,
  10. „Richtigkeit und Wahrheit werden im gemeinen Leben sehr häufig als gleichbedeutend betrachtet, und demgemäß wird oft von der Wahrheit eines Inhalts gesprochen, wo es sich um bloße Richtigkeit handelt. Diese betrifft überhaupt nur die formelle Übereinstimmung unserer Vorstellung mit ihrem Inhalt, wie dieser Inhalt auch sonst beschaffen sein mag. Dahingegen besteht die Wahrheit in der Übereinstimmung des Gegenstandes mit sich selbst, d.h. mit seinem Begriff.“ G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd.8), S. 323, §172 Zusatz
  11. „Im philosophischen Sinn dagegen heißt Wahrheit, überhaupt abstrakt ausgedrückt, Übereinstimmung eines Inhalts mit sich selbst. {…} Unwahr heißt dann soviel als schlecht, in sich selbst unangemessen. {…} das Schlechte und Unwahre überhaupt besteht in dem Widerspruch, der zwischen der Bestimmung oder dem Begriff und der Existenz eines Gegenstandes stattfindet.“ G.W.F. Hegel, WA Bd.8, S. 86 §24 Zusatz 2. Rainer Schäfer legt die Gründe für diesen Wechsel in der Wahrheitsdefinition dar. Sie liegen in der idealistischen Grundkonzeption Fichtes, Schellings und Hegels. Vgl. Rainer Schäfer, „Das holistisch-systemische Wahrheitskonzept im deutschen Idealismus (Fichte-Hegel)“, In: Enders & Szaif (Hg.) a.a.O. S. 251
  12. „Das Wahre ist das Ganze.. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“ G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Einleitung. (WA Bd. 3) Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, S. 24
  13. „Denn dem Wesen nach muss in dem schönen Objekt sowohl der Begriff, der Zweck und die Seele desselben wie seine äußere Bestimmtheit, Mannigfaltigkeit und Realität überhaupt aus sich selbst und nicht durch andere bewirkt erscheinen, indem es, wie wir sahen, nur als immanente Einheit und Übereinstimmung des bestimmten Daseins und echten Wesens und Begriffs Wahrheit hat. {…} Beides muss im schönen Objekte vorhanden sein: die durch den Begriff gesetzte Notwendigkeit im Zusammengehören der besonderen Seiten und der Schein ihrer Freiheit als für sich und nicht nur für die Einheit hervorgegangener Teile. {…} Durch diese Freiheit und Unendlichkeit, welche der Begriff des Schönen wie die schöne Objektivität und deren subjektive Betrachtung in sich trägt, ist das Gebiet des Schönen der Relativität endlicher Verhältnisse entrissen und in das absolute Reich der Idee und ihrer Wahrheit emporgetragen.“ G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik I. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd. 13), S.156f
  14. G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik III. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd. 15), S.573
  15. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. 1830. Hg, Friedhelm Nicolin u. Ottfried Pöggeler. Hamburg: Meiner, 1969. S. 445 § 562
  16. Das abgedroschene Zitat darf auch hier nicht fehlen: „Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind.“ Friedrich Nietzsche, „Über Wahrheit und Lüge im außenmoralischen Sinne“,
  17. Zwei Beispiele für die Wirksamkeit des emphatischen Wahrheitsbegriffs in der Kunsttheorie der 50er Jahre:
    Romano Guardini rechtfertigt sich 1953 in der Einleitung zu seiner Interpretation von Rilkes „Duineser Elegien“: „Ein dichterisches Werk ist nicht nur Ausdruck, sondern Aussage. Jede Aussage steht aber vom Wesen her unter dem Maßstab der Wahrheit. Also nicht nur der Forderung, ehrlich und echt zu sein, sondern das Wesen des Seienden so zu erfassen, wie es in sich ist.“ Romano Guardini, Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien. Ostfildern/Paderborn: Matthias Grünewald, Schöningh 5. Aufl. 2016 (zuerst 1953) S.19.
    Hans Sedlmayr knüpft 1949 in seinem Aufsatz „Kunstgeschichte als Geistesgeschichte“ ausdrücklich an einen emphatischen Begriff von Wahrheit: „{Der Sinn der Kunstgeschichte} wird nur dem zugänglich, der an die absolute Wahrheit, die Wahrheit der Offenbarung glaubt.“ S.90. Sedlmayr bedient sich auch ausdrücklich bei Heideggers Etymologie des Begriffs ἀλήθεια: „Es bleibt die Frage, ob das Kunstwerk seine wahre Gegenwart – seine Wahrheit, Unverborgenheit – schon gewonnen hat oder sie erst noch von der Zukunft erwartet.“ Hans Sedlmayr, Kunst und Wahrheit. Zur Theorie und Methode der Kunstgeschichte. Mittenwald: Mäander, 1978 (zuerst in „Rowohlts deutscher Enzyklopädie“ 1958) S.171
  18. Heidegger beschäftigt sich ausführlich und immer wieder mit dem Begriff der Wahrheit, z.B. in „Sein und Zeit“ §44: „Die Aussage ist wahr, bedeutet: sie entdeckt das Seiende an ihm selbst {…} Wahrsein (Wahrheit) der Aussage muss verstanden werden als entdeckend-sein.“ Martin Heidegger, Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer, 15. Aufl. 1979, S.218. Heidegger versucht hier den traditionellen korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff existenzialontologisch zu begründen in der Struktur des menschlichen Daseins: “Wahrheit im ursprünglichen Sinne ist die Erschlossenheit des Daseins, zu der die Entdecktheit des innenweltlichen Seienden gehört.“ a.a.O. S.223.
    Adorno verweigert aus guten Gründen eine Definition von Wahrheit. Auch in seiner Vorlesung „Philosophische Terminologie“ (1962/63) taucht der Begriff „Wahrheit“ nicht als ein zu erklärender Terminus der Philosophie auf, wird aber dennoch ständig verwendet. Immerhin gibt es eine Definition der Philosophie: „So würde ich {…} Philosophie definieren: als die Bewegung des Geistes, deren eigene Intention Wahrheit ist, ohne dass sie wähnte, nun in einem ihrer eigenen Sätze oder in irgendeiner Gestalt der Unmittelbarkeit diese Wahrheit als ein bereits Fertiges zu haben.“ Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie I und II, Hg.v. Henri Lonitz. Berlin: Suhrkamp, 2016, S.114. Und eine prägnante Bestimmung des Verhältnisses von Kunst und Philosophie: „Wird in der Kunst die Wahrheit oder das Objektive oder das Absolute ganz und gar Ausdruck, so wird umgekehrt in der Philosophie der Ausdruck, jedenfalls ihrer Tendenz nach, zur Wahrheit.“ S. 113. Adorno verhält sich natürlich nicht unkritisch zu Hegel: „Geist, der Totalität sein soll, ist ein Nonsens.“ (Adorno, Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit. Gesammelte Schriften Bd. 6, Frankfurt/M: Suhrkamp, 1984,S.199.) Adornos Dialektik ist die negative, deshalb gilt für ihn: „Das Ganze ist das Unwahre.“ Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1980 (= Bibliothek Suhrkamp 236) Nr. 29, S. 57. Das Ganze ist der „Bann, das Negative“ ( S.161): „Das Unheil liegt in den Verhältnissen, welche die Menschen zur Ohnmacht und Apathie verdammen und doch von ihnen zu ändern wären.“ (S.191). Dagegen hilft nur „bestimmte Negation“.
  19. Martin Heidegger, „Der Ursprung des Kunstwerkes“ in: Holzwege. Frankfurt/M: Klostermann, *6*1980, S.54
  20. Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie. (=Gesammelte Schriften Bd. 7). Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, S. 421
  21. Heidegger a.a.O., S. 57
  22. Adorno a.a.O, S. 12
  23. Heidegger a.a.O., S.40f
  24. Adorno a.a.O, S. 251
  25. Heidegger a.a.O., S.53
  26. Heidegger a.a.O., S.55
  27. Adorno a.a.O., S. 193f
  28. Adorno a.a.O, S. 515f
  29. Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1959 {zuerst Leipzig 1954} Bd. 1, S.247
  30. siehe auch Badious Vortrag „Event and Truth“ bei dem Symposion „Event in Artistic and Political Practices“ (26.-28.03.2013) in Amsterdam (Teil 1; Teile 2-4 ebenfalls auf YouTube
  31.  „Was die Kunst unter den Wahrheitsprozessen einmalig macht, ist, dass das Subjekt der Wahrheit bei ihr dem Sinnlichen entnommen wird.“ Alain Badiou, Dritter Entwurf eines Manifestes für den Affirmationismus. hg. und um ein Gespräch mit Alain Badiou erweitert von Frank Ruda und Jan Völker. a.d. Frz.v. Ronald Vouillié. Berlin: Merve, 2007, S. 26
  32. Alain Badiou, Kleines Handbuch der Inästhetik, Berlin: Turia + Kant, 2+2012 (zuerst frz. 1998), S.25
  33. Badiou a.a.O. S.29
  34. Alain Badiou, „Theatre and Philosophy“ in: Alain Badiou, Rhapsody for the theatre. Edited and Introduced by Bruno Bosteels. London/New York: Verso, 2013, pp. 101-104 (zuerst „Théâtre et philosophy“, talk May 1998 Comédie de Reims, Reims: Noria, Cahier 13, also in: Frictions: théâtres-écritures 2 (Spring Summer 2000) pp.133-41

Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 2 Der Theatertext

Der Begriff der Wahrheit wird weder von Hegel noch von Heidegger noch von Adorno auf das Theater bezogen. Ihnen geht es um die Kunst allgemein, dann bei Hegel noch besonders um das Drama. Die nicht mit dem Wort identische Seite des Theaters, die Vergegenwärtigung des Textes in einer Theateraufführung oder die nicht-sprachliche Seite des Theaters, sind nicht wesentlich für den Wahrheitsgehalt. Das Kunstwerk ist das Wortkunstwerk.

Theatertext und Theateraufführung

Hegel wertet die nicht-sprachliche Seite des Theaters völlig ab 1 und wenn eine Theateraufführung gelingt, liegt das nur daran, dass der Theaterdichter die richtigen Voraussetzungen dafür im Text geschaffen hat.2
Für Heidegger ist sogar alle Kunst letztlich Dichtung.3 Wie für Hegel hat für ihn die Sprache eine übergeordnete Rolle in der Kunst4. Wenn Heidegger das Theater einmal beiläufig erwähnt, dann im abwertenden Sinne als Erlebnismaschine, als Medium der Effekthascherei5.
Adorno dagegen bezeichnet sich selbst als „halbes Theaterkind“6. Aber mit „Theater“ meint er immer entweder das Drama oder die Oper. In seinen „Noten zur Literatur“ finden sich die einflussreichen Essays über Dramen Goethes, Becketts, Brechts, Horvaths usw. In dem ironisch-liebevollen Essay „Naturgeschichte des Theaters“, der eher eine Sammlung von Aperçus über das Publikum und die verschiedene Räumlichkeiten eines Theaterbaus ist, geht es auch nur um das Opernpublikum und Opernhäuser.7 Von Opernregisseuren, die versuchen Opern „durch die mise en scene“ zu retten oder probieren „es irgendwie zu modernisieren“8, hält er nichts. So kann man bei Adorno wenig Aufklärung über das Verhältnis von Theater (nicht Drama und nicht Oper) zur Wahrheit erwarten.

Einer der wenigen Theaterpraktiker, die sich mit dem Begriff der Wahrheit auseinandergesetzt haben, war der Regisseur Adolf Dresen9. Er betont, dass die Wahrheit der Kunst eine neue Wahrheit ist, sieht also die Wahrheit ähnlich wie Heidegger, Adorno und Badiou als etwas Sich-Entwickelndes, Entstehendes, nicht als etwas Feststehendes, das die Kunst erreichen müsste10. Für ihn ist die Wahrheit der Kunst immer eine „neue Wahrheit“, und – ganz im Heideggerschen Sprachduktus – eine Wahrheit, die sich offenbart11. Aber auch er erklärt nur sein Verständnis der Wahrheit der „Kunst“, nicht der besonderen Rolle der Wahrheit auf dem Theater.

Die Wahrheit des Theatertextes

Wenn man nun sich vorläufig darauf einlässt, die Wahrheit auf dem Theater nur als die Wahrheit des Dramas, d.h. des Theatertextes, zu verstehen, – was lässt sich über sie am Beispiel des von Ivan Nagel angesprochen Dramas „Traum im Herbst“ von Jon Fosse sagen?12

Nehmen wir den ersten Satz von Jon Fosses Text:

„MANN: Nein bist du das“13

An diesen Satz kann man kein Wahrheitskriterium anlegen: Er ist der Beginn eines Dialogs (zwischen Mann und Frau), er ist gesprochen in einer bestimmten Situation (Wiedersehen auf dem Friedhof), er ist fiktional (Teil eines Textes, der eine eigene Wirklichkeit konstruiert), er ist ein Fragesatz. Oder wie Gottlob Frege sagt: die Sätze der Schauspieler auf der Bühne sind nur Bilder, zwar mit Sinn, aber ohne Bedeutung und daher ohne Wahrheitswert. 14
Versuchen wir es mit einem anderen Satz:

„MUTTER: Nichts bleibt / alles zieht / wie Wolken / Ein Leben ist ein Wolkenhimmel /bevor es dunkel wird“15

Das sieht wie ein Aussagesatz aus, aber wie sollen wir beurteilen können, dass er wahr ist? Er enthält eine Metapher und beurteilt etwas so Allgemeines wie „ein Leben“. Metaphern können nicht wahr sein. Auch auf dieser Ebene ist die Wahrheit eines Theatertextes nicht zu suchen. Es gibt nur wenige solche lebensweisen Sätze bei Fosse. Er entwertet sie auch gleich durch Sätze wie:

„MANN: Wir reden ja nur / Eigentlich alles Unsinn /was wir sagen /Nur Gerede/ Ja“16

Fosse selbst sieht die Wahrheit seiner Texte auch nicht in den einzelnen Sätzen, sondern, ganz hegelianisch, im Ganzen:

„Sagte nicht jemand hier: Die Wahrheit ist immer konkret? … Es geht mir um das Ganze eines Textes, und die Welt im Text spricht vom Ganzen und ist daher in jedem Teil, in jedem Detail des Textes präsent.“17

Die Wahrheit eines Dramas, oder seine Partizipation an der Wahrheit, kann also nicht in einzelnen Sätzen liegen, sondern nur im Drama als Ganzem. Das Drama als Ganzes spricht eine nicht-diskursive Sprache (obwohl es auch aus vielen diskursiven Sätzen besteht). Was diese Wahrheit also ist, die das Drama ausspricht oder vermittelt, lässt sich also nicht diskursiv formulieren. Aber dennoch soll es sie geben, dieses transsubjektive Etwas, die Wahrheit des Kunstwerks. Für Adorno müsste also die Kritik diese Wahrheit herausarbeiten, obwohl sie nicht als Aussage aus dem Drama herauszupressen ist (siehe „Hamlet“).

Am Beispiel von „Traum im Herbst“

Was wäre also an „Traum im Herbst“ wahr? Die Zeiterfahrung z.B., wie sich Vergangenheit und Gegenwart im Bewusstsein mischen. In Fosses Stück vermischen sich die Zeitebenen unmerkbar, vorwärts und rückwärts. Natürlich können wir im wirklichen Leben Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden, aber in unserem Bewusstsein vermischen sich ja aktuelle Wahrnehmungen, Erinnerungen und Zukunftspläne. Erst diese erweiterten zeitlichen Dimensionen geben unseren Wahrnehmung im Hier und Jetzt Bedeutung und Sinn. Wäre das die Wahrheit dieses Theaterstücks? Wenn ja, – sie wurde herausgearbeitet, sie ist Resultat von Überlegungen eines einzelnen Rezipienten. Transsubjektiv ist sie höchstens als Zumutung an andere, dieser Wahrheit zuzustimmen (vgl. Kants Geschmacksurteil)18. Natürlich hat „Traum im Herbst“ Teil am „Unwahren des Zeitalters“: glücklich sind die Figuren nicht, ihre Kommunikation ist unbewusst instrumentell, das Frauenbild, das die drei weiblichen Figuren abgeben, ist jämmerlich, auch wenn sie am Ende als überlebendes, scheinbar versöhntes Trio in die Zukunft marschieren.

Entscheidend ist aber, dass das, was in heideggersch-adornitischer Diktion „Wahrheit“ genannt wird, aus einem kommunikativen Akt zwischen Kunstwerk und Rezipient entsteht. Nüchtern betrachtet ist diese „Wahrheit“ in jedem Kopf anders – und verliert damit die Berechtigung einer überindividuellen Gültigkeit. Wenn jeder seine eigene Wahrheit hat, hat es keinen Sinn, diesen verschiedenen Gedanken verschiedener Individuen Wahrheit zuzusprechen.19 Dass diese vielen Gedanken von einem einzigen Objekt, dem Kunstwerk, angeregt werden, oder im Theater von einem gemeinsamen Erlebnis, ist das Wesen der Kunst. Kunst ist Kommunikation, nicht Wahrheit, das ist die Einsicht der Hermeneutik20. Gadamer greift die Frage nach der Wahrheit der Kunst zwar auf, löst sie dann aber auf im Hin- und her des spielerischen Gesprächs zwischen Kunstwerk und Kunstrezipient. Aus dem Anspruch „Aufhebung der {sogenannten} Wirklichkeit zu ihrer Wahrheit“ durch die Kunst.21 wird am Ende doch nur die „Wahrheit des Spiels“22. Die Wahrheit als Spiel, das entspricht weder dem korrespondenztheoretischen noch dem ontologischen Begriff der Wahrheit und überdehnt den Begriff der Wahrheit über seine möglichen Bedeutungen hinaus.

Wenn es eine oder mehrere „Wahrheiten“ in „Traum im Herbst“ gäbe, müsste sie doch von irgendwem bemerkt worden sein. In den Kritiken der Uraufführung an der Schaubühne Berlin und in denen der zum Theatertreffen eingeladen Inszenierung der Münchner Kammerspiele findet sich das Wort „Wahrheit“ nicht, auch nicht das Adjektiv „wahr“. Die Urteile über das Stück, den Theatertext, sind bei der Uraufführung vorsichtig positiv, bei der Münchner Inszenierung hingegen negativ. Das Verhältnis der Bewertung von Theatertext und Inszenierung kehrt sich um. Günther Grack im Tagesspiegel stellt bei der Uraufführung nur fest, Fosses Stück enthalte sich „jeder über es hinausweisenden Botschaft“23. Eva Corino moniert „Flucht in die falsche Einfachheit“24, Barbara Villiger-Heilig beanstandet bei Gelegenheit der Münchner Aufführung, der Text könne „da wo er philosophisch wird, seine Schwachstellen nicht verbergen“25. Marietta Piekenbrock verteilt gleich „die saure Gurke für die schwächste Spielvorlage der Saison“26. Die Inszenierung der Uraufführung wird wohlwollend abgewertet: „schade“ (Dirk Pilz27), „bemerkenswert gelungen, aus dem diffusen Gespinst ein Maximum an atmosphärischen Reizen und psychologischen Spannungen herauszuholen“, (Günther Grack), die Münchner Inszenierung eindeutig gelobt: „wunderbar“28 (Dirk Pilz), „wunderbar“ (Rüdiger Schaper29), „großartig“ (Simone Meier30).
Wenn man nach wahrheitsfähigen Sätzen in diesen Kritiken sucht, die über die Beschreibung des Bühnengeschehens und die Wiedergabe der Empfindungen des Zuschauers hinausgehen, findet man höchstens Sätze wie den von Dirk Pilz:

„Leben heißt Vorbereitung auf den Tod, Lieben Einübung in den Abschied.“

Oder den von Christopher Schmidt:

„Zwei Dinge, Tod und Liebe, holen einen von den Beinen.“ 31

Diese Sätze bleiben aber, wie in vielen Theaterkritiken, bewusst in der Schwebe zwischen der Wiedergabe von Auffassungen, die dem Theatertext oder der Inszenierung zugeschrieben werden und allgemeinen Aussagen des Kritikers bzw. der Kritikerin. Sie sind Teil des Spiels. Solche Aussagen beanspruchen keine Allgemeingültigkeit, sie sind subjektive Versuche zwischen dem Theatertext bzw. der erlebten Performance und dem Zuschauer zu vermitteln, sind versuchsweise Verallgemeinerungen, die sich ihrer unabänderlichen Subjektivität bewusst sind. 32

Zwischenergebnis 2

Die Anwendung des Begriffs „Wahrheit“ auf einen Theatertext ist also nur möglich, wenn die Wahrheit etwas Absolutes, die Idee, das Ganze, das Sein o.ä. ist. In den 50er und frühen 60er Jahren findet sich dieser emphatische Wahrheitsbegriff auch häufig in den Theorien der Künste, z.B. bei Hans Sedlmayr in der Theorie der bildenden Kunst oder Romano Guardini in der Literaturtheorie33.

Wahrheit als Aussagenwahrheit ist auf Texte der Theaterliteratur nicht anwendbar. Irgendwann in den 70er Jahren scheint der Begriff „Wahrheit“ als wertender Begriff der Kunstrezeption ausgestorben zu sein. Nur das philosophische Fossil Alain Badiou verwendet ihn noch.

 

Siehe auch „Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 3“ (Die Wahrheit des Schauspielers) und „Teil 4“ (Repräsentation und Identität).

  1. siehe meinen Beitrag „Hegel und das Theater
  2. siehe meinen Beitrag „Mit Hegel im Theater
  3. „Alle Kunst ist als Geschehenlassen der Ankunft der Wahrheit des Seienden als eines solchen im Wesen Dichtung.“ Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks. Mit der „Einführung“ von Hans-Georg Gadamer und der ersten Fassung des Textes (1935) Frankfurt/M: Klostermann, 2012, S.59
  4. „Gleichwohl hat das Sprachwerk, die Dichtung im engeren Sinne eine ausgezeichnete Stellung im Ganzen der Künste.“ Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks a.a.O., S.61
  5. „Alles Darzustellende soll nur wirken als Vordergrund und Vorderfläche, abzielend auf den Eindruck, den Effekt, das Wirken- und Aufwühlenwollen: ‚Theater‘.“ Martin Heidegger, „Nietzsche I“ in: Gesamtausgabe Bd. 6,1. Frankfurt/M: Klostermann, 1996, S.85. Zit. bei Marten Weise, „Heideggers Schweigen vom Theater“, in: Leon Gabriel, Nikolaus Müller-Schöll (Hg.) Das Denken der Bühne. Szenen zwischen Theater und Philosophie. Bielfeld: Transkript, 2019. Weise erdichtet sich darin eine Vision des Theaters, die Heidegger hätte schreiben sollen, aber nicht geschrieben hat.
  6. „Ich betrachte mich ja selber als ein halbes Theaterkind.“ Theodor W. Adorno, „Theater, Oper, Bürgertum“ in: Egon Vietta (Hg.), Theater. Darmstädter Gespräch 1955. Darmstadt: Neue Darmstädter Verlagsanstalt, 1955, S.139
  7. Adorno, Musikalische Schriften I-III. Gesammelte Werke Bd. 16, S.309-320. Die einzelnen Texte sind zuerst erschienen in den „Blättern des Hessischen Landestheaters, Darmstadt“ 1931-33.
  8. Adorno, Darmstädter Gespräch 1955, a.a.O. S.139
  9. Adolf Dresen (1935-2001) war Theaterregisseur zunächst in der DDR am Deutsche Theater, dann am Burgtheater Wien, in Frankfurt am Main und später Opernregisseur an verschiedenen europäischen Theatern.
  10. „Die Wahrheit der Kunst ist {…} die neue Wahrheit, es kommt ihr an auf die wirkliche Entdeckung der Wahrheit. Wenn die Wahrheit entdeckt wird, ist sie im Widerspruch mit dem bisherigen Bild der Welt, mit der bisherigen Wahrheit, der alten Wahrheit. Die Wahrheit der Kunst macht Ernst mit der Wahrheit als einer historischen Kategorie.“ Adolf Dresen, „Wahrheitsagen“, in: Siegfrieds Vergessen. Kultur zwischen Konsens und Konflikt. Berlin: Christoph Links Verlag, 1992 {auch in Sinn und Form 1992}, S.212
  11. „Es ist diese Kruste der Selbstverständlichkeit, die die Kunst durchbricht. {…} Die Wahrheit ist eine Leistung. Sie ist die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, die andere Wirklichkeit nicht des Bestehenden, Anerkannten, Festgestellten, sondern des Erstaunlichen, Verblüffenden, ja des Wunderbaren. {…} Die Wahrheit der Kunst ist die neue Wahrheit, aber sie ist eben auch die neue Wahrheit. Sie ist weder der platte Abklatsch noch der pure Ästhetizismus, sondern Erkennen. Sie ist weder die bestehende noch die ignorierte, sondern die bis eben unbekannte, die sich offenbarende Wahrheit.“ Adolf Dresen a.a.O., S.222f.
  12. Eine ausgezeichnete, methodisch sehr bewusste und detailgenaue Arbeit über Jon Fosses „Traum im Herbst“ ist die Diplomarbeit von Marion Titsch, Das Ungesagte im Gesagten. Dramaturgische Untersuchungen zu Jon Fosses Theatertexten Draum om hausten und Svevn sowie deren Inszenierungen von Luk Perceval und Michael Thalheimer. Diplomarbeit Universität Wien 2009. https://core.ac.uk/download/pdf/11585761.pdf
  13. Jon Fosse, Traum im Herbst und andere Stücke. Reinbek: Rowohlt, 2001 S. 91
  14. Für Gottlob Frege haben Behauptungssätze eines Schauspielers auf der Bühne nicht ihre „gewöhnliche Kraft“, sie enthalten nur einen Gedanken. Der Wahrheitswert eines Satzes ist für Frege seine Bedeutung. Der Aussagesatz eines Schauspielers auf der Bühne hat aber – in Freges Terminologie – keine Bedeutung (keinen Gegenstand), also auch keinen Wahrheitswert. Frege schlägt vor, Zeichen, die keine Bedeutung, nur einen Sinn haben, Bilder zu nennen. Dann würden „die Worte des Schauspielers auf der Bühne Bilder sein, ja der Schauspieler selber wäre ein Bild.“ Gottlob Frege, „Über Sinn und Bedeutung“ (1892) in: G.F., Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, hg.v. Günther Patzig, 3. Aufl. 1969, S. 48f
  15. S.135
  16. Traum im Herbst, S.115
  17. Programmheft zu „Traum im Herbst“ Münchner Kammerspiele. Premiere 29. November 2001. Der Jemand, den Fosse meint, ist wohl Hegel, obwohl das Zitat dann in der Folge auch Lenin und Brecht zugeschrieben wurde. „Das Wahre, der Geist, ist konkret {…} Nur das Konkrete ist das Wirkliche, welches die Unterschiede trägt.“ Hegel, WA Bd. 18 Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I, S.45 u. 53
  18. Das war etwa der Sinn meiner unbeholfenen Antwort auf Ivan Nagel, dass ich Wahrheit für etwas Objektives halte, während es bei der kritischen Würdigung eines Theaterstücks auf die Rechtfertigung eines subjektiven Urteils ankomme.
  19. „Wenn es dem einzelnen Zuschauer überlassen bleibt, aus gewissen Andeutungen eines Theaterstücks die eine oder andere allgemeingültige Aussage abzuleiten, dann sprechen wir nicht mehr über ein wirkliches Lernen durch wahre Aussagen, die implizit im Theaterstück ausgedrückt wären; stattdessen sprechen wir über eine Art von Interaktion zwischen Zuschauer und Aufführung, in der der Zuschauer oder die Zuschauerin in der Auseinandersetzung mit dem Stück seine oder ihre eigenen Ansichten entwickelt oder bedenkt.“ Tom Stern, Philosophy and Theatre. An introduction. London: Routledge, 2014 p.54. Übersetzung: G.P.
  20. „Denn die Dialektik von Frage und Antwort, die wir aufwiesen, lässt das Verhältnis des Verstehens als ein Wechselverhältnis von der Art eines Gesprächs erscheinen. Zwar redet der Text nicht so zu uns wie ein Du. Wir, die Verstehenden, müssen ihn von uns aus erst zum Reden bringen. Aber es hatte sich gezeigt, dass solche verstehendes Zum-Reden-Bringen kein beliebiger Einsatz aus eigenem Ursprung ist, sondern selber wieder als Frage auf die im Text gewärtigte Antwort bezogen ist. {…} Das ist die Wahrheit des wirkungsgeschichtlichen Bewusstseins.“ Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1960, S.359
  21. Gadamer a.a.O., S.108
  22. Gadamer a.a.O., S. 465
  23. Günther Grack, „Liebe auf dem Totenacker“ Der Tagesspiegel 17.10.2001
  24. „Fjord-Idylle. Das Phänomen Jon Fosse“ Berliner Zeitung 18.12.2001
  25. „Das Leben vor dem Tod. München mit Jon Fosses ‚Traum im Herbst‘ Neue Zürcher Zeitung 1.12.2001
  26. Marietta Piekenbrock, „Heilige Hedda! In München eilt Lukas Perceval durch den ‚Traum im Herbst’“ Frankfurter Rundschau 1.12.2001
  27. Verfall, Verlust und Niedergang. Elegisch: Wulf Twiehaus versetzt an der Schaubühne mit Jan Fosses Trauerspiel „Traum im Herbst“ sein Publikum in einen anhaltenden Zitterzustand“, die tageszeitung 1.2.2001
  28. vgl. Wolfgang Behrends wunderbare Nachtkritik-Kolumne „Wunderbar wegkürzen!
  29. „Das Wunder einer Stunde. Luk Perceval illuminiert an den Münchner Kammerspielen Jon Fosses ‚Traum im Herbst'“ Der Tagesspiegel 1.12.2001
  30. „Mehr November war selten auf einer Bühne. Trauerarbeit an den Münchner Kammerspielen: ‚Traum im Herbst‘ von Jon Fosse, inszeniert von Luk Perceval“, Tages-Anzeiger 1.12.2002
  31. Christopher Schmidt, „Ist ein Cutter, der heißt Tod. Lachender Moribund: Lukas Perceval inszeniert Jon Fosses ‚Traum im Herbst‘ an den Münchner Kammerspielen“, Süddeutsche Zeitung, 1.12.2001
  32. Es ist anrührend, man schwankt zwischen Schaudern und Empörung über den Tod oder das Leben, nach zwanzig Jahren diese Sätze über den Tod der beiden so allzu früh verstorben großen Theaterkritiker Dirk Pilz ✝︎2018 und Christopher Schmidt ✝︎2017 zu lesen.
  33. Siehe Die Wahrheit auf dem Theater – Teil 1, Anmerkung 44

Mit Hegel im Theater – Hegels Antikritik zu Raupachs Komödie „Die Bekehrten“

Hegel war ein eifriger Theaterbesucher und ein Kenner der dramatischen Literatur. Aber in seiner Ästhetik erhält das Drama ein herausragende Stellung, nicht das Theater. Für Hegel ist die schöne Kunst das „sinnliche Scheinen der Idee“1, aber das sinnliche Scheinen des Dramas, die Theateraufführung, ist für ihn zweitrangig. Das Drama ist die „höchste Stufe der Poesie und der Kunst überhaupt“2, aber die Schauspielkunst ist zweitrangig und alle Elemente der Theateraufführung „Gebärde, Aktion, Deklamation, Musik, Tanz und Szenerie3 sind der Rede untergeordnet. Das Drama hat für Hegel die höchste Stellung in der Poesie, weil es als dialogische Wortkunst Subjektivität und Objektivität vereint, und so der Philosophie am nächsten steht4. Die Aufführung des Dramas dagegen ist nur notwendiges Beiwerk5. Aus dem inszenatorischen Drumherum, Bewegung, Musik, Bühnenbild, hebt sich das „poetische Wort“ als „hervorstechender Mittelpunkt … in freier Herrschaft“ heraus6.

So Hegels Theorie. Das heißt nicht, dass Hegel unfähig war, eine Theateraufführung zu würdigen und zu genießen. Es gibt von Hegel das kuriose Dokument eines seitenlangen Verrisses7 – nicht einer Theateraufführung, sondern einer Theaterkritik, erschienen 1826 in einer Zeitschrift genannt „Schnellpost“, herausgegeben von Hegels Freund Moritz Gottlieb Saphir8. Gegenstand der kritisierten Kritik war die Uraufführung der Komödie „Die Bekehrten“ von Ernst Raupach. Raupach ist heute völlig vergessen, war aber zwischen 1820 und 1850 ein vielgespielter, hochdekorierter, hochbezahlter Theaterautor 9.

In seiner Komödie „Die Bekehrten“ streitet sich ein Liebespaar, trennt sich. Der Onkel des Geliebten heiratet die junge Frau dann zum Schein, um sie für seinen Neffen in Verwahrung zu nehmen und vor anderen Bewerbern zu schützen, fingiert seinen Tod, erreicht die Annullierung seiner Ehe und führt die beiden ehemals zerstrittenen Liebenden wieder zusammen. Die Handlung des Stückes beginnt aber damit, dass der angeblich gestorbene, scheinverheiratete Onkel in der Verkleidung als Mönch seiner ehemaligen Gattin-zur-Verwahrung Ratschläge und somit die Gelegenheit zur Erzählung der Vorgeschichte gibt. Später erscheint er noch als Geist und stiftet Verwirrung. 10

Das war für den Kritiker der „Schnellpost“ zu viel der unwahrscheinlichen Konstruktion. Die Kritik des „Schnellpost“-Autors warf Raupach vor, mit zu „außerwesentlichen Zufällen“ und einer „überschraubten Gewaltaufgabe“ die Handlung unglaubwürdig gemacht zu haben.11 Das empörte Hegel, zumal auch das Publikum nur lau reagiert hatte. Hegel aber war begeistert. Also schrieb er eine ausführliche Darlegung der notwendigen Rolle des Zufalls in Komödien. Das ist eine Ehrenrettung für das Drama, für Raupachs Text.

Für Hegel hat der Theaterautor die „Aufgabe in der Hauptsache“ zu erfüllen, damit die Schauspieler „ihr Vermögen entfalten und geltend machen“ können. 12. Hegel bringt als Kenner hierfür eine Reihe von Beispielen aus Aufführungen, die er gesehen hat, und von Schauspielern, deren „Vermögen“ er beurteilen kann. 13


Aber zumindest in einem Satz wird deutlich, dass Hegels Faszination für diese schlichte Komödie ihren Grund in der Aufführung hatte. Hegel schwärmt zunächst von der Hauptdarstellerin in „Alanghu“, einem anderen, völlig erfolglosen Drama Raupachs 14:

Das Stück habe „die Schauspielerin in den Stand gesetzt, alle Seiten ihres Talents, Gemüts und Geistes zu entfalten und uns das anziehende Gemälde feuriger, unruhiger, tätiger Leidenschaftlichkeit mit naiver, liebenswürdiger Jugendlichkeit, der lebhaftesten, entschlossensten Energie, mit empfindungsvoller, geistreicher Sanftmut und Anmut verschmolzen, vor die Seele zu bringen“15.

 

Hegel schildert dann, wie eine Schauspielerin (er meint Auguste Stich), die er schon als Julia in „Romeo und Julia“ bewundert hatte, die „reizende Verlegenheit“ der Figur namens Klothilde in “Die Bekehrten“ bei der Wiederbegegnung mit ihrem Geliebten Torquato spielt (II. Akt, 5. Szene).

„Stellung und Arme bleiben, das Auge, das man sonst in lebhafter Bewegung zu sehen gewohnt ist, wagt es zuerst nicht aufzusehen, seine Stummheit unterbricht hier und da ein nicht zum Seufzen werdendes Heben der Brust, es wagt einige verstohlene Blicke, die denen Torquatos zu begegnen fürchten, es drängt sich aber auf ihn, wenn die seinigen sich anderwärts hinwenden. Der Dichter ist für glücklich zu achten, dessen Konzeption von einer Künstlerin ausgeführt wird, die es für die Erzählung des Inhalts, der durch die Sprache ausgedrückt ist, überflüssig macht, mehr als die Züge der seelenvollen Beredsamkeit ihrer Gebärde anzugeben.“ 16

Hier macht also für Hegel das stumme Spiel der Schauspielerin, die „Beredsamkeit der Gebärde“, die Sprache überflüssig. Hegel weiß, was in einer Theateraufführung „reizt“ und „anzieht“. Es ist nicht das Wort.

In seiner ästhetischen Theorie ließ sich diese selbstständige Funktion des Theaters gegenüber dem Drama nicht unterbringen, in seiner Theatererfahrung musste er sie anerkennen.

  1. „Das Schöne bestimmt sich dadurch als das sinnliche Scheinen der Idee.“ G.W.F.Hegel, Werke in zwanzig Bänden. Theorie Werkausgabe Bd. 13 Ästhetik I. Frankfurt/ M: Suhrkamp, 1970, S.151
  2. „Das Drama muss, weil es seinem Inhalte wie seiner Form nach sich zur vollendeten Totalität ausbildet, als die höchste Stufe der Poesie und der Kunst überhaupt angesehen werden.“ Hegel, Bd. 15 Ästhetik III S. 474
  3. Bd. 15 Ästhetik III, S. 510
  4. „Denn die Rede allein (ist) das der Exposition des Geistes würdige Element … die dramatische Poesie (ist) diejenige, welche die Objektivität des Epos mit dem subjektiven Prinzip der Lyrik in sich vereinigt.“ Bd. 15 Ästhetik III, S. 474
  5. „fordert deshalb (…) die vollständige szenische Aufführung.“ S. 474
  6. Bd. 15 Ästhetik III, S. 505
  7. G.W.F. Hegel „Über die Bekehrten“. in: G.W.F.Hegel, Werke in zwanzig Bänden. Theorie Werkausgabe, Bd.11 Berliner Schriften 1818-1831, S.72-82
  8. in drei Teilen Berliner Schnellpost, 18. Jan. 1826 Nr. 8, 21. Jan. 1826, Nr.9, https://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/periodical/pageview/1723191, https://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/periodical/pageview/1723193 und Beiwagen zur Berliner Schnellpost, 23. Jan. 1826, Nr. 4 https://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/periodical/pageview/1723203
  9. vgl: Artikel „Raupach, Ernst Benjamin Salomo“ von Max Bendiner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 430–445, Wikisource https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Raupach,_Ernst_Benjamin_Salomo&oldid=-
  10. Solche Handlungen waren typisch für Raupachs Lustspiele: „Diese Art und Weise, Personen, Charaktere und dadurch die Handlung gleichsam als Drahtpuppen von einem Menschen, der inmitten des Stückes steht und Alles überschaut, Alles voraussieht, leiten zu lassen, ist eine Lieblingsidee Raupach’s, die er in seinen Lustspielen besonders herausbildet; ja diese Idee wird zum Princip, auf dem er seine Lustspiele aufbaut.“ Max Bendiner, „Raupach, Ernst Benjamin Salomo“, in: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 27 (1988) S.442f https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Raupach,_Ernst_Benjamin_Salomo&oldid=-
  11. „Clotilde ist eine Pleureuse und Torquato ein Bleumourant….Das Talent des geschätzten Herrn Verfassers … gefällt sich zu sehr mit Außerweltlichem, mit Zufälligkeiten zu spielen. Sein Lustspiel fließt nicht aus der Quelle der heiteren Lebensverwirrungen … sondern aus der Disharmonie eines Gemütes in sich selbst, aus einer überschraubten Gewaltaufgabe eines blinden Zufalls“. Moritz Gottlieb Saphir, Berliner Schnellpost für Literatur, Theater und Geselligkeit 1826 No.3, S.11, https://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/periodical/pageview/1723165
  12. Bd. 11 Berliner Schriften, S. 73
  13. Auch Eduard Devrient schätzt aus seiner eigenen Erfahrung als Schauspieler Raupachs Verdienst in der Förderung der Schauspielkunst: es sei „ganz bestimmt nachzuweisen, dass er die Talente {der Schauspielerinnen und Schauspieler} nicht nur benutzt und sich ihnen accomodirt, sondern durch seine Aufgaben ihre Entwicklung und Erweiterung entschieden gefördert hat.“ Eduard Devrient, Geschichte der deutsche Schauspielkunst. Neu-Ausgabe in zwei Bänden, Bd. II Berlin: Otto Elsner, 1905 {zuerst 1848-1874} S.281
  14. Devrient: „Seine dramatische Erzählung ‚Alanghu‘ wirkte nicht.“ S.190
  15. Bd.11, S. 77
  16. Bd. 11, S. 79