Hier folgt der Text meines Vortrags zur „Wahrheit im Theater“. Er ist eine Kurzfassung meiner Beiträge „Wahrheit auf dem Theater – Teile 1-5“ auf dieser Website:
Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5.

München 11.11.2025 Bayerische Akademie der Schönen Künste
Hohe Herren von der Akademie1
nein, das ist die falsche Anrede. Ich bin nicht Rotpeter und nicht Kafka, habe kein äffisches Vorleben, ich bin nur ein gewöhnliches Exemplar der Gattung criticus theatralis, ein schlichter Theaterkritiker, der sich an einer großen Frage vergreift.
Also: Sehr verehrte Damen und Herren,
Was ist Wahrheit?
Schon Pilatus wusste keine Antwort. Auch ich hatte Anlass, mich mit der Frage zu befassen, weil ich nichts wusste. Es war 2002 bei einer Publikumsdiskussion des Berliner Theatertreffens, bei der ich die Jury vertrat und die Begründung der Auswahl von Luc Percevals Inszenierung von Jon Fosses Drama „Traum im Herbst“ zu geben hatte. Da stand der große, hochverehrte Theatermann Ivan Nagel auf und sprach den vernichtenden Satz: „Dieser Juror hat ja keine Ahnung, was Wahrheit ist“. Weil mich dieses Verdikt noch immer wurmt, (und auch damals nicht ganz ahnungslos war), stehe ich heute hier.
Nach dieser autobiografischen Einleitung, will ich Ihnen kurz einen Überblick darüber geben, was Sie erwartet:
Um etwas über die Wahrheit auf dem Theater sagen zu können, muss man zunächst den Begriff der Wahrheit klären, dann seine Anwendung auf die Kunst und schließlich muss man die besonderen Bedingungen der Kunstform Theater berücksichtigen. Das Theater ist eine zusammengesetzte, eine hybride Kunstform, deshalb will ich die Frage der Wahrheit auf den verschiedenen Ebenen der Theaterkunst untersuchen.
Zunächst also:
- Der Begriff der Wahrheit allgemein
- Die Wahrheit in der Kunst (Dabei werde ich eine etwas andere Auffassung vertreten als Herr Professor Vossenkuhl in dem ersten Vortrag dieser Reihe.)
- Die Wahrheit des Theatertextes
- Die Wahrheit des Schauspielers und der Schauspielerin
- Die Wahrheit des Publikums
Zum Schluss:
- Zwei aktuelle Beispiele aus dem Theater
1. Der Begriff der Wahrheit
Die Wahrheit auf dem Theater ist eine andere als die gewöhnliche. Der Begriff der Wahrheit hat, wenn er von Theaterleuten gebraucht wird, eine ganz andere Bedeutung als in der Wissenschaft. Mit den Wahrheitstheorien der gegenwärtigen Philosophie – semantischer oder repräsentativer Wahrheitsbegriff, Evidenz-, Konsens- oder Kohärenztheorie der Wahrheit – damit hat er nichts zu tun.2 Die moderne Wissenschaftstheorie kommt ohnehin weitgehend ohne den Begriff der Wahrheit aus.
Der Wahrheitsbegriff auf dem Theater ist ein Zwischending zwischen philosophischer Theorie und ungeschultem Alltagsdenken. Die Wahrheitsvorstellungen der Theater- und Schauspieltheoretiker bewegen sich in diesem Übergangsbereich, in dem Begriffe höchster Abstraktionsstufe herabsinken aus der philosophischen Tradition in einen besonderen Teilbereich menschlicher Tätigkeiten – und dabei auf Begriffe treffen, die aufsteigen aus der konkreten Praxis des künstlerischen, präsenten Darstellens zu höherer Abstraktionsstufe.3

Der gängigste Begriff von Wahrheit ist der, den zuerst Aristoteles formulierte:
„Von etwas, was ist, zu sagen, dass es nicht ist oder von etwas, was nicht ist, dass es ist, ist falsch; hingegen ist wahr, von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist und von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist.“4

Im Mittelalter wurde daraus die Formel: „Wahrheit ist die Angleichung eines Dinges und des Verstandes“.5 Dieser korrespondenztheoretische Wahrheitsbegriff, auch Adäquationstheorie der Wahrheit genannt, beschränkt die Anwendung des Begriffs der Wahrheit auf Aussagesätze. Von Aristoteles über Thomas von Aquin und Ockham bis Kant ist man sich einig: Wahrheit ist Aussagenwahrheit, Korrespondenz von Gedanke und Sache. Damit hat die Kunst nichts zu schaffen.
Platon dagegen hatte den Begriff der Wahrheit auf eine höhere Wirklichkeit bezogen: die Ideen (Formen) sind für ihn wahr, weil sie eine höhere Form von Wirklichkeit haben als die empirische Wirklichkeit. An diesen ontologisch-gnoseologischen Wahrheitsbegriff knüpft Hegel an (im Anschluss an Fichte), wenn er den korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff abwertet zur bloßen „Richtigkeit“ – und Wahrheit dagegen definiert als „Übereinstimmung eines Inhalts mit sich selbst“.6
Für Hegel ist die Wahrheit erst der zu sich selbst gekommene Geist, die Übereinstimmung des Geistes mit sich selbst.

Also ist für Hegel erst das Ganze die Wahrheit, nicht ein Aussagesatz, sondern das ganze, sich selbst entwickelnde Begreifen der Wirklichkeit.7
Es gibt also zwei unterschiedliche Richtungen der Entwicklung des Wahrheitsbegriffs in der Philosophie. Der Wahrheitsbegriff des Theaters (und der Theatertheorie) kommt eher aus dieser Traditionslinie Platon-Hegel als aus der Linie Aristoteles-Thomas von Aquin-Kant.

2. Die Wahrheit in der Kunst
In diesem Prozess des Zusichselbstkommens des Geistes spielt die Kunst für Hegel eine entscheidende Rolle. Durch die Übereinstimmung des Begriffs eines Kunstwerkes mit seinem konkreten Dasein, durch seine Verbindung von vollständiger Freiheit der Teile und Notwendigkeit ihrer Übereinstimmung hat ein Kunstwerk („das Schöne“) Wahrheit. Kunst ist für Hegel eine
„Entfaltung der Wahrheit, die sich {…] in der Weltgeschichte offenbart“.8
Hier erhält also die Kunst eine Funktion in einem Prozess, dessen Ziel die Wahrheit. Die Kunst ist aber nur eine Befreiungsstufe, „nicht die höchste Befreiung selbst“9. Die Kunst hat seit der Antike ihre Rolle als „Frontman“, als höchste Ausdrucksform des Geistes, ausgespielt und gibt sie an die geoffenbarte Religion und schließlich an die reine Reflexion, d.h. die Philosophie, ab.
Dieser emphatische Wahrheitsbegriff, dass Wahrheit das Ganze ist und nicht einem einzelnen Satz zukommen kann, wird im 20. Jahrhundert – trotz aller Polemik Nietzsches gegen den Wahrheitsbegriff – entscheidend für die philosophische Ästhetik und Kunsttheorie. Sowohl Heidegger als auch Adorno sehen die Aufgabe der Kunst in diesem Prozess der Entfaltung einer Wahrheit. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden sind trotz aller politischen und stilistischen Gegensätze, trotz aller unterschiedlichen Grundannahmen frappierend – wenn man sie auf den Aspekt der Relation der Kunst zur Wahrheit reduziert und ignoriert, was die beiden Großdenker jeweils unter Wahrheit verstehen.
Für beide gilt: Das Kunstwerk setzt die einzelnen Individuen, die Kunstrezipienten, in Beziehung zu etwas Überindividuellem. Die Rezeption eines Kunstwerkes ist nicht nur ein individuelles Erlebnis, nicht nur ein Erregungsvorgang im Bewusstsein der Rezipienten, sondern die Vermittlung einer Verbindung zu etwas Überindividuellem, das sowohl Heidegger als auch Adorno „Wahrheit“ nennen.10
Für Heidegger wie für Adorno ist die Wahrheit nichts Statisches, nichts Vorhandenes. Die Wahrheit ist für beide ein Werden, ein Geschehen, und die Wahrheit der Kunst dann ein Gewordenes, etwas das sich ereignet hat.
Weil die Wahrheit in der Kunst nicht einfach vorhanden ist, kommt es auf den rechten Umgang mit den Kunstwerken an, um die Wahrheit zu entfalten. Heidegger nennt diese Entfaltung der Wahrheit des Kunstwerkes “Bewahrung“11, bei Adorno ist es „philosophische Reflexion“ und „Kritik“.12

Hier liegt vom Standpunkt der Theaterkritik aus, – auf der Suche nach einer Gebrauchsanleitung für den Umgang mit den Kunstwerken des Theaters, – der entscheidende Unterschied: Nach Heidegger soll das Kunstwerk in seiner Rezeption „bewahrt“ werden, nach Adorno soll es kritisch reflektiert werden.
Adorno schreibt dazu in der frühen Einleitung zu seiner „Ästhetischen Theorie“:
„Verstanden werden Kunstwerke erst, wo ihre Erfahrung die Alternative von wahr und unwahr erreicht oder, als deren Vorstufe, die von richtig und falsch. Kritik tritt nicht äußerlich zur ästhetischen Erfahrung hinzu, sondern ist ihr immanent.“13
Für Adorno ist also die Wertung Teil des Verstehens von Kunst. Und diese Wertung ist für ihn nicht “mehr oder minder gut gemacht“, sondern „wahr oder unwahr“.
Der französische Philosoph Alain Badiou hat versucht, die Theorien über das Verhältnis von Kunst und Wahrheit in drei Schemata zu ordnen:
- das didaktische Schema (z.B. Platon): Die Kunst kann keine Wahrheit hervorbringen. Sie ist nur der täuschende Schein von Wahrheit. Wahrheit gibt es nur außerhalb der Kunst. Deshalb muss die Kunst reglementiert werden.
- das romantische Schema (z.B. Hegel): Wahrheit gibt es nur in der Kunst (und in der Philosophie, aber die Kunstwahrheit ist die Vollendung der philosophischen Wahrheit durch Verkörperung).
- das klassische Schema (z.B. Aristoteles): In der Kunst gibt es keine Wahrheit, aber das ist nicht schlimm. Sie hat andere Aufgaben.14

Für Badiou gehört Heideggers Kunsttheorie eindeutig ins romantische Schema. Das dürfte auch für Adornos Theorie gelten, wenn man Badious etwas grobschlächtigem Schema folgen will. Für Adorno ist Kunst zwar nicht Wahrheit, aber sie verweist auf sie. Schließlich ist die philosophische Reflexion für Adorno nur Hilfsmittel zur Entbindung des Wahrheitsgehaltes des Kunstwerks.
Wenn man dieses romantische Schema des Verhältnisses von Kunst und Wahrheit zu nebulös findet und doch die Kunst nicht nur für täuschenden Schein hält, bleibt nur das klassische Schema:
Die Aufgabe der Kunst ist nicht die Verkündung der Wahrheit. Aber worin bestehen dann ihre anderen Aufgaben?
3. Die Wahrheit im Theatertext
Um die Wahrheitsfähigkeit der Kunstgattung Theater genauer zu untersuchen, will ich zunächst überprüfen, ob vielleicht dem Theatertext, dem Drama, Wahrheit zugesprochen werden könnte.
Wenn man nun sich vorläufig darauf einlässt, die Wahrheit auf dem Theater nur als die Wahrheit des Dramas, d.h. des Theatertextes, zu verstehen, – nehmen wir das Beispiel des Dramas „Traum im Herbst“ von Jon Fosse, das damals das Thema meiner Auseinandersetzung mit Ivan Nagel war.

Was lässt sich über die Wahrheit dieses Textes sagen?
a) Die Sätze des Dramas
Zum Beispiel der erste Satz von Jon Fosses Text:
„MANN: Nein bist du das“15
An diesen Satz kann man kein Wahrheitskriterium anlegen: Er ist der Beginn eines Dialogs (zwischen Mann und Frau), er ist gesprochen in einer bestimmten Situation (Wiedersehen auf dem Friedhof), er ist fiktional (Teil eines Textes, der eine eigene Wirklichkeit konstruiert), er ist ein Fragesatz. Oder wie Gottlob Frege sagt: die Sätze der Schauspieler auf der Bühne sind nur Bilder, zwar mit Sinn, aber ohne Bedeutung und daher ohne Wahrheitswert.16
Versuchen wir es mit einem anderen Satz:
„MUTTER: Nichts bleibt / alles zieht / wie Wolken / Ein Leben ist ein Wolkenhimmel /bevor es dunkel wird“17
Das sieht wie ein Aussagesatz aus, aber wie sollen wir beurteilen können, dass er wahr ist? Er enthält eine Metapher und beurteilt etwas so Allgemeines wie „ein Leben“. Metaphern können nicht wahr sein. Auch auf dieser Ebene ist die Wahrheit eines Theatertextes nicht zu suchen.
b) Das Drama als Ganzes
Es gibt nur wenige solche lebensweisen Sätze bei Fosse. Jon Fosse selbst sieht die Wahrheit seiner Texte auch nicht in den einzelnen Sätzen, sondern, ganz hegelianisch, im Ganzen:
Fosse: „Sagte nicht jemand hier: Die Wahrheit ist immer konkret? … Es geht mir um das Ganze eines Textes, und die Welt im Text spricht vom Ganzen und ist daher in jedem Teil, in jedem Detail des Textes präsent.“18
Die Wahrheit eines Dramas, oder seine Partizipation an der Wahrheit, kann also nicht in einzelnen Sätzen liegen, sondern nur im Drama als Ganzem. Das Drama als Ganzes spricht eine nicht-diskursive Sprache (obwohl es auch aus vielen diskursiven Sätzen besteht). Was diese Wahrheit ist, die das Drama ausspricht oder vermittelt, lässt sich also nicht diskursiv formulieren. Aber dennoch soll es sie geben, dieses transsubjektive Etwas, die Wahrheit des Kunstwerks. Für Adorno müsste also die Kritik diese Wahrheit herausarbeiten.
c) Interpretationen
Versuchen wir also, die Wahrheit herauszuarbeiten. Was wäre an „Traum im Herbst“ wahr? Z. B. die Zeiterfahrung, wie sich Vergangenheit und Gegenwart im Bewusstsein mischen. In Fosses Stück vermischen sich die Zeitebenen unmerkbar, vorwärts und rückwärts. Natürlich können wir im wirklichen Leben Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden, aber in unserem Bewusstsein vermischen sich ja aktuelle Wahrnehmungen, Erinnerungen und Zukunftspläne. Erst diese erweiterten zeitlichen Dimensionen geben unseren Wahrnehmungen im Hier und Jetzt Bedeutung und Sinn.
Ist das die Wahrheit dieses Theaterstücks? Wenn ja, – sie wurde herausgearbeitet, sie ist Resultat von Überlegungen eines einzelnen Rezipienten. Transsubjektiv ist sie höchstens als Zumutung an andere, dieser Einschätzung zuzustimmen.
Entscheidend ist aber, dass das, was in heideggersch-adornitischer Diktion „Wahrheit“ genannt wird, aus einem kommunikativen Akt zwischen Kunstwerk und Rezipient entsteht. Nüchtern betrachtet ist diese „Wahrheit“ in jedem Kopf anders – und verliert damit die Berechtigung einer überindividuellen Gültigkeit. Wenn jeder seine eigene Wahrheit hat, hat es keinen Sinn, diesen verschiedenen Gedanken verschiedener Individuen Wahrheit zuzusprechen. Dass diese vielen Gedanken von einem einzigen Objekt, dem Kunstwerk, angeregt werden, oder im Theater von einem gemeinsamen Erlebnis, ist das Wesen der Kunst. Kunst ist Kommunikation, nicht Wahrheit, das ist die Einsicht der Hermeneutik. Übrig bleibt nur das „Spiel der Wahrheit“19 zwischen Interpret und Kunstwerk. Die Wahrheit als Spiel, das hat weder mit dem korrespondenztheoretischen noch mit dem ontologischen Begriff der Wahrheit etwas zu tun.
d) Sätze in Inszenierungskritiken
Wenn es eine oder mehrere „Wahrheiten“ in „Traum im Herbst“ gäbe, müsste sie doch von irgendwem bemerkt worden sein. In den Kritiken der Uraufführung an der Schaubühne Berlin und in denen der damals zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierung der Münchner Kammerspiele findet sich das Wort „Wahrheit“ nicht, auch nicht das Adjektiv „wahr“.
Wenn man nach wahrheitsfähigen Sätzen in diesen Kritiken sucht, die über die Beschreibung des Bühnengeschehens und die Wiedergabe der Empfindungen des Zuschauers hinausgehen, findet man höchstens Sätze wie den von Dirk Pilz (dem früh verstorbenen Mitbegründer von Nachtkritik):
„Leben heißt Vorbereitung auf den Tod, Lieben Einübung in den Abschied.“20
Oder den von Christopher Schmidt (dem ebenfalls früh verstorbenen Münchner Kritiker der Süddeutschen Zeitung):
„Zwei Dinge, Tod und Liebe, holen einen von den Beinen.“21
Gewichtige, pointiert formulierte Sätze, denen man Wahrheit zusprechen könnte. Diese Sätze bleiben aber, wie viele gute Sätze in Theaterkritiken, bewusst in der Schwebe zwischen der Wiedergabe von Auffassungen, die dem Theatertext oder der Inszenierung zugeschrieben werden und allgemeinen Aussagen des Kritikers bzw. der Kritikerin. Sie sind Teil des Spiels. Solche Aussagen beanspruchen keine Allgemeingültigkeit, sie sind subjektive Versuche zwischen dem Theatertext bzw. der erlebten Vorstellung und dem Zuschauer zu vermitteln, sind versuchsweise Verallgemeinerungen, die sich ihrer unabänderlichen Subjektivität bewusst sind.
Wahrheit als Aussagenwahrheit ist auf Texte der Theaterliteratur nicht anwendbar. Die Anwendung des Begriffs „Wahrheit“ auf einen Theatertext ist also nur möglich, wenn die Wahrheit etwas Absolutes, die Idee, das Ganze, das Sein o.ä. ist.
In den 50er Jahren findet sich dieser emphatische Wahrheitsbegriff auch häufig in den Theorien der Künste, z.B. bei Hans Sedlmayr in der Theorie der bildenden Kunst 22 oder Romano Guardini in der Literaturtheorie.23
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Irgendwann in den 70er Jahren scheint der Begriff „Wahrheit“ als wertender Begriff der Kunsttheorie aber ausgestorben zu sein.
4. Die Wahrheit des Schauspieler und der Schauspielerin
Im Theatertext ist also keine Wahrheit zu finden. Adorno urteilte, man könne keine Aussage aus „Hamlet“ herauspressen. Und Bertrand Russell schloss messerscharf, alle Aussagen in „Hamlet“ seien falsch, weil die Person Hamlet nie existiert hat.24 Aber der Schauspieler (oder die Schauspielerin), der (oder die) Hamlet spielt, existiert. Und er (oder sie) soll wahr sein.
Die Wahrheit auf dem Theater ist so verstanden keine Erkenntnis, die man erfahren oder formulieren könnte, sie ist eine Forderung an die Schauspielerinnen und Schauspieler. Dieser Gebrauch des Begriffs „Wahrheit“ hat in der Schauspieltheorie eine lange Tradition.
Eine der ältesten Formulierungen dieses Wahrheitspostulates findet sich 1749 bei dem französischen Theatertheoretiker Pierre Rémond de Sainte-Albine: Er meinte, Wahrheit sei der „Zusammenfluss aller Wahrscheinlichkeiten, welche dienen können, die Zuschauer zu täuschen.“25
Ebenso Johann Jakob Engel, 1786 Leiter des Berliner Nationaltheaters,: durch den „höchsten möglichen Grad der Wahrheit“ entstehe „die höchste mögliche Täuschung.“26
Hier hat die Wahrheit also die Funktion zu täuschen. Dass mit dieser Paradoxie der Begriff der Wahrheit irgendwie überstrapaziert wird, musste bald auffallen.
Das erkannte Denis Diderot, für ihn war das Wahre die Übereinstimmung der realen Aktionen des Schauspielers oder der Schauspielerin auf der Bühne mit einer idealen Vorstellung des Textdichters oder die Steigerung dieser Idealvorstellung. Auch ein sehr eingeengter Gebrauch des Begriffs der Wahrheit.27
Im 19. Jahrhundert wird dann in der Nachfolge von Hegel zusätzlich zur Wahrheit die Schönheit im Theater gefordert:
Für Heinrich Theodor Rötscher, einem Schüler Hegels, steht die Schönheit für die Idealität, die Wahrheit für die sinnlich wahrnehmbare Realität. Ohne die Idealität, gemeint ist der vom Dichter geschaffene Dramentext, sinke der Schauspieler herab zur bloßen „Naturwahrheit“. Wahrheit alleine genügt hier also nicht. In Rötschers idealistischer Theaterästhetik ist die Wahrheit nicht mehr der Begriff, mit dem das oberste Ziel der Schauspielkunst bezeichnet wird.28
Erst Konstantin Stanislawski gibt dem Begriff der Wahrheit auf dem Theater einen genaueren Sinn. Für ihn ist die Wahrheit eine Eigenschaft des inneren Gefühls des Schauspielers.
„Im Theater ist nicht wichtig, dass der Dolch des Othello aus Karton oder Metall ist, sondern, dass das innere Gefühl des Schauspielers selbst, das den Mord des Othello rechtfertigt, wahr, aufrichtig und echt ist. … Über diese Wahrheit des Gefühls sprechen wir im Theater. … Es gibt keine echte Kunst ohne solche Wahrheit und Glaube!“29
War also im 18. Jahrhundert das leitende Begriffspaar Wahrheit und Täuschung, im 19. Jahrhundert dann Wahrheit und Schönheit, so wird bei Stanislawski daraus die Verbindung von Wahrheit und Glaube.

Was die Wahrheit des Schauspielers bewirkt, ist nicht mehr „Täuschung“, sondern „Glaube“: „Die Wahrheit erzeugt den Glauben.“30 Diese „Wahrheit“ ist etwas, das der Schauspieler oder die Schauspielerin herstellt, nicht etwas, das er oder sie vorfindet oder benennt. Dieser bei Stanislawski vom Schauspieler oder der Schauspielerin geforderte Zustand ist ein doppelter: er ist sowohl ein erlebter psycho-physischer Zustand als auch die Reflexion dieses Zustands: man „glaubt aufrichtig“ an diesen Zustand. Mit Stanislawskis Psychotechnik stellt die Schauspielerin oder der Schauspieler die „Wahrheit“ der inneren Vorgänge her, um eine Wirkung, den Glauben des Zuschauers, zu erreichen.
Dass der Begriff der „Wahrheit“ (Правда) auch hier wieder überspannt wird, wurde den deutschen Übersetzern Stanislawskis erst spät klar. In der DDR blieb man zunächst ganz bei Stanislawskis Sprachregelung, bis zur inflationären Verwendung des Begriffs der Wahrheit: Maxim Vallentin, lange Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, forderte sogar drei Wahrheiten: „Die Wahrheit der Empfindung, die Wahrheit der Bühne und die gesellschaftliche Wahrheit“.31 Hier wurde der Begriff der Wahrheit vom Schauspieler („Empfindung“) über den Inhalt der Theaterproduktionen („Bühne“) auf die Politik („Gesellschaft“) übertragen.
In der BRD war man etwas vorsichtiger beim Umgang mit der Wahrheit. Hans-Günther von Klöden, seit 1950 Leiter der Schauspielschule Hannover (und einst kurzeitig mein Schauspiellehrer), beschlich ein leichtes Unbehagen bei diesem Stanislawskischen Wahrheitsbegriff:
„Was also sollen wir unter ‚Wahrheit‘ verstehen? […] Vielleicht ist uns eine sprachliche Schlamperei unterlaufen, und es ist ‚Wahrhaftigkeit‘ gemeint?“32
„Wahrhaftigkeit“ ist auch der Begriff, mit dem die Übersetzer der späteren DDR-Ausgabe von Stanislawskis Schriften den Begriff Правда (Prawda) übersetzen.33 Von Klöden befriedigt auch dieser Ausweg nicht:
„ … denn wir werden doch wieder auf den Begriff der Wahrheit zurückgeworfen, da ja Wahrhaftigkeit nichts anderes ist als die Tugend, stets die Wahrheit zu sagen.“34
Folglich kehrt er zum Begriff „Wahrheit“ zurück: Für ihn erhält der Begriff Wahrheit nun die Bedeutung von ‚Echtheit‘. „Echtheit des Handelns erwächst aus dem ‚Schwerpunkt‘ des Menschen.“ Schauspielkunst sei vor allem „die Fähigkeit, die Wahrheit deutlich zu sagen.“ Auch hier ist die Wahrheit des Schauspielers etwas Komplexes: ein echtes Handeln aus dem Schwerpunkt des Menschen und dessen Verdeutlichung.
In den englischsprachigen Lehrbüchern dagegen scheint sich der Stanislawskische Begriff der Wahrheit weiterhin zu halten: „Truth“, das Wort prangt in großen Lettern auf dem Cover von Susan Batsons Schauspiel-Lehrbuch.35
Der deutsche Verlag hat vorsichtig den triumphalen Titel durch einen Untertitel ergänzt: „Wahrhaftigkeit im Schauspiel“
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Jens Roselt, Professor für Theaterwissenschaft an der Universität Hildesheim, hat den Zickzack-Weg der Schauspieltheorie zwischen Wahrheit und Täuschung, heißem und kaltem Schauspieler, zwischen dem Weg von außen nach innen oder von innen nach außen, in allen Details nachgezeichnet und kommt dabei zu dem Schluss:
„Der Streit um die ‚Echtheit‘ von Gefühlen kann in der Theorie nicht beigelegt werden.“36
Wahrheit oder Echtheit als Begriff zur Kennzeichnung des Ziels von schauspielerischer Verkörperung einer Rolle hat zwar eine weit zurückreichende Tradition. Bei genauerer Analyse dieser Verwendung des Begriffs löst er sich aber auf und erweist sich als untauglich.
5. Die Wahrheit des Publikums
Aus der theatertheoretischen Diskussion der letzten 30 Jahre ist der Begriff der Wahrheit daher fast verschwunden. Im „Lexikon der Theatertheorie“ fehlt das Lemma „Wahrheit“.37 Der Begriff scheint dem vorherrschenden Relativismus grundsätzlich suspekt.
Warum also ist der Begriff in diesem Bereich verschwunden? Weil sich die hegelianische Konstruktion des Wahren als des Ganzen der entfalteten Welt verflüchtigt hat und selbst für die marxistischen Erben Hegels die Wahrheit ein zu nebulöser Begriff für das Ziel der Kunst war.
Es gab keine Krise der Wahrheit, sie verschwand geräuschlos.
Aber es gab eine lautstarke Krise der Repräsentation (In München wird man sich an die Intendanz von Matthias Lilienthal in den Kammerspielen erinnern.). Eigentlich gehören die Begriffe von Wahrheit und Repräsentation zu unterschiedlichen Bereichen: Wahrheit zur Aussagenlogik, Repräsentation zur Zeichentheorie. Die Aussagen der Kunst sind nicht wahr, aber sie repräsentieren etwas, sie sollen eine Bedeutung haben. Und diese Bedeutung soll nicht etwas Beliebiges sein, wie in der Alltagssprache oder in den Zeichenwäldern der Konsumwelt, die uns umgibt. Die Kunst sollte in irgendeiner Weise etwas Wesentliches bedeuten. Das wurde um 1900 fraglich. Je mehr man den Zusammenhang von Zeichen und Bedeutung verstehen lernte, desto bröseliger wurde die Brücke zwischen signifiantund signifié, zuerst in der Literatur (Mallarmés Lyrik, Hofmannsthals Chandos Brief, Lukacs’ Theorie des Romans.38 Wobei die Begriffe Repräsentation, Abbild, Illusion, Fiktion und Mimesis oft unterschiedslos gebraucht werden.)
Das Theater hat, zunächst als literarisches Theater, teil an dieser Krise der Repräsentation. Spätestens seit Alfred Jarry und Antonin Artaud befreit sich das Theater aber von der Literatur. Doch die Krise der Repräsentation bleibt. An Artaud anknüpfend fordert in den 1980 Jahren Jacques Derrida eine Repräsentation, in der die Bühne nicht für eine andere Wirklichkeit, die dargestellt wird, steht, sondern in der das Sichtbare und Sinnliche sich selbst präsentiert.39
Diese durch Derrida vermittelte Kritik der Repräsentation war sehr einflussreich für die Entwicklung des postdramatischen, re-theatralisierten Theaters. Aus der raum-zeitlichen Identität von ästhetischem Akt und Akt der Rezeption wurde geschlossen, dass deshalb das Theater eine „eigene, echte Situation in der Kopräsenz des Publikums erzeugen“ solle.40 „Echt“ soll hier heißen: ohne Repräsentation einer anderen Wirklichkeit. Das sei der Weg aus der „Repräsentationsfalle“.
Wenn aber das, was auf der Bühne stattfindet, keine Repräsentation ist, weder die eines literarischen Textes noch irgendeine sonstige Repräsentation von etwas Materiellem oder Ideellem außerhalb der Bühne, dann lügt die Bühne, nach diesem Verständnis, wenn sie behauptet, ein anderer Ort zu sein als der leere Raum eines Theaterhauses oder wenn der Schauspieler beansprucht, wahrgenommen zu werden als jemand, der er nicht ist.
Wenn wir aber die Bühne nicht auf zwei verschiedene Weisen wahrnehmen können, als Wirklichkeit und auch als Schein, wenn wir nicht die Zuschauerhaltung einnehmen, die Samuel Coleridge klassisch als „willing suspension of disbelief“41 gekennzeichnet hat (d.h. die absichtliche Unterdrückung des Nicht-daran-Glaubens, dass A doch nicht gleich A‘ sein kann, dass Sandra Hüller gar nicht Hamlet ist), wenn wir nicht diese Haltung einnehmen, dann bleibt nur eine triviale Identitätsaussage: A gleich A, sie ist sinnvoll, hat aber keinen informativen Gehalt. Dass Sandra Hüller Sandra Hüller ist, ist richtig, ist aber nichts Neues.

Entweder man akzeptiert Repräsentation, dann kann A gleich A‘ sein (und Sandra Hüller kann Hamlet sein), oder man akzeptiert Repräsentation im Theater nicht, dann ist A gleich A‘ eine Täuschung oder gar ein Betrug. Und Täuschung ist böse, dann wollen wir das Gute und das nennen wir Wahrheit. Die komplizierte Gefühlsmechanik von echten und gezeigten Gefühlen der Schauspieler interessiert nicht mehr, wenn nicht repräsentiert wird. Wir wollen dann die Wahrheit und die ist die Identität des Schauspielers oder der Schauspielerin mit sich selbst, die Identität des gemeinsamen Raums von Zuschauerraum und Bühne, die Identität des gemeinsam erlebten Augenblicks. Wenn man vom Theater Wahrheit fordert und jegliche Form von Repräsentation ablehnt, bleibt nur das Performancetheater. Und das ist, so gesehen, das Erbe der alten Forderung nach Wahrheit im Theater.
So entsteht aus der vielfach begründeten Befreiung des Theaters von der Forderung nach Wahrheit im Kurzschluss die Ablehnung von Repräsentation und die Forderung nach Identität, statt den theaterspezifischen Modus der Repräsentation zu analysieren und zu entwickeln. Nur wenn man die Aufführung als Geschehen zwischen Spieler und Rezipient versteht, unabhängig von Repräsentation oder Nicht-Repräsentation, entkommt man dem Blick, der nach Wahrheit, Identität oder Echtheit sucht.
Von der Warte der phänomenologischen Philosophie her versucht der schon erwähnte Jens Roselt die performative Wende der Theaterwissenschaft weniger als eine Weissagung über die Zukunft des Theaters, vielmehr als einen notwendigen Schritt von der semiotischen Inszenierungsanalyse zur Aufführungsanalyse zu begründen. Und sein Ergebnis: Theater ist ein Zwischengeschehen, ein Ereignis zwischen Bühne und Zuschauer, gleichgültig, ob man meint, etwas zu repräsentieren oder nicht. Erfahrung ist aus phänomenologischer Sicht ein „dialogisches Zwischengeschehen“. Und die Situation einer Aufführung ist eine der Erfahrung:
Jens Roselt: „Bühne und Publikum treten damit in einen Dialog miteinander, der sich nicht sprachlich vollziehen muss. Zuschauer werden von der Aufführung in Anspruch genommen, so wie sie diese selbst in Frage stellen.“42
Mit dem Phänomenologen Bernhard Waldenfels geht Roselt von einer „responsiven Differenz“ aus, die das Verhältnis von Bühne und Zuschauer kennzeichnet. Bühne und Zuschauer verhalten sich wie Frage und Antwort. Aber es ist
„eine Antwort denkbar, die etwas aufschließt, was die Frage nicht erahnt hat. Eine solche Antwort gehorcht nicht mehr der Trennung in richtig oder falsch.“43

Und schon gar nicht der Trennung in Wahrheit und Lüge.
Die Zuschauer sind „konstitutiver Teil der Aufführung“. Den Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen der Zuschauer kommt damit eine produktive Dimension zu, auch bei der Repräsentation einer Figur auf der Bühne durch eine Schauspielerin oder einen Schauspieler:
„Erst im Auftritt [wird] eine Erscheinung konstituiert, die weder auf die individuelle Person des Schauspielers noch eine Rollenvorgabe reduziert werden kann, da auch die Intentionen der Zuschauer hier sinngebend sind.“44
Die Schauspielerin Julia Riedler beschrieb in ihrer Hamburger Poetikvorlesung 2023 diese aktive Rolle des Publikums aus der Sicht einer Schauspielerin:
„Durch den Energieraum, den das Publikum durch seine Präsenz schafft, wird eine Kommunikation geschaffen, die aus meinem Denken eine dreidimensionale Gewalt macht und aus dem Theaterraum eine immersive Welt. Und so wird etwas, was einst geschrieben wurde, egal, ob es Jahrtausende oder einzelne Monate alt ist, zu einer gegenwärtigen Plastik. Nicht dadurch, dass ich es besonders laut sage, sondern dadurch, dass ihm besonders zugehört wird.“45

Wenn man die produktive Leistung der Zuschauer bei einer Aufführung anerkennt, schwinden alle Gespenster von Wahrheit und Identität.
6. Zwei aktuelle Beispiele
Wenn das Theater nun nicht der Verkünder der Wahrheit sein kann, was kann es dann leisten in Zeiten der allgegenwärtigen Täuschung?
Eine Möglichkeit ist journalistisches Theater, wie es der Schauspieler Calle Fuhr mit dem Regisseur Kay Voges und dem Journalistenkollektiv „Correctiv“ betreibt. Das bekannteste Beispiel ihrer Zusammenarbeit war das Projekt „Geheimplan gegen Deutschland“ über das Potsdamer Treffen 2024. Oder auch Calle Fuhrs Solo-Abend „Aufstieg und Fall des René Benko“ im Wiener Volkstheater und nun auch im Schauspiel Köln.

Auch hier ist das Theater nicht das Sprachrohr der Wahrheit, es beteiligt sich aber an einem gesellschaftlichen Prozess, der um den Begriff der Wahrheit kreist. Wenn wir nicht versuchen, den Begriff der Wahrheit philosophisch zu definieren, sondern betrachten, welche Rolle der Begriff der Wahrheit in unserer Gesellschaft spielt, sehen wir: Was wir für Wahrheit halten, kommt zustande, indem wir bestimmten Wahrheitsszenen und bestimmten Wahrheitsfiguren vertrauen. Donald Trump nennt sein soziales Netzwerk, mit dem er seine Resentiments, Aufwallungen und Wirklichkeitsverzerrungen verbreitet, entsprechend auch „Truth social“. Soziologisch gesehen, ist Wahrheit ein sozialer Operator.

Das Forschungsprojekt „Praxeologie der Wahrheit“ der Universität Erfurt unter der Leitung von Prof. Bernhard Kleeberg46 hat ein Bild von Lucas Cranach als Logo auf ihrer Website der Universität Erfurt. Es hat den Titel „Bocca della Verità“.47 Dieser Mund der Wahrheit ist eigentlich ein römischer Kanaldeckel in Form eines Löwenkopfes, von dem die Sage geht, dass, wer seine Hand in das Löwenmaul steckt und dabei lügt, seine Hand verliert. Lucas Cranach zeigt eine solche Wahrheitsszene: In einem Gerichtsgebäude steht eine steinerne Löwenstatue. Eine des Ehebruchs angeklagte junge Frau legt ihre Hand in den Löwenrachen und wird dabei von einem Richter und ihrem Ehemann beobachtet. Hinter ihr steht eine weitere Figur in einem Narrenkostüm, die die Frau an der Hüfte umfasst. Die mittelalterliche Geschichte, die das Bild erzählt, ist die, dass der Liebhaber sich als Narr verkleidet hat und die Frau nun wahrheitsgemäß sagen kann, niemand hat mich umarmt außer meinem Ehemann und diesem komischen Narren. So sagt sie die Wahrheit, die doch eine Lüge ist. Es wird hier Theater gespielt für den Anschein der Wahrheit. So sehen Wahrheitspraktiken aus.)
Das Theater hat gegenüber anderen konkurrierenden Wahrheitsassemblagen (so nennt der soziologische Jargon heterogene Gefüge aus sozialen und technischen Praktiken) den Nachteil der verlangsamten Reaktionsgeschwindigkeit. Es ist langsamer als die elektronischen Medien, aber immerhin schneller als die Justiz, hat aber die Vorteile der Konzentration der Rezipienten über einen längeren Zeitraum und des gemeinschaftlichen Erlebnisses.
Solche Theaterprojekte wie die von Calle Fuhr und Kay Voges kann man als Schrumpfform des Theaters verstehen. Sie verzichten auf viele andere Möglichkeiten, die das Theater hat. So gewinnt aber das Theater auch eine neue Möglichkeit: Theater als Teil der sozialen Wahrheitspraktik.
Ein zweites Beispiel und eine andere Möglichkeit: Milo Raus Projekt „Die Seherin“ mit der Schauspielerin Ursina Lardi (bei den Wiener Festwochen und in der Berliner Schaubühne).

Auf vier verschiedenen Ebenen wird hier das Verhältnis von Wahrheit und Täuschung ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Ursina Lardi spielt eine Fotografin, die auf Kriegsbilder und Gewalt spezialisiert ist.
Aber was sie über ihre Herkunft aus einem südschweizer Dorf erzählt, das passt so gut zu der realen Biografie der Schauspielerin. Wo liegt die Grenze zwischen der Person der Schauspielerin und einer fiktiven Figur? Sie wird verwischt.
Während sie von ihrer Faszination für Gewaltdarstellungen erzählt, ritzt sich Ursina Lardi mit einem Skalpell eine Wunde in die linke Wade, das Blut läuft sichtbar. Dieses Detail wird riesig vergrößert auf einen Bildschirm über der Bühne projiziert. Macht sie das wirklich oder ist es bloß ein Kunstwerk der Maskenbildnerin? Das Theater hämmert den Zuschauern diesen Zweifel ein. Die Grenze zwischen Wahrheit und Schein wird verwischt.
Dann erscheint auf dem Videoscreen Azad Hassan, ein Iraker, dem vom IS in Mossul wegen eines angeblichen Diebstahls die rechte Hand abgehackt wurde. Die Schauspielerin spricht mit ihm. Ist es ein Dialog in Echtzeit oder ein vorproduziertes Video? Die Grenze wird verwischt.
Dann wird ein Video gezeigt von der öffentlichen Verstümmelung des Irakers damals in Mossul während der Herrschaft des IS. Der Iraker berichtet, schlimmer als die Schmerzen sei die Begeisterung der Zuschauer gewesen. Zuschauer, das sind auch wir, die Theaterbesucher. Die Wahrheit der sichtbaren Gewalt ist ein Faszinosum, das die nicht-handelnden Zuschauer an die handelnden Gewalttäter bindet. Die Wahrheit eines dokumentarischen Bildes kann auch als visueller Reiz fungieren. Schuldiger Akteur oder unschuldiger Beobachter? Die Grenze wird verwischt.
Die Wirkung dokumentarischer Bilder ist weniger Information über die Realität als eine Antwort auf unser „Begehren nach Intensität“ (wie Akademiemitglied Hito Steyerl es formuliert.48) Der Zweifel, ob die Videobilder, die wir sehen, echt sind oder nachgestellt, – ob Azad Hassan wirklich in Mossul steht, wenn er spricht, ob Ursina Lardi sich wirklich selbst verletzt, – und das Theater demonstriert uns hier diesen Zweifel, – dieser Zweifel entwertet die Bilder nicht, sondern macht sie mächtiger. Ob die Bilder wahr sind, uns die Wirklichkeit zeigen, ist zweitrangig, gerade der Zweifel an ihrer Wahrheit zeigt die Macht der Bilder.49
Beteiligung am Wahrheitsdiskurs unserer Gesellschaft ist die eine der Möglichkeiten des Theaters, Analyse dieses Diskurses, dadurch dass Geschichten erzählt werden, die die Wahrheitsverfahren unserer Gesellschaft erfahrbar und durchschaubar machen, eine andere Möglichkeit. Das Theater zeigt hier, wie das, was wir für Wahrheit halten, zustande kommt. Das Theater kann dies als ein hybrides Medium, in dem sich sowohl gegenwärtige gemeinsame Präsenz als auch Fiktion und mediale Reproduktion wie digitale Produktion mischen können. Gerade weil das Theater nicht das Sprachrohr einer höheren Wahrheit der Kunst sein kann, kann es die Konstruktion von Wahrheit zeigen und zur „Schule der Komplexität“50 werden.
Die Beziehung zwischen Theater und Wahrheit ist also heute eine ganz andere als Ivan Nagel damals annahm und ich als Juror damals dachte.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
- Franz Kafka, Bericht für eine Akademie ↵
- Vgl. Thomas Grundmann, Philosophische Wahrheitstheorien. Stuttgart: Reclam, 2018. Oder: Bruno Puntel, Wahrheitstheorien in der neueren Philosophie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983 ↵
- Vgl. Arne Naess, „Truth“ as conceived by this who are not professional philosophers. Skrivter utgitt av det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse. 1938. No. 4. ↵
- τὸ μὲν γὰρ λέγειν τὸ ὄν μὴ εἶναι ἢ τὸ μὴ ὂν εἶναι ψεῦδος, τὸ δὲ τὸ ὂν εἶναι καὶ τὸ μὴ ὂν μὴ εἶναι ἀληθές.“ Metaphysik IV,7 1011b ↵
- Zur Herkunft der Formel „veritas est adaequatio rei et intellectus“: Thomas von Aquin verweist auf Isaac Judaeus {Thomas von Aquin, Von der Wahrheit – De veritate. Quaestio I. Hamburg: Meiner, 1986, S.8}, dort findet sich die Formel aber nicht. Guillaume d’Auvergne verwendet die Formel, die wahrscheinlich aber auf Avicenna zurückgeht. ↵
- G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd.8), S. 323, §172 Zusatz ↵
- G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Einleitung. (WA Bd. 3) Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, S. 24 ↵
- G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik III. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970 (WA Bd. 15), S.573 ↵
- G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. 1830. Hg, Friedhelm Nicolin u. Ottfried Pöggeler. Hamburg: Meiner, 1969. S. 445 § 562 ↵
- Martin Heidegger, „Der Ursprung des Kunstwerkes“ in: Holzwege. Frankfurt/M: Klostermann, *6*1980, S.54 , Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie. (=Gesammelte Schriften Bd. 7). Frankfurt/M: Suhrkamp, 1970, S. 421 ↵
- Heidegger a.a.O., S. 53 ↵
- Adorno a.a.O., S. 193f ↵
- Adorno a.a.O, S. 515f ↵
- Alain Badiou, Kleines Handbuch der Inästhetik, Berlin: Turia + Kant, 2+2012 (zuerst frz. 1998), S.9-13 ↵
- Jon Fosse, Traum im Herbst und andere Stücke. Reinbek: Rowohlt, 2001 S. 91 ↵
- Gottlob Frege, „Über Sinn und Bedeutung“ (1892) in: G.F., Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, hg.v. Günther Patzig, 3. Aufl. 1969, S.48f ↵
- Jon Fosse, a.a.O. S.135 ↵
- Programmheft zu „Traum im Herbst“ Münchner Kammerspiele. Premiere 29. November 2001 ↵
- Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1960, S.465 ↵
- Dirk Pilz „Verfall, Verlust und Niedergang. Elegisch: Wulf Twiehaus versetzt an der Schaubühne mit Jan Fosses Trauerspiel ‚Traum im Herbst‘ sein Publikum in einen anhaltenden Zitterzustand“, die tageszeitung 1.2.2001 ↵
- Christopher Schmidt, „Ist ein Cutter, der heißt Tod. Lachender Moribund: Lukas Perceval inszeniert Jon Fosses ‚Traum im Herbst‘ an den Münchner Kammerspielen“, Süddeutsche Zeitung, 1.12.2001 ↵
- Hans Sedlmayr, Kunst und Wahrheit. Zur Theorie und Methode der Kunstgeschichte. Mittenwald: Mäander, 1978 (zuerst in „Rowohlts deutscher Enzyklopädie“ 1958) S.171 ↵
- Romano Guardini, Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien. Ostfildern/Paderborn: Matthias Grünewald, Schöningh 5. Aufl. 2016 (zuerst 1953) S.19 ↵
- „The propositions in the play are false because there was no such man.“ Bertrand Russell, An Enquiry into Meaning and Truth, London: Allen and Unwin, 1962, S. 277 ↵
- Rémond de Sainte-Albine, Der Schauspieler. übers. Friedrich Justin Bertuch. Altenburg 1772, S. 49 ↵
- zit. in: Jens Roselt (Hg.), Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock – bis zum postdramatischen Theater. Berlin: Alexander Verlag, 2005, S.154 ↵
- Denis Diderot, Paradox über den Schauspieler. übers. u. eingeführt von Felix Rellstab. Wädenswil: Verlag Stutz & Co, 1981, S.22 ↵
- Heinrich Theodor Rötscher, Die Kunst der dramatischen Darstellung in ihrem organischen Zusammenhang wissenschaftlich entwickelt. (Erster Band) Leipzig: Otto Wiegand, 2. Auflage 1864, S.19, 21 ↵
- Konstantin Sergejewitsch Stanislawskij, Das Geheimnis des schauspielerischen Erfolges. übers. v. Alexandra Meyenburg. Zürich: Scientia AG, o.J (1940?). {zuerst Moskau 1938}. S.185 ↵
- ibid. S.225 ↵
- Maxim Vallentin, „Geleitwort“, in: Ottofritz Gaillard, Das deutsche Stanislawski-Buch. Lehrbuch der Schauspielkunst nach dem Stanislawski-System. Berlin: Aufbau-Verlag, 1947, S.11 ↵
- Hans Günther von Klöden, Grundlagen der Schauspielkunst II: Improvisation und Rollenstudium. Velber bei Hannover: Friedrich Verlag, 1967 (Reihe Theater heute 24) S.19 ↵
- Stanisławski, Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst. Tagebuch eines Schülers. Teil 1 Die Arbeit an sich selbst im schöpferischen Prozess des Erlebens. übers. v. Ingrid Tintzmann. Westberlin: das europäische Buch, 1981, z.B. S. 148ff, 181 ↵
- v. Klöden a.a.O., S. 20f. ↵
- Susan Batson, Truth: Personas, Needs, and Flaws in the Art of Building Actors and Creating Characters. Webster/Stone, 2006 (deutsch: Truth. Wahrhaftigkeit im Schauspiel. Ein Lehrbuch. Berlin: Alexander Verlag, 2014) ↵
- Jens Roselt (Hg.), Schauspieltheorien. Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock – bis zum postdramatischen Theater. Berlin: Alexander Verlag, 2005, Einführung S.47 ↵
- Erika Fischer-Lichte e.a. (Hg.), Metzler Lexikon Theatertheorie. Stuttgart: Metzler, 2. Aufl. 2011 ↵
- Georg Lukacs, Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. Berlin: Cassirer, 1920, S.12 ↵
- Jacques Derrida, „Das Theater der Grausamkeit und die Geschlossenheit der Repräsentation“ in: J.D., Die Schrift und die Differenz. übers. v. Rudolphe Gosché. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1976 (zuerst als Vortrag in Parma 1966) ↵
- Florian Malzacher, Gesellschaftsspiele. Politisches Theater heute. Berlin: Alexander Verlag, 2020, S.36 ↵
- Samuel Taylor Coleridge, Biographia Literaria (1817). Ch. XIV, ebook Project Gutenberg, 2004, p. 347 ↵
- Jens Roselt, Phänomenologie des Theaters. Paderborn: Wilhelm Fink, 2008, S. 194f ↵
- Roselt, S.179 ↵
- Roselt, S. 300 ↵
- Julia Fiedler, „Über das Umarmen der eigenen Mittelmäßigkeit“ Poetik des Spiels. Hamburger Poetikvorlesung 2023 ↵
- Vgl auch Bernhard Kleeberg, Robert Suter, „»Doing truth« Bausteine einer Praxeologie der Wahrheit“, In: Zeitschrift für Kulturphilosophie. 8 (2014) H. 2, S. 211-226 ↵
- Eine genaue Analyse des älteren Bildes findet sich bei Sotheby’s anlässlich eines Verkaufs. ↵
- Hito Steyerl, Die Farbe der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld. Berlin-Wien: Turia+Kant, 2008, S. 36f ↵
- Steyerl a.a.O. S. 11, 13 ↵
- Kay Voges im Gespräch mit Ulla Egringhoff, KunstSalon Köln 12.10.2025 ↵



„Der Schnee gnädigen Vergessens bedeckt heute die Landschaft, auf der sich in den 70er Jahren die maoistischen „K-Gruppen“ an die Revolutionierung des Proletariats gemacht hatten. […] Schließlich und wenigstens verstehen die Funktionäre von einst kaum mehr ihre damaligen Motive und Handlungen.[…] Dem ehemaligen Führungspersonal ist die Geschichte der K-Gruppen zu peinlich.“
„Ich weiß keine zufriedenstellende Antwort, die meine eigene Entscheidung für diese Organisation für fast zehn Jahre rechtfertigt und auch keine für all die, die sich jahrelang diesem System unterordneten.“
In „Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht“ beschreibt er 2012 ausführlich seinen intellektuellen Werdegang in den 60er Jahren


Einen anderen Weg hat Marianne Brentzel beschritten. Sie hat schon 2011 einen Roman geschrieben, aber einen autobiographischen – ein Mittelweg zwischen Erinnerungsbuch (Jasper) und vollständiger Fiktionalisierung (Neitzke).


